LutzS
Thorsten Bathe
Rainer S.
Goetzens
Groh

Mit ‘notfall’ getaggte Artikel

Du bist ja nie erreichbar

Dienstag, 16. Juni 2009

So vieles habe ich zu schreiben. Mittendrin im Upload von neuen Informationen auf meiner Homepage versagte das DSL den Dienst. Störung! Ein paar Tage hat es gedauert, ungeachtet dessen lief die Arbeit mit der Selbsthilfe weiter. Nun bin ich wieder online.

Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht, wie viel Online ist eigentlich erforderlich um sich uneingeschränkt zu fühlen. Manchmal beunruhigt es mich, wenn ich telefonieren kann. Wegen Notarzt und Polizei und so. Aber alles andere ist hin und wieder ein amüsanter Zustand. Während ich die Leute toben sehe und voller Unruhe immer hektischer in ihren Bemühungen bloß wieder mit der Welt verbunden zu sein, genieße ich die Stille. So ist der Computer ein wahrlich interessantes Instrument um Gedanken zu verbreiten, wenn er aus ist – ist er aus.
Auch mein Handy kennt meine Gelassenheit, wenn der Akku mal wieder leer ist. Manchmal ist es mein Akku, manchmal ist es der vom Funktelefon. Ich lade es dann sorgsam auf und habe zuweilen ein wenig Angst, wenn es dann wieder klingelt. Oft ist dann jemand dran, der vor dem ersten Grußwort erstmal einen niederschmetternden Vorwurf loswerden muss. “Du bist ja nie erreichbar!” Ich staune, fühle mich verletzt und denke so bei mir: “Wenn Du wüsstest WIE SEHR ich erreichbar bin.”

Liebe Grüße aus der Offline-Zeit
Lutz

Nichts als die Seele

Freitag, 20. März 2009

Plötzlich scheppert es. Cornelia ist mitten in der Kontakt- und Notschlafstelle zusammengebrochen. Schnell gehe ich zu ihr und beuge mich über sie. Sie liegt regungslos zwischen den Tischen und Stühlen. Blessuren vom Sturz kann ich nicht erkennen. “Die Alte nervt”, mosert Mirko, “mach’ mal voran, ich brauch’ die Bescheinigung sofort, mein Zug geht in neun Minuten”. Ich deute auf die ohnmächtige Klientin. Der angestiegene Geräuschpegel ist zunächst auf sensationsgeil gedimmt. Gebanntes Starren. Dann ist es mucksmäuschenstill und drückend, weil das Unausgesprochene der Luft den Sauerstoff raubt wie ein schwelendes Feuer.

“Jetzt mach schon”, schreit Mirko. Dabei fuchtelt er mit den Armen. Alle, die noch schauen können, schauen mich an. Dieses Entertainment will sich keiner entgehen lassen. Zu sehen gibt es allerdings nicht viel, außer meinen Blick, den Mirko als erster verstanden hat: “Du bist als Sozialarbeiter verpflichtet … hast du doch auch ein Interesse … kannst du mir nicht schnell helfen … – … bitte”. “Jetzt nicht”, antworte ich, meinem Berufsstand untypisch.

Alle sind nun auf den Notfall konzentriert. Meine Kollegen und ich kennen solche Situationen. Wir haben die damit einhergehenden Abläufe und Notwendigkeiten verinnerlicht. Cornelias Augen sind geschlossen, der Mund steht offen, ihre Hände sind zu Fäusten geballt. Endlich höre ich den ankommenden Notarzt. “Lassen sie mich durch”, ruft er und schiebt sich vorbei an der gaffenden Menge. “Hören sie mich?” fragt er Cornelia. Sie antwortet nicht. Der Notarzt fühlt ihr den Puls, da öffnet sie die Augen. “Es ist die Seele”, flüstert sie, “nichts als die Seele”. Dann rappelt sie sich hoch und taumelt langsam in Richtung Treppenhaus. Noch immer sind ihre Fäuste geballt.

Schade, dass man kein Hund ist.

Donnerstag, 19. März 2009

Gestern war kein angenehmer Tag. Auf der Arbeit habe ich einen Zweig ins Auge bekommen. Ich habe gleich gemerkt, dass ich einen Kratzer auf der Hornhaut abbekommen habe. Durch das linke Auge konnte ich nur noch eine verschwommene Streifenoptik sehen.
Na ja, also zum Arzt. Mittwoch nachmittags heißt das ins Krankenhaus. Die ärztin, die mich dann behandelt hat, war die unfreundlichste Begegnung des Jahres. Nach der Untersuchung war sie der Ansicht der Chefarzt müsse sich das noch mal ansehen. Sie kam dann mit dem Chefarzt wieder herein, lächelte ihn an und zeigte sich ihm gegenüber charmant.
“Legen Sie mal Ihr Kinn auf und sehen Sie nach vorn.” Ich glaube Tierärzte sprechen einen Hund erst mal an, damit sie nicht gebissen werden. Er krempelte mein Oberlied um, um nach Fremdkörpern zu sehen. “Das mag er nicht”, sagte sie. Ja, nachdem sie sich bei dem Manöver an meinem Lied wirklich einen abgebrochen hatte, mochte ich das wirklich nicht gerade. Vor einem halben Jahr hatte ich schon mal einen Splitter im Auge, oder besser im Lied. Der Arzt hatte das damals sehr gut gemacht. Der Chefarzt war allerdings auch sehr viel geschickter als sie, nur war mein Auge nach dem Herumgewerke eben sehr überreizt. “Wenn da noch ein Fremdkörper ist, sitzt er in drei Stunden wieder hier”, sagte der Chefarzt. Nein, das wäre ja sehr ärgerlich. Netter Mann, der denkt an seine Kollegen. Schade, dass man kein Hund ist.
Woran hat es gelegen, dass da alle so nett waren? Da fielen mir eigentlich nur meine Arbeitsklamotten ein. In der Mühle habe ich einen extremen Kleidungsverschleiß, meine Schuhsohlen sind mit Spaxschrauben zusammengehalten. Wenn man einen Baumstamm auf dem Sägeschlitten bewegt, mit Moos, Erde, Spänen dran, dann sieht man entsprechend aus.
Ne, gestern war nicht mein Tag. Es macht ganz schön hilflos, wenn man ein Auge geschlossen halten muss und mit dem anderen auch nur geradeaus sehen kann, weil jede Bewegung der Pupille weh tut. Gut, dass so etwas sehr schnell heilt. Heute war es nur noch unangenehm, aber nicht mehr schmerzhaft.

Wann ist ein Notfall ein Notfall?

Donnerstag, 26. Februar 2009
Mitten in der Sprechstunde ruft Tanja (23) an. Sie ist außer sich, weil es ihrer Freundin Sonja (24) nicht gut geht. “Ich habe schon drei Mal den Notarzt angerufen, aber der kommt einfach nicht!”, klagt sie am anderen Ende der Leitung. Beide sind mir aus flüchtigen Begegnungen hier in der Ambulanz bekannt. Zusammen mit sieben anderen jungen Erwachsenen leben sie in einer Wohngemeinschaft am Rand der Stadt. Keine abgeschlossene Schulausbildung, kein Job, kein gesichertes Einkommen.
Tanja hatte sich vor einigen Monaten den Arm verletzt und musste chirurgisch behandelt werden. Inzwischen ist sie wieder krankenversichert. Ihre Freundin Sonja hat die Wege zu den SozialarbeiterInnen noch nicht geschafft. Sie reist im Land umher und weiß noch nicht, wie lange sie bleiben will. Vor drei Wochen kam sie zusammen mit Tanja in die Ambulanz. Sie hatte eine schwere Erkältung und einen Magen-Darm-Infekt.
“Jetzt geht es ihr ganz scheiße!”, ruft mir Tanja durchs Telefon zu. “Was soll ich machen? Sie kann nicht zu ihnen kommen. Sie ist zu schlapp und außerdem muss sie ständig erbrechen und Durchfall hat sie auch. Aber es kommt ja keiner! Dabei habe ich dem Notdienst nicht einmal gesagt, dass Sonja nicht versichert ist!”
Ich höre mir die Notlage an und verabrede mit Tanja, sie und ihre Freundin in ca. zwei Stunden nach dem Ende der Morgensprechstunde aufzusuchen. Doch dazu kommt es erst gar nicht: Eine halbe Stunde später ruft Tanja erneut an und lässt ausrichten, dass ich nicht mehr kommen muss. Sonja habe begonnen, Blut zu erbrechen, jetzt sei der Krankenwagen endlich unterwegs. Ich muss nicht mehr hinfahren.

Mit Obdachlosen in einer Kirche schlafen

Montag, 05. Januar 2009

Zu Beginn meines Tagebuches schreibe ich darüber, wie alles begann: Im Januar 1995 habe ich anlässlich einer Klausurtagung unserer Caritas-Konferenz Pfarrer Reinhard Ellbracht kennen gelernt. Er war der erste Priester, der in Dortmund für die Obdachlosenseelsorge freigestellt wurde. Er hatte ein Jahr lang mit den Obdachlosen auf der Straße gelebt und sie auf ihrer Platte begleitet. Seine Schilderungen von dem Leben der Menschen auf der Straße haben mich sehr erschüttert und irgendwie nicht mehr losgelassen. Ich arbeitete dann zwei Jahre in der Suppenküche in der Dortmunder Nordstadt mit.
In einem sehr kalten Winter haben wir Ehrenamtlichen gemeinsam mit den Obdachlosen nachts in verschiedenen evangelischen Kirchen geschlafen, um sie vor der eisigen Kälte zu schützen. Während dieser Aktion machte ich mich wenigstens zweimal die Woche abends mit Trinkflasche, Kamm und Zahnbürste, mit Decke und Isomatte unterm Arm, auf den Weg. Vor der Kirche warteten schon viele frierende Menschen. Wir suchten uns jeder einen geschützten Platz im Gotteshaus, in der Nähe einer Heizung oder auf den Kirchenbänken. Wir waren jeweils zwei Mitarbeiterinnen und etwa 40 Menschen ohne Bleibe. Nach einer friedlichen Nacht, einer Schnitte Brot und heißem Kaffee am Morgen gingen die Menschen wieder auf die Straße und wir in unser warmes Zuhause.
Meine Einstellung zu den Notwendigkeiten des Lebens hat sich in diesem Winter sehr verändert. Ich lege mich abends nicht wie selbstverständlich in mein warmes Bett ohne an Menschen zu denken, die draußen in ihrem Schlafsack oder nur unter einer Decke schlafen. So geht es mir bei schlechtem Wetter heute noch.
Als Pfarrer Reinhard Ellbracht sein Vorhaben realisierte und die Obdachloseneinrichtung “Gasthaus statt Bank” einrichtete und Hilfe dringend nötig wurde, habe ich meinen “ehrenamtliche Arbeitsplatz” in die Rheinische Straße 22 verlegt. Ich habe die Wäschekammer eingerichtet und bin noch heute dafür zuständig, dass wir für unsere Gäste rund ums Jahr genügend saubere Wäsche und Bekleidung zur Verfügung haben. An vier Tagen in der Woche können unsere Gäste duschen und frische Wäsche anziehen, für sie bedeutet das ein Stück Lebensqualität.
Mehr als 13 Jahre arbeite ich im Gasthaus. Die Zahl der Betroffenen hat sich verdoppelt, die Arbeit ist also viel anstrengender geworden, aber nach wie vor bin ich gern unter unseren Gästen und ich fühle mich dort sehr wohl. Man spricht bei uns auch vom Gasthaus-Bazillus, der sehr hartnäckig sein kann.