Mit Champagner kostet der Vollrausch in der Hauptstadt 300 bis 450 Euro, mit Kokain 60 Euro und mit LSD nur 5 Euro. Was machen Affen auf Drogen? Cannabis hat zunächst eine beruhigende Wirkung, Alkohol steigert ihren Sexualtrieb, Kokain macht sie süchtig und Speed verwandelt die Weibchen in Rabenmütter. Mit wem nahm Uschi Obermeyer welche Drogen? Mit Margot Captagon, mit Rainer Langhans kiffte sie und mit Keith Richards drückte sie Heroin. Und welche Fische produzieren halluzinogene Stoffe? Beispielsweise der Kyphosus Fuscus oder der Upeneus Arge. (weiterlesen…)
Mit ‘rausch’ getaggte Artikel
Wie viel kostet ein Vollrausch in Berlin?
Freitag, 18. Dezember 2009Aus Worten werden Orakel
Dienstag, 15. Dezember 2009
„War klar, dass du mich wieder auf die Ballerburg warten lässt“, ärgert sich Walter. „Was regste’ dich auf, du kennst doch den Puff hier“, pflichtet ihm Roger bei. Fakt ist, dass wir immer nur so viele Klienten den Konsumraum nutzen lassen, wie er freie Plätze hat. Mit wütendem Blick in meine Richtung meckert Walter weiter: „Weißt du wie Scheiße das ist, ich bin auf Tuk.“ „Das interessiert den doch eh nicht“, antwortet Roger für mich, „der hat doch Spaß daran, uns zu traktieren“. Ein Vorwurf, den wir Mitarbeiter in diesem Zusammenhang oft hören. „Der Nächste, bitte“, sind dann die uns alle erlösenden Worte. 15 Buchstaben, die die Welt bedeuten können. (weiterlesen…)
Ein Engel mit gebrochenen Flügeln
Freitag, 24. Juli 2009Diese Trompete lässt mich aufhorchen. Einen Moment lang glaube ich, dass der Geist Chet Bakers in den Körper des Musikers geschlüpft sein muss, der gerade in der Kölner Fußgängerzone spielt. Ich bin mir sicher, dass ich Chets einmaligen Sound höre: ansatzlos und schwebend. Die Trompete muss aus dunklem Samt sein. “Is klar, und das Ozonloch ist eine Vorbereitung auf die Wiederkehr von Jesus Christus”, ermahne ich mich zur Vernunft.
Doch die Klänge lassen mich nicht los. Ich treffe zwar Tina beim Schnorren und unterhalte mich ein bisschen mit ihr. Doch vor mir sehe ich Chet Baker im Dortmunder Jazzclub Domizil, spüre wieder die Aufregung. Wie hatte ich diesen Abend 1987 herbeigesehnt. Obwohl ich zu der Zeit besonders den Gitarrenkrach amerikanischer SST-Bands schätzte, hat mich der lyrische Jazz von Chet auch immer begeistert. Und vor allem seine Lebensgeschichte.
Chet Baker war gut aussehend und talentiert, aber auch rastlos und süchtig. Seine Heroinsucht ließ ihn seit den 50er-Jahren weltweit zur Symbolfigur bürgerlicher Vermutungen über zwangsläufige Zusammenhänge zwischen Jazz und Rauschgift werden. Nach jahrelangen Demütigungen, Haftstrafen, Heilungs- und Comebackversuchen wurden ihm 1968 bei einem Streit unter Fixern fast alle Zähne ausgeschlagen. Für einen Trompeter die Höchststrafe. Danach lebte er mehrere Jahre von der Wohlfahrt, bevor ihm nach einer erneuten Entziehungskur und hartem Training in den 70ern der Wiederaufstieg gelang.
Ich setzte mich damals direkt an den ersten Tisch, denn das Domizil hatte keine Bühne. Und dann stand Chet im Scheinwerferlicht. Er hielt die Trompete in der rechten Hand. Sie hing an seinem schmalen Körper herunter. Sein Gesicht war eingefallen. Die Augen in tiefen Höhlen, sie schauten irgendwo in die Ferne. Die langen Haare fettig nach hinten gekämmt. “Don’t change a hair for me. Not if you care for me. Stay little, funny Valentine.” Minutenlang die pure Magie. Tosender Beifall. Ich konnte mein Glück kaum fassen.
Ein großes Glück, wie sich schon wenige Monate später herausstellte. Chet Baker hatte erneut begonnen Heroin, Kokain und Amphetamine zu konsumieren und war wieder voll drauf, als er am Freitag, dem 13. Mai 1988, tot in Amsterdam aufgefunden wurde. Eine Legende besagt, dass er dort des Hotels verwiesen worden war. Weil er aber seine Trompete vergessen hatte, sei er aus Stolz die Regenrinne hochgeklettert und dabei abgestürzt. “Wovon träumst du denn?”, fragt mich Tina irgendwann und schaut mich dabei übertrieben abwesend an. “Von einem Engel mit gebrochenen Flügeln”.
Kein Knopf zum Abschalten
Montag, 20. Juli 2009“Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinab sieht.” Georg Büchners Worte und diverse Gedanken knirschen über ein Laufband in meinem Kopf. Ich bin unfähig sie festzuhalten – irgendwie laufen sie weiter. Der Knopf zum Ausschalten scheint abgeschafft. Ein geistiges Atemholen ist nicht in Sicht.
Später fällt mir der Neumarkt wie ein Eisbeutel ins Genick. Ich treffe Leon. Seine Sprache ist flüchtig, der Mund verleimt, die Seele ein Furz. Er hat nichts als das Fleisch auf den Knochen, Bartstoppeln im Gesicht, verdreckte Fetzen am Körper. Dennoch, zwischen Leichtsinn und Depression, schleppt auch er wie alle anderen an diesem Ort ein Bündel Hoffnungen mit sich.
Melissa gesellt sich zu uns, hoch dosiert und so standsicher wie ein Pudding in der Kurve. Die Zeit fließt schwerelos. Hartes Licht spiegelt sich auf ihrer Sonnenbrille. Ich habe keine Eile, sie im momentanen Zustand auch nicht. Worte plätschern. Allerdings nur um des Sagens, nicht um des Gesagten.
“Es muss mal wieder was passieren, oder?”, frage ich und sehe beide nacheinander an. “Na klar, ich bin schon zur Entgiftung angemeldet”, antwortet Melissa mit Nachdruck. “Ich auch, und danach mache ich Therapie. Sofort”, fügt Leon noch hinzu. Ich habe sie weiterhin im Blick und weiß, dass sie gerade ihre Realität für mich zurechtbiegen. Das Lügen ist Schutz vor der Umwelt. Beistand in der Isolation. Abwehr gegen die Verachtung. Doch es bringt keine Erleichterung, keinen Vorteil, denn Melissa und Leon belügen auch sich selbst. Damit schließt sich zwar dieser Kreis, aber das Laufband in meinem Kopf bewegt sich trotzdem weiter.
Notate eines hauptberuflichen Menschenverstehers III
Freitag, 10. Juli 2009
02.07.09
Ich denke an meine Freundin, an mich, an uns. Wenn ich es gut mit ihr meine, sage ich ihr immer, sie sei wie die Musik von Hildegard Knef. Wenn sie durch die Türe tritt, beginnt etwas zu schwingen. Auch Melancholie ist wie Musik, alles durchdringend, innen wie außen zugleich.
“Vielleicht fragt dich eines Tages jemand, der noch unbestechlich: Wie viel Menschen waren glücklich, dass du gelebt? Und du gleitest durch Spiralen der Erinnerung, durch Verzweiflung und durch Freude, und die Trauer macht dich stumm, weil du’s nicht weißt” (Hildgard Knef)
03.07.09
Einmal Gefühlsdusche, bitte. Ich möchte mich mal wieder wie nach einem beruflichen Erfolg fühlen. So heiter wie früher, als Krach und Dilettantismus noch als der ganz heiße Scheiß goutiert wurden. Stattdessen: bis mittags im Bett, danach Wachkoma. Ein Tag auf dem Abstellgleis.
“Es ist, als könne man seine Vergangenheit, indem man sie aufschreibt, nur benennen, nicht aber heraufbeschwören” (Alexander Masters)
06.07.09
Das Leben ist wie ein Blick durchs Schlüsselloch, ein winziger Zipfel der Unendlichkeit, den wir erhaschen. Heute habe ich leider das falsche Ende erwischt: Hektik auf dem Neumarkt, Nerverei mit betrunkenen Klienten, viel Gesprächsbedarf unter Kollegen. Zusammengefasst: wenig Spaß. Ein blöder Montag eben.
“I don’t like Mondays. I want to shoot the whole day down” (The Boomtown Rats)
07.07.09
Irgendwo habe ich einmal in einem Gespräch die Redewendung “The party of animals” aufgeschnappt. Ich schätze sie sehr, weil sie mich auf eine poetische Art und Weise an meine Arbeit denken lässt.
“Party bedeutet Spaß, Passion, Risiko und Gefahr. Tiere sind die königlichsten Wesen der Erde, denn sie schaffen es, Schmerz zu ertragen, ohne verrückt zu werden” (Harold Brodkey)
09.07.09
Ein Tag wie ein Nachmittag auf dem Sofa. Gemütlich. Harmonisch. Glücklich. Mir gehen Worte meiner Oma durch den Kopf: “Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist”. Das Glück ist ja eine wechselhafte Angelegenheit. Aber es ist durchaus bereit, den einen oder anderen zu begünstigen, wenn man weiß, wie man darum bitten muss.
“In every life we have some trouble, when you worry you make it double, don’t worry, be happy” (Bobby McFerrin)
Der mit den Menschen heult
Freitag, 26. Juni 2009Ein Tag, so lang wie ein blöder Witz. Seine Pointe: auch nicht lustig. Die Grundstimmung bei den Klienten war heute von Anfang an aggressiv. Wegen frühmorgendlicher Polizeikontrollen, Platzverweisen, Problemen bei der Geldbeschaffung, Betrügereien untereinander, gestrecktem Heroin und Wartezeiten vor der Einrichtung im Nieselregen. Ich sehe Heinz in die Kontakt- und Notschlafstelle stürmen. Seine Pupillen tanzen wie nach einer Choreographie von Detlef D! Soost. Die Schläfen sind schweißnass, die Augen weit aufgerissen. Sein Mund zuckt in einem fort, als würde ihm jemand auf die Zehen treten und ihn gleichzeitig kitzeln.
Eine Kontaktaufnahme mit Heinz ist nicht möglich. Gruppen gestalten sich. Gestalten gruppieren sich. Zwischen ihnen wirbelt er nun herum, als willkommener, spontaner Katalysator der gereizten Atmosphäre. Zunächst vernehme ich nur reichlich Getöse, dann fliegen die Fäuste. Mehrere Personen dreschen aufeinander ein. Ich höre das angestrengte Geschnaufe und registriere die Dumpfheit der Schläge. Sehe Lippen platzen und Nasenbeine knacken. Verschüttete Getränke und Blut vermischen sich zu einer rutschigen Fläche, über die die Menge brutal hinwegfegt. Enthemmt und zusätzlich berauscht vom Adrenalin.
Zum Glück sind alle Kollegen unverletzt geblieben und die Einrichtung ist nicht weiter zerstört worden. Die momentane Erleichterung verwandelt sich schnell in bedrückende Tristesse. Ich bin wie gelähmt von diesem Gewaltausbruch. Lustlos, leblos, gar nichts los – ich spüre, wie sich etwas in mir zusammenbraut. Mich selbst dazu zu bekennen, ist ein Risiko. Wer man ist, weiß man immer erst, wenn etwas Entscheidendes mit einem geschieht. Was ist etwas Entscheidendes? Die Hemmungslosigkeit der Klienten? Die daraus resultierende Brutalität? Die misslungene Deeskalation der Situation trotz aller Strategien?
Hieronymus Bosch hatte die Katastrophen noch gut im Griff. Bei ihm gab es das Fegefeuer, Fluten und Pestilenzen, alles in bunten, beeindruckenden Bildern. Auf das die Menschen sich gruselten und um Vergebung baten. Aber heute? Manchmal denke ich, Klienten geraten mit ihrem Leben in eine Rille. Und bleiben solange darin, bis die Platte abgelaufen ist. Als master of desaster sind solche Gedanken nicht erlaubt. Schließlich gelte ich als geschult und professionell. Ich bin der, der mit den Menschen heult. Und nicht umgekehrt.


