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Rainer S.
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Thorsten Bathe
Rainer S.

Mit ‘rückfall’ getaggte Artikel

Fühle mich leer und umgekrempelt

Freitag, 19. Juni 2009

Endlich schaffe ich es mal wieder zu schreiben. Vorherige Woche wurde es damit ein bisschen schwierig, weil ich auf mich und meine Trockenheit aufpassen musste. Meine Freundin und liebster Mensch erzählte mir letzte Woche endlich mal etwas von einem anderen Mann. Nachdem ich ihr nun 4,5 Jahre lang genau dies ans Herz gelegt habe: Sieh dich nach einem anderen um.

Der Hartz-4-Umstand gibt mir nicht die Chance einer Hoffnung oder eines guten Gefühls bei der Vorstellung vom gemeinsamen alt werden, wie ich es noch während meiner Alkoholtherapie vor fast sechs Jahren hatte. Von alldem ist nur noch ein Traum geblieben, der mich spüren lässt, wie leer ich mich fühle, wie umgekrempelt, alle Vorstellungen vom gemeinsamen alt werden sind rausgefallen. Oft überkommt mich die Lust, die Leere mit Alkohol zu füllen, um den Traum darin zu ersäufen. Aber bisher, dank meines Hundes und meines Willens, bin ich trocken geblieben. Bis bald

Nur nicht umkippen in Amsterdam

Sonntag, 14. Juni 2009

Am zweiten Tag des Segeltörns bekam ich Zahnschmerzen. Die Schmerzen nahmen ständig zu und ich bin dann in Terschelling zu einem Zahnarzt gegangen. Rezeptfreie Schmerzmittel schlugen nicht mehr wirklich an und als mir der Zahnarzt dann lediglich Penicillin verschrieb, war ich an meiner Grenze.

Ich beschloss nach Osnabrück zu fahren um schnellstens zu meinem Zahnarzt zu kommen. Am Mittwoch sind wir dann aber erst so spät im Hafen angekommen, dass es keine Zugverbindung mehr gab. Donnerstag habe ich es mir dann nicht mehr zugetraut die Strecke zu fahren, ohne einfach umzukippen. Umkippen. Hätte ich im Bahnhof Amsterdam meinen Anschlusszug verpasst, und mir wäre jemand begegnet der Heroin, Metadon oder Codein im Angebot hat, ich hätte nicht garantieren können was passiert. Mit Aussicht auf Behandlung und ein absehbares Ende der Schmerzen denke ich schon, da wäre nichts passiert. Aber wenn ich mir vorstelle, ein Ende wäre nicht in Sicht gewesen???

Gestern war ich dann beim Notdienst und dort konnte mir auch geholfen werden, aber jedes Bücken vermeide ich im Augenblick noch tunlichst. Aber die Woche Segeln war auch nicht nur eine Strapaze, Erholung war es allerdings auch nicht. Mir graut vor der nächsten Woche. Da steht noch eine Behandlung an. Leider eine, die nach meinen bisherigen Erfahrungen, das unangenehmste ist, was ein Zahnarzt zu bieten hat. An der Stelle bin ich mit mir ganz zufrieden. Es gelingt mir, mich nicht zu verspannen, gehe zu einem solchen Termin und erst wenn ich dann auf dem Stuhl sitze, denke ich Scheiße”.

Letzter Ausweg: Der Griff zur Flasche

Freitag, 22. Mai 2009

Heute kam Herr W. zum vereinbarten Beratungsgespräch. Eigentlich wollte ich mit ihm das weitere Vorgehen in der Schuldenberatung besprechen. Sehr schnell fiel mir auf, dass sein Pfefferminzbonbon seine Alkoholfahne nicht überdecken konnte. Auch machte er einen sehr nervösen Eindruck. Auf seiner Stirn stand der Schweiß.

Darauf angesprochen, meinte er, gestern Abend hätte er etwas getrunken. Ich habe nach dem Anlass, nach Gründen gefragt. Da brach er in Tränen aus. Gestern sei wieder so ein Tag gewesen, an dem alles hoch gekommen wäre: die Trennung von seiner Lebenspartnerin, ihr Bestreben, den Kontakt zu seinem Sohn immer mehr zu beschränken, der Tod seiner Mutter vor einem Jahr, seine Verschuldung, der Druck der Gläubiger, sein Burnout-Syndrom. Er hätte keinen Ausweg mehr gesehen. Alles war ihm egal und er hätte wieder zur Flasche gegriffen. So würde er inzwischen oft reagieren. Die Gesprächstherapie hätte er vor Wochen abgebrochen.

Ich konnte ihm klar machen, dass meine Arbeit im Rahmen der Schuldnerberatung nur langfristig Erfolg haben kann, wenn er an seiner Suchtproblematik und dem Burnout-Syndrom arbeitet. Er wollte umgehend einen Beratungstermin bei unserer Suchtberatung vereinbaren. Wenn er dort regelmäßig hin geht, werde ich weiter mit ihm zusammenarbeiten.

Klartext zu einem wiederkehrenden Laster

Donnerstag, 09. April 2009

“Komm, Alter, hör’ auf zu sülzen”, fährt sie ihren Freund im Büro der Kontakt- und Notschlafstelle an. “Red’ doch ma’ Klartext”. Guido schaut mich überrascht an und gibt sich seiner Freundin gegenüber unwissend: “Was meinste’ denn, Schatz?” Jaqueline lacht unvermittelt. Es ist ein rostiges Geräusch, als würde sie sonst nicht oft lachen. Danach schaut auch sie mich an: “Wir sind beide wieder am Ballern. Und rate mal, wer die Kohle ‘ranschafft?”

Damit bestätigt sie meine Eindrücke der letzten Tage. Ich habe beide nicht direkt darauf angesprochen, weil Guido meine Wahrnehmung einfach abstreiten würde. Seine Strategie der Problemlösung: so lange lügen, bis sich die Frage irgendwie von selbst erledigt. Dabei ist er noch nicht mal ein guter Lügner. Im Gegensatz zu Jaqueline. Ihr gelingt es immer, eine geschmeidige Plausibilität zu erzeugen. Aber diesmal will sie das anscheinend nicht.

Während Jaqueline und Guido mich gar nicht mehr wahrzunehmen scheinen und streiten, ziehe ich mich innerlich zurück. Als sie ruhig sind, schweifen meine Gedanken vollends ab. Mir kommen Worte von La Rochefoucauld in den Sinn: “Man könnte sagen, die Laster erwarten uns auf dem Weg des Lebens gleich Wirten, bei denen man nacheinander einkehren muss.” Und wie der französische Schriftsteller stelle auch ich mir die Frage, “ob die Erfahrung uns sie vermeiden ließe, wenn wir den Weg zweimal machen dürften?” Angesichts der beiden Klienten fällt die Antwort eindeutig aus.

“Ich will es diesmal durchziehen, auch ohne ihn”, sagt Jaqueline. Minutenlang haben wir geschwiegen. Und nun bricht dieser Satz so unvermittelt aus ihr hervor, als wollte sie nicht vergessen, ihn auszusprechen. Oder als wollte sie die Gelegenheit, ihre Meinung zu ändern, ausschließen. Sie hat die Worte tonlos, aber mit Nachdruck gesagt. Ihr Gesicht verrät eine große Entschlossenheit. Hoffentlich reicht sie dieses Mal für den ersehnten Neuanfang.

Sucht-Selbsthilfe-Projekt – Wer ist dabei?

Mittwoch, 08. April 2009

In dieser Woche habe ich drei Gespräche mit Leuten aus der Gruppe gehabt, bei denen es um einen Rückfall ging. Wir haben eine Regel was Rückfälle angeht: vier Wochen Sperrzeit. über diese Regel lässt sich sicher streiten, gerade nach einem Rückfall ist es wichtig Kontakte und Anlaufstellen zu haben. Aber für die Gruppe ist diese Regel wichtig. Die Gruppensperre ist keine Kontaktsperre und eigentlich gehe ich davon aus, dass jemand in einer solchen Zeit eben auch Kontakt hält. Aber die Fluktuation in der Gruppe, die Rückfälle, bringen mich auch dazu, meine ursprünglichen Pläne zu überdenken.

Ein Selbsthilfe Wohn- und Arbeitsprojekt? Wäre ja gut, und ist auch nötig. Viele Leute fallen durch die Maschen der therapeutischen Drogenarbeit. Aber ist das eine Idee, die für mich gut ist?
Sie hat für mich auch den Hintergrund etwas anzustreben, was mit Selbstständigkeit und Kreativität zu tun hat. Da habe ich für mich keinen Weg mehr gesehen. Subgesellschaft? Ja eine Nische, eine Nische, in der Möglichkeiten liegen. Aber sind das Grundlagen für eine solche Sache?

Abwarten. Für diese Entscheidung habe ich mir diese eineinhalb Jahre gegeben. Aber abwarten und Tee trinken geht nicht. Dann kann ich mir das schenken noch mal darüber nachzudenken. Ein Konzept habe ich im Kopf. Oder besser: Ich habe mir einige Gedanken dazu gemacht und mich klar entschlossen, kein fertiges Konzept festzulegen. Es braucht, idealerweise, drei Leute, die eine solche Sache ins Leben rufen. Die wollen natürlich auch etwas in so ein Konzept einbringen. Drei Leute, die sich darauf einlassen mit Sicherheit sieben Jahre unabkömmlich zu sein. Wie wenn man eine Firma gründet.

So viel für heute. Ein berechnender Typ bin ich an sich nicht, aber ganz ohne Hintergedanken mache ich eigentlich auch nichts. Dieses Webtagebuch kann eine Möglichkeit sein Kontakte zu knüpfen. Zwei Kontakte könnten reichen.