Peter S.
Keller
Keller
Thorsten Bathe

Mit ‘kriminalität’ getaggte Artikel

Bizarre Romantik des Bösen

Donnerstag, 09. Juli 2009

Nur wenn die Verbundenen einander unter Abwesenheit von Schuld glauben und handeln, lieben sie auch. Sonst nicht. Zwei Liebende, die nachts am See verschlungen sitzen, glauben beim jeweils anderen an das Gute. Das ist die wahre, zärtliche Romantik. Für sie und für mich, gibt es nicht das Schlechte oder die Schuld. Es gibt streng genommen und weiter geführt im Leben sowieso keine Schuld, sondern nur Konsequenzen. Das habe ich von Nietzsche gelernt. So ist es im Leben. Wir Menschen müssen kausal denken. Wer Schuld hat, muss büßen. Strafe muss sein, sagt schon der Reim. Das ist die kürzeste Straftheorie, die ich kenne. Wer mir die Schuld gibt für mein Handeln, der liebt mich nicht.

Ich war früher subversiv rituell romantisch im Bereich des Bösen. Das liegt daran, dass ich das eigentlich Schlechte naturalistisch als gut umdeutete. G.E. Moore hat dieses Phänomen dargestellt.

Es handelt sich dabei um einen naturalistischen Fehlschluss, wenn ich das gut finde, was sich gut anfühlt. Dir ist so etwas doch auch nicht fremd, falls Du es toll findest, dass ich weggesperrt bin. Ansonsten bist Du ein Romantiker. Wie schön. Fühlt es sich für Dich gut an, wenn Du weißt, dass so ein gemeiner Schuft wie ich in einem Drecksloch für Jahre weggesperrt ist? Das wäre dann dein naturalistischer Fehlschluss.

Ich konnte, als ich Böses tat und das verklärte, um mein Ziel zu erreichen, meine Gefühle kontrolliert abschalten. Ich war dann ein anderer, der bösere bessere Mensch, der Böseste unter den Bösen, besser. Aber ich blieb naturalistisch dabei gut. Diese Art, der damaligen Strebung, nenne ich eine rituelle böse subversive Romantik. Du kannst es auch schlicht formulieren: Es ist die fehlgeleitete Sehnsucht auf einer romantisch verklärten Lebenswiese. Schon wieder bizarre Romantik?

Die Menge Cannabis erfuhr ich vom Richter

Montag, 16. März 2009

Ich dachte nicht, dass ich einmal im Knast landen würde. Ich war eine ganz normale Mama, wie die von nebenan. Meine Ehe ging damals den Bach runter und ich musste ganz schnell eine Wohnung für meine Kinder und mich finden.Nachdem ich 15 Jahre Hausfrau und Mutter war, blieb mir nichts anderes übrig als der Weg zum Sozialamt. Dort wurde ich dann richtiggehend “verarscht”.
Erst wurden Zusagen gemacht und dann rechneten sie herum und letztendlich gingen wir leer aus. Die Aussteuerversicherung der Kinder war zu hoch, wir hätten Vermögen hieß es. Dass diese nicht zu kündigen war und erst mit dem 18. Lebensjahr der Kinder ausgezahlt werden würde, hat nicht weiter interessiert. Nur dass wir in unserem Kühlschrank gähnende Leere fanden und nur allein mit Miete und sonstigen Unkosten schon 50 Miese auf dem Konto.Mein Versuch zu arbeiten, wurde durch meine Mutter vereitelt. Ich hatte mich selbständig gemacht und mit gutem Umsatz Staubsauger verkauft. Doch als meine Mama an Lungenkrebs erkrankte, konnte ich nichts mehr verkaufen, nicht mal mehr ein einziges Stück. Ich begann, sie zu pflegen.
“Gute” Freunde halfen hier und da aus. Das brachte mich in Verlegenheit, ich fühlte mich verpflichtet und schon war ich in die Misere hineingeraten.
Ich fuhr deren Wagen mehrmals für sie oder fuhr mit. Welche horrenden Mengen Cannabis dabei transportiert wurden, erfuhr ich erst vom Richter. Auf meiner Anklageschrift stand Beihilfe zum Schmuggel von fast einer Tonne Cannabis!

Human im Vergleich zu anderen Ländern

Dienstag, 10. März 2009

Durch Fernsehsendungen, wie z. B. “Frauenknast” wird eine ganz andere Sicht des Knastlebens verbreitet. Wahrscheinlich ist es deshalb kaum zu glauben, wenn einem die Realität vor Augen geführt wird. Meine kleinen Tagebucheinträge werden euch vielleicht näher an die Wahrheit führen. Allerdings muss ich einschränken, dass ich in einem Gefängnis saß und nur das schildern kann, was ich erlebt habe. In anderen Haftanstalten mag es ganz anders zugehen.
Bei uns gab es kein öffentliches Telefon auf dem Gang. Meinen ersten Anruf habe ich nach einem ganzen Jahr Gefängnis genehmigt bekommen. Das soll in anderen Bundesländern ganz anders sein. Auch von Haftanstalten mit Ratten in den Kellerzellen habe ich gehört, von Gemeinschaftszellen mit WC im Haftraum und von Hafträumen ohne eigenen Lichtschalter. Wobei sich das alles noch ganz human anhört im Gegensatz zu der Situation in manch anderen Ländern.
Die Vollzugsbeamten sind auch nicht alle korrupt, sondern manchmal sogar freundlich, meist jedoch neutral. Die Beamtin mit dem Schaschlikspieß hatte wahrscheinlich richtige Angst bekommen, dass ich ihre Karriere ruiniere, mit meiner Beschwerde. Wie gesagt, bemerkte ich, dass sie sich danach für mich oder allgemein für die Belange der Gefangenen einsetzte.
Und wer da noch so im Gefängnis landet ist überaus interessant: Sehr viele Frauen wegen Drogendelikten und Eigentumsdelikten. Die jüngste Mitgefangene war gerade volljährig und die älteste über 80. Ausländerinnen, die sich kaum verständigen können. Alle Bevölkerungsschichten und eine Vielfalt der Delikte: Von der Mörderin bis zum Schwarzfahren alles vorhanden.
Morgen werde ich Probearbeiten. Deshalb gehe ich jetzt zu Bett. Gute Nacht!

Arbeiten im Hier und Jetzt

Mittwoch, 28. Januar 2009

Nightingale - Pionierin der Krankenpflege - Quelle Wikipedia“Spender des Lebens, gib mir Kraft, dass ich meine Arbeit mit überlegung tue, getreu dem Ziel, das Leben jener zu hüten, die meiner Versorgung anvertraut sind”.

Grenzgängertum, Todessehnsucht und das konsequente Sich-zu-Grunde-richten umgeben mich täglich. Im Konsumraum assistiere ich dabei und auf der Straße schaue ich zu. In gewisser Weise. Das ist ein krasser Gegensatz zu Florence Nightingales idealistischer Diktion. Die Pionierin der Krankenpflege schreibt:

“Halte rein meine Lippen von den verletzenden Worten, gib mit klare Augen, das Gute der anderen zu sehen”.

Ein Hoffnungsschimmer, eine Möglichkeit. Wenn ich mich abwende von den schmerzhaften und aufreizenden Verdrehungen und Verbiegungen, dem Lug und Betrug, dem Gelaber und Gemecker, kann ich in ihnen Komposition, Virtuosität und Kreativität wahrnehmen. Dann spüre ich Charme, Witz und Sympathie und lande geistesgegenwärtig im Hier und Jetzt.

“Gib mir sanfte Hände, ein gütiges Herz und eine geduldige Seele. Dass durch deine Gnade Schmerzen gelindert werden, kranke Körper heilen, Gemüter gestärkt werden, der Lebenswille wieder wachse”.

Das Hier und Jetzt ist alles, was während meiner Arbeit zählt. Ich höre zu, ich höre weg. Ich helfe beim Suchen der Vene, ich lasse stochern. Ich tröste Händchen haltend und reglementiere lautstark und endgültig. Durch mich und die Atmosphäre, die ich in dem jeweiligen Setting generiere, öffnen sich viele Klienten. Ich konfrontiere sie und mich mit ihrer und meiner Lebenssituation. Und dann suchen wir Ansatzpunkte für Wege aus dem Kreislauf von Sucht, Beschaffungskriminalität und Obdachlosigkeit. Manchmal gelingt es, manchmal nicht.