Rainer S.
Rainer S.

Mit ‘eitelkeit’ getaggte Artikel

Junkies sind doch Weicheier

Montag, 25. Mai 2009

Im Augenblick komme ich kaum dazu zu schreiben. Auch anderen Dingen lasse ich zu wenig Raum. Der Tag gestern hat mich daran erinnert. Ich habe an einem Seminar als Dozent mitgewirkt. Sowohl die Hauptdozentin wie auch eine Teilnehmerin haben in mir den Gedanken geweckt, dass es ja doch auch ganz nett sein könnte eine Beziehung zu haben. Gestern war ein wirklich netter Arbeitstag.
Arbeit. Für die nächste Woche habe ich einen ganz langen Zettel. In dieser hatte ich den Vorsatz überstunden abzubauen und dabei 6 überstunden gemacht … Ich bin noch immer am Husten, wollte heute Nachmittag zum Arzt. Vielleicht nächste Woche.

Auch habe ich schon seit ein paar Tagen eine Aussage aus einem Eintrag von Thorsten B. im Kopf.
Das Gefängnis reißt Menschen die Maske vom Gesicht. Hinter Gittern kann man sein wahres Selbst nicht verbergen. Man kann nicht nur so tun, als sei man hart. Man ist es, oder man ist es nicht. Und jeder weiß Bescheid. Das sind meine Gedanken, wenn ich Gerhard dort besuche. Wenn ich ihn nach unseren Gesprächen wieder verlasse, ist mein Fazit: Er hat die verriegelte Zeit in Haft nicht vergeudet.

Da ich selber ja nur 24 Stundenkontakte mit dem Strafvollzug habe, habe ich mich noch mal mit jemanden unterhalten, der auf zehn Jahre kommt. Ich habe einige Leute kennen gelernt, die da reichlich Erfahrungen haben, und die sagen, wie mir auch meine Lebenserfahrung sagt, so was ist Quatsch.

Und es regt mich schon auf. Genau dieser Quatsch schwebt über der Drogenszene. Viele versuchen da mitzuhalten und machen ständig auf dicke Hose, um dann im Knast eine ganz kleine Nummer zu sein. Wenn jemand sagt, man muss sich gerade machen, dann weiß ich, was der meint. Und mitunter ist das dann auch hart.
Fazit: Ich kenne solche Sprüche und denke mir, du Blender. Es ist mehr ein Thema aus dem Jugendstrafvollzug. Im Normalvollzug und bei Langstrafen setzt da doch so etwas wie Verstehen ein. Oft hört man: Dieses (oder jenes) Verhalten ist Bestandteil des Krankheitsbildes eines Suchtkranken. Drogen machen einen zum Junkie. Aber es gibt genug Junkies, vor denen ich Respekt habe.

Klischees machen es einem Arschloch leicht zum Superarschloch zu mutieren. Ich will nicht sagen, dass Gerhard ein Superarschloch ist, aber in der Selbsthilfegruppe würde ich sagen: “Lass mal stecken, die Storys kenne ich und wie wir beide wissen, sind Junkies doch Weicheier.”

Den nächsten Abzock immer in Planung. Egal ob Zigaretten, Spirituosen, Markenklamotten, Laptops oder Navis.

Lieber Gerhard, solche Leute nennt man doch Eierdieb. Woran hapert es? Doch nicht so hart oder etwa ganz schrecklich blöde? Ich hasse dieses dümmliche Silberrückenklischee. Wenn der Knast einem die Maske vom Gesicht reißen würde, wäre es die beste Form von Therapie.

Kein Punkt für den letzten Eintrag

Freitag, 01. Mai 2009

Der erste Mai, mein Lieblingstag. Gerade habe ich in die Webtagebücher gesehen und gehofft, eine Bewertung zu meinem letzten Eintrag zu finden. Keiner da, schade. Für diesen letzten Eintrag gebe ich mir selber fünf Punkte. Ich habe da etwas beschrieben, das mich tief berührt. Etwas, dem ich in diesen paar Zeilen kaum Raum geben konnte, und das eigentlich nach einem Ausdruck in Form eines Gedichtes verlangt.

Was verdient Aufmerksamkeit, was ist banal?
Ungerührt im tobenden Chaos zu stehen, zäh einer ausweglosen Agonie trotzen, einsam einen Kampf führen, alles sehr bemerkenswert. Begleitend zur ersten Intifada 1987 in Palästina, gab es Bemühungen der Palästinenser zu eindeutig positiven Entwicklungen. Schul- und Gesundheitswesen wurden auf- und ausgebaut. Frauenrechte wurden diskutiert. Israelisch-palästinensische Gruppen bildeten sich, um übergreifende Lösungen zu suchen. Diese Bemühungen fanden international wenig Beachtung. Pflanzen, die nicht gegossen werden, verdorren leicht.

In der Mühle gibt es eine Führung für Kinder zu dem Thema “Der Frühling erwacht”. Den Kindern stellen wir die Frage, woran sie es jetzt und hier erkennen, dass es Frühling wird. Sie stehen dann manchmal, bei bewölktem Himmel und Regen, lange ratlos herum um dann zu antworten: “Ich merke es am Sonnenschein, die Sonne kommt wieder.” Die eigene Empfindung steht im Hintergrund. Sie forschen nach, welche Antwort ein Lehrer wohl hören will. Gelernt ist gelernt. Aufmerksamkeit verdient, was Aussicht auf Popularität hat.

Gut, gerecht, bescheiden, geduldig - alles Attribute, die Gefahr laufen, in der allgemeinen Konkurrenz der Aufmerksamkeit, die Bewertung am Thema vorbei zu erhalten. Frauen bleiben da meist unbefangener. Bei Männern verdichtet sich die Erkenntnis, es geht nicht ums Mitteilen, nicht ums Empfinden – Bullshit – es geht ums Durchsetzen. Ich habe mich zu früh – bereits als Kind – mit dieser Sichtweise im Leben verheddert. Ein starkes Motiv dann als Teenie zu denken; “Alles Scheiße, alles Dreck. Eine Bombe, alles weg.” Wahrscheinlich war meine Entscheidung Drogen zu nehmen, aus Sicht der Gesellschaft die bessere Alternative.

Heute bin ich sehr froh darüber, dass es mir auch gelingt zu denken: “Is mir doch scheißegal”, bevor ich mich erneut in hoffnungslose Wünsche verheddere. Aber gut finde ich das nicht. Gut finde ich es, wie ich im letzen Eintrag geschrieben habe, an etwas zu glauben. Daran zu glauben, diese Missverhältnisse sind äußere Hülle. Es gibt Wege und Entwicklungen. Und diese Wege und Entwicklungen führen uns zu dem, was wir sind. Menschen mit Empfindungen – und damit alle gleich.

Kein Punkt für den letzten Eintrag. Ich stolpere über meine eigene Eitelkeit. Dieses Tagebuch ist gut für mich, auch wenn keiner es lesen würde. Es gibt Leute, die ich in diesen Einträgen ansprechen kann. So what? Der erste Mai, ich werde den Tag heute genießen.