Anna Maria Haas
Thorsten Bathe

Mit ‘schicksal’ getaggte Artikel

Alles war perfekt …

Donnerstag, 22. Oktober 2009

„Für was soll ich noch leben?“, fragte uns ein Mann, der seit einigen Jahren ohne festen Wohnsitz lebt. Seine Lebens- und Leidensgeschichte ist tragisch.  Eine glückliche Ehe, zwei gesunde Kinder, ein kleines Reihenhaus und einen festen Job als Lehrer. Alles war perfekt, bis an jenen verschneiten Wintertag, der sein Leben aus den Fugen riss. (weiterlesen…)

Die Erkenntnis der eigenen Unwissenheit

Mittwoch, 10. Juni 2009

Mir geht Anita durch den Kopf, an manchen Tagen farbenfroh und aufgedonnert wie der Rosenmontagszug. Aber ich sehe sie auch mit den Tränen vor mir, die fließen wie Opfergaben, um den Durst des Herzens zu löschen. Das Fluten des Heroins, der Kick und der Rausch sind das Gehäuse für die Träume ihrer Seele. Träume, die von dem zeitlosen Einssein handeln. Von der ozeanischen Erinnerung an den Anfang des Lebens. Vom Baden in der Wonne der Richtigkeit, in der es keine Limitierung, keine Zweifel und keine ängste gibt.

Manchmal fällt es mir schwer an das Gute im Leben zu glauben angesichts der schrecklichen und tragischen Schicksale, die mir während meiner Arbeit begegnen: über Jahre vom eigenen Vater gedemütigt und misshandelt zu werden. Oder morgens aufzuwachen und querschnittsgelähmt zu sein. Oder bei einem Autounfall den Mann und beide Kinder zu verlieren. Wenn ich an solche Schicksale denke, kann ich verstehen, wie die Betäubung des Schmerzes und die Flucht in das Delirium als einzige lebbare Reaktion übrig bleiben.

Mit Hochachtung spüre ich Anitas Energie. Wie sie sich wieder mal um einen Anruf im Landeskrankenhaus zur Entgiftung bemüht. Wie sie sich jeden Tag auf dem Straßenstrich mit den herablassenden Wünschen der Freier auseinandersetzt. Wie sie sich ihren Glauben an die Menschheit bewahrt. Wie sie mich mit “Hallo Schatz, wie isses’ dir?” begrüßt und mit “Nimm dir mein’ Scheiß nich’ so zu Herzen” verabschiedet. Wie sie weiterlebt im ständigen Kampf der Gegensätze.

Ich habe keinen blassen Schimmer, wie sie das schafft. Worte von Benjamin Disraeli kommen mir in den Sinn: “Die Erkenntnis der eigenen Unwissenheit ist der erste Schritt zum Wissen”. Andere Gedanken schließen sich an. Gedanken über das Leben, die Liebe und die Suche: Wer bin ich? Was will ich? Was jetzt? Ein bisschen von Anitas Energie könnte mir jedenfalls nicht schaden.