Mir geht’s wieder richtig gut. Ich habe meine Verlängerung genehmigt bekommen. Ich werde noch ein weiteres Jahr im „Café Plattform“ arbeiten. Da ist mir echt ein Stein vom Herzen gefallen. Ich wollte nämlich nicht mehr nichts tun. Ich hab mir jetzt einen günstigen PC gekauft, einen zum Spielen und fürs Internet. Beim Surfen bin ich auf dieses Pennergame gestoßen. Das ärgert mich. Ich finde dieses sogenannte „Spiel“ eine Unverschämtheit den Menschen gegenüber, die in einer schwierigen Lebenslage sind. (weiterlesen…)
Archiv für die Kategorie ‘Obdachlosigkeit’
Pennergame ist eine Unverschämtheit
Montag, 14. September 2009Hauptsache der Katze geht’s gut
Freitag, 11. September 2009
Gestern habe ich mir eine Playstation 3 gekauft, obwohl ich sie mir eigentlich nicht leisten kann. Dafür werde ich auch den Rest des Monats sparsamer leben. Für meine Katze habe ich vorher schon gesorgt, so dass sie genügend Futter und Katzenstreu hat. Dass es meiner Katze gut geht, ist für mich am Wichtigsten. Ohne sie fühle ich mich etwas einsam. Ich wünsche mir, endlich mal wieder ein nettes Mädchen kennen zu lernen. (weiterlesen…)
Was kommt nach dem Ein-Euro-Job?
Mittwoch, 09. September 2009
Im Moment fühle ich mich nicht so besonders, weil ich nicht weiß, wie es nach meiner Zeit im Café Plattform weitergeht. Ende September ist der Ein-Euro-Job im Aachener Wohnungslosentreff vorbei. Und ich möchte nicht zuhause nur rumsitzen und nichts tun. Da kann einem ganz schnell die Decke auf den Kopf fallen. (weiterlesen…)
Menschenverachtende Trennung von Mitte und Rand
Donnerstag, 04. Juni 2009Ein Erfahrungsbericht über Begegnungen mit Menschen am Rand. Von Gast-Blogger Heribert Schlensok
Gute Strategie: Der Verkäufer des Obdachlosenmagazins zieht durch das Café. Ich kaufe ihm ein Heft ab. Draußen auf der Straße treffen wir uns wieder. “Hab’s schon” sage ich und wünsche ihm viel Erfolg. Obdachlosen-Magazine verkaufen ist ein Knochenjob, deren Verkäufer motivieren nicht. Der Mann lächelt. Er ist Mitte, nicht Rand.
Am Wochenende spazieren wir als Touristen durch München. Der Fußweg führt unter einer Brücke durch, rechts der Auer-Mühlbach, links eine Ansammlung Müll. Im Halbdunkeln kauert ein Obdachloser auf einer improvisierten Matratze. Sein Blick erinnert an die Augen eines gebrochenen Löwen im Käfig, sie gehen ins Unendliche. Von “Anlächeln” kann keine Rede sein, dieser Mann fokussiert nicht mehr. Er existiert offenbar jenseits des Randes.
Augen zu und wegsperren lautet die Devise
Zwei Wochen später. Ein junger Mann im Trainingsanzug bettelt auf dem Bahnsteig. Ich spreche ihn an: “Hast Du jemand der Dir hilft? Brauchst Du Beratung?” “Bin HIV positiv”, sagt er. “Termine bei der AWO”, fügt er trotzig hinzu und geht weiter. Während ich ihm verwirrt nachschaue, greift ein Security-Mann der Bahn zu. Es sieht aus, als ob er unter seiner Jacke eine Pistole gezückt hätte. Der junge Mann läuft folgsam neben ihm her, stumm fahren sie die Rolltreppe abwärts. Hier praktiziert ein öffentliches Unternehmen eine menschenverachtende Aufteilung von Mitte und Rand.
Am Sonntagmorgen bettelt eine Frau vor der Kirche. Ich muss mit dem Kinderwagen die Stufen hoch. Die Kirchenbesucher auf der Treppe sind jenseits der 70. überflüssig zu sagen, wer mir geholfen hat. Ich weiß: Spende auf die Hand ist out. Ich sollte besser einen Blogger suchen, der ihr oder dem Mann mit dem Löwenblick mittels Online-Fundraising nachhaltig hilft. Ich spende trotzdem.
Am Muttertag gehen wir echte Löwen gucken. Wunderbares Wetter, die Kinder haben gebacken. Ich halte einen frischen Muffin in der Hand, will gerade hinein beißen. Plötzlich steht eine Frau vor mir. Sie ist alt, aber ihre Augen sind jung. “Darf ich den haben?” fragt sie und zeigt auf mein Kuchenstück. “Heute ist doch Muttertag, und mir hat noch niemand etwas geschenkt.” Dieses Mal verläuft alles wie im Bilderbuch. Während ich noch “Aber ja” antworte, nimmt sie den Kuchen, geht zügig weiter und beißt hinein. “Passt doch irgendwie zum Zoo”, lächelt meine Frau.
Der Rand ist ein Kreis. Die zupackenden Frauen kennen ihn, der motivierte Verkäufer ebenfalls. Die Deutsche Bahn möchte Stacheldraht um den Außenring wickeln, schafft es aber nicht. Bleibt der Mann mit den leeren Augen.
Wie die Wirtschaftskrise auch uns trifft
Dienstag, 31. März 2009
Seit mehr als 18
Jahren arbeite ich in der Wohnungslosenhilfe. Mich reizt an der Arbeit neben der Tatsache, dass diese naturgemäß sehr abwechslungsreich
ist, die einzelnen Biographien unterschiedlichster
Personen immer wieder hautnah mitzubekommen. Regelmäßig freut es mich, wenn ich positive Nachrichten höre,
wenn sich jemand zum Beispiel wieder gut in die Gesellschaft
integrieren konnte, Arbeit oder einen guten Platz zum Leben gefunden
hat.
Allerdings gibt es auch immer wieder echt tragische Geschichten.
Heute rief mich eine Frau an, die wir seit kurzem wieder im Rahmen
unserer Hilfe betreuen. Sie berichtete leicht angetrunken unter Tränen,
dass ihr Freund, mit dem sie schon lange gemeinsam lebt, nun doch seine
Arbeit im Juni verlieren wird, obwohl sie noch vor Tagen Freude
strahlend bei mir war und berichtet hatte, Herr M. bekäme einen
unbefristeten Vertrag. So spüren wir durch die von uns beratenen
Menschen ganz direkt die Auswirklungen der Wirtschaftskrise.
Nachdem es in unserer Wohnungsloseneinrichtung etwas ruhiger geworden war, nachts während der Rufbereitschaft kaum Anrufe gekommen waren und die Belegung kurzfristig etwas unter dem Durchschnitt gelegen hatte, gab es innerhalb von etwa zwei Tagen eine drastische Veränderung. Wie aus dem Nichts kamen innerhalb kürzester Zeit drei Paare sowie etwa fünf weitere Wohnungslose zur Aufnahme. Plötzlich mussten wir überlegen, wer für die einzelnen Personen zuständig ist, Neuanträge machen, Kostenklärungen herbeiführen, Lebensgeschichten anhören, auf neue Probleme eingehen usw.
Es ist auffällig, dass ein immer größer werdender Teil unseres Klientels junge Leute unter 25 Jahren (sog. U 25) ist. Auch steigt der Frauenanteil seit Jahren. Dazu kommt, dass auch immer mehr psychisch belastete oder kranke Menschen unsere Einrichtungen anlaufen.
Unsere Krankenschwester, die rein über Spenden finanziert, zwei Mal wöchentlich im Jakobushof arbeitet, berichtete letzten Freitag, dass von den zehn neu Aufgenommenen allein fünf Psychopharmaka verschrieben bekommen oder eine Drogenproblematik im Hintergrund haben.
Ich brauche Geborgenheit
Montag, 30. März 2009“Ich brauche kein Tavor, ich brauche Geborgenheit, ich brauche keine Psychiatrie, ich brauche eine Familie”, schreit es mich in fetten Lettern an, als ich am Morgen meine E-Mails abrufe. Rosi ist eine von denen, die nicht mehr in die Ambulanz kommen. Vor einem Jahr brach sie den Kontakt ab, zog einfach weg von Frankfurt. Die Monate zuvor waren von Sorge und Hektik bestimmt: Rosi versuchte mehrfach, sich das Leben zu nehmen! Vor wenigen Wochen nahm sie nun den Kontakt per Internet wieder auf. Ich bin erleichtert: Sie lebt noch! Aber wo und wie?
Ihr Hilfeschrei per Mail stimmt mich nachdenklich: Was brauchen die Menschen, die unsere Hilfe suchen, wirklich? Was heißt es, auf ihre Nöte zu reagieren? Und wer definiert in der Regel ihre Bedürfnisse und Nöte?
Im medizinischen Regelsystem zählt oft nur das Symptom, das ein Kranker oder eine Kranke bietet: das gebrochene Bein, die infizierte Wunde, die Lungenentzündung. Entsprechend fällt die Behandlung dann auch aus: Gips, Wundverband, Antibiotikum. Doch wer beachtet die besondere Lebenslage von Menschen wie Rosi?
Wer weiß, was es heißt, abends oder tagsüber keinen geschützten Raum zu haben, ein Ort, in dem einfach Ausruhen, Beinhochlagern oder Körperpflege und Hygiene möglich sind? Und was nützt dem Alkoholiker die zehntägige Entgiftung, wenn er sich anschließend wieder im Kreis alter Weggefährten wieder findet, deren Abstinenz schon lange her ist oder momentan undenkbar erscheint? Tagesstrukturierende Maßnahmen, Hilfestellungen bei den vielfältigen Behördengängen, die oft Frust und damit erhöhten Saufdruck bedeuten, können nicht auf Rezept verordnet werden.
Rosi, die ihr Bedürfnis nach Geborgenheit und Familie per E-Mail verschickt, erhielt psychiatrische Hilfe immer nur dann, wenn sie wieder einmal notfallmäßig in die Klinik eingeliefert wurde. Eine nachgehende Psychiatrie gab es für sie nicht und die Ansätze einer Gehstruktur sind nicht nur in diesem Fachbereich noch sehr bruchstückhaft.
Was braucht ein kranker Mensch in Wohnungsnot wirklich, um gesund werden zu können? Sicher keine strukturellen Hürden wie Praxisgebühren, Anträge, aus denen sein Mangel, kaum aber seine noch vorhandenen Ressourcen hervorgehen oder Kürzungen des Sozialgeldes, weil Termine und Auflagen nicht eingehalten werden konnten.
Ich glaube, Rosi hat Recht: Diese Menschen brauchen vor allem Beziehungen, die verlässlich sind. Sie brauchen Menschen, die sich für sie wirklich interessieren und gemeinsam mit ihnen suchen, was trotz aller Brüche und Verletzungen im Leben noch möglich ist. Ja, sie brauchen Menschen, die mit ihnen auf das vorhandene Lebenspotential in und mit aller Krankheit schauen und mit ihnen geeignete Wege gehen, dieses zu fördern und wirksam werden zu lassen.
Das ist mein Verständnis von echtem Heilsdienst.








