Rainer S.
Rainer S.
Rainer S.
Frey
Bauschert
Rodemann

Mit ‘polizei’ getaggte Artikel

Respekt und Anerkennung – das zählt

Donnerstag, 12. März 2009

Die Arbeit mit den Jugendlichen klappt ganz gut. Und ich denke, dass ich auch einen Zugang zu ihnen habe. Einer dieser Jugendlichen sagte mir, er werde heute zum Poetry Slam gehen. Damit hatte ich nicht gerechnet und fragte dann, was er sonst noch so mache. Psychologie. Er liest Studienarbeiten. Als er erklärte, wie er dazu gekommen ist und warum er sich da weiterbildet, hatte er meinen Respekt ihm gegenüber dann fundamentiert. Alle Achtung. Er hat in etwa fünf Sätzen Dinge gesagt, die in mir Respekt und Anerkennung ausgelöst haben. Eigentlich schade, dass diese Maßnahme nur zwei Wochen dauert.

Mein Ausbildungsmeister wurde mal von der Polizei ausgefragt, was ich den für einer sei. Sie hatten den Betrieb seit zwei Wochen observiert, und schienen gesteigertes Interesse daran zu haben, mir so richtig einen zu verpassen. Nichts ahnend wurde ich mal rauf zum Chef gebeten. Der Meister fragte mich, ob ich Probleme hätte. Zu der Zeit hätte ich mir eher die Zunge abgebissen als irgendetwas über meine Drogen-Eskapaden zu sagen, aber merkte irgendwie, das ist eine Ausnahmesituation und es nicht klug, hier mein Recht auf Aussageverweigerung durchzuziehen. Ich sagte: “Ja, ich habe Probleme, aber nicht mit der Arbeit und nicht während der Ausbildung.”

Er sagte mir, er wolle da nicht lange um den heißen Brei reden, es gebe eine Anklageschrift gegen mich, es werde eine Hausdurchsuchung bei mir stattfinden und ich müsse wohl Feinde haben, denn so etwas habe er noch nicht erlebt. Er sei in einer Art über mich befragt worden, dass er davon ausgehe, diese Ermittlungen gegen mich seien durch irgendjemand forciert worden. (Erst zehn Jahre später habe ich kapiert, was das für Hintergründe waren und erst dann war mir klar, dass ich da sehr, sehr großes Glück hatte.)

Um sich selbst ein Bild machen zu können, habe er mich auch mal einen Tag lang observiert. Durch ein, zwei Andeutungen konnte ich mir ausrechnen, welcher Tag das war. Einen besseren Tag hätte er nicht treffen können. Ich habe ihm sozusagen das volle Programm geboten. Keine Drogen am Arbeitsplatz, das war ein Grundsatz von mir, der sich da als ein guter Grundsatz herausstellte. Die Ausbildung habe ich ernst genommen und mein Chef mich. Gegen Schule und Pädagogen hatte ich lang anhaltend Hassgefühle, in der Lehre wurde das sozusagen wieder bereinigt.

Die Hausdurchsuchung kam, der Prozess kam und ich hatte Glück an einer Vorstrafe vorbeizukommen. Die Lehre habe ich beendet und mein Ausbildungsmeister steht sehr weit oben auf der Liste der Menschen, die ich hochachte. Ich würde es mir wünschen, davon etwas weitergeben zu können.

Die theoretische Möglichkeit wird wahr

Dienstag, 24. Februar 2009

Gestern bin ich los, um mir ein Polizeiliches Führungszeugnis zu besorgen. Wenn man keine Ahnung hat, wo man so was bekommt, geht man zur Polizei. Zehn Meter vor der Eingangstür durchzuckt es mich. Hast du noch was in den Taschen? Bin ich für ne Filze klar? Rainer, es ist alles in Ordnung, das ist Geschichte, musste ich dagegenhalten. Reflexe. Der Rosenmontag ist ein guter Tag um ein Führungszeugnis zu beantragen. Nein, Führungszeugnisse bekommen Sie in der Bürgerberatung, sagte man mir. Vor 15 Jahren hatte ich mal einen Prozess, 60 Tagessätze, knapp unterhalb einer Vorstrafe, da brauche ich mir keine Gedanken machen. Aber diese Reflexe sitzen tief.
Die letzten Schritte für meinen Arbeitsvertrag. Samstag und Sonntag werde ich schon arbeiten. In der Mühle, es hat tatsächlich geklappt. Ein Arbeitsvertrag über zwei Jahre mit 40 Wochenarbeitsstunden. Geklappt hat das nur, weil diese Stelle über das Arbeitsamt gefördert wird. Und zwar nicht zu knapp, 75 Prozent Förderung nach §16. Meine Sachbearbeiterin hat mir gesagt, dass so eine Förderung im Grunde nur eine theoretisch mögliche Eingliederungsmaßnahme ist. Eigentlich sind die Voraussetzungen für diese Förderungen nie erfüllbar. Da wäre mein Fall eine seltene Ausnahme.
Allein hätte ich das nicht geschafft. Die Schritte, die ich in den letzten zwei Jahren gemacht habe, waren dazu nötig, meine Vergangenheit ist nötig gewesen. Es war nötig, dass meine Vorgesetzten sich für mich stark gemacht haben und seit einen Jahr immer wieder mit meiner Sachbearbeiterin sprachen. Es war nötig, dass auch die Verwaltung und meine Chefin mit dem Arbeitsamt Kontakt hatten. Auch war es nötig, dass die Chefin meiner Sachbearbeiterin schon auf meinen Fall angesprochen wurde. Und für diese Förderung gab es – denke ich – nur ein schmales Zeitfenster. Ich glaube in zwei Monaten hat sich das erledigt, an so etwas zu denken.
Merkwürdig ist es, dass ich mir schon vor einiger Zeit gesagt habe, dass ich drei Monate nach dem Auslaufen des Ein-Euro-Jobs wieder irgendetwas haben werde. Wenn es mir jetzt gelingt einige neue Projekte in der Mühle von mir aus ins Rollen zu bringen, dann werde ich die Grundlage haben, mich in eineinhalb Jahren gut entscheiden zu können.

Russisches Roulette

Freitag, 13. Februar 2009

Ich kann es noch gar nicht glauben, die Festanstellung steht. Noch ein paar Formalitäten, und dann kann es losgehen. Gestern hat mich Vivi angerufen und mir gratuliert. Sie kenne ich auch aus der Lohstraße und sie arbeitet auch im Bereich der Drogenhilfe. Solche Erfolge sind selten, sagte sie mir. Ich habe schon einige meiner ehemaligen Therapeuten in den letzten Tagen getroffen und viele wussten über diesen Erfolg und beglückwünschten mich. Ja, die Erfolgsquote in der Drogenarbeit ist klein. Nach einer Therapie sind etwa 90 Prozent innerhalb eines Jahres wieder rückfällig. Einen großen Anteil daran haben die fehlenden Perspektiven. Und leider ist die Sterblichkeitsquote gerade nach einer Therapie enorm hoch. Vor allem bei Leuten ab 40. Meist sind das nicht einfach Unfälle, sondern mindestens bewusstes russisches Roulette. Vielleicht kann ich mich auch deshalb nicht ganz einfach unbefangen über meinen Erfolg freuen, weil ich weiß, dass eigentlich mein Leben daran hängt.
Für mich hat es auch etwas Reizvolles mich aus unmöglichen Situationen heraus zu manövrieren. Ich habe nie eine Haftstrafe verbüßt, nur einige Kurzaufenthalte in Zellen erlebt. Wenn mich heute jemand zu einem Jahr Haft – sozusagen als Selbstversuch – einladen würde, ich würde es tun. Ich saß mal in einer Zelle in Berlin und wurde von Staatsschutzbeamten verhört. Sie sagten mir, dass sie wüssten, dass wir eigentlich gar nichts gemacht haben, aber die französischen Alliierten würden uns vorwerfen einen Anschlag auf eine Kaserne geplant zu haben. Das heißt: keine Vorführung beim Haftrichter, sondern Auslieferung an die Franzosen und U-Haft unter Nato-Statuten. Das Einzige, was ich gesagt habe, ist: “Ich habe das Recht zu telefonieren. Ich will ein Frühstück und mache von meinem Recht Gebrauch, jede Aussage zu verweigern.” Anschlag? Franzosen? Fünf bis zehn Jahre Haft? Blödsinn!
Ich habe diese Vorführung mit der Polizei-Oberliga sogar genossen (sehr intelligent, sehr informiert, sehr aufmerksam). Habe kein einziges Wort gesagt und war nach 16 Stunden wieder frei. Meine Impulskontrolle ist schon ganz gut. Und vieles mache ich sozusagen als Selbsterfahrung ganz gerne mit. Für jeden sieht der Weg aus der Drogenwelt anders aus, aber es gehört schon was dazu.
Stolz? Nein, dazu habe ich auch schon mal was geschrieben. Nicht darauf keine Drogen mehr zu nehmen, aber ich bin zufrieden mit dem, wie ich dagegen agiere in ein versklavtes Leben zurückzufallen. Ein merkwürdiges Gefühl, etwas zu erreichen, weil man die Erfahrungen mit russischem Roulett benutzt.

Paul sitzt ein

Donnerstag, 12. Februar 2009

Paul ist mittlerweile von der Polizei verhaftet worden und inhaftiert. Er wurde ja auch wegen anderer Delikte polizeilich gesucht, hat eine Strafe nicht angetreten. Nach dem betrug bei uns hat er wohl noch an weiteren Stellen versucht, seine Schecks an den Mann zu bringen. Bei der Verhaftung wurden nur noch zehn von 20 Schecks bei ihm sichergestellt. Außerdem besaß er mehrere Handys und weitere Sachen aus diversen Diebstählen.
Betrug, Diebstahl und Unterschlagung – da kommt einiges auf die bereits vorhandene Strafe obendrauf. Aktuell sitzt Paul in U-Haft in der Justizvollzugsanstalt Offenburg bis zu seiner Verlegung in den Regelvollzug in die JVA Freiburg. Ansonsten ist heute mal ein relativ ruhiger Tag, trotz 76 Besucher innerhalb von drei Stunden. 65 Männer und 11 Frauen. Der Schneefall hat wieder eingesetzt und die letzten Besucher verlassen gerade die Einrichtung.

Teure Übernachtung bei der Polizei

Donnerstag, 12. Februar 2009

Eine Ergänzung zu meinem letzten Eintrag: Der Grund für die Schlägerei liegt ein wenig im Dunkeln. Zu viel Alkohol hat die Sinne stark getrübt… So viel scheint klar: Ein paar Bewohner haben sich in einem Zimmer getroffen. Einer provozierte ziemlich stark und fing mit einem anderen ein Gerangel an. Noch ein anderer Kontrahent hatte wohl nur hinter der nächsten Türe gewartet, bis er aus dem Zimmer trat. Daraufhin kam es zu der folgenreichen Auseinandersetzung.
Der gutmütige und hilfsbereite Herr O. berichtete gestern wieder vom Schneeschippen und von den Ereignissen rund ums Haus. Er erzählte von der Stadt, von verloren gegangenen Geldbeuteln und Ausweisen, die er auf Kaufhausparkplätzen und in Parkhäusern wieder gefunden hat. Und davon, dass er notfalls in höchster richterlicher Instanz in Karlsruhe gegen einen Strafbefehl vorgehen will, den er wegen eines Polizeieinsatzes in betrunkenem Zustand bekommen hat.
Er habe ja nichts gemacht, außer dass er betrunken auf der Straße gegangen sei. Warum also in die Ausnüchterungszelle, die er dann noch bezahlen muss? Er habe keine “teure übernachtung bei der Polizei” gebraucht, weil er ohne festen Wohnsitz in Konstanz lebt und auf der Straße oder auf einer Bank schläft. Die Polizei dürfe ihn doch nicht einfach von der Straße abholen. Er rief deswegen seinen Betreuer an und sagte ihm, dass er die Angelegenheit nun bei der Polizei regeln will.
Später hatte ich ein Gespräch mit Herrn C. Grund war ein blauer Brief, in dem steht, dass er Anfang März für ein Jahr in Haft muss. Er tut mir irgendwie richtig leid. Wie ein Bumerang fällt seine Vergangenheit auf ihn zurück. In der Anfangszeit seines Aufenthaltes im Jakobushof machte er einen leicht verpeilten Eindruck. Seit einigen Monaten hat er jetzt aber beide Füße auf dem Boden und kam seinen Auflagen wie stationärer Therapie, Arbeitsstunden und Gerichtsverfahren nach.

Keine Aussicht auf Freiheit

Dienstag, 10. Februar 2009

Herr A. wuchs mit vier Geschwistern auf. Er empfindet seine Kindheit als gut. Wenn etwas schief lief, bekam er Schläge, was er aber als normal ansieht. Da er immer wieder die Schule schwänzte, ließen ihn seine ratlosen Eltern mit 15 Jahren in ein Heim für schwer erziehbare Kinder einweisen. Dort gefiel es ihm recht gut, er arbeitete in der Schreinerei. Bis zu seinem 18. Lebensjahr blieb er in diesem Heim. Nach dem Heimaufenthalt ging er einer geregelten Arbeit nach.
Mit 21 Jahren beging er seine erste Straftat und bekam dafür zwei Jahre Freiheitsentzug. Dann folgten zwei Jahre in Freiheit, wieder bei geregelter Arbeit und es folgte die zweite Straftat, wofür er zehn Jahre Haft bekam. Im Jahre 1994 wurde Herr A. aus der Haft entlassen und er fand sofort wieder Arbeit.
Seine dritte Straftat beging er 1996 und bekam dafür erneut zwei Jahre Haft, zusätzlich wurde die Sicherungsverwahrung angeordnet. Herr A. und ich lernten uns kennen, als er 1998 in Freiburg mit 50 Jahren die Sicherungsverwahrung antrat, ohne zu wissen, wann er die Freiheit wieder erlangen wird.
Da er keine Beziehungen nach “draußen” hat, bringe ich ihm mit meinen Besuchen und Gesprächen ein wenig Abwechslung in den Gefängnisalltag. Bei meinen Begegnungen mit ihm sehe ich immer nur den Mitmenschen und nicht seine begangenen Straftaten, was ihm sicherlich gut tut bei seiner langen Knastlaufbahn.

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