Meinen Arbeitsvertrag habe ich zwar immer noch nicht in den Händen, aber morgen geht es los. Samstag und Sonntag werden zwei halbe Arbeitstage und Montag der erste volle. Gestern war ich noch mal bei der AGOS (Arge) um zu klären, was ich noch erledigen muss. Mein polizeiliches Führungszeugnis ist auch gekommen. Keine Einträge. Zwar habe ich das so erwartet, aber es ist ein merkwürdiges Gefühl. Ich war zwar nie eine große Nummer für irgendeine Ermittlungsbehörde, aber ich weiß dass ich auf jedem Schreibtisch schon mal lag. Stimmt gar nicht, ich lag nie im Einbruchsdezernat und habe dafür auch keinen Anlass gegeben.
Im Nachhinein habe ich schon oft gedacht, großes Glück gehabt zu haben. Oft entweder Verstand oder Gewissen eingesetzt zu haben, bevor ich zu großen Mist gemacht habe. Ich glaube, ich könnte sogar vor einem Richter eine Lebensbeichte machen und der würde nur mit dem Kopf schütteln und sagen: “Herr S., so was will ich gar nicht hören.”
Meine Bude ist aufgeräumt, ab morgen habe ich Arbeit, meine Zähne sind okay, ich werde wohl Mitglied in einem Boule-Verein. Fehlt noch eine Beziehung und dann nennt man so was “normal”. Solange ich noch Single bin, kann ich mir ja nen Gartenzwerg in die Bude stellen um das zu kompensieren.
Bei der AGOS habe ich Steven getroffen. Er ist substituiert und wollte sich einen Termin dort holen. Er war ganz schön abgenervt und hat dort kein einfaches Spiel. Abends traf ich noch jemand, der im Jugendamt arbeitet und der berichtete mir von seinen Erfahrungen mit der AGOS, wenn es um alleinerziehende Mütter geht. Die kosten mehr als ich, und dort wird gekürzt was das Zeug hält.
Seit ich damals in der Klapse war ist mein Motto, dass jedes System seine Erfolgsquote braucht. Dafür muss ich zwar einiges bringen und kann mich nicht gerade treiben lassen, aber ich brauche auch nicht kriechen oder ein falsches Spiel treiben.
Gerechtigkeit? Auffälligkeit wird belohnt und bei Alleinerziehenden wird das “Allein” gefördert? Bald muss man einem Jugendlichen der keine Aussicht auf eine Ausbildung hat raten, er solle zusehen für drei Jahre in den Knast zu kommen um da eine Ausbildung zu machen. Gitterbafög!
Es gibt viele, die sagen es sei nicht zu dulden, dass ein Sozialsystem ausgenutzt wird und nicht dahin sehen wie die Erfolge und Karrieren hier gemacht werden. Der Erfolg der Banken ist auf Bier, Fußball, Fernsehen und Ballermann gebaut. Ich muss mal sehen, ob es Gartenzwerge mit Aktenkoffer gibt.
Mit ‘agentur für arbeit’ getaggte Artikel
Zum Normalo fehlt noch der Gartenzwerg
Freitag, 27. Februar 2009Wie Herr X. in den Mühlen der Reformen untergeht
Freitag, 20. Februar 2009
Heute bekomme ich erneut Post von einer großen gesetzlichen Krankenkasse. Es bleibt bei der Aufforderung, die Kosten in Höhe von knapp 1.000 Euro zu begleichen, für die ich Medikamente für Herrn X. im Oktober 2007 verschrieben habe. Meine Befürchtung bestätigt sich: Es wird ein mühsamer Prozess der Klärung anstehen. Was ist geschehen?
Im Juli 2007 wurde Herr X. aus einer psychiatrischen Klinik aus Süddeutschland nach längerer Behandlung entlassen. Er ist schwer psychisch erkrankt. Und – das ist nicht die Regel – er will sich weiter medikamentös behandeln lassen. Herr X. wollte wieder nach Frankfurt, dem Ort, der ihm aus früheren Jahren bekannt und vertraut ist.
So riefen die Klinikärzte bei uns an und baten um Mithilfe, denn: Herr X. besaß trotz Klinikaufenthalt zu diesem Zeitpunkt keinen Krankenversicherungsschutz. Aber er brauchte regelmäßig und nahtlos seine Spritzen und Medikamente, wollte er nicht erneut als Notfall in einer psychiatrischen Klinik landen. Schon gleich beim ersten Kontakt in unserer Straßenambulanz, vermittelte ich ihn an die Sozialarbeiter der CASA 21 (Caritas Aufsuchende Sozialarbeit Allerheiligenstraße 21).
Diese verhalfen Herrn X. zu einer vorübergehenden Unterkunft in einem Wohnwagen auf Kirchengelände (Wohnwagenprojekt). Außerdem boten sie ihre Hilfe an bei den unzähligen Prozeduren zur Beantragung von Arbeitslosengeld (ALG) II, Neuanmeldung bei der Stadt, Klärung der Krankenversicherung. Herr X. konnte weder gut schreiben, noch alles gut verstehen.
Ein Versuch, ihn gleich in die so genannte Grundsicherung (Sozialhilfe nach dem SGB XII) zu vermitteln, scheiterte an den Gesetzesauflagen und Vorschriften der Behörden und ämter: “Erst muss eine Ablehnung durch das Jobcenter erfolgen, dann können wir als Sozialamt mit der Prüfung unserer Zuständigkeit beginnen”.
Ob und wie ein Mensch in diesen übergangszeiten krankenversichert ist, interessiert nur wenige in der Stadt! Da helfen auch keine Eilanträge! Ebenso muss aber auch zunächst geprüft werden, ob Herr X. rechtmäßiger Empfänger von Hartz-IV-Leistungen sein kann. Ja und dann ist natürlich zu klären, bei welcher Krankenkasse er versichert werden kann. Es muss ja jene sein, bei der er zuvor am längsten versichert war.
Zu dumm, Herr X. konnte es nicht genau sagen. Fälschlicherweise wurden die vom ALG einbehaltenen Krankenkassenbeiträge zunächst bei der falschen Kasse eingezahlt. Und die anschließend von ihm gewählte Krankenkasse erhielt angeblich nie seine Anmeldung. Gleichwohl schickte sie dem Sozialarbeiter und mir eine Mitgliedschaftsbescheinigung für den Fall einer Anmeldung. Heute – fast zwei Jahre später – muss ich bei meinen Recherchen feststellen: Vermutlich erfolgte nie eine formale Anmeldung durch das Jobcenter, obwohl Beiträge abgeführt wurden! Wohin und an wen? Wieso sollen wir nun die Kosten tragen?
Fest steht: Ich hätte Herrn X. wieder mit seinen teuren Medikamenten versorgt! So konnte er wenigstens einige Monate stabil und beschwerdefrei seinen Wohnwagen bewohnen und ein fast normales Leben führen. Ich hätte vielleicht gleich die Spendengelder dafür nehmen sollen – aber dann hätte man ihm auch die abzuführenden Krankenkassenbeiträge auszahlen müssen. Ungeklärte Fälle wie Herr X. sind leider kein Einzelfall. Irgendetwas läuft schief bei all den Reformen!
Eine Schlägerei mit Folgen
Montag, 09. Februar 2009
In der Nacht auf Freitag gab es eine Schlägerei in unserer Einrichtung. Daraufhin haben wir zwei Leute entlassen. Deshalb kam ich am Freitag nicht dazu, einen Eintrag zu schreiben. Mein Tagesplan war einigermaßen durcheinander. Wir befragten Beobachter und Beteiligte der Schlägerei, trugen die Informationen im Team zusammen, besprachen und verarbeiteten sie.
Mich betraf der Vorfall, weil einer meiner Klienten beteiligt war. Ihn hatte ich erst kürzlich von der Kollegin übernommen, die den Arbeitsbereich gewechselt hat (siehe mein Eintrag vom 2. Februar). Es ist mir aus verschiedenen Gründen schwer gefallen, den Team-Entschluss zu vollziehen. Das lag daran, dass Herr X. und andere ein super Publikum waren und lautstark mitsangen, als ich beim Silvesterdienst meine Martin-Gitarre auspackte. Herr X. hatte auch bei zwei Konzerten meiner Band für Stimmung gesorgt.
In den Gesprächen nach dem Vorfall betonte er immer wieder, dass er sich nur in einer Verteidigungsposition befunden habe und seine Entlassung ungerecht sei. Außerdem hatte ich ihn ja auch erst kürzlich übernommen und die Entlassung war nun die erste Aktion, die in seinem Zusammenhang zu tun war. Erschwerend kam hinzu, dass bei Herrn X. auch viele positive Ansätze zu verzeichnen waren.
Eigentlich wollte ich wie angekündigt etwas zum Thema Jobcenter schreiben. Diese Behördenkonstruktion ist verfassungswidrig, wie kürzlich durch die Presse bekannt wurde. Da hier in Konstanz der Vertrag schon früher als woanders abgeschlossen wurde, endet der nun schon Ende 2009 – und nicht wie in anderen Landkreisen erst Ende 2010. Dies hat zur Folge, dass möglicherweise ab dem nächsten Jahr unsere Klienten respektive wir Sozialarbeiter getrennte Anträge bei der Arbeitsagentur und dem Landratsamt stellen müssen. Dazu kommt, dass dem hiesigen Jobcenter schon jetzt Mitarbeiter davonlaufen, da sie nur bis Ende 2009 befristete Arbeitsverträge haben.
Nun hoffen hier alle auf eine baldige Entscheidung des Gesetzgebers, damit die erfolgreichen Jobcenter doch weiterarbeiten können. Anderenfalls würde der Schuss mit der Arbeitsmarktreform und Verwaltungsvereinfachung gewaltig nach hinten losgehen und alles würde viel komplizierter, als es ursprünglich angedacht war. Derzeit haben wir hier eine wirklich gute Zusammenarbeit mit unserem Jobcenter
. Never change a winning team!
Warum hat eine Straße weiße Linien?
Mittwoch, 21. Januar 2009
Diese Frage stellt mir Dieter auf dem Weg zum Arbeitsamt. Auf mein Achselzucken hin klärt er mich die Nase hochziehend auf: “Sie dienen der Orientierung!” Ich muss ihn wohl etwas überrascht angeschaut haben, anders kann ich mir sein abruptes Lächeln nicht erklären. “Scheiß-Koks, leider fühlst du dich damit wahnsinnig glücklich. Jeder ist dein Freund. Die Welt ist ein Paradies”, schwadroniert er fröhlich weiter. “Und du kannst quasseln wie ein Wasserfall. Ich allerdings auch ohne Koks, du kennst mich ja”. Wo er Recht hat, hat er Recht.
Während Dieter sein Märkchen mit der Nr. 239 zieht und wir im Wartebereich Platz nehmen, geht mir eine Definition von Henrik Jungaberle durch den Kopf. Seiner Meinung nach “ist Sucht ein Lernprozess, der von den Defiziten und Ressourcen des Einzelnen und seiner Umwelt bestimmt wird. Dieser Prozess ist grundsätzlich umkehrbar, das kann aber langwierig und schmerzvoll sein”.
“Schnell geht anders”, quengelt Dieter, als irgendwann Nr. 215 aufleuchtet. “Glauben die, ich hab’ den ganzen Tag nichts Besseres zu tun, als mir hier mein Popöchen eckig zu sitzen?” Noch in Gedanken pfeife ich für ihn Bobby McFerrins Klassiker “Don’t worry, be happy”, denn einen ausflippenden Dieter brauche ich hier so nötig wie ein U-Boot eine Gartentür.
Ich vergegenwärtige mir Dieters Lebensgeschichte. Missbrauchserfahrungen, Knastaufenthalte, Beziehungsabbrüche – einmal quer durchs Junkie-Einmaleins. Mir ist so ein Leben erspart geblieben. Gelassenheit stellt sich ein. Zu wissen, wie es hätte sein oder hätte werden können, aber nicht geworden ist. Glück gehabt, denke ich. Henrik Jungaberle würde es wohl eine ressourcenorientierte Meisterleistung nennen.


