Im Augenblick komme ich kaum dazu zu schreiben. Auch anderen Dingen lasse ich zu wenig Raum. Der Tag gestern hat mich daran erinnert. Ich habe an einem Seminar als Dozent mitgewirkt. Sowohl die Hauptdozentin wie auch eine Teilnehmerin haben in mir den Gedanken geweckt, dass es ja doch auch ganz nett sein könnte eine Beziehung zu haben. Gestern war ein wirklich netter Arbeitstag.
Arbeit. Für die nächste Woche habe ich einen ganz langen Zettel. In dieser hatte ich den Vorsatz überstunden abzubauen und dabei 6 überstunden gemacht … Ich bin noch immer am Husten, wollte heute Nachmittag zum Arzt. Vielleicht nächste Woche.
Auch habe ich schon seit ein paar Tagen eine Aussage aus einem Eintrag von Thorsten B. im Kopf.
Das Gefängnis reißt Menschen die Maske vom Gesicht. Hinter Gittern kann man sein wahres Selbst nicht verbergen. Man kann nicht nur so tun, als sei man hart. Man ist es, oder man ist es nicht. Und jeder weiß Bescheid. Das sind meine Gedanken, wenn ich Gerhard dort besuche. Wenn ich ihn nach unseren Gesprächen wieder verlasse, ist mein Fazit: Er hat die verriegelte Zeit in Haft nicht vergeudet.
Da ich selber ja nur 24 Stundenkontakte mit dem Strafvollzug habe, habe ich mich noch mal mit jemanden unterhalten, der auf zehn Jahre kommt. Ich habe einige Leute kennen gelernt, die da reichlich Erfahrungen haben, und die sagen, wie mir auch meine Lebenserfahrung sagt, so was ist Quatsch.
Und es regt mich schon auf. Genau dieser Quatsch schwebt über der Drogenszene. Viele versuchen da mitzuhalten und machen ständig auf dicke Hose, um dann im Knast eine ganz kleine Nummer zu sein. Wenn jemand sagt, man muss sich gerade machen, dann weiß ich, was der meint. Und mitunter ist das dann auch hart.
Fazit: Ich kenne solche Sprüche und denke mir, du Blender. Es ist mehr ein Thema aus dem Jugendstrafvollzug. Im Normalvollzug und bei Langstrafen setzt da doch so etwas wie Verstehen ein. Oft hört man: Dieses (oder jenes) Verhalten ist Bestandteil des Krankheitsbildes eines Suchtkranken. Drogen machen einen zum Junkie. Aber es gibt genug Junkies, vor denen ich Respekt habe.
Klischees machen es einem Arschloch leicht zum Superarschloch zu mutieren. Ich will nicht sagen, dass Gerhard ein Superarschloch ist, aber in der Selbsthilfegruppe würde ich sagen: “Lass mal stecken, die Storys kenne ich und wie wir beide wissen, sind Junkies doch Weicheier.”
Lieber Gerhard, solche Leute nennt man doch Eierdieb. Woran hapert es? Doch nicht so hart oder etwa ganz schrecklich blöde? Ich hasse dieses dümmliche Silberrückenklischee. Wenn der Knast einem die Maske vom Gesicht reißen würde, wäre es die beste Form von Therapie.


