Thorsten Bathe
Rainer S.
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Thorsten Bathe
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Thorsten Bathe

Mit ‘heroin’ getaggte Artikel

Happiness is a warm gun

Mittwoch, 09. September 2009

Jeffrey Le PierceManchmal träume ich von meiner Freundin und von Jeffrey Lee Pierce. Wir drei sind wieder im Leben vereint. Nicht in New York, London, Paris, Amsterdam, Hamburg oder Köln, sondern im Sauerland. Pierces Band The Gun Club gastiert ausgerechnet im beschaulichen Arnsberg mit einem halbwegs aufgeräumten Jeffrey Lee on stage und blauen Tour-Shirts am Merchandising-Stand. Der Sänger und Gitarrist war, wie viele meiner Klienten auch, ein verwegener Drogenvernichter. (mehr…)

Als no future keine These war

Dienstag, 08. September 2009

NO FUTUREMein letzter Eintrag hat scheinbar Fragen aufgeworfen. Ich wurde darauf angesprochen. War der Rückblick ein Rückblick? Ja, war es. Es ist der Rückblick in eine Zeit, in der für mich no future keine These war. Ein Rückblick auf den Gedanken einer Lebenserwartung von 21 Jahren. Heute weiß ich: So einfach ist die Sache nicht. Und heute sehe ich nicht mehr so stark schwarz-weiß. (mehr…)

Videos aus einer anderen Welt

Montag, 07. September 2009

03.09. :
Ich blättere in meinen Gedanken wie in einem langweiligen Buch. Diese Woche? Letzte? Einige Bilder laufen vor meinem inneren Auge ab. Kurze Spots. Ich zappe in meinen Erinnerungen und finde gerade nichts Bemerkenswertes. Doch dann erinnere ich mich an einen Silvesterabend vor vielen Jahren. (mehr…)

Ein Engel mit gebrochenen Flügeln

Freitag, 24. Juli 2009

Diese Trompete lässt mich aufhorchen. Einen Moment lang glaube ich, dass der Geist Chet Bakers in den Körper des Musikers geschlüpft sein muss, der gerade in der Kölner Fußgängerzone spielt. Ich bin mir sicher, dass ich Chets einmaligen Sound höre: ansatzlos und schwebend. Die Trompete muss aus dunklem Samt sein. “Is klar, und das Ozonloch ist eine Vorbereitung auf die Wiederkehr von Jesus Christus”, ermahne ich mich zur Vernunft.

Doch die Klänge lassen mich nicht los. Ich treffe zwar Tina beim Schnorren und unterhalte mich ein bisschen mit ihr. Doch vor mir sehe ich Chet Baker im Dortmunder Jazzclub Domizil, spüre wieder die Aufregung. Wie hatte ich diesen Abend 1987 herbeigesehnt. Obwohl ich zu der Zeit besonders den Gitarrenkrach amerikanischer SST-Bands schätzte, hat mich der lyrische Jazz von Chet auch immer begeistert. Und vor allem seine Lebensgeschichte.

Chet Baker war gut aussehend und talentiert, aber auch rastlos und süchtig. Seine Heroinsucht ließ ihn seit den 50er-Jahren weltweit zur Symbolfigur bürgerlicher Vermutungen über zwangsläufige Zusammenhänge zwischen Jazz und Rauschgift werden. Nach jahrelangen Demütigungen, Haftstrafen, Heilungs- und Comebackversuchen wurden ihm 1968 bei einem Streit unter Fixern fast alle Zähne ausgeschlagen. Für einen Trompeter die Höchststrafe. Danach lebte er mehrere Jahre von der Wohlfahrt, bevor ihm nach einer erneuten Entziehungskur und hartem Training in den 70ern der Wiederaufstieg gelang.

Ich setzte mich damals direkt an den ersten Tisch, denn das Domizil hatte keine Bühne. Und dann stand Chet im Scheinwerferlicht. Er hielt die Trompete in der rechten Hand. Sie hing an seinem schmalen Körper herunter. Sein Gesicht war eingefallen. Die Augen in tiefen Höhlen, sie schauten irgendwo in die Ferne. Die langen Haare fettig nach hinten gekämmt. “Don’t change a hair for me. Not if you care for me. Stay little, funny Valentine.” Minutenlang die pure Magie. Tosender Beifall. Ich konnte mein Glück kaum fassen.

Ein großes Glück, wie sich schon wenige Monate später herausstellte. Chet Baker hatte erneut begonnen Heroin, Kokain und Amphetamine zu konsumieren und war wieder voll drauf, als er am Freitag, dem 13. Mai 1988, tot in Amsterdam aufgefunden wurde. Eine Legende besagt, dass er dort des Hotels verwiesen worden war. Weil er aber seine Trompete vergessen hatte, sei er aus Stolz die Regenrinne hochgeklettert und dabei abgestürzt. “Wovon träumst du denn?”, fragt mich Tina irgendwann und schaut mich dabei übertrieben abwesend an. “Von einem Engel mit gebrochenen Flügeln”.

Die alte Falle

Montag, 29. Juni 2009

Wenn ich im Rahmen einer Therapie etwas von meinem Besuch bei Ba gesagt hätte, hätte das sicherlich einige Einzelgespräche nach sich gezogen. Doch der Besuch bei Ba war nicht alles. Ich habe noch deutlich einen drauf gesetzt: Um für die anstehende Reparatur des Mühlrades mein Schweißgerät zu holen, bin ich mit dem Auto nach Detmold gefahren. Da ich früher fertig war als geplant, und noch Zeit bis zu meiner Verabredung blieb, dachte ich, ich fahr mal bei Raske vorbei. Er ist bekennender Heroin- und Alkoholabhängiger. Bestimmt seit 25 Jahren. Er hat nicht eine stationäre Entgiftung, geschweige denn eine Therapie gemacht.

Wieso ich auf den Trichter gekommen bin, ihn zu besuchen? Schon vor einiger Zeit habe ich von Micha gehört, dass Raske angefangen hat zu schreiben. Das interessiert mich und ich habe schon öfter daran gedacht, es würde mich reizen eine Collage aus erlebten Kurzgeschichten zusammenzutragen. Raske könnte da einiges beitragen. Klar weiß ich, dass so mancher Therapeut da die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden. Klar weiß ich auch, was die meinen, wenn es darum geht sich abzugrenzen, Gefahren aus dem Weg zu gehen, nicht mit dem Feuer zu spielen.

Aber das ist keine Therapie, die ich im Augenblick mache. Vor einiger Zeit, mit Zahnschmerzen auf dem Bahnhof von Amsterdam rumzusitzen, das hätte mich schon überwindung gekostet nein zu sagen. Raske zu besuchen, das Shoreblech vor ihm auf dem Tisch, nein das hat mich keine überwindung gekostet.

Aber ich weiß, dass ich mich nicht allzu lange dieser Aura aussetzen will. Eine Aura die einlädt, mal die Füße auszustrecken, zu plaudern – sich zuhause zu fühlen. Die alte Falle. Die andere Falle ist, sich im eigenen Leben nicht anwesend zu fühlen. Das heute war eine Sache, die ich wollte.

Nicht nur der Besuch bei Raske und Ba haben heute Erinnerungen in mir wachgerufen. Wenn ich mit dem Auto oder auch mit dem Zug unterwegs bin, kommen mir oft Erinnerungen ins Bewusstsein. War nicht gerade wenig heute. Aber ich merke, mit diesem Tag bin ich ganz zufrieden.

Notate eines hauptberuflichen Menschenverstehers II

Mittwoch, 17. Juni 2009

04.06.09
Unaufhörlich denke ich: Das kann doch nicht alles sein. Sinn des Lebens, komm heraus, du bist umzingelt! Um es kurz zu machen: Auch an diesem Tag habe ich ihn nicht zu fassen bekommen.
“Das Denken gleicht einem Strom, den man am besten laufen lässt, damit er sich entfalten und wie von sich selbst in unzähligen Verästelungen ergießen kann, die am Ende in einem bewegungslosen, unangreifbaren Punkt zusammentreffen” (Jean-Philippe Toussaint)

08.06.09
Ein Tag wie der metallische Rausch einer Zigarette auf nüchternen Magen. Einfach bäh. Die Lösung ist so simpel wie gerecht: Wenn man nicht weiß, was man will, steht man am Ende mit vielem da, was man nicht will. Das gilt für mich genauso wie für meine Klienten.
“Entscheidungen sind die ‘via regia’, der Königsweg in ein ergiebiges existenzielles Reich – das Reich der Freiheit, der Verantwortung, der Wahl, der Reue, des Wünschens und Wollens”. (Irvin D. Yalom)

09.06.09
Viel Gemecker heute, aber nicht beleidigend. Keine wüsten Beschimpfungen und gemeinen Verwünschungen. Nicht solche massiven Ausfälle sind allerdings die Herausforderung, sondern die permanenten Abwertungen. Gekonnt und präzise angebracht: “Wofür wirst du bezahlt? Mach endlich mal was! Das ist sowieso alles nur deine Schuld!” Da sterben die Minuten nur langsam in Stunden.
“Leben ist Brückenschlagen über Ströme, die vergehen” (Gottfried Benn)

12.06.09
Gedanken im Konsumraum: Immer wieder seltsam, wenn sich geschätzte 25 Jahre JVA Ossendorf wie auf Kommando ihrer Hosen entledigen und mir gestandene Mannsbilder die Allerwertesten entgegenstrecken. Auf die Plätze, fertig, los: Injektion in die Leiste. Diese Choreographie ist bestens einstudiert.
“Ich fände es langweilig, Heroin zu konsumieren. Es nimmt die Wirklichkeit aus allem” (Delacorta)

16.06.09
Umgeben von Elend durchlebe ich den Tag wie ferngesteuert. Schwere und Müdigkeit überfallen mich. Kaum etwas ist schwerer fassbar als das Glück. Wenn ich vom Unglück rede, bin ich auf der sicheren Seite. Den glücklichen Moment scheint es zu geben, aber ein ganzes glückliches Leben? Oder auch nur einen glücklichen Tag?
“Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten” (Rabindranath Tagore)