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Mit ‘selbsthilfegruppe’ getaggte Artikel

Finanzkrise als Anlass für Völkersuff?

Freitag, 10. Juli 2009

Wenn ein Rückfall zum Tabuthema in der Familie wird, kann es schon mal ernste Probleme geben. Gesundheitlicher Art allemal. Da steht dann der Körper des Betroffenen im teuflischen Sog auf der Kippe zwischen Leben und Tod.

Mich hat die Geschichte einiger Rückfälle stets berührt. Ich spürte die Machtlosigkeit meiner selbst, und die des Betroffenen. Diese “Einwortfrage” im ersten nüchternen Blick zurück auf den Rückfall, dieses WARUM? – sucht hilfeschreiend nach Antworten – und bekommt sie nicht. Jedenfalls nicht von mir.

Genau dieses WARUM? steht für mich wie ein Mahnmal vor der Lust sich in Spekulationen zu verzetteln. Möglicherweise um den nächsten Rückfall schon zu programmieren, indem schnelle Antworten zu flüchtigen Entschuldigungen führen. Ich mache in der Gruppe an der Stelle einen Schnitt. Sorgfältig und konsequent. Neu beleuchten können wir den Weg, der vor uns liegt, damit unsere kleinen und festen Schritte nicht ins Stolpern geraten.

Oft müssen Krisen herhalten als Grund für den Rückfall. Dabei sind Krisen zur Bewältigung und Stärkung eine gute Chance für ein besseres Leben des Lebens. Stell Dir vor, die Finanzkrise wäre Anlass für Völkersuff! Obwohl, wenn ich so in die Medien blicke …!

liebe Grüße
Lutz

Suchtselbsthilfe ist bei den Leuten angekommen

Donnerstag, 09. Juli 2009

Da liegt die Ausgabe Juli des Gemeindeblattes in meiner Küche. Nichts hat sich an der Aufmachung geändert. Nichts hat sich in der Veröffentlichung der Selbsthilfegruppe geändert. Aber dennoch ist dies eine besondere Woche. Gleich drei Gespräche gab es, in denen die SHG durch das Amtsblatt zum Thema meiner Gesprächspartner wurde.

Zwei Jahre zieht das Inserat Monat für Monat in die Briefkästen der Bewohner in der Umgebung. Nur in diesem Monat ist es irgendwie anders angekommen. Ich werde der Sache noch nachgehen. Die Leute, denen es wichtig war, mich auf die Zeilen anzusprechen fanden mein Gehör. Sie sind nicht wirklich Kandidaten für die Teilnahme an der Gruppe, aber sie sind interessiert an der Sache. Ich habe mich gefreut über die Teilnahme, über das Interesse an der Selbsthilfearbeit und über den freundlichen Umgang mit mir.
Diese Rückmeldung aus den verschiedenen Richtungen der Gemeinde sagt mir vor allem: Suchtselbsthilfe ist im Zuge der Medienarbeit aus der jungen Vergangenheit in den Köpfen der Bürger angekommen und angenommen.

Motiviert grüßt Euch
Lutz

Stolz auf meine Underdogs

Dienstag, 07. Juli 2009

Um heute zur Gruppe zu gehen, musste ich mir schon ein bisschen in den Hintern treten. Da ich wusste, dass wir heute nur wenige sind, habe ich mir gesagt, heute etwas eher Schluss als üblich. Wir fangen immer um halb acht an und sind meistens gegen halb zehn fertig. Die meisten Profis sagen, das ist zu lang, die Konzentration lässt nach, man gerät ins Geplänkel. Wir haben keine Zeitvorgabe, aber wenn wir uns in Oberflächlichkeit verlieren, würde ich die Sache dann auch verkürzen. Man kann ja auch mal einfach Pizza essen gehen. Heute wurde es viertel vor zehn. Die Gruppe hat mich schon öfters positiv überrascht. Eine Sache in meinem Leben, mit der ich zufrieden bin.

Wir bringen es tatsächlich fertig, uns offen, regelmäßig und vor allem ohne untergründige Zwistigkeiten auseinanderzusetzen. So etwas ist selten, davon können manche Vereine nur träumen. Damals als Punk habe ich das auch sehr gut gefunden, dass viele der Gespräche sich um Camus, Einstein oder auch um Bach, Ludwig dem 14. oder Albert Mangelsdorf drehen konnten und sich vom Niveau eines Stammtischgespräches deutlich abhoben. Mit Stolz habe ich so meine Probleme, aber ich merke, dass hier so etwas wie Stolz mitschwingt. Ja, damit fühle ich mich wohl. In einer Gruppe zu sitzen, von vielen abgeschrieben, von manchen direkt verachtet, und etwas zu machen. Etwas, das ich Kultur nennen würde.

Kultur ist für mich: sich bewegen, nicht in Mustern zu bleiben, frei zu denken, sich mitzuteilen, Formen zu finden mitteilen zu können. Bilder, Musik oder Literatur sind ohne diese “Leidenschaften” wie ein Binärcode einer Festplatte. Was als Kunst empfunden wird, weiß ich noch aus der FOS Gestaltung. Es ist das Unerwartete. Etwas, das man noch nicht gesehen hat, in den Fokus gebracht. Etwas, das Wellen nach sich zieht. Anregung und Aufregung. Vieles, was ich versuche, finde ich recht kläglich. Bilder, meine Texte, mein lächerliches clean sein. Aber ich merke, dass ich stolz darauf bin, in einer Gruppe von Underdogs zu sein, die mich abends um halb zwölf zu solchen Gedanken anregen.

Die teuflischen Hörner des Alkohols

Freitag, 26. Juni 2009

Ein Sommerabend in der Entgiftungsstation der Uniklinik in Rostock. Zwanzig Patienten finden sich mehr oder weniger freiwillig zur Informationsrunde im Speisesaal ein.
Mich interessieren diese Patienten. Meine öffentlichkeitsarbeit für die Selbsthilfegruppen ist jedes Mal auch eine neue Erfahrung für mich. Diesmal traf ich auf eher unmotivierte Patienten.

Ja, der Sommerabend. Ich war auch im Sommer zur Entgiftung. Meistens war ich in mich gekehrt, still im Schatten des Hauses zu finden. Den Gedanken nachhängend, was in diesem Augenblick wohl zu Hause passiert. Wie gern ich jetzt da wäre …

Ich gab den Patienten gestern einen Einblick in meine Erinnerung. Sie haben gehört, was gerade in vielen von ihnen vorging und wir kamen ins Gespräch. Ich war erschrocken über die hohe Zahl von jungen Leuten. Zwar ist es in den Statistiken schon deutlich sichtbar, und in den Medien unüberhörbar, dass der Alkohol immer mehr die Jugend vereinnahmt – aber in dieser Gegenüberstellung der teilweise noch leeren Blicke meiner Gesprächspartner hat mir der Alkohol noch einmal die Glut in seinen teuflischen Hörnern gezeigt.

Auch wenn in der nahenden Urlaubssaison die Fachkräfte in Beratungsstellen und Kliniken ihren wohlverdienten und sehr wohl auch notwendigen Urlaub erhalten und aus gleichem Grunde die ein oder andere Selbsthilfegruppe nicht so gut besucht ist wie sonst im Jahr, das gemeinsam gespannte Netzwerk bekommt sicher wieder viel zu tun – in der Hochsaison der sommerlichen Emotionen.

Gruß
Lutz

Warten aufs Wohngeld

Dienstag, 26. Mai 2009

Die Woche fängt neu an und ich bin schon wieder voll gestresst. Mein Terminkalender ist schon wieder voll gepackt. Noch eine Woche bis zum Ersten und meine Panik steigt. Schaffe ich das Limit, das ich mir gesetzt habe? Diesen Monat ist wieder Antragsmonat.

Mein Wohngeld läuft aus, das heißt ich muss mindestens wieder zwei Monate warten bis alles genehmigt wird. Wäre vielleicht einfacher, wenn man einen Monat vorher alles beantragen könnte. Also fehlt mal wieder Geld und die Rechnungen werden hin und her geschoben. Bei Alleinerziehenden spart der Staat jeden Euro, dabei schmeißen wir den Haushalt, den Behördenkram, die Erziehung der Kinder. An manchen Tagen denke ich, dem Staat ist es schon seit Jahren egal, was aus uns wird.

Ich versuche meinen Kinder Werte zu vermitteln und bin stolz auf sie. Ich habe liebe Kinder und wenn die Großen auch einige Probleme haben. Ich versuche immer ein offenes Ohr für sie zu haben, aber trotz allem habe ich Angst zu scheitern. Jeden Monat frage ich mich, wie lange kann ich diesen Stand halten? Ich habe Angst, dass es noch schlimmer kommt.

Habe kein Geld für Kleidung, Renovierungen, Anschaffungen fallen aus, hätte gerne ein eigenes Schlafzimmer (schlafe im Wohnzimmer). Selbst der Urlaub ist in den letzten Jahren gestrichen. Je länger ich nicht mehr arbeiten kann umso größer wird unsere Armut und trotz allem, bin ich stolz, dass meine Kids Ihren Weg gehen werden und die Schule ernst nehmen.

In der nächsten Woche werde ich meine Schulden in Angriff nehmen. Wird schon schief gehen. Doch alles in allem versuche ich positiv zu denken, denn ich muss für meine Kinder da sein. Heute Morgen war ich beim Gesundheitsamt, beim Selbsthilfeforum, möchte mich wieder einer Selbsthilfegruppe anschließen. Denn immer öfter habe ich das Gefühl ich ersticke, bin gefangen in einen Käfig.

Der Glaube an die Veränderung

Donnerstag, 21. Mai 2009

Mittwoch gegen 19 Uhr. Ich bin auf einer Entgiftungsstation im Uniklinikum, und stelle unsere Selbsthilfegruppe vor. Jemand in der hinteren Ecke macht mit einer lässigen Bemerkung auf sich aufmerksam. Er schätze, 20 Minuten würden dafür reichen. Doch er täuscht sich.

Eine Stunde und fünf Minuten später ist der Mann immer noch im Gespräch mit mir. Zwischendurch ist einiges passiert im Speisesaal der Station. Ich glaube an Veränderung und habe nicht ohne Hintergedanken diesen Glauben auch zum Namen für unsere Selbsthilfegruppe gemacht. SHG-GLaVER steht für GLAUBE an VERäNDERUNG.

Die 15 Teilnehmer haben mir mit ihrer Körpersprache und dem Ausdruck in ihren Augen von Minute zu Minute mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Besonders die Berichte über meine Sucht fanden hohe Aufmerksamkeit. Da kommt jemand, einer der wie wir hier gesessen hat, und der erzählt, wie es ihm ergangen ist. Wie er die Sucht angenommen hat und mitgebracht hat in das Jetzt und Hier! Von diesem Moment an hatte ich das Gefühl, dass die Selbsthilfegruppe in den Köpfen der Teilnehmer an Akzeptanz gewann. Ich fühlte mich verstanden. Mein Job als Botschafter im Ehrenamt war – für heute – erledigt. Ich begegnete den Menschen auf Augenhöhe und konnte spüren: Sie wollten auch nur verstanden werden.

Liebe Grüße Lutz