Thorsten Bathe
Peter S.
Peter S.

Mit ‘lüge’ getaggte Artikel

Kein Knopf zum Abschalten

Montag, 20. Juli 2009

“Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinab sieht.” Georg Büchners Worte und diverse Gedanken knirschen über ein Laufband in meinem Kopf. Ich bin unfähig sie festzuhalten – irgendwie laufen sie weiter. Der Knopf zum Ausschalten scheint abgeschafft. Ein geistiges Atemholen ist nicht in Sicht.

Später fällt mir der Neumarkt wie ein Eisbeutel ins Genick. Ich treffe Leon. Seine Sprache ist flüchtig, der Mund verleimt, die Seele ein Furz. Er hat nichts als das Fleisch auf den Knochen, Bartstoppeln im Gesicht, verdreckte Fetzen am Körper. Dennoch, zwischen Leichtsinn und Depression, schleppt auch er wie alle anderen an diesem Ort ein Bündel Hoffnungen mit sich.

Melissa gesellt sich zu uns, hoch dosiert und so standsicher wie ein Pudding in der Kurve. Die Zeit fließt schwerelos. Hartes Licht spiegelt sich auf ihrer Sonnenbrille. Ich habe keine Eile, sie im momentanen Zustand auch nicht. Worte plätschern. Allerdings nur um des Sagens, nicht um des Gesagten.

“Es muss mal wieder was passieren, oder?”, frage ich und sehe beide nacheinander an. “Na klar, ich bin schon zur Entgiftung angemeldet”, antwortet Melissa mit Nachdruck. “Ich auch, und danach mache ich Therapie. Sofort”, fügt Leon noch hinzu. Ich habe sie weiterhin im Blick und weiß, dass sie gerade ihre Realität für mich zurechtbiegen. Das Lügen ist Schutz vor der Umwelt. Beistand in der Isolation. Abwehr gegen die Verachtung. Doch es bringt keine Erleichterung, keinen Vorteil, denn Melissa und Leon belügen auch sich selbst. Damit schließt sich zwar dieser Kreis, aber das Laufband in meinem Kopf bewegt sich trotzdem weiter.

Brutstätte des Unsozialen

Freitag, 10. Juli 2009

Um mich herum sind nur doppelt gescheiterte Kerle. Sie träumen von dem ganz großen Ding nach der Haft. Je schlechter es dem Menschen hier geht, desto mehr scheitern sie, desto größer wird ihre Sehnsucht oder die böse Romantik. Oder aber die geläuterte Variante: Mal ehrlich betrügen, so wie es der Banker macht. Diese Gescheiterten jedenfalls, glauben nicht wirklich an ihr Scheitern. Denn gleich darauf tauschen die Verderbten sich ihre neuen Entwürfe und Visionen aus: Das ist, mein Freund, eine böse, subversiv-rituelle Romantik.

Kann eigentlich unter gleich subversiven Romantikern das wahre Gute entstehen? Wohl nicht. Warum? Weil diese Romantik täglich zelebriert, beschwört, ja feierlich eröffnet wird, damit sie sich verfestigt: Sie ist deshalb rituell. Das Bewusstsein bleibt daran hängen, so wie die Gläubigen an Gott bei der sonntäglichen rituellen Andacht.

Die Verderbten sind ein Haufen Welpen aus einem Wurf, deren Gestalt ein einziger Körper ist, der sich mit seinen Teilen einander reibt und wärmt und schließlich dann mehr Verderbte heraus gebiert als es die Summe ihrer Einsperrung zulässt. So entsteht oder wächst das Böse an. Das Gefängnis ist deshalb eine Brutstätte des Unsozialen. Die Haftverhältnisse müssen menschlich werden, weniger einengend, damit die böse Romantik nicht übergroß wird. Die Ausgrenzungstechnik muss den Menschen gegenüber das zeigen, was sie später tun sollen und sie nicht in einem Klo leiden lassen, so wie es hier geschieht. Du willst endlich wissen, wie es bei mir zur bösen Tat kommen konnte.

Knastschurken in der Grübelschleife

Freitag, 03. Juli 2009

Ich sollte nicht soviel grübeln, ich falle sonst in eine Grübelschleife und schon hänge ich an ihr, bin ihr verfangen, wie ein Erhängter: Zunge raus als blaue Krawatte, blasses Gesicht. Das war’s. Eigentlich bin ich der Depression verfallen.

Ich sag’ das oft – z. B. auf die Frage, wie geht’s dir? Ja schlecht, ich habe eine schwere Depression. Das glauben mir die Kameraden. Ich mag die Dinge nicht beschönigen. Alle Menschen um mich herum in dieser kleinen vergitterten Welt beschönigen ihren Zustand, ob sie nun Drogen nehmen, ständig Kaffee trinken, andauernd onanieren oder beziehungssüchtig sind. Ach ja, und herum heucheln und lügen.

Viele sind schreckliche Lügner. Sie leiten schwerste Verstellungsarbeit. Ich habe für sie einen Namen entwickelt: die Knastschurken. Wenn du mich fragst, was ist das Wesentliche in einem Gefängnis? Büßen? Nein, das Wesentliche ist, dass die Menschen darin ihren Zustand beschönigen.

Ich jedenfalls habe noch nie gebüßt, obwohl ich es tun soll. Hat der Richter gesagt. Aber ich merke ja nichts, weil meine Gefühle abgespalten sind. Ich nenne das, was der Richter büßen nennt, meine schwere Depression, mit der ich fertig werden muss. Nur sie interessiert mich, nicht das Büßen. Nebenher bemerkt, ich kenne keinen, der hier büßt. Und wer das von sich sagt, ist ein Lügner.