Rainer S.
MuseSuse
SigridH
Rainer S.
Goetzens
SigridH

Mit ‘einsamkeit’ getaggte Artikel

Muss man sich für Rückfälle schämen?

Sonntag, 05. Juli 2009

Jemand aus der Gruppe schickte mir heute eine SMS. Er hat wohl einen Rückfall (Alkohol) gehabt, wollte es mir aber erstmal nur per SMS mitteilen. Um darüber zu sprechen würde er sich im Augenblick noch zu sehr schämen. Schade, ich hoffe er meldet sich bald. Schämen. Ich denke an meine Rückfälle. Habe ich mich geschämt?

Angesichts der Konsequenzen habe ich mich oft sehr schlecht gefühlt. Mir gewünscht ein anderer zu sein, jemand, der diese Zerrissenheit nicht kennt. Zerrissen sein zwischen dem, was man verspricht, was man sein möchte und der Sucht.

Irgendwann habe ich aufgegeben. “Ich bin halt ein scheiß Junkie, es ist einfach so, tut mir leid. Klar bin ich bemüht den Minimal-Ansprüchen zu genügen. Klar versuche ich so zu leben, dass ich das, was ich sage, auch tue. Klar bemühe ich mich darum auch ernst genommen zu werden. Aber versprechen werde ich keinem etwas.” Gute Voraussetzungen für Veränderungen. Glück gehabt.

Leider sind es meist eine Reihe von Abhängigkeiten, in denen man sich befindet. Beziehungen, Kontakte, materielle Abhängigkeiten. Und die Abhängigkeit von der Rolle, die man sich selbst schreibt. Angst haben allein zu sein, Angst vor Ablehnung und dann noch die Angst auf der Straße zu sitzen.

Wenn man im “normalen” Leben, also mit Arbeit, Familie, Auto, ein Suchtproblem hat, ist die Rolle, die man sich auferlegt eigentlich nie erfüllbar. Ist man dann offensichtlich aus dieser Rolle rausgefallen stellt eigentlich kein nüchtern denkender Mensch mehr Ansprüche. Schämen? Zu dem zu stehen, was man ist und will,…. unverschämt?

Sommer auf dem Plattenbau-Balkon

Dienstag, 30. Juni 2009

Seit langem wieder einmal sitze ich auf meinem Balkon im Plattenbau und genieße den Abend. Beim letzten Sperrmüll, sind einige Möbelstücke gelandet, die hier für Enge sorgten. Jetzt ist es geräumig hier, die Blumentöpfe stehen an der Wand mit Löwenmaul, fleißigen Lieschen, Astern, Rosen und anderes. Vor mir der Blick auf die Leuchtenburg, die Höhenzüge des Leutratals und Schornsteine unseres Heizkraftwerkes in Burgau. Der Verkehr rollt unablässlich auf der Straße nach Stadtroda und der Autobahn.

Meine Mattigkeit heute Abend habe ich wieder mit Schreiben überbrückt und einem Schwarztee. Schön, das gemeinsame Singen beim DRK um 14 Uhr zur Gitarre. Zwar nur ein kleiner Kreis von sechs Frauen und zwei Männern, aber trotzdem schön für uns alle. Hier eigene Texte, vom Urlaub gelesen, Gedichte von Kästner gesprochen oder einfach nur das Singen begleitet mit meiner Gitarre und Stimme. Zuvor gab es ein gutes Stück Kuchen und Kaffee spendiert vom DRK-Begegnungszentrum für mich. Eine sehr schöne Veranstaltung, der ich auch schon einige Jahre beiwohne mit meinen Gaben.

In den Fahrstuhletagen von Lobeda West brennt Licht, sonst nur vereinzelt ein beleuchtetes Fenster. Was werden die Leute jetzt tun? Meine Tagetes leuchtet in ihrem Orange in der Dämmerung. Droben am Himmel ein letzter Hauch von Abendröte und der zunehmend gelbe Mond. Da muss ich an Heinrich Waggerl denken. “Welch ein Glück, dass es die einfachen Dinge immer noch gibt. Immer noch Felder, rauschende Bäume und den Mond am Himmel.”

Herzliche Grüße von Susi L. aus Jena

Ein Kampf in Körper und Seele

Montag, 22. Juni 2009

Hallo an alle da draußen, habe lange nicht mehr geschrieben. Nach meinem Unfall habe ich mich zurückgezogen, drei Wochen ging es mir richtig schlecht. Meine Freude über das Auto ist verflogen, denn die Realität hat mich wieder eingeholt. Moma ist auch so ein Ding passiert. Er wollte mein Auto richtig vor die Garage stellen und statt Bremse drückt er aufs Gaspedal. Eine Beule und der Abfluss der Regenrinne ist demoliert, zum Glück ist ihm nichts passiert. Dachte an meine Jugend, war mir früher auch sicher, dass ich Auto fahren konnte, wurde auch eines Besseren belehrt. Vorletzte Nacht steht mein Auto an der Straße und mein Spiegel wurde abgetreten. Manchmal kann ich selber nicht glauben, was für eine Scheiße nach der anderen passiert.

Die Wahl zwischen Pest und Cholera: Schmerzen oder Opiate

Mein Geld neigt sich zu Ende, der Kampf im Alltag geht weiter. Mein Bürokram wächst mir über den Kopf, meine offenen Rechnungen geben mir den Rest. Nach über 14 Jahren habe ich Kontakt zum BTM, habe letzte Woche ein Schmerzpflaster bekommen. Die ersten Tage waren am Schlimmsten, musste mich andauernd übergeben, als wenn ich auf Shore wäre.

Das Schleudertrauma gab mir den Rest an Schmerzen, die ich noch ausgehalten habe. Meine Schmerzen sind zwar weniger, aber in meinem Körper Opiate zu spüren, ist nicht leichter. Mein Kampf findet im Moment in meinem Körper und in meiner Seele statt. Muss meine Depressionen in Schach halten. Jeden Tag kämpfe ich mit mir sogar um ganz einfache Erledigungen. Gerade jetzt sind so viele Sachen, die ich erledigen muss.

Müsste eine Bank überfallen um Schulbücher bezahlen zu können

Mein “kleiner Sohn” kommt auf die Realschule und Moma in die 10. Klasse. Beide haben gute Zeugnisse und ich bin sehr stolz auf sie. Habe schon die Bücherbestellung bekommen, weiß gar nicht, wie ich das schaffen soll, mal eben so locker 100 Euro dafür, dann kommen noch die Hefte und alles andere dazu. Bin echt am überlegen wo die Gelder herkommen sollen, kann ja eine Bank überfallen :-) .

Wenn die Wirtschaft noch mehr runtergeht, und das wird sie, dann hoffe ich nicht mit uns. Im Moment kann ich noch nicht einmal beten, habe jeglichen Mut verloren. Ziehe mich von all meinen Bekannten und Freunden zurück, ich weiß dass, das nicht richtig ist. Möchte jemand am meine Seite haben, der mich auffängt und meine bzw. unsere Sorgen gemeinsam teilt. Aber so jemanden zu finden ist genauso schwer, wie ein Sechser im Lotto. Und ich gebe zu, eine kleine Hexe zu bändigen ist auch nicht leicht :-) .

Puh, war gar nicht so einfach mich wieder zu öffnen, aber es tat richtig gut.
Liebe Grüße
Sigrid

Heute Abend fühle ich mich allein

Montag, 13. April 2009

Ostern war ganz nett. Ich war bei meinem Bruder und seiner Familie. Darüber, dass ich zu Ostern und Weihnachten immer wieder eingeladen bin, bin ich sehr froh. Das war auch alles schon mal ganz anders.
Warum ich heute schreibe, weiß ich nicht genau. Viel fällt mir heute Abend nicht mehr ein. Aber ich habe mich dann doch an den PC gesetzt um zu schreiben. Disziplin? Nein, zum Schreiben hier habe ich noch keine Disziplin aufgebracht.
Mit Disziplin habe ich nichts am Hut. Wenn ich etwas tue, bin ich es einer Sache, einem Zweck oder ganz einfach mir schuldig. Dieses Tagebuch hat für mein Leben im Augenblick einen Stellenwert eingenommen. Es ist auch etwas, mit dem ich zur Ruhe komme. Ich lasse etwas aus mir heraus, und damit fühle ich mich besser. Wenn ich heute also schreibe und nicht weiß warum, dann suche ich mir wohl dieses Gefühl. Ich glaube, heute Abend fühle ich mich allein.

Ich brauche Geborgenheit

Montag, 30. März 2009

“Ich brauche kein Tavor, ich brauche Geborgenheit, ich brauche keine Psychiatrie, ich brauche eine Familie”, schreit es mich in fetten Lettern an, als ich am Morgen meine E-Mails abrufe. Rosi ist eine von denen, die nicht mehr in die Ambulanz kommen. Vor einem Jahr brach sie den Kontakt ab, zog einfach weg von Frankfurt. Die Monate zuvor waren von Sorge und Hektik bestimmt: Rosi versuchte mehrfach, sich das Leben zu nehmen! Vor wenigen Wochen nahm sie nun den Kontakt per Internet wieder auf. Ich bin erleichtert: Sie lebt noch! Aber wo und wie?

Ihr Hilfeschrei per Mail stimmt mich nachdenklich: Was brauchen die Menschen, die unsere Hilfe suchen, wirklich? Was heißt es, auf ihre Nöte zu reagieren? Und wer definiert in der Regel ihre Bedürfnisse und Nöte?

Im medizinischen Regelsystem zählt oft nur das Symptom, das ein Kranker oder eine Kranke bietet: das gebrochene Bein, die infizierte Wunde, die Lungenentzündung. Entsprechend fällt die Behandlung dann auch aus: Gips, Wundverband, Antibiotikum. Doch wer beachtet die besondere Lebenslage von Menschen wie Rosi?

Wer weiß, was es heißt, abends oder tagsüber keinen geschützten Raum zu haben, ein Ort, in dem einfach Ausruhen, Beinhochlagern oder Körperpflege und Hygiene möglich sind? Und was nützt dem Alkoholiker die zehntägige Entgiftung, wenn er sich anschließend wieder im Kreis alter Weggefährten wieder findet, deren Abstinenz schon lange her ist oder momentan undenkbar erscheint? Tagesstrukturierende Maßnahmen, Hilfestellungen bei den vielfältigen Behördengängen, die oft Frust und damit erhöhten Saufdruck bedeuten, können nicht auf Rezept verordnet werden.

Rosi, die ihr Bedürfnis nach Geborgenheit und Familie per E-Mail verschickt, erhielt psychiatrische Hilfe immer nur dann, wenn sie wieder einmal notfallmäßig in die Klinik eingeliefert wurde. Eine nachgehende Psychiatrie gab es für sie nicht und die Ansätze einer Gehstruktur sind nicht nur in diesem Fachbereich noch sehr bruchstückhaft.

Was braucht ein kranker Mensch in Wohnungsnot wirklich, um gesund werden zu können? Sicher keine strukturellen Hürden wie Praxisgebühren, Anträge, aus denen sein Mangel, kaum aber seine noch vorhandenen Ressourcen hervorgehen oder Kürzungen des Sozialgeldes, weil Termine und Auflagen nicht eingehalten werden konnten.

Ich glaube, Rosi hat Recht: Diese Menschen brauchen vor allem Beziehungen, die verlässlich sind. Sie brauchen Menschen, die sich für sie wirklich interessieren und gemeinsam mit ihnen suchen, was trotz aller Brüche und Verletzungen im Leben noch möglich ist. Ja, sie brauchen Menschen, die mit ihnen auf das vorhandene Lebenspotential in und mit aller Krankheit schauen und mit ihnen geeignete Wege gehen, dieses zu fördern und wirksam werden zu lassen.

Das ist mein Verständnis von echtem Heilsdienst.

Mir fehlt jemand an meiner Seite

Donnerstag, 26. März 2009

Gestern war wieder einer
dieser Tage, die ich so nicht mag. Voller Hektik, und das schon am Morgen. Ich
hasse das. Mein mittlerer Sohn musste zur Magenspieglung und das noch ohne
Auto, mein Jüngster ist wieder krank. Einkaufen und alles andere, was der
Haushalt so bietet. Ich bin so geschafft am Abend, selbst das Denken fällt
schwer.
Mir fehlt an diesen Tagen jemand, der mir zur Seite steht. Aber besser
alleine, als eine kaputte Beziehung, wo alle leiden.