Endlich wieder Zuhause. Müde lehne ich mich in die Sofakissen zurück. Die Heizung knackt. Der Wind rüttelt an der wackeligen Fensterscheibe. In irgendeinem Roman habe ich gelesen, dass “der Mensch sich von dem Blinden in sich führen lässt”. Ich frage mich, wie eigentlich Entscheidungen getroffen werden. Ist meine freie Entscheidung nur eine Illusion? Eine kleine Abwechslung, die mir das Leben bietet?
Wenn ich mir den Tag heute vergegenwärtige, komme ich zu dem Schluss, dass nicht Entscheidungen das Leben bestimmen, sondern die Verfügbarkeit. Acht Stunden Arbeit auf der Straße und in der Kontakt- und Notschlafstelle bedeuten für mich, acht Stunden lang bereit zu sein für das, was sich plötzlich und unvorhersehbar ergibt. In personifizierter Rufbereitschaft. Bei allem Spaß, bei aller Hektik, Nerverei und Frustration verlasse ich mich dabei vor allem auf mich selbst. Auf die richtige Einschätzung meines Gegenüber, die richtige Ansprache, um in Kontakt zu kommen oder zu bleiben, und die richtige Strategie zur Stress- und Krisenbewältigung.
Ich bin ein professioneller Menschenversteher. Kommunikation, Emotion und Reflexion sind mein Handwerk. Nach Tagen wie heute überlege ich mir, was an meiner Arbeit reizvoll ist. Die Attraktion der Unvorhersehbarkeit? Manchmal wie ein Schauspieler das bürgerliche Milieu verlassen zu können? Die Unmittelbarkeit des Erlebten? Die tägliche Portion Wahnsinn?
“Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt”, heißt es bei Shakespeare. Mir fällt heute keine Antwort ein auf meine Fragen. Aber ich weiß auf jeden Fall, dass ich täglich umgeben bin von Träumen, Erwartungen und Verlangen. Ganzen Leben voller Möglichkeiten. Ganzen Leben so wie meins.
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Ein professioneller Menschenversteher
Donnerstag, 12. März 2009Axels verborgene Ressource
Montag, 09. März 2009Ein guter Wochenanfang: Axel hat sich offensichtlich entschieden, nicht im Sitzen, sondern wie verabredet im Krankencontainer zu übernachten. Sein hoch entzündetes Bein hat sich heute schon wesentlich gebessert. Ungläubig berührt er es selbst ganz vorsichtig, nachdem der Schutzverband entfernt ist.
“Wie kommt das?” fragt er mit zweifelndem Blick. Und wieder erkläre ich ihm, wie wichtig ein Bett ist und die Schonung des kranken Beines, auch tagsüber. Wir verabreden den Aufenthalt im Krankencontainer zu verlängern.
Morgen will Axel wieder zum Sozialarbeiter in die CASA: “Ich soll doch einen Pass machen lassen, damit ich meine Papiere und Gelder beantragen kann”, lässt er mich wissen. Und dann fragt er scheu: “Kann ich mir die Haare heute schneiden lassen? Ich will doch gut aussehen auf dem Foto!”
Ich glaube, ich habe mich noch selten so über diese Frage gefreut! Sie zeigt mir, welch verborgene Ressource in Axel schlummert!
Natürlich findet Anne Zeit, Axel die Haare zu frisieren.


