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Mit ‘krankenversicherung’ getaggte Artikel

Bittere Pillen für Axel

Freitag, 06. März 2009

Gleich morgens rufen wir im Krankencontainer des Ostparks an: “Hat Herr N. vergangene Nacht bei Euch geschlafen?” – “Nein”, kommt die ernüchternde Antwort. Und dann erfahren wir, dass auch Axel am Abend zuvor nicht die Möglichkeit einer übernachtung im Bett gewählt hat. Kurz nachdem die Kolleginnen ihn zu dieser Unterkunft gefahren haben, muss er sich wieder in Bewegung gesetzt haben – trotz seines hoch entzündeten Beines.

“Was geht nur in so einem Menschen vor?”, denke ich bei mir.
Doch für langes Philosophieren ist heute Morgen keine Zeit, das Wartezimmer ist
schon halb voll. Im Team sprechen wir uns ab: “Wer fährt denn mal in die
Tagesstätte?” – einer der Orte, die Axel so “anläuft”. Heute übernimmt Thomas
die Tour. Und tatsächlich, im Laufe des Vormittags trifft er auf Axel und fährt
ihn zur Behandlung in die Straßenambulanz.

Axel hat Glück: die Entzündung im Bein scheint sich nicht
weiter nach oben ausgebreitet zu haben.
Aber noch ist sein linker Fuß doppelt
so dick geschwollen wie der rechte und die Haut ist an mehreren Stellen mit
kleinsten Geschwüren belegt. Wieder tun wir das Nötigste und ich erkläre Axel
erneut, warum er sein Bein hoch lagern muss, warum er Tabletten braucht und
sicherlich bald auch eine Krankenversicherung. Er hört mir geduldig zu,
schluckt die Pillen, die ich ihm geben muss. Ob er sie auch innerlich schluckt?

Ich lasse nichts unversucht, denn er ist schwer krank: Eine Pflegekraft begleitet Axel
zur Besprechung mit der Sozialarbeiterin der CASA 21, in der Beratungsstelle schräg
gegenüber. Dann fährt Angela ihn zunächst wieder zur Tagesstätte. Hier wird
Axel mit Verpflegung “eingedeckt” und wieder in den Krankencontainer gefahren.
Hoffentlich heute kein vergeblicher Akt!

Was alleine kommt, geht nicht von alleine

Donnerstag, 05. März 2009

Leider kam Frau P. heute nicht wie verabredet in die Sprechstunde, um nach ihrem Bein schauen zu lassen. Offenbar war ihr die gestrige Behandlung doch zuviel! Bleibt nur die Hoffnung, dass Kollege Peter sie bei seiner nächtlichen Abendrunde mit dem Ambulanzbus durch die Stadt antrifft. Ich gebe ihm, bevor ich heimfahre, noch schnell eine kurze Beschreibung unseres seltenen Gastes: mittelgroß, dunkle Jacke und Wollmütze, graue Haare und “dicke Beine”. Besonderes Kennzeichen: Plastiktüte, voll gestopft mit Unrat. Und während ich ihm das alles aufzähle denke ich mir: So eine Beschreibung trifft nun auch wieder auf andere “seltsame Gestalten” in dieser Stadt zu. Hoffentlich findet Peter Frau P. und kann sie zu einer erneuten Behandlung hier bei uns oder eben draußen im Bus motivieren.

Ein dickes Bein, das war auch für Axel (47) heute der Grund, sich mal wieder blicken zu lassen. Schon seit Jahren lebt er vom Flaschen sammeln. “Das genügt mir zum Leben”, sagt der wortkarge, fast zwei Meter große Mann. Um eine Krankenversicherung oder regelmäßige Bezüge will er sich einfach keine Sorgen machen. “Ich bin doch nicht krank”, meint er. Und auf die Frage, warum er mit seinem hoch entzündeten und stark geschwollenen Bein erst heute, also nach fünf Tagen (!) kommt, sagt er nur trocken: “Das ist von alleine gekommen, und ich hab’ gedacht, das geht schon wieder weg!”

Aber ohne Beinhochlagerung, ohne Salbenverband und ohne Antibiotika wird aus seiner Vorstellung sicher nichts. Ich versuche ihm das zu erklären. Axel hört schweigend zu. Ich erwäge auch eine Krankenhauseinweisung. Aber ohne Krankenversicherungsschutz ist die Wahrscheinlichkeit für Axel hoch, mit diesem Befund noch einmal abgewiesen zu werden. So entschließe ich mich zur Zwischenlösung und biete ihm ein Bett in der übernachtungsstelle Ostpark an. Hier dürfen wir ganzjährig eines von zwei Betten in einem Krankencontainer mit eingebauter Dusche und Toilette belegen.

Axel willigt sofort ein. Er hat schon lange nicht mehr in einem richtigen Bett geschlafen. Theresia, die Krankenschwester und eine Krankenpflegeschülerin werden ihn mit dem Bus dorthin fahren. Morgen müssen wir wieder nach ihm schauen. Ich hoffe, Axel überlegt sich allmählich auch, die Hilfe der Sozialarbeiter anzunehmen! Nur so kann es für ihn Aussicht auf “Normalität”, regelmäßige Bezüge und vor allem kontinuierliche Gesundheitsfürsorge geben. Aber vermutlich denkt Axel darüber ganz anders als ich.

Bloß nicht krank werden

Mittwoch, 04. März 2009

Es gibt Tage, da frage ich mich abends: “Was haben wir heute wirklich bewirken können?” Und ich denke an die sechs ausländischen Patienten ohne Krankenversicherung. Als Touristen sind sie eingereist, in der Hoffnung auf ein besseres Leben hier bei uns. Nun schlafen sie draußen oder auf engstem Raum mit anderen Kumpels. Falls jemand von ihnen krank wird, gibt es für sie keine Sicherung. Pawel (48 Jahre) hatte nicht damit gerechnet, dass er für seinen letzten Job als Maler keinen Lohn erhielt und das, obwohl er “sauber gearbeitet” hat, wie er sagt.
Um sich weiter über Wasser zu halten, jobbte er die letzten Tage auf einem Bau, schleppte schwere Lasten, auch mit seiner linken Schulter, die vor Jahren schon einmal operiert werden musste. Pawel trinkt nicht und drückt sich gewählt aus. Nun bekommt er den linken Arm nicht mehr hoch. Die Schulter ist sehr schmerzhaft und geschwollen. Geld für einen Arzt hat er nicht. Kumpel verwiesen ihn auf die Straßenambulanz.
Ich untersuche ihn und kann ihn schließlich nach Telefonaten an einen hilfreichen Chirurgen in der Nachbarschaft vermitteln. Zuvor erhält Pawel noch Schmerzmittel und einen Begleitbrief, denn der Kollege wird ihn auch ohne Bezahlung untersuchen und behandeln. Wie gut!

Wann ist ein Notfall ein Notfall?

Donnerstag, 26. Februar 2009
Mitten in der Sprechstunde ruft Tanja (23) an. Sie ist außer sich, weil es ihrer Freundin Sonja (24) nicht gut geht. “Ich habe schon drei Mal den Notarzt angerufen, aber der kommt einfach nicht!”, klagt sie am anderen Ende der Leitung. Beide sind mir aus flüchtigen Begegnungen hier in der Ambulanz bekannt. Zusammen mit sieben anderen jungen Erwachsenen leben sie in einer Wohngemeinschaft am Rand der Stadt. Keine abgeschlossene Schulausbildung, kein Job, kein gesichertes Einkommen.
Tanja hatte sich vor einigen Monaten den Arm verletzt und musste chirurgisch behandelt werden. Inzwischen ist sie wieder krankenversichert. Ihre Freundin Sonja hat die Wege zu den SozialarbeiterInnen noch nicht geschafft. Sie reist im Land umher und weiß noch nicht, wie lange sie bleiben will. Vor drei Wochen kam sie zusammen mit Tanja in die Ambulanz. Sie hatte eine schwere Erkältung und einen Magen-Darm-Infekt.
“Jetzt geht es ihr ganz scheiße!”, ruft mir Tanja durchs Telefon zu. “Was soll ich machen? Sie kann nicht zu ihnen kommen. Sie ist zu schlapp und außerdem muss sie ständig erbrechen und Durchfall hat sie auch. Aber es kommt ja keiner! Dabei habe ich dem Notdienst nicht einmal gesagt, dass Sonja nicht versichert ist!”
Ich höre mir die Notlage an und verabrede mit Tanja, sie und ihre Freundin in ca. zwei Stunden nach dem Ende der Morgensprechstunde aufzusuchen. Doch dazu kommt es erst gar nicht: Eine halbe Stunde später ruft Tanja erneut an und lässt ausrichten, dass ich nicht mehr kommen muss. Sonja habe begonnen, Blut zu erbrechen, jetzt sei der Krankenwagen endlich unterwegs. Ich muss nicht mehr hinfahren.

“Alle haben was gegen mich”

Donnerstag, 26. Februar 2009

“Unser Ziel ist die Rückführung der kranken wohnungslosen Menschen in die medizinische Regelversorgung” – so haben wir es in die Konzeption der Elisabeth-Straßenambulanz geschrieben. Es gibt Tage, da scheint dieses Ziel in weite Ferne gerückt! Zum Beispiel, wenn Radi, der 56-jährige insulinpflichtige Diabetiker jetzt, da er endlich wieder den Weg in den Bezug des Arbeitslosengeldes II gefunden hat und einen Krankenschein erhält, zum x-ten Mal den Arzt wechseln will.
“Alle sind nicht gut”, schimpft er erregt im Raum. “Die haben was gegen mich gehabt!” Sogleich folgt eine nicht enden wollende Flut wüster Beschimpfungen auf “die da” und “den beim Amt”, die ihm “alle Unrecht tun”. In der Tat hat Radi “Probleme mit der Justiz” gehabt. Unter seinen zahlreichen Papieren, die er mit sich herumträgt, finden sich ältere Schreiben von einem Rechtsanwalt. Der Anwalt “habe nichts getaugt”, ereifert sich Radi weiter. “Ich muss selbst für mein Recht kämpfen!”
Als ich ihn bitte, den bisherigen Internisten wieder aufzusuchen, damit sein Insulin besser eingestellt werden kann, weigert er sich. Umständlich zieht er den Prospekt eines niedergelassenen Allgemeinmediziners heraus, der auch Homöopathie anbietet und verlangt eine überweisung dorthin. Die kann ich ihm als Allgemeinmedizinerin jedoch nicht ausstellen und versuche Radi ruhig zu erklären, dass er beim Wechsel in eine neue Praxis damit rechnen muss, die zehn Euro Praxisgebühr zu bezahlen. Das ist zuviel für ihn. Erneut schimpft Radi los: “Wieso soll ich bezahlen? Die Krankenkasse muss mir bezahlen, die haben kein Recht dazu, noch mehr Geld von mir zu verlangen…!”
Ich spüre, heute kann ich Radi nicht zur Einsicht in die Auflagen unseres Gesundheitssystems bewegen. Er verlässt nach wenigen Minuten wieder das Sprechzimmer, verabschiedet sich dabei höflich – und ich bin sicher, er wird zurückkommen, spätestens, wenn er in der nächsten Praxis “Stress bekommt”. Bis zur Behandlung seiner psychiatrischen Grunderkrankung im niedergelassenen Bereich ist es noch ein langer Weg, trotz vorhandener Krankenversicherung.

Wie Herr X. in den Mühlen der Reformen untergeht

Freitag, 20. Februar 2009

Heute bekomme ich erneut Post von einer großen gesetzlichen Krankenkasse. Es bleibt bei der Aufforderung, die Kosten in Höhe von knapp 1.000 Euro zu begleichen, für die ich Medikamente für Herrn X. im Oktober 2007 verschrieben habe. Meine Befürchtung bestätigt sich: Es wird ein mühsamer Prozess der Klärung anstehen. Was ist geschehen?
Im Juli 2007 wurde Herr X. aus einer psychiatrischen Klinik aus Süddeutschland nach längerer Behandlung entlassen. Er ist schwer psychisch erkrankt. Und – das ist nicht die Regel – er will sich weiter medikamentös behandeln lassen. Herr X. wollte wieder nach Frankfurt, dem Ort, der ihm aus früheren Jahren bekannt und vertraut ist.
So riefen die Klinikärzte bei uns an und baten um Mithilfe, denn: Herr X. besaß trotz Klinikaufenthalt zu diesem Zeitpunkt keinen Krankenversicherungsschutz. Aber er brauchte regelmäßig und nahtlos seine Spritzen und Medikamente, wollte er nicht erneut als Notfall in einer psychiatrischen Klinik landen. Schon gleich beim ersten Kontakt in unserer Straßenambulanz, vermittelte ich ihn an die Sozialarbeiter der CASA 21 (Caritas Aufsuchende Sozialarbeit Allerheiligenstraße 21).
Diese verhalfen Herrn X. zu einer vorübergehenden Unterkunft in einem Wohnwagen auf Kirchengelände (Wohnwagenprojekt). Außerdem boten sie ihre Hilfe an bei den unzähligen Prozeduren zur Beantragung von Arbeitslosengeld (ALG) II, Neuanmeldung bei der Stadt, Klärung der Krankenversicherung. Herr X. konnte weder gut schreiben, noch alles gut verstehen.
Ein Versuch, ihn gleich in die so genannte Grundsicherung (Sozialhilfe nach dem SGB XII) zu vermitteln, scheiterte an den Gesetzesauflagen und Vorschriften der Behörden und ämter: “Erst muss eine Ablehnung durch das Jobcenter erfolgen, dann können wir als Sozialamt mit der Prüfung unserer Zuständigkeit beginnen”.
Ob und wie ein Mensch in diesen übergangszeiten krankenversichert ist, interessiert nur wenige in der Stadt! Da helfen auch keine Eilanträge! Ebenso muss aber auch zunächst geprüft werden, ob Herr X. rechtmäßiger Empfänger von Hartz-IV-Leistungen sein kann. Ja und dann ist natürlich zu klären, bei welcher Krankenkasse er versichert werden kann. Es muss ja jene sein, bei der er zuvor am längsten versichert war.
Zu dumm, Herr X. konnte es nicht genau sagen. Fälschlicherweise wurden die vom ALG einbehaltenen Krankenkassenbeiträge zunächst bei der falschen Kasse eingezahlt. Und die anschließend von ihm gewählte Krankenkasse erhielt angeblich nie seine Anmeldung. Gleichwohl schickte sie dem Sozialarbeiter und mir eine Mitgliedschaftsbescheinigung für den Fall einer Anmeldung. Heute – fast zwei Jahre später – muss ich bei meinen Recherchen feststellen: Vermutlich erfolgte nie eine formale Anmeldung durch das Jobcenter, obwohl Beiträge abgeführt wurden! Wohin und an wen? Wieso sollen wir nun die Kosten tragen?
Fest steht: Ich hätte Herrn X. wieder mit seinen teuren Medikamenten versorgt! So konnte er wenigstens einige Monate stabil und beschwerdefrei seinen Wohnwagen bewohnen und ein fast normales Leben führen. Ich hätte vielleicht gleich die Spendengelder dafür nehmen sollen – aber dann hätte man ihm auch die abzuführenden Krankenkassenbeiträge auszahlen müssen. Ungeklärte Fälle wie Herr X. sind leider kein Einzelfall. Irgendetwas läuft schief bei all den Reformen!