Thorsten Bathe
MartinN
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Thorsten Bathe
Bauschert
Thorsten Bathe

Mit ‘ausweglosigkeit’ getaggte Artikel

Wie Marionetten an dünnen Fäden

Donnerstag, 07. Mai 2009

Ich weiß nicht, wie vielen Heroinabhängigen ich in meinem Sozialarbeiter-Leben schon begegnet bin. Ein paar Tausenden ganz bestimmt. Im letzten Jahr konnte ich zusammen mit meinen Kolleginnen vom Aufnehmenden Suchtclearing über 300 Abhängige an das Kölner Drogenhilfesystem anbinden. übersetzt heißt das, dass wir sie in Entgiftungen, Krankenhäuser, Notunterkünfte, betreute Wohnprojekte, Drogenberatungsstellen und Methadonprogramme vermittelt haben. Oft standen auch Begleitungen zu verschiedenen ämtern, ärzten und Krankenkassen an. Manchmal sind darüber Monate vergangen.

Bei der Kontaktaufnahme mit Klienten ist meine Herangehensweise immer die gleiche: Ich begegne ihnen neugierig und wohlwollend. Trotz der Lebensumstände, des Szenegebarens und der Unzuverlässigkeit. Mein Mitleid allerdings spare ich mir und ihnen. Ich nehme Heroinabhängige genauso wie jeden anderen Menschen auf Augenhöhe wahr. Damit betone ich ihre Eigenverantwortlichkeit, anstatt nur meine schützende Sozialarbeiter-Hand über sie zu halten.

Natürlich bin ich mir darüber im Klaren, dass mein Einfluss Grenzen hat. Klienten stecken in modernen Horrorinszenierungen, dirigiert durch unbarmherzige Puppenspieler mit den Namen Heroin und Kokain. Sie hängen wie Marionetten an deren Fäden, versuchen aber trotzdem, ihren eigenen Willen zu behaupten und durchzusetzen. Manchmal nehme ich den Schicksalsblick ein. Ich sehe sie dann, wie sie sich abzappeln in dem Schauspiel, wie sie sich in ihren Fäden verheddern, und weiß ganz genau: mehr ist nicht drin.

Mehr soll wirklich nicht drin sein? Ernüchternder kann ein Fazit kaum klingen. Deshalb fühlen sich viele eingeladen, daran zu zweifeln und formulieren anklagend: Wenn sie nur wollten, dann könnten sie auch. Ich muss über diese Ungläubigkeit auf jeden Fall hinwegkommen. Denn den Zweifel zu meiner Arbeitsphilosophie zu erklären, das ist, als würde ich den Stillstand zum Transportmittel wählen.

Telefon-Terror der Banken

Dienstag, 05. Mai 2009

Neulich erhielt ich einen Hilferuf der Inhaberin einer kleinen Firma. Eine Mitarbeiterin sei völlig am Boden zerstört. Sie erhalte Anrufe ihrer Gläubiger am Arbeitsplatz. Im Gespräch mit der Betroffenen kamen die Handlungsmuster einiger Banken wieder einmal ans Tageslicht.

Vor Jahren hatte Frau. C. bei der Citibank einen hohen Kredit aufgenommen. Damit hatte sie unter anderem alte Schulden beglichen. Nachdem ihr Mann arbeitslos wurde, konnten sie zuerst die Raten noch zahlen. Er bekam Arbeitslosengeld und sie schränkten sich mit ihren Ausgaben ein. Dann lief der Anspruch auf das Arbeitslosengeld aus. Sie waren nur noch auf das Einkommen von Frau C. angewiesen. Sie zahlte die Raten verspätet oder überhaupt nicht. Es kam zu Rückständen.

Die Citibank rief die Frau zu verschieden Tageszeiten (bis 22 Uhr) und auch am Wochenende an. Immer wieder waren es verschiede Mitarbeitende. In den Telefonaten wurde auch mit Unwahrheiten gespielt. Der Druck wurde immer größer. Sie war völlig eingeschüchtert. Als dann die Anrufe auch am Arbeitsplatz erfolgten, vertraute sie sich ihrer Chefin an. Nachdem ich dann Kontakt mit der Citibank aufgenommen hatte, blieben die Anrufe aus.

Auf Bundesebene wurden wiederholt Gespräche zwischen dem Caritasverband und der Citibank geführt. Sie distanziert sich von diesen Anrufen und meint, die Mitarbeitenden würden nur vereinzelt anrufen, aber keinen Druck machen, sondern gemeinsam nach Lösungswegen suchen. Die Citibank ist nicht die einzige Bank. Andere Schuldner berichten ähnliches von der Santander Bank und der GE-Money Bank.

Sparkasse sorgt für positive Überraschung

Freitag, 17. April 2009

Selten gibt es Tage, an denen sich überraschend neue Möglichkeiten eröffnen. Heute war so einer. Der Grund war ein Telefonat mit der örtlichen Sparkasse. Dabei ging es um das Konto einer Familie mit drei Kindern, die ich seit etwa acht Wochen berate. Hr. B. kam zu mir, da die Agentur für Arbeit ihm den Hinweis auf unsere Beratungsstelle gegeben hatte. Seit Ende des vergangenen Jahres ist Hr. B. arbeitslos. Er war sich sicher, schnell wieder eine Arbeit zu finden.
Paradox, aber wahr: Die Basis seiner Probleme liegt in einer guten Vergangenheit. 2004 hatten er und seine Frau jeweils eine gut bezahlt Arbeitsstelle. In dem Jahr kauften sie sich eine günstige Vier-Zimmer-Eigentumswohnung. Dann wurde die Frau arbeitslos und fand nur noch einen 400-Euro-Job. Die Firma von Hr. B. musste ein paar Monate später Konkurs anmelden. Kurzfristig war auch er arbeitslos. Die Arbeit, die er dann fand, war nicht mehr so gut bezahlt.
Die beiden verschuldeten sie sich immer mehr – immer in der Hoffnung, dass sie bald wieder eine besser bezahlte Arbeit finden. Hinzu kamen dubiose Finanz- und Bankberater, die eher an ihr Vorteil dachten und so die Probleme der Familie verschärften.
Als das Ehepaar das erste Mal zu mir kam, war ich erschlagen von der Problematik. Es war unglaublich, was für Versicherungen und Verträge sie abgeschlossen hatten. Der Dispokredit auf dem Girokonto war mit 4.000 Euro ausgeschöpft. Lastschriften für Wohnung, Strom und andere Zahlungsverpflichtungen wurden nicht mehr ausgeführt. In so einer Situation ist die Bank schnell dabei, den Dispokredit zu kündigen. Mir wurde sofort klar, dass hier die Existenz der Familie auf dem Spiel steht. Das oberste Ziel ist der Erhalt der Wohnung, da eine Mietwohnung nicht günstiger wäre.
Inzwischen habe ich einen besseren überblick und heute eben mit der Sparkasse telefoniert. Wir haben einen Weg gefunden, den Dispokredit abzulösen. Dadurch kann über das Konto wieder verfügt werden. So lange die Zinsen und die Tilgung für die Wohnungsfinanzierung gezahlt werden, besteht von Seiten der Sparkasse kein Handlungsbedarf mehr. Jetzt geht es darum, für die anderen Schulden eine Lösung zu finden.

Sorge ums eigene Gemüt

Montag, 06. April 2009

Morgenstund hat Gold im Mund – von wegen. Ich stehe auf dem Neumarkt. Im Minutentakt kommen Klienten, andere haben sich vor 9 Uhr schon in den Drogenrausch verabschiedet. Dazwischen Gerenne, Geschacher und Gefluche. Die Hysterie und die Depression sind bei dieser Veranstaltung Stammgäste. Wenn ich das Treiben an einem Tag wie diesem betrachte, ist Gespenstergesellschaft beinahe alles, was mir zu denken übrig bleibt. Beinahe, denn einer geht mir auch noch durch den Sinn.

Niemand hat die Schrecken des 20. Jahrhunderts so zwingend mit Popmusik verknüpft wie Scott Walker. Panik, Paranoia und Massenmord sind seine Themen. Als schwarzer Engel verdunkelt er den strahlenden Himmel des klingeltonkompatiblen Charts-Einerlei. Nach den 60er-Jahre-Hits mit den Walker Brothers komponierte Scott Walker keine mitsingbaren Songs mehr, sondern produzierte mit seiner ersten Soloplatte eine so zuvor noch nicht gehörte Melange aus deutschem Kunstlied und Industrial-Lärm. Diesen Ansatz radikalisierte er mit den folgenden Alben immer weiter. Vor allem die CD “The drift” klingt beim ersten Hören gewaltig, nahezu unhörbar.

Nur langsam gelingt die Annäherung an die Stücke, die sich von herkömmlichen Songstrukturen völlig befreit haben, dafür umso mehr den modernistisch verrätselten Texten folgen. Vergleichbar langsam nähere ich mich ansonsten nur Klienten, die sich von herkömmlichen Lebensstrukturen ebenfalls völlig befreit haben, dafür umso mehr den wahnwitzigen Wegen des Heroins folgen.

Während Walkers Stücke von Mussolinis Geliebter und Milosevic, Elvis’ totgeborenem Zwilling und dem Anschlag auf das World Trade Center handeln, berichten Klienten von Lieblosigkeit, Missbrauch, Ohnmacht und Gewalt. Bei Scott Walker schlägt ein Percussionist auf eine Schweinehälfte ein, steigern sich Streicher in schreiende Glissandi. Klienten opfern Zähne und Verstand und malträtieren, was einmal ihre jungfräuliche Seele war, dass mir manchmal Angst und Bange wird um die Beschaffenheit meines eigenen Gemüts.

Der Problembär

Mittwoch, 18. März 2009

Kurz nach seinem 18. Geburtstag kam Herr R. mit seiner frisch bestellten Betreuerin zum Vorstellungsgespräch wegen Aufnahme in den Jakobushof. Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass er eine Menge Probleme hat. Er ist zu 60 Prozent schwer behindert, hatte eine schwierige Kindheit und Jugend, aus allen möglichen Jugendhilfemaßnahmen ist er rausgeflogen oder hatte diese selbst abgebrochen.
Herr R. hatte eine auffällige Jacke an, die farblich und vom Kunstfell her sehr nach Problembär aussah. In einer Hilfekonferenz mit Jobcenter, Kreissozialamt, Jugendamt und uns besprachen wir, ob wir ihn aufnehmen sollen oder ob nicht eine Hilfsmaßnahme des Jugendamtes in Frage kommt.

Ein Mitarbeiter des Jugendamtes sagte, Herr R. sei “austherapiert”
, sie sähen keine Möglichkeit mehr für ihn, als eine Maßnahme bei uns. Somit kam er ein paar Tage später zur Aufnahme und wohnt seither in einem Einzelzimmer, in dem sich die leeren Pizzapackungen ebenso wie die verschmutzte Wäsche und anderer Unrat stapeln. Das Zimmer ist einfach völlig verräumt. Dazwischen sitzt er vor dem Fernsehgerät beispielsweise morgens gegen halb neun, wenn er schon längst im Arbeitsbereich seine Gerichtsstunden ableisten sollte.

Gestern fand eine Vernehmung der Polizei statt. Es ging um Diebstahl. Um einer weiteren Strafanzeige zu entgehen, entriss er sich der Verkäuferin in einem Drogeriemarkt, wo er gerade die DVD Batman II geklaut hatte. Schon vor der Vernehmung fragte der Beamte am Telefon, ob er so eine auffällige Felljacke habe. Natürlich war es Herr R. mit seiner Problembärjacke, die ihn zusätzlich verriet.
Herr R. braucht sehr viel Zuspruch und Begleitung, um nicht weiter abzurutschen. Immerhin hat er ein sonniges Gemüt und hat fast immer ein Lächeln im Gesicht.

Lust for Life

Montag, 16. März 2009

,Jim Osterberg’ steht
auf der Krankenakte des Mannes, der sich 1975 freiwillig in die Obhut einer
psychiatrischen Klinik in Los Angeles begibt. Seine Brust ist mit unzähligen
Narben gezeichnet – Schnittverletzungen, die Osterberg sich bei seinen
exzessiven Bühneauftritten als Iggy Pop mit einer Rasierklinge zufügt hat. Sein
Körper steht kurz vor dem Kollaps, die Klinik ist seine letzte Chance.

So wie bei vielen meiner Klienten. Mit der Drogensucht zu flirten ist eine Sache. Aber wenn sie
dann zurück flirtet, ist es an der Zeit, die ganze Sache abzublasen
und eine
Klinik zur Entgiftung aufzusuchen. Die in der Szenesprache so genannte Venenkur
bedeutet für viele die lebensrettende Maßnahme in
letzter Minute. Dies bestätigen mir Klienten immer wieder, wenn meine
Kolleginnen vom Aufnehmenden Suchtclearing und ich sie dort
besuchen.

Osterberg wird während seiner sechsmonatigen Entgiftung nur von einem Kumpel aus frühen Tagen
unterstützt: David Bowie bringt Schallplatten und Bücher mit in die Klinik, um
dem Junkie den Entzug zu erleichtern. Osterberg verschlingt William Borroughs
“Ticket that exploded” und erkennt sein alter Ego Iggy Pop in der Hauptfigur
der Novelle wieder. Held Johnny Yen wird von den gleichen selbst
zerstörerischen Impulsen getrieben wie Iggy. Und meine Klienten.

Sie kommen oftmals
direkt aus der Klinik in die Kontakt- und Notschlafstelle und in den
Konsumraum. Ihr Motto: geht doch wieder. Als Osterberg die Klinik verlässt,
schlüpft er ebenfalls erneut in die Rolle des Iggy Pop und folgt Bowie nach
Berlin. Eines der ersten Lieder, das Iggy Pop anschließend im Schatten der
Mauer einspielt, ist ein Song über Borroughs’ Johnny Yen – jenen tragischen
Helden, der von seiner unersättlichen Lebensgier zugrunde gerichtet wird: “Lust
for life”.