Thorsten Bathe

Mit ‘psychiatrie’ getaggte Artikel

Außerirdisch für Interessierte

Sonntag, 08. März 2009

In jeder Psychiatrie gibt es wahrscheinlich ein paar Patienten, die sich einbilden, sie seien ein tanzender Stern, so wie Madonna, als sie gerade “Vogue” veröffentlichte. Und noch einige mehr glauben, sie seien der liebe Gott persönlich. Immer wenn ich diesen Wahnsinn spüre, muss ich an Markus denken. Wie er in die Kontakt- und Notschlafstelle schwebt und mich mit seinem weltfremden Blick gefangen nimmt.
Nach einigen Gesprächen weiß ich, dass er sich für einen Gesandten hält. Er glaubt, ein Fax erhalten zu haben, in dem ihn Barack Obama bittet, die Welt zu retten. Zwar gibt er mir nicht den Namen seines Heimatplaneten preis, dafür versucht er aber mir die Sprache des Weltraums beizubringen. Sie klingt sehr schön. Wenn ich ein neues Wort gelernt habe, nehme ich mir vor, es später in ein Notizbuch zu schreiben und irgendwann das erste Wörterbuch mit dem Titel “Außerirdisch für Interessierte” herauszubringen.
Weil niemand aus unserem Team es schafft, Markus so zu erreichen, dass er wenigstens die eine oder andere Regel der Einrichtung befolgen kann, stand meine Kontaktaufnahme von Anfang an auf außergewöhnlichen Füßen. Wie mir Markus später klar machte, waren sie “barfüßig”, denn ab einem bestimmten Tag kam er ohne Schuhe zu uns. Noch etwas später hatte er sich die Haare abrasiert und begonnen, in einem Kreis aus Teelichtern zu Cat Stevens’ “Baby, it’s a wild world” nachzudenken.
Als er mir dies in unserem letzten Gespräch mit ernster Stimme und abwesendem Blick schildert, starre ich ihm sprachlos ins Gesicht. Es ist, als hinge ich für eine Sekunde in der Luft, im Kopf noch den mit Pudding und Kaffeeresten verklebten Tisch, an dem wir sitzen. Dieses letzte bewusst aufgenommene Bild verfestigt sich vor meinem inneren Auge zusammen mit dem Wissen, dass Markus so nicht mehr lange existieren wird, zu einem Still-Leben.