Thorsten Bathe
Rainer S.
Frey

Mit ‘arbeitsstunden’ getaggte Artikel

Ein professioneller Menschenversteher

Donnerstag, 12. März 2009

Endlich wieder Zuhause. Müde lehne ich mich in die Sofakissen zurück. Die Heizung knackt. Der Wind rüttelt an der wackeligen Fensterscheibe. In irgendeinem Roman habe ich gelesen, dass “der Mensch sich von dem Blinden in sich führen lässt”. Ich frage mich, wie eigentlich Entscheidungen getroffen werden. Ist meine freie Entscheidung nur eine Illusion? Eine kleine Abwechslung, die mir das Leben bietet?
Wenn ich mir den Tag heute vergegenwärtige, komme ich zu dem Schluss, dass nicht Entscheidungen das Leben bestimmen, sondern die Verfügbarkeit. Acht Stunden Arbeit auf der Straße und in der Kontakt- und Notschlafstelle bedeuten für mich, acht Stunden lang bereit zu sein für das, was sich plötzlich und unvorhersehbar ergibt. In personifizierter Rufbereitschaft. Bei allem Spaß, bei aller Hektik, Nerverei und Frustration verlasse ich mich dabei vor allem auf mich selbst. Auf die richtige Einschätzung meines Gegenüber, die richtige Ansprache, um in Kontakt zu kommen oder zu bleiben, und die richtige Strategie zur Stress- und Krisenbewältigung.
Ich bin ein professioneller Menschenversteher. Kommunikation, Emotion und Reflexion sind mein Handwerk. Nach Tagen wie heute überlege ich mir, was an meiner Arbeit reizvoll ist. Die Attraktion der Unvorhersehbarkeit? Manchmal wie ein Schauspieler das bürgerliche Milieu verlassen zu können? Die Unmittelbarkeit des Erlebten? Die tägliche Portion Wahnsinn?
“Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt”, heißt es bei Shakespeare. Mir fällt heute keine Antwort ein auf meine Fragen. Aber ich weiß auf jeden Fall, dass ich täglich umgeben bin von Träumen, Erwartungen und Verlangen. Ganzen Leben voller Möglichkeiten. Ganzen Leben so wie meins.

Mindestlaufzeit zwei Jahre

Samstag, 28. Februar 2009

Der Monat war teuer: drei mal Bielefeld, einmal Detmold, hundert Euro weniger. Jetzt kommt noch der Maschinentransport, bei dem ich mit gut 500 Euro rechne. Damit ist dann das Geld, das ich mir zusammengespart habe, futsch. Da ich dringend einen Festnetzanschluss brauche und mich ohne Internet-Zugang sozusagen behindert fühle, habe ich heute einen Vertrag gemacht. Ja und dann stand noch ein Umweltabo für das Monatsticket aus. Ich fühle mich richtig flau. Es ist eine … dass diese ganzen Sachen, nur über Verträge mit Mindestlaufzeit zu haben sind.
Im Verein hat vor einiger Zeit ein Jugendlicher seine Arbeitsstunden abgeleistet. Sein Vergehen: Er hat seine Bankkarte dazu benutzt 4.000 Euro zu verbraten. Haftstrafe mit Bewährung auf drei Jahre, Arbeitsstunden, Vorstrafe. Böser Junge, wie verwerflich, dass er seine Abbuchung nicht quadriert hat, so was muss bestraft werden.
Auf dem Bahnhof sprach mich ein etwa 22-Jähriger an, ob ich eine Zigarette hätte. Ich dreh dir eine, sagte ich. Wahrscheinlich ist es heute so ungewöhnlich, sich mit über 40 Jahren noch Zigaretten zu drehen, dass der Knabe dann über seine Knastgeschichte berichtete. Er habe schon sechs Mal gesessen. Ich fragte ihn, was man denn so machen müsste um so oft zu sitzen, ich hätte das mit gut 18 Jahren Heroin nicht einmal hingekriegt. Nein, nein da muss man schon was Richtiges machen, so was wie Autodiebstähle. Der glaubt wohl, ich schlafe auf den Bäumen.
Er merkte dann, dass seine Geschichte bei mir nicht so richtig punktete und verzog sich. Auf der Szene ist solche Dummheit oft gefährlich und sie führt nicht selten zu Gewalt. Auch Dealer gewähren Kredite und anders als Banken gehen die meisten auch davon aus, dass es uneinbringbare Forderungen gibt. Aber da diese Dealer ihr Geschäft ja auch weiter führen wollen, müssen sie dann manchmal Klarheiten schaffen.
Früher hatte man einfach keinen Dealer mehr, wenn man nicht bezahlt hat. Heute machen viele auf Wild West. Die Szene heute ist einfach nur unsagbar dumm. Auch ein gewichtiger Grund für mich, dass ich ausgestiegen bin. Es gibt viele Abhängige, die für sich genommen nicht blöde sind, aber in einer Szene wie der von heute nützt einem das gar nichts. Heute stehe ich da und mache 24-Monatsverträge. Auch ganz schön bekloppt.

Vom kleinen Finger und der ganzen Hand

Mittwoch, 14. Januar 2009

In unserem Kontaktladen können Besucher, die vom Gericht verurteilt wurden, auch Arbeitsstunden leisten. Das ist eine gemeinnützige Arbeit, die diese auf Antrag machen, statt eine Geldstrafe zu zahlen oder eine Haftstrafe abzusitzen. Wir verlangen von den Personen, dass sie regelmäßig und pünktlich erscheinen. Sie sollen ihre Arbeitsstunden so schnell wie möglich erbringen, wobei wir immer ihre persönlichen Möglichkeiten berücksichtigen. Normale Tätigkeiten unserer “Arbeitsstündler” sind zum Beispiel die Reinigung der Räumlichkeiten, der Toiletten oder auch des Vorplatzes.
Unsere heutige Teambesprechung ging unter anderem um dieses Thema. Die Moral und Arbeitswilligkeit ist aktuell nicht, wie wir es uns wünschen. Grundlegende Dienste, die von den Arbeitsstündlern geleistet werden sollten, müssen zum Teil von uns Mitarbeitern erledigt werden. Wir haben uns wieder ins Gedächtnis gerufen, dass diese Besucher etwas von uns wollen und nicht umgekehrt. Ein Effekt, der sich in der täglichen Arbeit manchmal einschleicht und gerne angenommen wird. Frei nach dem Motto: “Gibt man den den kleinen Finger, nehmen sie die ganze Hand.”
Dabei steht nicht im Vordergrund, dass wir uns zu “fein” sind zum Beispiel auch mal den Müll raus zubringen, sondern dass wir eine Verbindlichkeit mit Richtern und Staatsanwälten eingehen. Wir bieten unseren Besuchern eine Hilfe an, damit es nicht zu unnötigen Haftstrafen kommt, da die meisten die geforderten Geldstrafen nicht bezahlen können.