“Komm, Alter, hör’ auf zu sülzen”, fährt sie ihren Freund im Büro der Kontakt- und Notschlafstelle an. “Red’ doch ma’ Klartext”. Guido schaut mich überrascht an und gibt sich seiner Freundin gegenüber unwissend: “Was meinste’ denn, Schatz?” Jaqueline lacht unvermittelt. Es ist ein rostiges Geräusch, als würde sie sonst nicht oft lachen. Danach schaut auch sie mich an: “Wir sind beide wieder am Ballern. Und rate mal, wer die Kohle ‘ranschafft?”
Damit bestätigt sie meine Eindrücke der letzten Tage. Ich habe beide nicht direkt darauf angesprochen, weil Guido meine Wahrnehmung einfach abstreiten würde. Seine Strategie der Problemlösung: so lange lügen, bis sich die Frage irgendwie von selbst erledigt. Dabei ist er noch nicht mal ein guter Lügner. Im Gegensatz zu Jaqueline. Ihr gelingt es immer, eine geschmeidige Plausibilität zu erzeugen. Aber diesmal will sie das anscheinend nicht.
Während Jaqueline und Guido mich gar nicht mehr wahrzunehmen scheinen und streiten, ziehe ich mich innerlich zurück. Als sie ruhig sind, schweifen meine Gedanken vollends ab. Mir kommen Worte von La Rochefoucauld in den Sinn: “Man könnte sagen, die Laster erwarten uns auf dem Weg des Lebens gleich Wirten, bei denen man nacheinander einkehren muss.” Und wie der französische Schriftsteller stelle auch ich mir die Frage, “ob die Erfahrung uns sie vermeiden ließe, wenn wir den Weg zweimal machen dürften?” Angesichts der beiden Klienten fällt die Antwort eindeutig aus.
“Ich will es diesmal durchziehen, auch ohne ihn”, sagt Jaqueline. Minutenlang haben wir geschwiegen. Und nun bricht dieser Satz so unvermittelt aus ihr hervor, als wollte sie nicht vergessen, ihn auszusprechen. Oder als wollte sie die Gelegenheit, ihre Meinung zu ändern, ausschließen. Sie hat die Worte tonlos, aber mit Nachdruck gesagt. Ihr Gesicht verrät eine große Entschlossenheit. Hoffentlich reicht sie dieses Mal für den ersehnten Neuanfang.