Rainer S.
Thorsten Bathe
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Thorsten Bathe
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Mit ‘alltag’ getaggte Artikel

Keine Lust mehr auf stinkenden Hartz-Käse

Montag, 13. Juli 2009

Als ich das letzte Mal meine Kontoauszüge aus dem Automaten zog, war ich doch ein bisschen gespannt. Habe ich etwa Urlaubsgeld bekommen? Der Blick auf den Auszug holte mich aus dieser Träumerei. Nein, natürlich nicht. Ich habe da ja so einen Spezial-Vertrag. Mit meinem Geld komme ich zurzeit wirklich zurecht und spare mir doch jeden Monat etwas mehr zusammen.

Aber ich darf hier keinen Denkfehler machen. Mein Vertrag läuft regulär über zwei Jahre. Danach ist es sehr fraglich, ob er verlängert wird. Was nicht ganz regulär ist: In dieser Zeit werden keine Beiträge in die Rentenversicherung eingezahlt, und auch keine Arbeitslosenversicherung. Das bedeutet natürlich auch, wenn ich mich nach diesen zwei Jahren wieder arbeitslos melde, … bin ich von Anfang an wieder auf Hartz 4. Wäre nicht gerade clever, wenn ich dann einen anrechenbaren Kontostand habe.

Nein, ich will da wirklich nicht meckern, es ist so wie es ist schon sehr viel besser, als ich es mir vor einiger Zeit vorgestellt habe. Aber es erinnert mich eben daran, dass ich innerhalb dieser zwei Jahre etwas finden muss, was mich dann in einen normalen Status bringt. Normal – muss -Altersvorsorge – Status: Ich krieg die Krätze. Schon erschreckend wie mein Arbeitsleben sich in mein Denken einschleicht. Ich muss gar nichts, aber ich will noch etwas. Und dazu gehört es, nichts mehr mit diesem stinkenden Hartz-Käse zu tun zu haben. Aber wenn ich mich so umschaue (Löhne unter fünf Euro brutto für die so mancher arbeitet), habe ich manchmal das Gefühl, es ist schon fast unverschämt etwas zu wollen.

Notate eines hauptberuflichen Menschenverstehers III

Freitag, 10. Juli 2009

02.07.09
Ich denke an meine Freundin, an mich, an uns. Wenn ich es gut mit ihr meine, sage ich ihr immer, sie sei wie die Musik von Hildegard Knef. Wenn sie durch die Türe tritt, beginnt etwas zu schwingen. Auch Melancholie ist wie Musik, alles durchdringend, innen wie außen zugleich.

“Vielleicht fragt dich eines Tages jemand, der noch unbestechlich: Wie viel Menschen waren glücklich, dass du gelebt? Und du gleitest durch Spiralen der Erinnerung, durch Verzweiflung und durch Freude, und die Trauer macht dich stumm, weil du’s nicht weißt” (Hildgard Knef)

03.07.09
Einmal Gefühlsdusche, bitte. Ich möchte mich mal wieder wie nach einem beruflichen Erfolg fühlen. So heiter wie früher, als Krach und Dilettantismus noch als der ganz heiße Scheiß goutiert wurden. Stattdessen: bis mittags im Bett, danach Wachkoma. Ein Tag auf dem Abstellgleis.

“Es ist, als könne man seine Vergangenheit, indem man sie aufschreibt, nur benennen, nicht aber heraufbeschwören” (Alexander Masters)

06.07.09
Das Leben ist wie ein Blick durchs Schlüsselloch, ein winziger Zipfel der Unendlichkeit, den wir erhaschen. Heute habe ich leider das falsche Ende erwischt: Hektik auf dem Neumarkt, Nerverei mit betrunkenen Klienten, viel Gesprächsbedarf unter Kollegen. Zusammengefasst: wenig Spaß. Ein blöder Montag eben.

“I don’t like Mondays. I want to shoot the whole day down” (The Boomtown Rats)

07.07.09
Irgendwo habe ich einmal in einem Gespräch die Redewendung “The party of animals” aufgeschnappt. Ich schätze sie sehr, weil sie mich auf eine poetische Art und Weise an meine Arbeit denken lässt.

“Party bedeutet Spaß, Passion, Risiko und Gefahr. Tiere sind die königlichsten Wesen der Erde, denn sie schaffen es, Schmerz zu ertragen, ohne verrückt zu werden” (Harold Brodkey)

09.07.09
Ein Tag wie ein Nachmittag auf dem Sofa. Gemütlich. Harmonisch. Glücklich. Mir gehen Worte meiner Oma durch den Kopf: “Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist”. Das Glück ist ja eine wechselhafte Angelegenheit. Aber es ist durchaus bereit, den einen oder anderen zu begünstigen, wenn man weiß, wie man darum bitten muss.

“In every life we have some trouble, when you worry you make it double, don’t worry, be happy” (Bobby McFerrin)

Anstrengende Normalität

Freitag, 19. Juni 2009

Heute habe ich mir frei genommen. Außer dem Boule heute Abend habe ich eigentlich nur im Bett gelegen. Die verpasste Erholung im Urlaub fehlt mir.

Normalität ist ganz schön anstrengend. Ich habe ja mal geschrieben, für mich geht es erst mal darum Normalität zu lernen, und ich merke, dass ich damit ganz richtig gelegen habe. Es gibt so einiges in meinem Alltag, zu dem ich früher gesagt hätte du verkaufst dich. Vielleicht ist es auch das, was mich am meisten anstrengt. Ich weiß, dass ich das was ich jetzt mache, nicht 10 Jahre machen will. Da sollte noch etwas kommen.

Auch finde ich es sehr bedauerlich, dass Laras Vertrag an der Mühle bald endet. Lara ist immer wieder ein Lichtblick.

Unterwegs durchs Laubmassiv

Freitag, 22. Mai 2009

Wald - ©  Vitaliy Pakhnyushchyy - Fotolia.com

Straßen gestochen in Arme und Beine
das Fleisch durchlöchert,
der Leib eine Kalligraphie der Verzweiflung.

In den Augen ein Flimmern
plötzlich finster im Abteil,
die Euphorie rauscht in den dunklen Wald.

Unterwegs durchs Laubmassiv
werden Seelensiedlungen berührt,
verlorene Boten von innen
nach außen gestellt.

Rebellion des eigenen Geistes,
im Gesicht steht Aufbruch
verknüpft mit dem Schneckenhaus
aus dem nun schmerzende Kälte grimmt.

Es droht ein Leben, genormt und bürgerlich
ohne Geheimnis am Grunde der Tasse
und nur mit Zeit zu bezahlen.

Ein anderer Himmel, zum Leben zu hoch
und zum Sterben zu blau,
was denn nun: Leben oder Sterben?

Kein Beamter aus Dionysos’ Truppe
fürs erste mehr in Sicht,
die Requisiten des trügerischen Glücks
sind zusammengekehrt und verschwunden.

Es regnet Unwohlsein und Langeweile,
ein Variantenspiel mit geordneten Tagen,
das Herz ein matschiges Feld
voller wilder, plündernder Sehnsucht.

Wie ein Arbeitsleben ohne Feierabend

Samstag, 16. Mai 2009

Die Woche war anstrengend und noch immer bin ich am Husten. Manchmal habe ich Sehnsucht danach, allein in der Werkstatt zu stehen und zu tischlern. Ich merke wie anstrengend es ist mit ständig wechselnden Leuten zu arbeiten. Vor allem wenn die Tätigkeiten auch ständig wechseln. In der letzten Woche habe ich gemauert, was ich bisher noch nie gemacht habe. Eigentlich kann ich ganz zufrieden mit mir sein, aber ich merke davon nicht viel. Ein paar Mal hatte ich, wenn ich länger gearbeitet hatte und das Wetter gut war, richtig Lust auf ein Bier zu haben. Mit Alkohol hatte ich bisher die geringsten Probleme und darum schleicht sich dieser Wunsch auch so leicht in mein Denken ein. Es ist nicht die Lust auf einen Rausch, es ist die Lust mit ein paar Schlücken die Empfindung zu erzeugen: “Heute ist alles gemacht. Feierabend.”

Die Lust, dem Körper diese Entscheidung zu überlassen. Die Sehnsucht, dieser warmen Schwere zu folgen und den Widerstand aufzugeben, die Gedanken in Bahnen zu halten. Während ich das hier schreibe merke ich, wie diese Sehnsucht weiter durchsickert zu anderem. Zu Hasch, mit dem ich zwar Probleme habe, aber das sind ja Probleme, die einen nicht umbringen. Und dann zum Heroin. Zum Hauptproblem, das tödlich ist, … irgendwann. Zu etwas, was aus dem Körper pulsierend das Signal sendet, es ist alles gemacht. Etwas, das dem Alltag die Bestimmung gibt, nicht heute das Unmögliche zu versuchen.

Vielleicht kein schlechter Vergleich, abstinent leben ist für einen Süchtigen, wie es für andere wäre, ein für alle Mal auf Feierabend zu verzichten. Ich mache Fortschritte dabei, Ersatz für diese Art von Feierabend zu finden. Etwas bitter ist der Gedanke, dass wenn ich etwas finde was dem nahe kommt, werde ich unterbewusst auch wieder an Drogen erinnert werden.

P.S. Der Beitrag klingt dunkler, als es für mich derzeit ist. Und Grüße an Sigrid, über deren Kommentare ich mich sehr gefreut habe.

Sturzflug durch den Alltag

Freitag, 24. April 2009

“Haben sie eine Kundenkarte oder sammeln sie die Treueherzen?” Die Frage der Kassiererin höre ich noch. Dann bricht die Zeitlupe über mich herein. Ich stehe an der Kasse im Supermarkt und denke nach. “Die Zeit heilt alle Wunden”, heißt es immer wieder. Die offenen Stellen auf Franks Füßen haben sich geschlossen. Auch Monikas Abszessnarben sind verheilt. Das Sprichwort meint aber wohl vor allem die Blessuren, bei denen sterile Kompressen und Salben nichts ausrichten können. Zum Beispiel schreckliche Erlebnisse oder schwere seelische Traumata. Auf einmal hat das Zeitverstreichen etwas Gutes.

Erstaunlich, ansonsten muss doch immer alles fix gehen. Meine Klienten sagen ja nicht umsonst “fixen”. Gleiches gilt auch für mich und viele andere: Schnell aus dem Bett, schnell Kaffee trinken, schnell zur Arbeit, wo alles Machen trotz Schnelligkeit nie schnell genug sein kann, danach schnell etwas einkaufen, schnell kochen, essen, fernsehen, schnell schlafen und lieben. Sturzflug durch den Alltag. Das Leben fühlt sich meistens an, als würde
jemand die Vorlauftaste gedrückt halten.

Manchmal wird jedoch plötzlich umgeschaltet auf Slow-Motion. Ich denke und spreche langsam. Dann kann ich Minuten damit verbringen, mir zu überlegen, was ich später zu Hause kochen möchte. Oder welches Poster morgen im Büro an die Wand soll. Ich schaue so lange blöd aus der Wäsche, dass selbst Klienten um Jahre gealtert scheinen.

Und manchmal fahre ich die Energie-Zufuhr noch weiter runter. Ich denke gar nicht und schweige. “Das macht bitte zwölf Euro dreiundvierzig”, wiederholt die Kassiererin, bevor sie mit ihren Händen vor meinem Gesicht rumfuchtelt und noch etwas lauter wird: “Hallo, Erde an Mars”. Die Zeit vergeht. “Was ist denn heute hier los”, mosert nun ein Mann hinter mir, “schon wieder einer auf Droge?” Mich berührt das Gemecker nicht. Mein Leben, die Arbeit, die Zeit – alles zieht an mir so friedlich und geruhsam vorbei wie die Einkäufe auf dem Band im Supermarkt.