Thorsten Bathe
Rainer S.
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Thorsten Bathe
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Mit ‘junkie’ getaggte Artikel

Verschwende deine Jugend

Donnerstag, 30. Juli 2009

Leeres Krankenbett © poco_bw - Fotolia.comGlück lässt sich bekanntlich nicht erzwingen, doch heute zeigt sich Fortuna gnädig. Sie vermacht uns Theo. Ich bin mit meiner Kollegin unterwegs, als wir ihn zwischen den Taxen auf dem Bahnhofsvorplatz antreffen. Er wiegt sich vor und zurück und brabbelt in einer Sprache, die nur er kennt. Seine Augen sind zwar geöffnet, aber bei genauerer Betrachtung geschlossen wie ein Geschäft nach Ladenschluss, das gespenstisch aussieht ohne Licht. (weiterlesen…)

Richtigstellung

Freitag, 10. Juli 2009

Zum Artikel vom 7. Juli. Stolz auf meine Underdogs? OK, ich ziehe mir einen den Schuh an – Underdog. OK, ich sehe es so, dass viele Leute, Junkies als Müll ansehen, egal, ob die clean sind oder druff. Ex oder Hopp – Underdogs. OK, kann schon mal vorkommen, dass ich dann “wir Underdogs” sage. Aber “meine Underdogs”… ne, ne, die überschrift gefällt mir nicht. Nicht, dass ich mich über die überschrift aufrege, aber ich will es richtigstellen.

Eine Studentin die zum Thema Drogenabhängigkeit, ihre Bachelor-Arbeit machte, hat mich vor einiger Zeit dazu interviewt. Heute hat sie mir die Auswertung dieses Interviews gegeben. Sie hat da eine gute Arbeit gemacht, und als ich fragte wie ihre Bachelor-Arbeit bewertet wurde sagte sie, dass sie mit 1,0 benotet ist. Freut mich für sie. Und es freut mich, wenn ich etwas beitragen konnte.

Die alte Falle

Montag, 29. Juni 2009

Wenn ich im Rahmen einer Therapie etwas von meinem Besuch bei Ba gesagt hätte, hätte das sicherlich einige Einzelgespräche nach sich gezogen. Doch der Besuch bei Ba war nicht alles. Ich habe noch deutlich einen drauf gesetzt: Um für die anstehende Reparatur des Mühlrades mein Schweißgerät zu holen, bin ich mit dem Auto nach Detmold gefahren. Da ich früher fertig war als geplant, und noch Zeit bis zu meiner Verabredung blieb, dachte ich, ich fahr mal bei Raske vorbei. Er ist bekennender Heroin- und Alkoholabhängiger. Bestimmt seit 25 Jahren. Er hat nicht eine stationäre Entgiftung, geschweige denn eine Therapie gemacht.

Wieso ich auf den Trichter gekommen bin, ihn zu besuchen? Schon vor einiger Zeit habe ich von Micha gehört, dass Raske angefangen hat zu schreiben. Das interessiert mich und ich habe schon öfter daran gedacht, es würde mich reizen eine Collage aus erlebten Kurzgeschichten zusammenzutragen. Raske könnte da einiges beitragen. Klar weiß ich, dass so mancher Therapeut da die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden. Klar weiß ich auch, was die meinen, wenn es darum geht sich abzugrenzen, Gefahren aus dem Weg zu gehen, nicht mit dem Feuer zu spielen.

Aber das ist keine Therapie, die ich im Augenblick mache. Vor einiger Zeit, mit Zahnschmerzen auf dem Bahnhof von Amsterdam rumzusitzen, das hätte mich schon überwindung gekostet nein zu sagen. Raske zu besuchen, das Shoreblech vor ihm auf dem Tisch, nein das hat mich keine überwindung gekostet.

Aber ich weiß, dass ich mich nicht allzu lange dieser Aura aussetzen will. Eine Aura die einlädt, mal die Füße auszustrecken, zu plaudern – sich zuhause zu fühlen. Die alte Falle. Die andere Falle ist, sich im eigenen Leben nicht anwesend zu fühlen. Das heute war eine Sache, die ich wollte.

Nicht nur der Besuch bei Raske und Ba haben heute Erinnerungen in mir wachgerufen. Wenn ich mit dem Auto oder auch mit dem Zug unterwegs bin, kommen mir oft Erinnerungen ins Bewusstsein. War nicht gerade wenig heute. Aber ich merke, mit diesem Tag bin ich ganz zufrieden.

Notate eines hauptberuflichen Menschenverstehers I

Freitag, 29. Mai 2009

11.05.09
Gerenne und Gequatsche – der Tag so aufregend wie ein Stapel schmutziges Geschirr. Zu bewältigen zwar, aber wo bleibt die gute Laune? Alles so beiläufig und normal. Die Lektüre von Chateaubriand der einzige Thrill zwischendurch. Und das war auch noch ein fiktionaler.

“Augenblicke der Krise bewirken eine Steigerung der Lebenskräfte” (Francois-René De Chateaubriand)

13.05.09
Wir sitzen in der Nachbesprechung kuschelig zusammen, zu neunt verteilt auf fünf Sitzgelegenheiten. Kollegiale Beschreibungspower ohne Punkt und Komma. Abschließend fordert der Sozialarbeiter: “Erzähl doch jemand noch was Lustiges.” Antwortet die Praktikantin: “Dieses Büro”. Wahrheit oder Witz, wer will das schon wissen?

“We’re just ordinary people, we don’t know which way to go” (John Legend)

19.05.09
Große Nachfrage, viele Gespräche unterwegs. Monika lästert über Lenas lackierte Fußnägel. Die berichtet mir ausführlich von ihrer Pediküre. Und ich frage mich: Wo ist das Heilige im profanen Reich der Süchtigen?

“Junkies brauchen keine Fußpflegerin. Es gibt bei ihr nichts, was sich zu klauen lohnt. Wie viel kann man schon für eine Schachtel Hühneraugenpflaster und Warzensalbe rausschlagen?” (Mark Billingham)

22.05.09
Ein Leben ist ja dann interessant, wenn es viel Glück enthält, und auch ein bisschen Schmerz. Aber wie interessant ist erst ein Leben, in dem der Schmerz überwiegt? Wenn ich mir Karl-Heinz vor Augen führe, kenne ich die Antwort: gar nicht.

“Because when the smack begins to flow I really don’t care anymore” (The Velvet Underground)

27.05.09
Wieder Gerenne und Gequatsche. Aber bevor ich mich im deskriptiven Leerlauf ergehe, zu dem Tag heute nur soviel: gut überstanden. Gleiches gilt übrigens auch für meinen Kater Hubert.

“Von einer Katze lernen, heißt siegen lernen. Wobei siegen locker durchkommen meint, also praktisch: liegen lernen” (Robert Gernhardt)

Junkies sind doch Weicheier

Montag, 25. Mai 2009

Im Augenblick komme ich kaum dazu zu schreiben. Auch anderen Dingen lasse ich zu wenig Raum. Der Tag gestern hat mich daran erinnert. Ich habe an einem Seminar als Dozent mitgewirkt. Sowohl die Hauptdozentin wie auch eine Teilnehmerin haben in mir den Gedanken geweckt, dass es ja doch auch ganz nett sein könnte eine Beziehung zu haben. Gestern war ein wirklich netter Arbeitstag.
Arbeit. Für die nächste Woche habe ich einen ganz langen Zettel. In dieser hatte ich den Vorsatz überstunden abzubauen und dabei 6 überstunden gemacht … Ich bin noch immer am Husten, wollte heute Nachmittag zum Arzt. Vielleicht nächste Woche.

Auch habe ich schon seit ein paar Tagen eine Aussage aus einem Eintrag von Thorsten B. im Kopf.
Das Gefängnis reißt Menschen die Maske vom Gesicht. Hinter Gittern kann man sein wahres Selbst nicht verbergen. Man kann nicht nur so tun, als sei man hart. Man ist es, oder man ist es nicht. Und jeder weiß Bescheid. Das sind meine Gedanken, wenn ich Gerhard dort besuche. Wenn ich ihn nach unseren Gesprächen wieder verlasse, ist mein Fazit: Er hat die verriegelte Zeit in Haft nicht vergeudet.

Da ich selber ja nur 24 Stundenkontakte mit dem Strafvollzug habe, habe ich mich noch mal mit jemanden unterhalten, der auf zehn Jahre kommt. Ich habe einige Leute kennen gelernt, die da reichlich Erfahrungen haben, und die sagen, wie mir auch meine Lebenserfahrung sagt, so was ist Quatsch.

Und es regt mich schon auf. Genau dieser Quatsch schwebt über der Drogenszene. Viele versuchen da mitzuhalten und machen ständig auf dicke Hose, um dann im Knast eine ganz kleine Nummer zu sein. Wenn jemand sagt, man muss sich gerade machen, dann weiß ich, was der meint. Und mitunter ist das dann auch hart.
Fazit: Ich kenne solche Sprüche und denke mir, du Blender. Es ist mehr ein Thema aus dem Jugendstrafvollzug. Im Normalvollzug und bei Langstrafen setzt da doch so etwas wie Verstehen ein. Oft hört man: Dieses (oder jenes) Verhalten ist Bestandteil des Krankheitsbildes eines Suchtkranken. Drogen machen einen zum Junkie. Aber es gibt genug Junkies, vor denen ich Respekt habe.

Klischees machen es einem Arschloch leicht zum Superarschloch zu mutieren. Ich will nicht sagen, dass Gerhard ein Superarschloch ist, aber in der Selbsthilfegruppe würde ich sagen: “Lass mal stecken, die Storys kenne ich und wie wir beide wissen, sind Junkies doch Weicheier.”

Den nächsten Abzock immer in Planung. Egal ob Zigaretten, Spirituosen, Markenklamotten, Laptops oder Navis.

Lieber Gerhard, solche Leute nennt man doch Eierdieb. Woran hapert es? Doch nicht so hart oder etwa ganz schrecklich blöde? Ich hasse dieses dümmliche Silberrückenklischee. Wenn der Knast einem die Maske vom Gesicht reißen würde, wäre es die beste Form von Therapie.

Leben im Konjunktiv

Freitag, 15. Mai 2009

Licht durchflutet die Siebluft ©  LOU OATES - Fotolia.com“Wenn ich könnte, wie ich wollte …” – diesen Konjunktiv wünscht sich Gerhard genauso wie viele andere auch. Vor seinen zahlreichen Inhaftierungen war er für die bürgerliche Welt ein verdreckter und unansehnlicher Junkie. Den nächsten Abzock immer in Planung. Egal ob Zigaretten, Spirituosen, Markenklamotten, Laptops oder Navis. Mit den Augen des Sozialarbeiters habe ich jedoch auch die Ziselierungen gesehen, die nach vorsichtigem Reiben allmählich zum Vorschein kamen.

Gerhard ist seit fast 20 Jahren heroinabhängig, mehr als die Hälfte dieser Zeit hat er in verschiedene Haftanstalten verlebt. “Meine Siebluft-ära”, nennt er diese Jahre. Seine Augen seien mittlerweile “vergittert”. Aber er habe die Abläufe drinnen schnell gelernt: Dass nicht lange geredet wird. Ein Fausthieb schneller ist als ein Wort. Wer Recht hat, nicht in freundlichen Diskussionen geklärt wird. Und wie er alles andere bekommt, was er bekommen möchte. “Auch Aufseher sind nur Menschen, mit Vorlieben und Schwächen”, erklärt er mir.

Leere kann auch ausfüllen

Das Gefängnis reißt Menschen die Maske vom Gesicht. Hinter Gittern kann man sein wahres Selbst nicht verbergen. Man kann nicht nur so tun, als sei man hart. Man ist es, oder man ist es nicht. Und jeder weiß Bescheid. Das sind meine Gedanken, wenn ich Gerhard dort besuche. Wenn ich ihn nach unseren Gesprächen wieder verlasse, ist mein Fazit: Er hat die verriegelte Zeit in Haft nicht vergeudet.

Heroin nimmt dir alles und gibt dir nichts. Doch das Nichts, das es dir gibt, diese Leere bar jeder Gefühle, ist manchmal das Einzige, was man noch haben will.” Ich bin von der Klarheit seiner Ausführungen beeindruckt. Die verkorkste Jugend, der Zerfall der Familie, das Abrutschen in die Kriminalität und das Elend des Junkie-Daseins – nachvollzogen und aufgearbeitet. Leider kann ich das nur selten bilanzieren. Vor Gerhard aber liegt das Leben bald im Konjunktiv.