Ich weiß nicht, wie vielen Heroinabhängigen ich in meinem Sozialarbeiter-Leben schon begegnet bin. Ein paar Tausenden ganz bestimmt. Im letzten Jahr konnte ich zusammen mit meinen Kolleginnen vom Aufnehmenden Suchtclearing über 300 Abhängige an das Kölner Drogenhilfesystem anbinden. übersetzt heißt das, dass wir sie in Entgiftungen, Krankenhäuser, Notunterkünfte, betreute Wohnprojekte, Drogenberatungsstellen und Methadonprogramme vermittelt haben. Oft standen auch Begleitungen zu verschiedenen ämtern, ärzten und Krankenkassen an. Manchmal sind darüber Monate vergangen.
Bei der Kontaktaufnahme mit Klienten ist meine Herangehensweise immer die gleiche: Ich begegne ihnen neugierig und wohlwollend. Trotz der Lebensumstände, des Szenegebarens und der Unzuverlässigkeit. Mein Mitleid allerdings spare ich mir und ihnen. Ich nehme Heroinabhängige genauso wie jeden anderen Menschen auf Augenhöhe wahr. Damit betone ich ihre Eigenverantwortlichkeit, anstatt nur meine schützende Sozialarbeiter-Hand über sie zu halten.
Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, dass mein Einfluss Grenzen hat. Klienten stecken in modernen Horrorinszenierungen, dirigiert durch unbarmherzige Puppenspieler mit den Namen Heroin und Kokain. Sie hängen wie Marionetten an deren Fäden, versuchen aber trotzdem, ihren eigenen Willen zu behaupten und durchzusetzen. Manchmal nehme ich den Schicksalsblick ein. Ich sehe sie dann, wie sie sich abzappeln in dem Schauspiel, wie sie sich in ihren Fäden verheddern, und weiß ganz genau: mehr ist nicht drin.
Mehr soll wirklich nicht drin sein? Ernüchternder kann ein Fazit kaum klingen. Deshalb fühlen sich viele eingeladen, daran zu zweifeln und formulieren anklagend: Wenn sie nur wollten, dann könnten sie auch. Ich muss über diese Ungläubigkeit auf jeden Fall hinwegkommen. Denn den Zweifel zu meiner Arbeitsphilosophie zu erklären, das ist, als würde ich den Stillstand zum Transportmittel wählen.


