Nichts als die Seele

Geschrieben von Thorsten Bathe | Schlagworte , , ,
20. März 2009 22:20

Plötzlich scheppert es. Cornelia ist mitten in der Kontakt- und Notschlafstelle zusammengebrochen. Schnell gehe ich zu ihr und beuge mich über sie. Sie liegt regungslos zwischen den Tischen und Stühlen. Blessuren vom Sturz kann ich nicht erkennen. „Die Alte nervt", mosert Mirko, „mach’ mal voran, ich brauch’ die Bescheinigung sofort, mein Zug geht in neun Minuten". Ich deute auf die ohnmächtige Klientin. Der angestiegene Geräuschpegel ist zunächst auf sensationsgeil gedimmt. Gebanntes Starren. Dann ist es mucksmäuschenstill und drückend, weil das Unausgesprochene der Luft den Sauerstoff raubt wie ein schwelendes Feuer.

„Jetzt mach schon", schreit Mirko. Dabei fuchtelt er mit den Armen. Alle, die noch schauen können, schauen mich an. Dieses Entertainment will sich keiner entgehen lassen. Zu sehen gibt es allerdings nicht viel, außer meinen Blick, den Mirko als erster verstanden hat: „Du bist als Sozialarbeiter verpflichtet … hast du doch auch ein Interesse … kannst du mir nicht schnell helfen … - … bitte". „Jetzt nicht", antworte ich, meinem Berufsstand untypisch.

Alle sind nun auf den Notfall konzentriert. Meine Kollegen und ich kennen solche Situationen. Wir haben die damit einhergehenden Abläufe und Notwendigkeiten verinnerlicht. Cornelias Augen sind geschlossen, der Mund steht offen, ihre Hände sind zu Fäusten geballt. Endlich höre ich den ankommenden Notarzt. „Lassen sie mich durch", ruft er und schiebt sich vorbei an der gaffenden Menge. „Hören sie mich?" fragt er Cornelia. Sie antwortet nicht. Der Notarzt fühlt ihr den Puls, da öffnet sie die Augen. „Es ist die Seele", flüstert sie, „nichts als die Seele". Dann rappelt sie sich hoch und taumelt langsam in Richtung Treppenhaus. Noch immer sind ihre Fäuste geballt.


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