Maupassant hat mal gesagt, das Einzige, was der Mensch möchte, ist seiner Vereinzelung zu entrinnen. Deswegen wuseln die Menschen noch heute zu irgendwelchen Treffen. Hauptsache es gibt dort irgendwas zu essen, zu schlürfen und der Mensch ist nicht allein. Wir leiden an einer kollektiven Aufmerksamkeitsstörung. Genauso ist es im Knast, mein Freund. Sobald diese bescheuerte Tür mit dem blauen Schild “ohne Arbeit” aufgeschlossen wird, laufen wir Eingepressten los – als wenn wir noch die Tür im Kopf haben – um der Vereinzelung ein Ende zu bereiten.
Heute gehe ich zu meinem Busenfreund. Er ist sozusagen mein Zeitbusenfreund. Der beste, den ich je hatte. Aber das ist in Wirklichkeit Unfug, das wissen wir zum Glück beide. Wir brauchen uns in einer grotesken, abnormen Weise. Frank ist ein klassischer, dürrer Choleriker. Er verkörpert das, was ich so gern mag: Den nervösen, unruhigen, ständig umtriebigen Menschen, der mit sich selbst nichts anzufangen weiß, aber mit mir. Wir spielen Schach. Wann immer er verliert, fliegen die Figuren und er sagt dann, ich hätte während des Spiels andauernd gequatscht. So war es gestern, so ist es heute, so wird es morgen sein. Was interessiert Dich das? Frank sagt, der Grund seines Verlierens sei mein Gequatsche.
Aber nur in einem hat Frank recht. Wenn ich merke, die Situation ist brenzlig, stelle ich eine komplizierte Frage, beschuldige ihn, dass ich glaube, er sei ein Lümmel, weil er einen Knaben aus dem anderen Flügel begehrt und schon klappt er an, der Fisch zappelt. Ich manipuliere ihn. Das habe ich schon mit meiner Mama gemacht. Um von ihr überhaupt Aufmerksamkeit zu erhalten, habe ich sie einfach geärgert und dann darüber gekichert und später gelitten an den Striemen, die sie mir im Folgenden zuführte.
Noch heute stänkere ich gern, wenn ich merke, dass sich der Andere dadurch ärgern lässt. Am liebsten beschuldige ich kurios. Außer Menschen, die ich wirklich liebe und die mich lieben. Ich weiß, echte Liebe beschuldigt niemals. Auch Romantiker tun das nicht, und auch die wahren Gläubigen nicht, etwa die, die einen übersinnlichen Bezug zur Welt haben. Es mag den Begriff der Schuld geben, doch für Liebende ist er ausgeklammert. Wer Schuld gibt, der würgt und klammert auch.


