Selten gibt es Tage, an denen sich überraschend neue Möglichkeiten eröffnen. Heute war so einer. Der Grund war ein Telefonat mit der örtlichen Sparkasse. Dabei ging es um das Konto einer Familie mit drei Kindern, die ich seit etwa acht Wochen berate. Hr. B. kam zu mir, da die Agentur für Arbeit ihm den Hinweis auf unsere Beratungsstelle gegeben hatte. Seit Ende des vergangenen Jahres ist Hr. B. arbeitslos. Er war sich sicher, schnell wieder eine Arbeit zu finden.
Paradox, aber wahr: Die Basis seiner Probleme liegt in einer guten Vergangenheit. 2004 hatten er und seine Frau jeweils eine gut bezahlt Arbeitsstelle. In dem Jahr kauften sie sich eine günstige Vier-Zimmer-Eigentumswohnung. Dann wurde die Frau arbeitslos und fand nur noch einen 400-Euro-Job. Die Firma von Hr. B. musste ein paar Monate später Konkurs anmelden. Kurzfristig war auch er arbeitslos. Die Arbeit, die er dann fand, war nicht mehr so gut bezahlt.
Die beiden verschuldeten sie sich immer mehr – immer in der Hoffnung, dass sie bald wieder eine besser bezahlte Arbeit finden. Hinzu kamen dubiose Finanz- und Bankberater, die eher an ihr Vorteil dachten und so die Probleme der Familie verschärften.
Als das Ehepaar das erste Mal zu mir kam, war ich erschlagen von der Problematik. Es war unglaublich, was für Versicherungen und Verträge sie abgeschlossen hatten. Der Dispokredit auf dem Girokonto war mit 4.000 Euro ausgeschöpft. Lastschriften für Wohnung, Strom und andere Zahlungsverpflichtungen wurden nicht mehr ausgeführt. In so einer Situation ist die Bank schnell dabei, den Dispokredit zu kündigen. Mir wurde sofort klar, dass hier die Existenz der Familie auf dem Spiel steht. Das oberste Ziel ist der Erhalt der Wohnung, da eine Mietwohnung nicht günstiger wäre.
Inzwischen habe ich einen besseren überblick und heute eben mit der Sparkasse telefoniert. Wir haben einen Weg gefunden, den Dispokredit abzulösen. Dadurch kann über das Konto wieder verfügt werden. So lange die Zinsen und die Tilgung für die Wohnungsfinanzierung gezahlt werden, besteht von Seiten der Sparkasse kein Handlungsbedarf mehr. Jetzt geht es darum, für die anderen Schulden eine Lösung zu finden.
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Sparkasse sorgt für positive Überraschung
Freitag, 17. April 2009Bewerbungsgespräch auf Englisch
Dienstag, 03. März 2009Nun möchte ich mich erst mal bei euch entschuldigen! Hab wenig Zeit für die Tagebücher aufgebracht in den letzten Tagen. Mein 12-jähriger Sohn hatte letzte Woche Geburtstag und ist während der Faschingsferien bei mir zu Besuch. Er beansprucht meine freie Zeit voll und ganz. Doch für mich ist das natürlich wichtig und ich lebe neu auf.Aber jetzt zum gestrigen Vorstellungsgespräch. Wie schon erwähnt, stellte ich mich in einem großen Betrieb vor, der eine Vollzeitstelle in der Verwaltung inseriert hatte. Meine Vorkenntnisse und Abschlüsse entsprechen genau den ausgeschriebenen Anforderungen. Der Verdienst wäre sehr ansprechend.Zwei wirklich sehr sympathische Damen nahmen mich in Empfang und berichteten mir Entwicklung und Arbeitsweise des Unternehmens. Sie erklärten mir mein zukünftiges Arbeitsfeld und fragten mich nach meinen beruflichen Werdegang.Sehr gute Englischkenntnisse sind erforderlich für diesen Job. Deshalb sollte ich eine kleine Konversation in Englisch mit einer der beiden Damen führen. Oh je – ich war so aufgeregt, dass ich es nicht realisieren konnte, meine Hobbys zu schildern. Allerdings wäre es für mich eine echte Herausforderung, dort meine Englischkenntnisse in Wort und Schrift erweitern zu können.Nun hoffe ich, trotzdem zum zweiten Gespräch eingeladen zu werden, bei dem die Geschäftsleitung dann die Entscheidung trifft, wer die Stelle bekommt. Ich habe angeboten, auf Probe zu arbeiten und Interesse an einem Praktikum gezeigt. Die Stelle wäre eventuell erst ab 01.06.09 zu besetzen. Vielleicht auch schon vorher. Bescheid werde ich Mitte März bekommen.In der kommenden Woche werde ich wieder etwas mehr Zeit zum Schreiben finden. Da in meinem Leben gerade nichts Interessantes passiert, möchte ich die brisantesten Erlebnisse aus meiner Zeit in Haft mit euch teilen.
Bis dann…
Die theoretische Möglichkeit wird wahr
Dienstag, 24. Februar 2009
Gestern bin ich los, um mir ein Polizeiliches Führungszeugnis zu besorgen. Wenn man keine Ahnung hat, wo man so was bekommt, geht man zur Polizei. Zehn Meter vor der Eingangstür durchzuckt es mich. Hast du noch was in den Taschen? Bin ich für ne Filze klar? Rainer, es ist alles in Ordnung, das ist Geschichte, musste ich dagegenhalten. Reflexe. Der Rosenmontag ist ein guter Tag um ein Führungszeugnis zu beantragen. Nein, Führungszeugnisse bekommen Sie in der Bürgerberatung, sagte man mir. Vor 15 Jahren hatte ich mal einen Prozess, 60 Tagessätze, knapp unterhalb einer Vorstrafe, da brauche ich mir keine Gedanken machen. Aber diese Reflexe sitzen tief.
Die letzten Schritte für meinen Arbeitsvertrag. Samstag und Sonntag werde ich schon arbeiten. In der Mühle, es hat tatsächlich geklappt. Ein Arbeitsvertrag über zwei Jahre mit 40 Wochenarbeitsstunden. Geklappt hat das nur, weil diese Stelle über das Arbeitsamt gefördert wird. Und zwar nicht zu knapp, 75 Prozent Förderung nach §16. Meine Sachbearbeiterin hat mir gesagt, dass so eine Förderung im Grunde nur eine theoretisch mögliche Eingliederungsmaßnahme ist. Eigentlich sind die Voraussetzungen für diese Förderungen nie erfüllbar. Da wäre mein Fall eine seltene Ausnahme.
Allein hätte ich das nicht geschafft. Die Schritte, die ich in den letzten zwei Jahren gemacht habe, waren dazu nötig, meine Vergangenheit ist nötig gewesen. Es war nötig, dass meine Vorgesetzten sich für mich stark gemacht haben und seit einen Jahr immer wieder mit meiner Sachbearbeiterin sprachen. Es war nötig, dass auch die Verwaltung und meine Chefin mit dem Arbeitsamt Kontakt hatten. Auch war es nötig, dass die Chefin meiner Sachbearbeiterin schon auf meinen Fall angesprochen wurde. Und für diese Förderung gab es – denke ich – nur ein schmales Zeitfenster. Ich glaube in zwei Monaten hat sich das erledigt, an so etwas zu denken.
Merkwürdig ist es, dass ich mir schon vor einiger Zeit gesagt habe, dass ich drei Monate nach dem Auslaufen des Ein-Euro-Jobs wieder irgendetwas haben werde. Wenn es mir jetzt gelingt einige neue Projekte in der Mühle von mir aus ins Rollen zu bringen, dann werde ich die Grundlage haben, mich in eineinhalb Jahren gut entscheiden zu können.
Aussicht auf einen neuen Job!?
Freitag, 20. Februar 2009
Ihr seid bestimmt gespannt, wie die Vorstellungsgespräche gelaufen sind! Am Mittwoch war ich in einem Verlag und bewarb mich um eine Halbtagsstelle im Sekretariat. Das fühlte sich sehr gut an … aber das dachte ich schon so oft! Gefallen würde es mir sehr. Die Arbeit selbst dürfte Freude machen und die Kolleginnen scheinen zu passen. Ich bekomme nach etwa zehn Tagen Bescheid!
Heute hatte ich ein Gespräch bei einem Personaldienstleister, der jemanden für 400 Euro monatlich für die Telefonakquise sucht. Kaltaquise ist zwar nicht das, was ich mir vorgestellt hatte, doch zutrauen würde ich es mir. Von Vorteil wäre, dass ich bequem auch von zu Hause aus Arbeiten könnte. Trotzdem insgesamt zu wenig Verdienst, auch mit den beiden Jobs.
Kommende Woche bin ich wieder zum Vorstellungsgespräch bestellt. Ein Vollzeitjob, genau nach meiner Vorstellung. Doch müsste ich dann meinen bestehenden Job kündigen, was mich traurig stimmen würde. Meine Vorgesetzten dort, wissen über mich Bescheid und mögen und fördern mich sehr.
Auf dem Stellenmarkt im Internet sind im kaufmännischen Bereich innerhalb von zwei Wochen leicht 1.000 Clicks auf ein viel versprechendes Stellenangebot verzeichnet. Die Arbeitgeber werden mit Bewerbungen überhäuft. Aus diesem Grund kann ich bei den Eingangsbriefen bzw. -gesprächen natürlich nicht meine Haftstrafe erwähnen, sonst hätte ich null Chancen eine Arbeit zu bekommen.
Der Gesetzgeber verlangt das auch nicht. Es ist nur vorgeschrieben, dass es bei einer Einstellung erwähnt wird, wenn die Arbeit mit dem Vergehen zu tun hat. Z.B. dürfte ich keine Medikamente ausfahren, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen.
Ich überlege auch, in keinem großen Betrieb zu arbeiten, da mich vielleicht jemand erkennen könnte. Ich wäre erpressbar oder jemand könnte mich in der Geschäftsleitung austragen und das Vertrauen wäre gebrochen. Bittere Pillen… Doch ich habe Vertrauen … alles wird geschehen, so wie es sein soll. Nicht nach meinem, sondern nach höherem Willen!
Nicht über Morgen nachdenken müssen
Montag, 16. Februar 2009
Gleich habe ich einen Termin in der Mühle. Danach werde ich wohl noch in die Lohstraße gehen und dann ist auch schon wieder Gruppe. Demnächst wird meine Zeit wieder knapper. 40 Stunden arbeiten, und drei Abende pro Woche sind schon verplant. Dann will ich mit dem Schreiben hier weitermachen und es wäre auch ganz schön wenn ich wieder mal mit dem Zeichnen anfange. Tagesstruktur wird in den nächsten zwei Jahren nicht das Problem sein.
Und es wird mir sehr gut tun, mir eine Weile keine Sorgen um mein Auskommen machen zu müssen. Wenn ich daran denke, wie viel Glück ich gehabt habe, denke ich gleich daran, dass das wirklich eine Ausnahme ist. Vor ein paar Tagen habe ich gehört, dass ein Bekannter, der bisher unter guten Konditionen über eine Leiharbeit beschäftigt war, seine Kündigung erhalten hat. Ist der Schlüssel zu meinem Glück, meine Haltung, einfach das zu machen, was ansteht?
Vor einer Beschäftigung als Leiharbeiter hatte ich…. Mir sträubten sich die Haare bei dem Gedanken. Aber ich hätte es gemacht. Arbeitslosigkeit? Mir fällt auch ohne Arbeit etwas ein, was ich mit meinem Tag machen kann. Das Schwierigste ist, nicht zu wissen, was nächste Woche ansteht. Jeden Tag neu und selber planen und eigentlich nichts planen können, was länger dauert und Geld kostet.
Da bin ich erstmal raus. Das erste Mal in meinem Leben. Zwei Jahre nicht an Morgen denken zu müssen. Auch habe ich mir vor einiger Zeit schon gesagt, dass ich in eineinhalb Jahren meine Weichen neu stellen werde. Passt genau. Wenn ich so zurückblicke, habe ich schon oft gespürt, was ansteht. Oft wusste ich nicht, wie ich das bewältigen sollte, aber auf das Meiste war ich gefasst.
Eine Freundin machte mal eine Ausbildung zur Heilerzieherin. Sie wurde, ausgehend von einer Clique, von der ganzen Klasse gemobbt. Diese Clique hat ihr gegenüber mal die Maske komplett fallen lassen und ihr erklärt, wie sie sie aus der Ausbildung entfernen wollten. An diesem Tag hatte Martina ein auf Aufnahme gestelltes Tonband in der Tasche. Ich habe es nicht geglaubt, was ich auf dieser Aufnahme zu hören bekam. Auch ihre Kursleiterin hat es kaum geglaubt, aber sie konnte Martina da nicht wirklich helfen, da sie die ganze Klasse hätte rausschmeißen müssen. Dieses Tonband hatte Martina nur an einem Tag bei sich. Ein Tag, ein Tonband, Volltreffer.
Schamanen sind keine Hellseher, sie zählen nur eins und eins zusammen. Dazu ist es nötig eine Aura zu schaffen, in der man von der Gemeinschaft isoliert ist. Und es ist wichtig, seine Intuition zu gebrauchen. Das Gegenüber in die Illusion versetzen und selber Wege finden die Intuition zu verstehen. Wenn man es schafft, den Geist eines anderen auf einen Punkt zu fixieren, dann kann man mehr als jemanden nur vor den Kopf zu sehen. Man sieht immer nur das, was man sehen will.
Schwarze und weiße Magie? Es gibt nur verstehen wollen und beeinflussen wollen. Wo lernt man so was? Auf der Straße. Jeder Betrug folgt einer immer gleichen Partitur. Es ist immer das gleiche Spiel, wie sich Täter und Opfer zusammenfinden.
Russisches Roulette
Freitag, 13. Februar 2009Ich kann es noch gar nicht glauben, die Festanstellung steht. Noch ein paar Formalitäten, und dann kann es losgehen. Gestern hat mich Vivi angerufen und mir gratuliert. Sie kenne ich auch aus der Lohstraße und sie arbeitet auch im Bereich der Drogenhilfe. Solche Erfolge sind selten, sagte sie mir. Ich habe schon einige meiner ehemaligen Therapeuten in den letzten Tagen getroffen und viele wussten über diesen Erfolg und beglückwünschten mich. Ja, die Erfolgsquote in der Drogenarbeit ist klein. Nach einer Therapie sind etwa 90 Prozent innerhalb eines Jahres wieder rückfällig. Einen großen Anteil daran haben die fehlenden Perspektiven. Und leider ist die Sterblichkeitsquote gerade nach einer Therapie enorm hoch. Vor allem bei Leuten ab 40. Meist sind das nicht einfach Unfälle, sondern mindestens bewusstes russisches Roulette. Vielleicht kann ich mich auch deshalb nicht ganz einfach unbefangen über meinen Erfolg freuen, weil ich weiß, dass eigentlich mein Leben daran hängt.
Für mich hat es auch etwas Reizvolles mich aus unmöglichen Situationen heraus zu manövrieren. Ich habe nie eine Haftstrafe verbüßt, nur einige Kurzaufenthalte in Zellen erlebt. Wenn mich heute jemand zu einem Jahr Haft – sozusagen als Selbstversuch – einladen würde, ich würde es tun. Ich saß mal in einer Zelle in Berlin und wurde von Staatsschutzbeamten verhört. Sie sagten mir, dass sie wüssten, dass wir eigentlich gar nichts gemacht haben, aber die französischen Alliierten würden uns vorwerfen einen Anschlag auf eine Kaserne geplant zu haben. Das heißt: keine Vorführung beim Haftrichter, sondern Auslieferung an die Franzosen und U-Haft unter Nato-Statuten. Das Einzige, was ich gesagt habe, ist: “Ich habe das Recht zu telefonieren. Ich will ein Frühstück und mache von meinem Recht Gebrauch, jede Aussage zu verweigern.” Anschlag? Franzosen? Fünf bis zehn Jahre Haft? Blödsinn!
Ich habe diese Vorführung mit der Polizei-Oberliga sogar genossen (sehr intelligent, sehr informiert, sehr aufmerksam). Habe kein einziges Wort gesagt und war nach 16 Stunden wieder frei. Meine Impulskontrolle ist schon ganz gut. Und vieles mache ich sozusagen als Selbsterfahrung ganz gerne mit. Für jeden sieht der Weg aus der Drogenwelt anders aus, aber es gehört schon was dazu.
Stolz? Nein, dazu habe ich auch schon mal was geschrieben. Nicht darauf keine Drogen mehr zu nehmen, aber ich bin zufrieden mit dem, wie ich dagegen agiere in ein versklavtes Leben zurückzufallen. Ein merkwürdiges Gefühl, etwas zu erreichen, weil man die Erfahrungen mit russischem Roulett benutzt.


