Pünktlich um 14 Uhr klingelte es an unserer Haustüre.
Herr A. kam mit zwei Beamten und seinem Sozialarbeiter zum angekündigten
Besuch.
Sehr menschlich war es, dass die Beamten in der Wohnung die
Hand- und Fußfesseln abnahmen.
Herr A. war so aufgeregt, dass er kaum ein Stück Kuchen essen konnte.
Es war eine angenehme und offene Atmosphäre mit regen Gesprächen. Herr
A. verhielt sich sehr ruhig. Er schaute sich interessiert um und
staunte über den großen Fernsehapparat und die vielen elektronischen
Geräte.
Der Nachmittag verging so schnell, dass aus den vorgesehenen drei
Stunden vier Stunden geworden sind. Bei der Verabschiedung wirkte Herr A.
sehr traurig. Er sagte, dass es ihm nun schwer falle, wieder dahin
gehen zu müssen, wo Gitter an den Fenstern sind.
Die gebackenen Kuchen habe ich ihm eingepackt.
Er bekam sie am nächsten
Tag, nachdem sie durch die Kontrolle gingen, ausgehändigt.
Darüber freute er sich sehr.
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Kuchen ohne Gitter an den Fenstern
Mittwoch, 25. März 2009Drei Stunden ohne Gittern
Dienstag, 17. März 2009So gelöst wie heute habe ich Herr A. in den über zehn Jahren noch nicht erlebt. Nach Absprache mit seinem Sozialarbeiter findet der Besuch von ihm bei uns am Kaiserstuhl nächsten Dienstag statt. Er sitzt mir gegenüber und träumt, wie es wohl sein wird, nach so langer Zeit für drei Stunden wieder Normalität zu erfahren. In einem Haus zu sein, wo es keine Gitter vor den Fenstern gibt, an einem schön gedeckten Kaffeetisch zu sitzen und keine anderen Häftlinge um sich zu haben. Er sagt, er sei schon richtig nervös.
Am Schluss meines Besuches fragt er mich noch, ob es für mich auch wirklich in Ordnung sei, wenn er kommt. Eventuell könnten es ja die Nachbarn mitbekommen, dass ein Häftling mit Hand- und Fußfesseln in Begleitung von Beamten in unser Haus geht. Ich versicherte ihm, dass das kein Problem für mich wäre. Er äußerte noch den Wunsch, ob ich einen Schokoladenkuchen für ihn backen könnte, das würde ihn an seine Kindheit erinnern.
Wann ist ein Notfall ein Notfall?
Donnerstag, 26. Februar 2009Tanja hatte sich vor einigen Monaten den Arm verletzt und musste chirurgisch behandelt werden. Inzwischen ist sie wieder krankenversichert. Ihre Freundin Sonja hat die Wege zu den SozialarbeiterInnen noch nicht geschafft. Sie reist im Land umher und weiß noch nicht, wie lange sie bleiben will. Vor drei Wochen kam sie zusammen mit Tanja in die Ambulanz. Sie hatte eine schwere Erkältung und einen Magen-Darm-Infekt.
“Jetzt geht es ihr ganz scheiße!”, ruft mir Tanja durchs Telefon zu. “Was soll ich machen? Sie kann nicht zu ihnen kommen. Sie ist zu schlapp und außerdem muss sie ständig erbrechen und Durchfall hat sie auch. Aber es kommt ja keiner! Dabei habe ich dem Notdienst nicht einmal gesagt, dass Sonja nicht versichert ist!”
Ich höre mir die Notlage an und verabrede mit Tanja, sie und ihre Freundin in ca. zwei Stunden nach dem Ende der Morgensprechstunde aufzusuchen. Doch dazu kommt es erst gar nicht: Eine halbe Stunde später ruft Tanja erneut an und lässt ausrichten, dass ich nicht mehr kommen muss. Sonja habe begonnen, Blut zu erbrechen, jetzt sei der Krankenwagen endlich unterwegs. Ich muss nicht mehr hinfahren.


