Thorsten Bathe
Thorsten Bathe
LutzS
Thorsten Bathe
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Rainer S.

Mit ‘rausch’ getaggte Artikel

Die Erkenntnis der eigenen Unwissenheit

Mittwoch, 10. Juni 2009

Mir geht Anita durch den Kopf, an manchen Tagen farbenfroh und aufgedonnert wie der Rosenmontagszug. Aber ich sehe sie auch mit den Tränen vor mir, die fließen wie Opfergaben, um den Durst des Herzens zu löschen. Das Fluten des Heroins, der Kick und der Rausch sind das Gehäuse für die Träume ihrer Seele. Träume, die von dem zeitlosen Einssein handeln. Von der ozeanischen Erinnerung an den Anfang des Lebens. Vom Baden in der Wonne der Richtigkeit, in der es keine Limitierung, keine Zweifel und keine ängste gibt.

Manchmal fällt es mir schwer an das Gute im Leben zu glauben angesichts der schrecklichen und tragischen Schicksale, die mir während meiner Arbeit begegnen: über Jahre vom eigenen Vater gedemütigt und misshandelt zu werden. Oder morgens aufzuwachen und querschnittsgelähmt zu sein. Oder bei einem Autounfall den Mann und beide Kinder zu verlieren. Wenn ich an solche Schicksale denke, kann ich verstehen, wie die Betäubung des Schmerzes und die Flucht in das Delirium als einzige lebbare Reaktion übrig bleiben.

Mit Hochachtung spüre ich Anitas Energie. Wie sie sich wieder mal um einen Anruf im Landeskrankenhaus zur Entgiftung bemüht. Wie sie sich jeden Tag auf dem Straßenstrich mit den herablassenden Wünschen der Freier auseinandersetzt. Wie sie sich ihren Glauben an die Menschheit bewahrt. Wie sie mich mit “Hallo Schatz, wie isses’ dir?” begrüßt und mit “Nimm dir mein’ Scheiß nich’ so zu Herzen” verabschiedet. Wie sie weiterlebt im ständigen Kampf der Gegensätze.

Ich habe keinen blassen Schimmer, wie sie das schafft. Worte von Benjamin Disraeli kommen mir in den Sinn: “Die Erkenntnis der eigenen Unwissenheit ist der erste Schritt zum Wissen”. Andere Gedanken schließen sich an. Gedanken über das Leben, die Liebe und die Suche: Wer bin ich? Was will ich? Was jetzt? Ein bisschen von Anitas Energie könnte mir jedenfalls nicht schaden.

Unterwegs durchs Laubmassiv

Freitag, 22. Mai 2009

Wald - ©  Vitaliy Pakhnyushchyy - Fotolia.com

Straßen gestochen in Arme und Beine
das Fleisch durchlöchert,
der Leib eine Kalligraphie der Verzweiflung.

In den Augen ein Flimmern
plötzlich finster im Abteil,
die Euphorie rauscht in den dunklen Wald.

Unterwegs durchs Laubmassiv
werden Seelensiedlungen berührt,
verlorene Boten von innen
nach außen gestellt.

Rebellion des eigenen Geistes,
im Gesicht steht Aufbruch
verknüpft mit dem Schneckenhaus
aus dem nun schmerzende Kälte grimmt.

Es droht ein Leben, genormt und bürgerlich
ohne Geheimnis am Grunde der Tasse
und nur mit Zeit zu bezahlen.

Ein anderer Himmel, zum Leben zu hoch
und zum Sterben zu blau,
was denn nun: Leben oder Sterben?

Kein Beamter aus Dionysos’ Truppe
fürs erste mehr in Sicht,
die Requisiten des trügerischen Glücks
sind zusammengekehrt und verschwunden.

Es regnet Unwohlsein und Langeweile,
ein Variantenspiel mit geordneten Tagen,
das Herz ein matschiges Feld
voller wilder, plündernder Sehnsucht.

Hoch die Tassen am Vatertag

Freitag, 22. Mai 2009

©  Sebastian Corneanu - Fotolia.comAm Feiertag war ein Ausritt geplant. Ich war für die Versorgung der Reiter vorgesehen. An unserem Treffpunkt führte mein Weg durch große Menschenmengen, die sich an diesem beliebten Ausflugziel aufhielten. Meine Reiter waren schon auf dem Rückweg und so hatte ich Zeit, mich im Sinne meines trockenen Lebens noch ein bisschen umzusehen. Ich war erschrocken über die Vielzahl betrunkener Frauen. War denn heute nicht Vatertag? Herrentag? Und überhaupt: Himmelfahrt?

Die Gruppen der Jugendlichen feierten irgendwie “wer grillt am lautesten”, die Radfahrergruppen mussten immer irgendwelche Kommentare austauschen die man wahrscheinlich noch im nächsten Dorf hören konnte, und dann diese Menge von Frauen die da lallend umhertanzten und wildfremde Menschen in ihren Tanz einbeziehen wollten. Oder sie saßen an langen Tischen und prosteten sich lautstark zu, als würden sie zeigen wollen, dass sie das mindestens so gut könnten wie ihre Männer.

Mir wird schnell klar, dass es immer schon so gewesen ist. Früher habe ich nichts davon mitbekommen, heute scheint es eine verdrehte Welt. Dabei hat sich das meiste wohl in mir gedreht. Ich bin – glaube ich – zu sehr Eisblume, als dass ich im Mai mittanzen wollte.

Schmunzelnd zog ich von dannen, schweigend und ein wenig neidisch!
Liebe Grüße

Lutz

Albtraum der Sucht

Montag, 11. Mai 2009

“Ich will einfach vergessen. Doch heute gibt es kein Vergessen. Die Wut gewinnt die Oberhand. Sie besetzt alle meine Gefühle und Gedanken. Aber ich will nicht mit Gefühlen und Gedanken umgehen. Also überlasse ich sie meiner Wut. Sie verzehrt sie. Meine Traurigkeit verwandelt sich ebenfalls in Wut. Ich würde am liebsten alles zerstören, was ich sehe. Und was ich nicht zerstören kann, möchte ich verschlingen. Mir einverleiben. Durch die Nase ziehen. In die Venen jagen. Hauptsache alles ist drin.

Ich will Schnaps. Eine Flasche des reinsten, stärksten, giftigsten Alkohols auf Erden. Ich will darin ertrinken. Ich will fünfhundert Schüsse Heroin und doppelt soviel Kokain. Ich will einen Müllsack voller Pillen und eine Klebstofftube, größer als ein LKW. Ich will alles, egal was, aber so viel wie möglich. Ich will und brauche so viel, dass ich mich vergesse, auflöse, verliere, den unerträglichen Schmerz betäube, in das tiefste Dunkel eintauche, in das allertiefste Loch.

Ich will zerstören. Mich und alles andere auch. Meine Wut und meine Zerstörungslust lassen mich beinahe platzen. Ich schließe die Augen und hole tief Luft. Ich hoffe, dass mich das Atmen beruhigt. Aber es klappt nicht. Auch nicht beim nächsten Atemzug. Und beim übernächsten ebenfalls nicht. Ich will zur Ruhe kommen, aber für mich gibt es keine Ruhe. Wie bin ich hier gelandet? Wie bin an diesen Ort gelangt, in diesem Moment, mit diesem Gefühl, dieser Vergangenheit, dieser Zukunft, diesen Problemen? Wie bin ich in dieses verfluchte, vergeudete, nutzlose Leben geraten?

Ich will ruhig atmen. Ich spüre wie Zorn, Verwirrung, Bedauern, Schrecken und Scham zur perfekten Wut verschmelzen. Ich kann sie weder bremsen noch kontrollieren. Dann überkommt mich etwas anderes. Ich bin schwach, ängstlich und zerbrechlich. Ich will nicht verletzt werden. Das fühle ich immer, wenn ich weiß, dass ich verletzt werden könnte. Ich bekämpfe es jedes Mal. Und unterdrücke und verdränge es.

Ich will es nicht, doch dieses Mal fange ich an zu weinen. Das Schluchzen kommt von tief innen. Ich halte es nicht mehr zurück. Viele Jahre Sucht verkörpern sich in Tränen und Verlustgefühl. Dieses Gefühl steckt in mir, füllt mich aus, überwältigt mich. Der Verlust von Normalität, von Glück und Liebe, von Vertrauen, von Verstand, von Familie und Freunden, von Zukunft und Möglichkeiten, von Würde und Menschlichkeit, von geistiger Gesundheit. Der Verlust meiner selbst.

Das Konzentrat des Lebens

Montag, 27. April 2009

Pop ist keine Musik der Anmut, sondern der Ereignisse. Mein Arbeitsplatz ist keine Bühne des Musischen, sondern des Insiderwissens. Für beide gilt: Wer, wann, wo, mit wem und weshalb? Von einem Popsong und einem Ort wie der Kontakt- und Notschlafstelle erwartet man geradezu das Konzentrat eines Lebens voller Höhen und Tiefen.

Momentan sehe ich mehr “Höhe”. 14 von 20 Klienten sind mit ihrem Rausch beschäftigt. High, aber wie. Schnarchend scheinen sie mit bizarren Verrenkungen der Schwerkraft zu trotzen. Wenn ich mir das in der Szenesprache so genannte “Abkacken” anschaue, muss ich immer an die Ramones und ihren Sänger Jeff Hyman denken. Der erlitt 1977 einen bizarren Berufsunfall. Er bereitete sich wie immer penibel auf den Auftritt seiner Band vor. Dazu gehörte, dass er seine durch einen Operncoach geschulten Stimmbänder noch geschmeidiger machen wollte, indem er sie mit einem Inhalator gegen Asthma besprühte.

Doch an diesem Abend ging die professionelle Vorbereitung des Sängers gründlich schief. Der unter hohem Druck stehende Zerstäuber explodierte buchstäblich vor Jeffs Gesicht und fügte ihm schwere Verletzungen zu. Trotzdem ließ er den Gig nicht platzen. Nach einer kurzen Notfallversorgung tappte er mit seiner Band und dick eingecremtem Gesicht auf die Bühne. Erst nach dem Konzert ließ er sich ins Krankenhaus fahren, wo die schmerzhaften Verbrennungen eine Woche lang stationär behandelt wurden. Jeffs Gesicht wütete wie Feuer und er wollte eigentlich nur eins: Dass man seine Schmerzen lindert und ihn irgendwie ruhig stellt. Betäubt. Daran erinnerte sich Jeff alias Joey Ramone ein paar Monate später. “I wanna be sedated” wurde einer der ersten Hits seiner Band. Was er damals nicht wissen konnte: Auch heute noch spricht er mit diesem Wunsch meinen Klienten aus der Seele.

Die Kloschüssel als Spiegel der Unsterblichkeit

Freitag, 10. April 2009

Mir ist langweilig. Blödes Rumgehänge, blöde Grippe. Die Gliederschmerzen sind weg, aber Kopfschmerzen habe ich immer noch. Vielleicht kommen die inzwischen schon vom blöden Rumhängen. überhaupt war das ne komische Krankheit. Husten, verstopfte Nase – fast gar nicht. Eigentlich halb so wild, aber ab und zu hatte ich das Gefühl, gleich kippe ich aus den Latschen.

Das Gefühl kenne ich sehr gut. Früher hatte ich das oft, dass ich unterzuckerte. Da kommt der Motor ins Stottern. Wenn man es kennt, weiß man dann auch, was zu tun ist. Traubenzucker, Cola, irgendwas, und ganz schnell, sonst kippt man tatsächlich aus den Latschen. Einmal ist es mir passiert, dass mir dieses Wissen sehr geholfen hat. Drei Tage lang hatte ich super Material. Alle Organe liefen da seit einiger Zeit auf Notstrom.

Ich wachte am dritten Tag auf und merkte, da geht gar nichts mehr. Ich überlegte, und mir fiel auf, dass ich schon seit mehr als 24 Stunden nicht mehr gepinkelt hatte. Trinken hat dann zwar auch nicht wirklich geklappt, aber eine minimale Nierentätigkeit wird es wohl gegeben haben. Tee, Wasser, Cola – alles zwecklos. In weniger als einer Minute hängt man über der Kloschüssel. Man wird da zum Spezialisten und findet heraus, was geht und was nicht. Das Einzige was ich in der Regel drin behielt, war Gatorade. Und mit Weingummi konnte ich meine Magenschleimhäute auch etwas besänftigen. Hatte ich in der Situation aber nicht und mir blieb mal wieder nicht viel Zeit. Dann hatte ich einen rettenden Geistesblitz. Eis! Der Kiosk um die Ecke. Ich schleppte mich dort hin und kaufte mir eine Packung Vanilleeis. Die Kälte beruhigt die Magenschleimhäute ja auch und es ist genug Zucker drin. Es hat geklappt, der Motor lief stotternd wieder an und zehn Minuten später saß ich auf dem Klo.

Okay, dann kann’s ja weitergehen, endlich konnte ich mich darum kümmern nachzulegen. Mein Magen hat sich nie wirklich auf Opiate eingestellt. Ab einer gewissen Dosis war es immer so weit. Doch die erreichte ich mit dem, was es normalerweise so gab, selten. Und wenn ich sie erreicht hatte, hatte ich immer noch nicht genug. Ich pendelte oft zwischen Toilette, Gatorade und meinem Besteck. Auf den Toiletten, von einem sich heftig zusammenkrampfenden Magen geschüttelt, das Rauschen des Pulses in den Ohren, und in dieser Situation völlig von Sinnfragen befreit. Das Weiß der Kloschüssel flimmert, wird tief wie ein Sternenhimmel. Wie von einem anderen Stern auf sich selbst blickend steht man neben sich, und ist von Ruhe umgeben. Zuckender Magen, verzweifelte Gedankenfetzen des Willens, treten in die Ferne. Nur noch umgeben vom Rauschen des Blutes blickt man in den Spiegel der Unsterblichkeit im Boden einer Kloschüssel.