Thorsten Bathe
Rainer S.
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Thorsten Bathe
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Thorsten Bathe

Mit ‘entzug’ getaggte Artikel

Kein Knopf zum Abschalten

Montag, 20. Juli 2009

“Jeder Mensch ist ein Abgrund; es schwindelt einem, wenn man hinab sieht.” Georg Büchners Worte und diverse Gedanken knirschen über ein Laufband in meinem Kopf. Ich bin unfähig sie festzuhalten – irgendwie laufen sie weiter. Der Knopf zum Ausschalten scheint abgeschafft. Ein geistiges Atemholen ist nicht in Sicht.

Später fällt mir der Neumarkt wie ein Eisbeutel ins Genick. Ich treffe Leon. Seine Sprache ist flüchtig, der Mund verleimt, die Seele ein Furz. Er hat nichts als das Fleisch auf den Knochen, Bartstoppeln im Gesicht, verdreckte Fetzen am Körper. Dennoch, zwischen Leichtsinn und Depression, schleppt auch er wie alle anderen an diesem Ort ein Bündel Hoffnungen mit sich.

Melissa gesellt sich zu uns, hoch dosiert und so standsicher wie ein Pudding in der Kurve. Die Zeit fließt schwerelos. Hartes Licht spiegelt sich auf ihrer Sonnenbrille. Ich habe keine Eile, sie im momentanen Zustand auch nicht. Worte plätschern. Allerdings nur um des Sagens, nicht um des Gesagten.

“Es muss mal wieder was passieren, oder?”, frage ich und sehe beide nacheinander an. “Na klar, ich bin schon zur Entgiftung angemeldet”, antwortet Melissa mit Nachdruck. “Ich auch, und danach mache ich Therapie. Sofort”, fügt Leon noch hinzu. Ich habe sie weiterhin im Blick und weiß, dass sie gerade ihre Realität für mich zurechtbiegen. Das Lügen ist Schutz vor der Umwelt. Beistand in der Isolation. Abwehr gegen die Verachtung. Doch es bringt keine Erleichterung, keinen Vorteil, denn Melissa und Leon belügen auch sich selbst. Damit schließt sich zwar dieser Kreis, aber das Laufband in meinem Kopf bewegt sich trotzdem weiter.

Weglaufen als Lebenskonzept?

Samstag, 09. Mai 2009

Für eine junge Frau, die gerade dabei ist, ihren Bachelor zu machen, habe ich mich als Studienobjekt zur Verfügung gestellt. Ihre Arbeit beschäftigt sich – verkürzt und unwissenschaftlich gesagt – mit Drogenkarrieren. Gestern hatte ich einen Termin mit ihr. Heute morgen bin ich aus einem Drogentraum erwacht. Koks, Shore alles dabei. Merkwürdigerweise geht es in solchen Träumen immer nur um die Beschaffung oder darum, wie ich dann mit einem solchen Rückfall umgehe. Der Konsum selber bleibt unberührt. Er kommt nicht vor. Es scheint so etwas zu geben, das in den Träumen Regie führt. Eine Regie, die Tabus hat und Fragen stellt.

In diesem Interview ist mir noch einmal bewusst geworden, dass mein letzter Heroinkonsum 2001 war. Ich kann es kaum glauben: So lange schon her und doch noch so nah. Manchmal denke ich, dass es den meisten anderen, die den Absprung geschafft haben, anders geht. Irgendwann löst man sich doch von einem Alltag, in dem der Begriff Droge eine Rolle spielt. Irgendwann ist doch auch Therapie, Nachsorge u.s.w. weite Vergangenheit, und die Impulse, die einen an das Subuniversum Narkotika denken lassen, sterben aus. Manchmal denke ich, es könnte irgendwann geradezu ein Fehler sein, sich überhaupt mit diesem Thema zu befassen. Einfach vergessen, wäre doch das Beste.

Der Film, den die Traumregie drehen will, heißt glaube ich: “Tausend und eine Befangenheit”. Das Gefühl, das einen Drogenkonsum auslösen kann, will ich eindeutig. Es wäre geradezu krank, das nicht zu wollen. Aber das ganze drumherum, da sieht es schon anders aus. In den Träumen geht es glaube ich meist um solche Entscheidungen. Es geht darum, von Befangenheit zur Freiheit zu kommen. Als Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel, auf der es Mohn gibt, ist es völlig klar, wie ich mich entscheiden würde. Aber in einer Welt mit Menschen, nein da will ich das nicht.

Hoffnung macht mir bei diesen überlegungen, dass es tatsächlich auch Träume gibt, in denen ich mich gegen Drogen entscheide. Es gibt da ja das Buch “Lauf um dein Leben”, hab ich immer noch nicht gelesen, aber bei dem Titel denke ich: Weglaufen als Lebenskonzept? Pfui Spinne. Na ja, jeder hat seine Strategie und jeder braucht auch eine andere. Ich verfolge meine und hoffe meinen Selbsttäuschungen auf die Spur zu kommen.

Zwei Jahre clean und auf der Suche nach meiner Rolle

Freitag, 17. April 2009

Der 4. April 2007 war
der letzte Tag, an dem ich Drogen genommen habe. Zwei Jahre. Wenn ich
zurückblicke, treten die Drogen in den Hintergrund. Vor zwei Jahren hatte ich
andere Probleme. Eine Betreuung, Schulden und Selbstmordgedanken waren mir
näher als der Glaube an irgendeine Form von Zukunft. Bei den Drogen, die ich zu
dieser Zeit genommen habe, handelte es sich in erster Linie um medizinisch
verordnete Psychopharmaka. Und ich bin sehr froh, dass man sich in der
Entgiftung darauf eingelassen hat, diese abzusetzen.

Diese
Entgiftungsstation war überhaupt ein Glücksgriff.
Einmal war ich dort, als eine
Bekannte starb. Zu dem Zeitpunkt war ich erst eine Woche dort und Ausgang gibt
es erst nach drei Wochen. Ich sprach mit André darüber, dass ich eigentlich
gern zu der Beerdigung fahren würde. Dann fahr hin, sagte der. Damit hatte ich
überhaupt nicht gerechnet: Ein Tagesausgang nach einer Woche. Das hat was mit
Vertrauen zu tun, oder mehr noch, mit Einfühlen. Als ich am Grab stand, dachte
ich, die nächste Beerdigung auf der du bist, ist bestimmt deine. Es waren wohl
Dinge wie dieser Ausgang, die es mir nicht möglich gemacht haben, mich ganz
abzuschreiben.

Zwei Jahre. Gewonnen
oder verloren, stolz oder wortlos? Stolz? Ist man stolz darauf, bei einem Kampf
im richtigen Augenblick in Ohnmacht zu fallen? Gibt es nach diesen zwei Jahren
irgendwelche Formeln, die ich weiterempfehlen könnte? Früher habe ich mal
Christiane F. gelesen, dabei Bong
geraucht und gedacht, das geht auch anders. Geht auch anders, sechs Milliarden
Möglichkeiten gibt es. Aber eine Dauerohnmacht trägt kein Selbstwertgefühl. Irgendwann
ist es einfacher, sich an ein bestehendes Klischee zu hängen. Die stärkste Abhängigkeit
ist, etwas sein zu wollen? Leide ich unter Rollenentzug?

Ich glaube das ist ein
pubertäres Problem, das ich da habe. Im Spiel des Lebens sind meine
Altersgenossen an ganz anderen Punkten. Fallende Aktienkurse, wie verheimliche
ich meine Seitensprünge, wie erriestere ich mir die Rentenendlösung. Mein
Problem ist, dass ich nicht weiß, was ich eigentlich will. Die Rollen sind mir
momentan ausgegangen. Hurra, hurra, ich bin zwei Jahre clean, schmeckt mir zu
sehr nach Marienhof.

Klartext zu einem wiederkehrenden Laster

Donnerstag, 09. April 2009

“Komm, Alter, hör’ auf zu sülzen”, fährt sie ihren Freund im Büro der Kontakt- und Notschlafstelle an. “Red’ doch ma’ Klartext”. Guido schaut mich überrascht an und gibt sich seiner Freundin gegenüber unwissend: “Was meinste’ denn, Schatz?” Jaqueline lacht unvermittelt. Es ist ein rostiges Geräusch, als würde sie sonst nicht oft lachen. Danach schaut auch sie mich an: “Wir sind beide wieder am Ballern. Und rate mal, wer die Kohle ‘ranschafft?”

Damit bestätigt sie meine Eindrücke der letzten Tage. Ich habe beide nicht direkt darauf angesprochen, weil Guido meine Wahrnehmung einfach abstreiten würde. Seine Strategie der Problemlösung: so lange lügen, bis sich die Frage irgendwie von selbst erledigt. Dabei ist er noch nicht mal ein guter Lügner. Im Gegensatz zu Jaqueline. Ihr gelingt es immer, eine geschmeidige Plausibilität zu erzeugen. Aber diesmal will sie das anscheinend nicht.

Während Jaqueline und Guido mich gar nicht mehr wahrzunehmen scheinen und streiten, ziehe ich mich innerlich zurück. Als sie ruhig sind, schweifen meine Gedanken vollends ab. Mir kommen Worte von La Rochefoucauld in den Sinn: “Man könnte sagen, die Laster erwarten uns auf dem Weg des Lebens gleich Wirten, bei denen man nacheinander einkehren muss.” Und wie der französische Schriftsteller stelle auch ich mir die Frage, “ob die Erfahrung uns sie vermeiden ließe, wenn wir den Weg zweimal machen dürften?” Angesichts der beiden Klienten fällt die Antwort eindeutig aus.

“Ich will es diesmal durchziehen, auch ohne ihn”, sagt Jaqueline. Minutenlang haben wir geschwiegen. Und nun bricht dieser Satz so unvermittelt aus ihr hervor, als wollte sie nicht vergessen, ihn auszusprechen. Oder als wollte sie die Gelegenheit, ihre Meinung zu ändern, ausschließen. Sie hat die Worte tonlos, aber mit Nachdruck gesagt. Ihr Gesicht verrät eine große Entschlossenheit. Hoffentlich reicht sie dieses Mal für den ersehnten Neuanfang.

Ganz nah an meinem Lebensthema

Montag, 30. März 2009

Heute habe ich nur einen halben Tag gearbeitet. Mehr als 15 überstunden soll ich nicht anhäufen. Der Nachmittag ist schnell vorbei. Ich schreibe eben noch meinen Eintrag und gehe dann gleich zur Gruppe. Im Augenblick habe ich oft Drogenträume. Tagsüber hat mein Unterbewusstsein keine Chance die Steuerung zu übernehmen, aber nachts schlägt es umso heftiger zu. Diese Träume sind aber keine Träume, die durch Suchtdruck ausgelöst werden, sondern es geht da eher ums Ausbrechen. Früher habe ich gegen die Welt rebelliert, heute rebelliert mein Unterbewusstsein gegen mich.

Ich bin unzufrieden mit mir und finde keinen Weg das zu ändern. Es hat lange gedauert, bis ich mich nach meinem Heroinkonsum wieder halbwegs als normaler Mensch fühlte. Das waren gut eineinhalb Jahre. Ich habe das immer mit Muskelschwund verglichen. Es dauert lange, bis man wieder gehen kann, wenn man keine Muskeln mehr hatte. Genau so ist das für ein Nervensystem, das gewohnt ist, sich sämtliche Glückswahrnehmungen intravenös zu verschaffen. Es dauert bis sich da wieder Glückshormone bilden.

Heute ist das ein ähnliches Gefühl, zwar nicht so deutlich aber doch ähnlich. Für meine berufliche Zukunftsplanung hatte ich mir einen Zeitraum von knapp zwei Jahren gegeben. Diese Sache wird länger dauern. Nicht dass ich denke, das bleibt unverändert und dauernd spürbar so, aber ich glaube, ich bin da ganz nah an meinem Lebensthema. Jedenfalls fühlt es sich so an.

Apokalypse der gestirnten Nacht

Sonntag, 22. März 2009

“Wer gerade entwöhnt ist, der mag seinen Kopf in den Arm nehmen, das Ohr anlegen und auf die Geräusche da drinnen lauschen. Katastrophen, Aufstände, in die Luft gehende Fabriken, die Sintflut – alles das vernimmt das Ohr, die ganze Apokalypse der gestirnten Nacht des Menschenleibes“, so beschreibt der Künstler Jean Cocteau schon 1929 seinen körperlichen Entzug, den Gustav achtzig Jahre später mit drei Worten bilanziert: “Kotzen, schwitzen, Dünnpfiff”.
Wir sitzen in der Kontakt- und Notschlafstelle und trinken einen Kaffee zusammen. “Du hast aber wieder schön zugelegt, gut schaust du aus. Sei froh, dass du es mal wieder überstanden hast”, lobe ich ihn. “Jetzt hör aber auf. Ich bin ganz schön fett geworden”, ermahnt er mich mit strengem Gesicht, bevor sich seine Mundwinkel nach oben bewegen. Das Lächeln ist ein Mix aus Zufriedenheit und Genugtuung. “Bin ich auch. Vor allem, das wird jedes Mal schlimmer, hammerhart. Ich pack’ keinen Stoff mehr an, glaub’ mir.
Wenn es um Heroin geht, ist das mit dem Glauben so eine Sache. Trotzdem hoffe ich, dass es Gustav gelingt, diese Situation besser zu nutzen, als direkt wieder rückfällig zu werden. “Was hast du denn jetzt vor?”, will ich von ihm wissen. “Schau’n wir mal, ich brauch’ Beschäftigung. Ich muss irgendwas mit mir anfangen. Aber jetzt hab’ ich keine Zeit mehr”. Hektisch verlässt er mit anderen Abhängigen die Einrichtung.
Als Gustav drei Tage später mit Nelly auftaucht, ist mir klar, für welchen neuen Anfang er sich entschieden hat. “Ist sie nicht super, meine Süße. Mach Platz, komm, mach jetzt Platz”. Seine neue Schäferhündin ist für ein paar Minuten das Gesprächsthema Nummer Eins. “Und, was habe ich dir gesagt, ich zieh’ meinen Plan durch. Scheiß auf die Shore. Die brauch’ ich jetzt nicht mehr”. Seine zusammengezogenen Pupillen sagen leider etwas anderes. Aber wer lügt, hat die Wahrheit wenigstens gedacht.