SigridH
Thorsten Bathe
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Mit ‘schmerzen’ getaggte Artikel

Was habe ich im früheren Leben verbockt?

Donnerstag, 21. Mai 2009

Marionette Wie eine Marionette... ©  Khorzhevska - Fotolia.comWir haben es mal wieder nachts, kann noch nicht schlafen, obwohl ich hundemüde bin. Heute war sooooo ein langer Tag, dass ich das Gefühl habe, ich wäre eine Marionette. Seit letzter Woche ging es mir sehr schlecht, jeder Tag war voller Schmerzen und mein Doc dann Ende der Woche auch noch selber krank. Also hielt ich bis heute durch, denn unserem Notdienst am Wochenende trau ich nicht. Außerdem haben die nicht viel Zeit und meine Story dann auch noch in Kurzform runter zu rattern, dafür fehlte mir einfach der Nerv.

Also musste ich da alleine durch, meine Kids haben mir toll geholfen, aber auch die haben ein Recht auf ihre Freizeit und meine Pflegekraft hatte dieses Wochenende frei. Zum Glück ist mein Bruder noch gekommen und ist mit mir zum Einkaufen gefahren. Er hat mich noch über den Wochenmarkt geschoben. Ich finde es dort sehr schön und einige Momente konnte ich auch meine Schmerzen vergessen und es richtig genießen. Ich glaube wenn ich diesen Einkauf noch im Rolli erledigt hätte, wäre ich abgedreht.

Neue Krankheit im Anmarsch?

Dafür hatte ich gestern die ganze Welt umarmen können, als meine Freundin anrief und mir ihr Auto anbot. Trotz Schmerzen habe ich heute so viele Sachen erledigen können, die sich in letzter Zeit angehäuft haben und zum Glück war heute mein Doc wieder da. Kein Wunder, dass es mir so dreckig ging: Es mussten schon wieder zwei Wirbel eingerenkt werden, meine Zuckerwerte sind hoch, soll bald untersucht werden, ob es bleibender Zucker ist. Meine Oma hat durch Zucker beide Beine verloren … Mein Cholesterinspiegel ist auch zu hoch, dabei ess ich gar nicht viel, was Fett hat. An manchen Tagen überlege ich, was ich wohl in meinem früheren Leben war oder was ich angestellt habe, um eine Arschkarte nach der anderen zu bekommen. Dafür konnte ich bei meiner Physio anschließend entspannen und bekam Fango, damit meine Muskeln locker wurden.

Heute Abend durfte ich das Auto noch behalten und konnte zum Geburtstag einer anderen Freundin in einem näher gelegenen Dorf fahren. War zwar nicht lange da, doch es war schön mal andere Menschen zu treffen. Morgen hat mein Bruder Geburtstag und Bella leiht mir ihr Auto noch einmal. Mein Auto fehlt mir und durch diese Unbeweglichkeit werde ich immer steifer und dann ist es auch kein Wunder, wenn meine Wirbel rausspringen, aber alles jammern nützt ja nichts. Wie heißt es so schön? Was einen nicht tötet, macht einen nur härter.

Ach ja, eine gute Nachricht habe ich dann doch noch, ich fahre mit einer Freundin (sie sitzt auch im Rollstuhl hat MS) im August zum Nürburgring, sie hat zum Geburtstag eine Motorradfahrt im Sozius geschenkt bekommen. Endlich mal wieder Frauenwochenende, wird bestimmt lustig, “zwei verrückte Weiber” mit zwei Rollstühlen.

So, ich wünsche euch da draußen ein tolles Wochenende und wünsche mir selber ein ruhiges, denn Stress hatte ich die letzten Tage genug.

Unreines Treibgut

Dienstag, 05. Mai 2009

Außen und innen.
Außen Gelassenheit, innen Chaos. Ein hartes Knäuel unerfüllter Wünsche. Und
eine Kraft, die Jonas regelmäßig packt und einholt, wenn sich das
innere Meer mal wieder zurückzieht. Wie ein Fisch am Haken. Bei der Flut zuvor
war es wunderschön. Allerdings verdünnt die das Gift in seinem Körper. Und sie
führt jede Menge unreines Treibgut mit sich, das zurückbleibt, wenn die Ebbe
einsetzt.

Jonas kennt die
inneren Gezeiten nur zu gut. Er weiß, dass seine Rezeptoren, an die das Heroin
andockt, wieder frei gespült werden und die Endorphine verschwinden.
Sie lösen
den Kick aus und halten den Schmerz fern. Bloß keine körperlichen Qualen – das
ist heute für Jonas die Hauptmotivation
Drogen zu konsumieren: “Ich kann mich nur noch gesund machen. Kopfkino kannste’
sowieso vergessen. Ich bin schon froh, wenn’s mir ein kleines bisschen wärmer
wird. Hauptsache nicht affig sein”.

“Gesund machen” und
“nicht affig sein” heißt für Klienten, keine Entzugserscheinungen zu erleiden. Keine
übelkeit, keine Gliederschmerzen oder Krampfanfälle. Der Schmerz strömt dann in
ihren Körper wie eiskaltes Wasser durch einen aufgerissenen Schiffsrumpf. Die
panische Angst davor ist oft der Grund für die wahnsinnigsten Reaktionen.

Anders lassen sich der Verlust jeglicher Hemmungen und der Abzock untereinander
nicht erklären. Die logische Konsequenz für viele Heroinabhängige:
Hop-oder-top. Oder wie Jonas zu sagen pflegt: “Scheiß doch der Hund drauf.”

Bei Jonas setzt das
Fluten des inneren Meeres immer seltener ein, das unreine Treibgut nimmt stetig
zu
. Aber diese Erkenntnis reicht bei weitem nicht aus, ihn davon abzuhalten,
zu tun, was er glaubt, tun zu müssen. Irgendwo habe ich einmal aufgeschnappt,
dass das Chaos die gleichzeitige Anwesenheit verschiedener Ordnungen sei.
Einerseits. Andererseits denke ich: Das Chaos ist wie das Meer. Weltumspannend
und immer in Bewegung.

Das Konzentrat des Lebens

Montag, 27. April 2009

Pop ist keine Musik der Anmut, sondern der Ereignisse. Mein Arbeitsplatz ist keine Bühne des Musischen, sondern des Insiderwissens. Für beide gilt: Wer, wann, wo, mit wem und weshalb? Von einem Popsong und einem Ort wie der Kontakt- und Notschlafstelle erwartet man geradezu das Konzentrat eines Lebens voller Höhen und Tiefen.

Momentan sehe ich mehr “Höhe”. 14 von 20 Klienten sind mit ihrem Rausch beschäftigt. High, aber wie. Schnarchend scheinen sie mit bizarren Verrenkungen der Schwerkraft zu trotzen. Wenn ich mir das in der Szenesprache so genannte “Abkacken” anschaue, muss ich immer an die Ramones und ihren Sänger Jeff Hyman denken. Der erlitt 1977 einen bizarren Berufsunfall. Er bereitete sich wie immer penibel auf den Auftritt seiner Band vor. Dazu gehörte, dass er seine durch einen Operncoach geschulten Stimmbänder noch geschmeidiger machen wollte, indem er sie mit einem Inhalator gegen Asthma besprühte.

Doch an diesem Abend ging die professionelle Vorbereitung des Sängers gründlich schief. Der unter hohem Druck stehende Zerstäuber explodierte buchstäblich vor Jeffs Gesicht und fügte ihm schwere Verletzungen zu. Trotzdem ließ er den Gig nicht platzen. Nach einer kurzen Notfallversorgung tappte er mit seiner Band und dick eingecremtem Gesicht auf die Bühne. Erst nach dem Konzert ließ er sich ins Krankenhaus fahren, wo die schmerzhaften Verbrennungen eine Woche lang stationär behandelt wurden. Jeffs Gesicht wütete wie Feuer und er wollte eigentlich nur eins: Dass man seine Schmerzen lindert und ihn irgendwie ruhig stellt. Betäubt. Daran erinnerte sich Jeff alias Joey Ramone ein paar Monate später. “I wanna be sedated” wurde einer der ersten Hits seiner Band. Was er damals nicht wissen konnte: Auch heute noch spricht er mit diesem Wunsch meinen Klienten aus der Seele.

Wenigstens kosten Träume nichts

Mittwoch, 01. April 2009

Der Tag beginnt bescheiden. Bin schon um 5 Uhr hellwach, man spürt, dass der Frühling kommt. Wenn man morgens die Vögel hört, dann könnte man meinen, die Welt ist noch in Ordnung – bis man sich die Nachrichten im Fernsehen ansieht.
Um 8 Uhr wird mir Blut abgenommen. Ich überlege mir, ob ich mich noch mal hinlege, aber immer wieder klingelt das Telefon. Ich “frühstücke” um 13 Uhr mit den Kindern (tja, man merkt, es sind Ferien!). Anschließend fahre ich mit meinem Rollstuhl zur Krankengymnastik.
Mein Rücken schmerzt, aber ich muss noch einkaufen. In unserem Stadtgebiet wird die Einkaufstraße neu gemacht. Hat jemand von euch mal einen Elektrorolli durch Baustellen gesteuert? Alles super “behindertengerecht”, in manchen Geschäften wird man angeschaut, als ob man automatisch geistig behindert ist, wenn man im Rollstuhl sitzt. Mir fehlt mein Auto! Aber dieses Problem gehe ich morgen an. Mein Kleinster hat zwei Freunde über Nacht bei uns und ich werde hoffentlich eine schmerzfreie Nacht erleben und vielleicht träume ich von einem Leben das einfacher ist. Denn Träume kosten in diesen Leben nichts.

Noch 5,61 Euro bis zum Ersten

Montag, 30. März 2009

Puh, das Wetter trägt auch nicht gerade zu einem angenehmen Tag bei. Aber was soll ich tun? Das Geld wird knapp. Nur noch 5,61 Euro bis zum Ersten. Wir essen Reste, aber besser Reste als gar nichts mehr. Es ist schon komisch, wie sparsam man leben kann, wenn man gar nichts hat.

Heute Nachmittag kam mein Hausarzt. Ich habe einen super Arzt, der alles von mir weiß und gut auf mich eingeht. Dieses Mal musste er mir zwei Halswirbel einrenken. Gegen die Schmerzen kann auch er nichts machen. Das hab ich nun von meiner Abhängigkeit.

Aber selbst ohne Abhängigkeit kann ich nicht nur Tabletten nehmen, also bleibt mir nichts anderes übrig als alles zu ertragen. Ich soll wieder Physiotherapie bekommen, zur Erleichterung – besser als gar nichts. Im Moment kann ich noch nicht einmal an Gott oder meine Engel glauben. Ich habe immer einen Spruch, der mir gut gefällt: “Wenn Engel zögern, haben es Narren leicht.”

Schmerzen am ganzen Körper

Dienstag, 24. März 2009

Habe die Nacht sehr schlecht geschlafen, starke Schmerzen am ganzen Körper. Manchmal denke ich, habe ich wohl irgendwie verdient… Kann mich heute kaum bewegen und die Kids fertig machen. Lege mich bis zum Mittag wieder hin.
Heute Mittag muss ich alleine klar kommen, selbst die einfachsten Erledigungen fallen mir schwer, aber trotz allem – das Essen schmeckt. Am Nachmittag bekomme ich schon wieder Migräne, werde morgen meinem Doc Bescheid geben. Es ohne Opiate auszuhalten ist verdammt schwer, aber für ein drogenfreies Leben muss ich es wohl aushalten.