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Mit ‘hausverbot’ getaggte Artikel

Trotz allem: Gemocht und geliebt werden

Mittwoch, 04. März 2009

Einleitung und Rückblende zum Webblog von Bessy B.
Der erste Gast unserer 1995 eröffneten Drogenhilfseinrichtung war südländischer Herkunft, sehr schmal, mit halblangem, schwarz glänzenden Haaren und forderndem Benehmen. Die Frau ging mit mir ins Büro und stellte sich vor: “Ich komme aus Deutschland, genau genommen aus Köln.”
Immerhin kam sie fortan öfter bis regelmäßig und hatte jede Menge provokative Tests für mich auf Lager: So war er beispielsweise der erste und letzte Gast vor Ort, der mich zwang, die mitten ins Café ragende Klotür bei laufendem Betrieb aus Angst vor einer drohenden (und aus Wut auch angekündigten) überdosis zu öffnen. Nur enthielt die Nadel im Arm nicht Heroin, sondern nichts Schlimmeres als Wasser. Aber noch während meines lautstarken Rauschmisses sah ich dieses Grinsen: “Trotz und wegen der Provokationen gemocht werden”, hieß dieses Spiel und ich hätte es fast verloren. Oder die Story mit der erst geklauten, dann aus Skrupel doch zurück gebrachten Postbotentasche, die letztlich 100 DM Finderlohn brachte…..
Im Grunde gab es 1001 Gründe Bessy rauszuschmeißen, oder zumindest aus der Betreuung zu entlassen. Aber mehr als diese 1001 Gründe wog, wer sie war, was sie tat und warum. Bessy war immer sie selbst, sie wollte gefallen und gesunden, aber auf ihre Art, nicht in einer Therapie, einem Sozialpsychiatrischen Zentrum, einer Klinik…etc. Ich kann sie nicht mehr zählen, meine unzähligen Versuche, Bessy in eine stationäre Therapie zu kriegen, sie in die Entgiftung zu fahren, ihr einen WG-Platz zu sichern, die unzähligen Psychiatriediagnosen zu verstehen, und, und, und.
Jeder Supervision zum Trotz: Bessy wollte nie das, was wir für sie wollten. Nur eins, das wollte sie wirklich: gemocht und geliebt werden, wie sie war – bis heute und auch von mir. Das alles ist mittlerweile 15 Jahre her. 15 Jahre voller Geschichte, Wandel und neuem Begreifen. Zeit also, sie selbst zu Wort kommen zu lassen …

Carmen Dargel
Kontakt- und Beratungstelle Ehrenfeld
SKM Ehrenfeld

Eine Schlägerei mit Folgen

Montag, 09. Februar 2009

In der Nacht auf Freitag gab es eine Schlägerei in unserer Einrichtung. Daraufhin haben wir zwei Leute entlassen. Deshalb kam ich am Freitag nicht dazu, einen Eintrag zu schreiben. Mein Tagesplan war einigermaßen durcheinander. Wir befragten Beobachter und Beteiligte der Schlägerei, trugen die Informationen im Team zusammen, besprachen und verarbeiteten sie.
Mich betraf der Vorfall, weil einer meiner Klienten beteiligt war. Ihn hatte ich erst kürzlich von der Kollegin übernommen, die den Arbeitsbereich gewechselt hat (siehe mein Eintrag vom 2. Februar). Es ist mir aus verschiedenen Gründen schwer gefallen, den Team-Entschluss zu vollziehen. Das lag daran, dass Herr X. und andere ein super Publikum waren und lautstark mitsangen, als ich beim Silvesterdienst meine Martin-Gitarre auspackte. Herr X. hatte auch bei zwei Konzerten meiner Band für Stimmung gesorgt.
In den Gesprächen nach dem Vorfall betonte er immer wieder, dass er sich nur in einer Verteidigungsposition befunden habe und seine Entlassung ungerecht sei. Außerdem hatte ich ihn ja auch erst kürzlich übernommen und die Entlassung war nun die erste Aktion, die in seinem Zusammenhang zu tun war. Erschwerend kam hinzu, dass bei Herrn X. auch viele positive Ansätze zu verzeichnen waren.
Eigentlich wollte ich wie angekündigt etwas zum Thema Jobcenter schreiben. Diese Behördenkonstruktion ist verfassungswidrig, wie kürzlich durch die Presse bekannt wurde. Da hier in Konstanz der Vertrag schon früher als woanders abgeschlossen wurde, endet der nun schon Ende 2009 – und nicht wie in anderen Landkreisen erst Ende 2010. Dies hat zur Folge, dass möglicherweise ab dem nächsten Jahr unsere Klienten respektive wir Sozialarbeiter getrennte Anträge bei der Arbeitsagentur und dem Landratsamt stellen müssen. Dazu kommt, dass dem hiesigen Jobcenter schon jetzt Mitarbeiter davonlaufen, da sie nur bis Ende 2009 befristete Arbeitsverträge haben.
Nun hoffen hier alle auf eine baldige Entscheidung des Gesetzgebers, damit die erfolgreichen Jobcenter doch weiterarbeiten können. Anderenfalls würde der Schuss mit der Arbeitsmarktreform und Verwaltungsvereinfachung gewaltig nach hinten losgehen und alles würde viel komplizierter, als es ursprünglich angedacht war. Derzeit haben wir hier eine wirklich gute Zusammenarbeit mit unserem Jobcenter :-) . Never change a winning team!

Wetten, es gibt Ärger?

Dienstag, 03. Februar 2009

Wir sind nur zu zweit im Dienst, da die Grippewelle nun auch meinen Chef dahingerafft hat. Kurz nach öffnung des Kontaktladens kommt Erika. Beim Anblick dieser Besucherin bin ich schon genervt. Wetten, dass es ärger geben wird? Ich bin in erhöhter Bereitschaft, da es bei ihren letzten Besuchen immer zu “unschönen Situationen” kam. Sie ist extreme Alkoholikerin und die Mutter einer mehr oder weniger regelmäßigen Besucherin. Sobald sie alkoholisiert ist, was eigentlich immer der Fall ist, wird sie ausfällig und fängt Streit an, indem sie andere beleidigt.
Meine Stimmung fällt auf den Nullpunkt, nachdem sie genau mit den genannten Hasstiraden beginnt. Dabei randaliert sie und schmeißt Deko durch die Gegend. Ich gebe ihr Hausverbot für diesen Tag. Trotz mehrfacher Ermahnungen meinerseits und anderer Besucher, die meine Maßnahme unterstützten, will sie nicht gehen. Es beginnt ein Machtspiel zwischen ihr und mir. Ich lasse durchblicken, dass ich das Hausverbot zur Not auch von der Polizei durchsetzen lasse.
Meine Kollegin versucht die Situation zu entspannen. Sie will mit Erika von Frau zu Frau reden, damit sie sich ohne Polizei zum Gehen bewegen lässt. Der Versuch scheitert. Sie erntet lediglich eine Beleidigung auf allerniedrigstem Niveau, die darauf anspielt, dass sie Spätaussiedlerin ist. Jetzt ist für mich der Punkt des Redens überschritten.
Ich verständigte die Polizeidirektion Offenburg. Zwei Polizisten kommen, setzten das Hausverbot durch und erteilen Erika gleich noch ein Platzverbot für die gesamte Umgebung des Kontaktladens. Nach einigem hin und her, transportieren die Polizisten Erika ab. Nun ist es ruhig im Kontaktladen. Manchmal ist es einfach wichtig die Polizei zu rufen um zu zeigen, dass wir als Sozialarbeiter nicht nur diskutieren, sondern auch Konsequenzen folgen lassen.

Wenn sich das flaue Gefühl zum Sodbrennen verdichtet

Montag, 19. Januar 2009

Um 11 Uhr machen wir die Türen auf, es sind nur wenige Besucher da. Ziemlich genau um 11.30 Uhr gehen irgendwo die Schleusen auf und innerhalb kürzester Zeit ist der Laden wieder mal proppenvoll. Wir werden von einigen Besuchern informiert, dass es heute Morgen schon zwei Schlägereinen zwischen Besuchern von uns gab. Ich “freue” mich auf den heutigen Arbeitstag. Innerhalb weniger Minuten habe ich ein leicht flaues Gefühl im Magen. Nachdem die betreffenden Kontrahenten alle bei uns angekommen sind, steigert sich das flaue Gefühl hin zu leichtem Sodbrennen.
Die Minuten schleichen dahin. Der Feierabend will nicht näher kommen. Die Spannungen liegen zum Greifen in der Luft. Immer wieder kommt es zu erhitzten Diskussionen. Mittlerweile haben wir “Halbzeit”. Immer noch nichts passiert. Gott sei Dank. Wir müssen wieder mal Besucher ermahnen, dass nicht gedealt wird und müssen Hausverbote androhen. Ein Besucher verkauft Zigaretten. Wir unterbinden das Ganze, da klar ist, dass es sich um gestohlene oder geschmuggelte Ware handelt. Der gleiche Besucher möchte kurze Zeit später, dass ich ihm seine Plastiktüte aufbewahre, damit sie im nicht gestohlen wird. Ich frage ihn, ob er mich eigentlich für so blöde hält, dass ich bei uns im Büro seine Zigaretten deponiere und mich so der Beihilfe zu einem Verbrechen schuldig mache. Ich stoße bei ihm nur auf Unverständnis.
Die Haupttäter der Schlägerei vom Morgen gehen. Unter uns Mitarbeitern macht sich eine gewisse Entspannung breit. Aber nur für kurze Zeit. Der Besucher, der uns am meisten Unwohlsein bereitet, kommt wieder zurück. Er steht mittlerweile stark unter Drogeneinfluss. Er schläft an einem Tisch bei uns in der Einrichtung, was jedoch keine Entwarnung für uns zu bedeuten hat, da diese Stimmung jede Minute umschlagen kann.
Es ist nun nach 14 Uhr. Der Kontaktladen leert sich langsam. Die letzten Besucher machen sich nun auf. Kurz vor 15 Uhr ist es geschafft. Die letzte Besucherin verlässt die Einrichtung. Es ist nichts passiert. Wir haben keine Polizei oder Rettungskräfte gebraucht.