Wohnungslose und arme Menschen, die keine Angehörigen mehr haben, werden in der Regel nach dem Tod ohne Trauerfeier eingeäschert und anonym begraben.
In Dortmund haben die Wohnungslosenseelsorger auf dem Ostenfriedhof ein Urnenfeld geschaffen, um den Menschen, denen sie in vielen Jahren ein guter Freund und Begleiter waren, eine würdige Bestattung zu ermöglichen. Das Urnenfeld liegt nicht etwa verborgen oder am Rand des Friedhofs, sondern es ist das Feld Nr. 1, inmitten der Gräber bekannter Dortmunder Bürger.
Das Ordnungsamt der Stadt nimmt mit den Pfarrern Kontakt auf, wenn ein Verstorbener keine Angehörigen hat. In der Regel ist ihnen der Tote bekannt. In der Franziskaner Kirche wird eine Trauerfeier gehalten, zu der etwa 70 Menschen kommen. Die Urne wird auf dem Grabfeld beigesetzt und steht dann auf einer Steinplatte, auf der Vor- und Zuname und der Todestag eingraviert sind. Am letzten Freitag im November organisieren die Seelsorger eine Gedenkfeier für alle Verstorbenen der letzten Jahre. Wir treffen uns in der Kirche, Mitarbeiter und Gäste der Kana-Suppenküche, des Gasthauses und des Franziskaner Klosters und gehen dann gemeinsam zum Friedhof. Dort wird nochmals der Verstorbenen gedacht und ein kleines Licht zu den Urnen gestellt. Bevor alle in ihren Alltag zurückkehren, gibt es Kaffee, Kuchen und leckere Schnittchen im Franziskaner Kloster.
Ein Gedenkstein auf dem Urnengrab trägt die Inschrift: “Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen” (Jesaja 43 1-5). Eine unglaubliche Zusage für Menschen, die jahrelang ohne Namen oder Identität unter uns gelebt haben. Sie sollen bei ihrem Namen gerufen werden. Und etwas weiter heißt es: “Weil du in meinen Augen teuer und wertvoll bist – und weil ich dich lieb”.
Da steht es geschrieben: Gott liebt alle Menschen, ob arm oder reich.
Autorenarchiv : Groh
Gedenkfeier für verstorbene Wohnungslose
Mittwoch, 11. März 2009Leben mit sechs Euro Pfandgeld am Tag
Donnerstag, 05. März 2009
Wenn die Mitarbeiterinnen in unserer Wohnungslosen-Einrichtung “Gasthaus statt Bank” morgens um 7 Uhr das Frühstück für die Wohnungslosen und Armen unserer Stadt vorbereiten, steht Achim schon vor der Tür und wartet. Viele Jahre war er wohnungslos und hat meistens am Dortmunder Bahnhof im Sitzen geschlafen oder ist mit der U-Bahn herumgefahren – wenn er im Besitz eines Sozial-Tickets war. Ein hartes Leben, alles was er besitzt, muss er mit herumschleppen.
Achim hatte Anspruch auf Hartz IV, hat ihn aber verwirkt, weil er wegen eines Klinikaufenthaltes den Meldetermin nicht eingehalten hatte. So lebt er jetzt vom Flaschenpfand, d.h. er tigert Tag für Tag 30 Kilometer durch die Dortmunder Innenstadt und sucht in Müllbehältern nach leeren Flaschen und Dosen. Dabei findet er auch schon mal einen Totenschädel oder teure, verfallene Theaterkarten.
Bei BVB-Spielen ist die Ausbeute an Leergut reichlicher, Achim kommt dann auf 30 Euro Pfandgeld, an normalen Tagen sind es ca. 6 Euro. Davon kann er überleben, wenn er die Hilfsangebote in Dortmund wahrnimmt. Es gibt Tage, da fällt Achim das Laufen besonders schwer. Er leidet unter Krampfadern und offenen Beinen. Die Füße sind stark geschwollen und die Schuhe kann er nicht mehr zubinden. Auf Drängen der Mitarbeiter zeigt er unserem Gasthaus-Arzt, der ehrenamtlich Hilfe für Wohnungslose und nicht versicherte sozial Schwache anbietet.
Nur mit Mühe kann der Arzt die Schuhe entfernen, die Socken sind mit den vereiterten Wunden so stark verbacken, dass man sie nur mit der Schere aufschneiden und entfernen kann. Der Arzt hat Sorge, dass noch Maden in die Wunden kommen. Ohne Behandlung hatte sich eine massive Vereiterung mit Pilzinfektion an beiden Beinen gebildet und es droht eine Blutvergiftung. Trotz dieses Befundes ist unser Arzt voll Hoffnung, dass es mit den Beinen von Achim wieder gut wird, wenn er regelmäßig zur Behandlung kommt.
Achim kann oft die Termine nicht einhalten, da er weiterhin zum Flaschensammeln unterwegs ist. Um ein Abschwellen der Beine zu erreichen, hat der Arzt wassertreibende Medikamente gegeben. Diese kann er aber nicht nehmen, da die Toilettenbenutzung im Bahnhof Geld kostet. Würde er an einen Baum pinkeln, droht ihm eine Ordnungsstrafe von 35 Euro. Probleme, die wir nicht kennen, die es aber wirklich gibt.
Schließlich können wir Achim überzeugen, mit einem ehrenamtlichen Helfer des Gasthauses zum Amt zu gehen und erneut Hartz IV zu beantragen. Achim hat trotz eines schweren Lebens Glück gehabt. Ihm sind Menschen begegnet, denen er nicht gleichgültig war. Sie haben ihn begleitet und ihm geholfen.
Mittlerweile sind Achims Beine gut verheilt, er hat eine Wohnung und erhält Hartz IV- Zahlungen. Er wird weiterhin im Gasthaus versorgt, der Arzt hat den Zustand seiner Beine im Blick und behandelt sein Bronchialasthma. Das Wühlen im Müll ist immer noch seine tägliche Beschäftigung um ein Zubrot zu haben. So kann er zum Beispiel kleine Geschenke zum Geburtstag seiner Kinder kaufen. Wir alle im Gasthaus hoffen, dass sich Achim stabilisieren kann und nicht wieder obdachlos und krank wird.
Der Bastard
Montag, 23. Februar 2009
Peter gehörte schon als einjähriger Junge nicht dazu, auch nicht zu einer Familie. Er wurde zu Hause nur der Bastard genannt. Er kannte seinen leiblichen Vater nicht. Seine Mutter hatte noch einmal geheiratet, als Peter ein Jahr alt war. Der Stiefvater hatte ihm nie Liebe oder Beachtung entgegengebracht. Dann waren noch zwei Brüder und eine Schwester geboren worden, aber von keinem wurde er richtig angenommen.
Als junger Mann suchte Peter Zuflucht in den Drogen. In der Szene fand er Trost und Anerkennung und fühlte sich endlich dazugehörig, wenn es auch nur die Drogenszene war. Mit der Zeit konsumierte er täglich, er war ein richtiger Junkie geworden. Seine Familie wandte sich in dieser Zeit endgültig von ihm ab – sie schämten sich seiner und haben ihn wohl einfach abgehakt.
Mit 43 Jahren ist Peter an den Folgen der Drogensucht gestorben. Das Leben auf der Straße war für ihn ohne den täglichen Schuss unerträglich geworden. Er hat sich so lange mit Drogen betäubt, bis sein Körper den übermäßigen Konsum nicht mehr verkraften konnte. Am Ende seines Lebens hat Peter in einem Hospiz noch Fürsorge und Achtung als Mensch erfahren. Er hat sich über jeden Menschen gefreut, der ihn besuchte, sich ihm zuwandte, ihm Aufmerksamkeit und Zuneigung schenkte. Dem Vorurteil “sie sind selbst schuld” möchte ich ein wahres Wort entgegen setzen “Wir sind nicht besser und anders als sie, wir haben es im Leben nur besser und anders gehabt”.
Das Glück der eigenen Platte
Dienstag, 17. Februar 2009
Von Rudi erfuhr ich zum ersten Mal in einem Gottesdienst in der Reinoldi-Kirche in Dortmund. Der Obdachlosen-Pfarrer Alfons Wiegel erzählte in der Predigt von der Begegnung mit diesem obdachlosen Menschen:
“Rudi – Ich kann seinen Namen nicht vergessen. Ein rauer Geselle. Ich traf ihn beim Frühstück am Franziskaner-Kloster. In einem vertraulichen Gespräch fragte er mich, willst du mal meine Platte sehen? Ich war irritiert, ich wußte von meinem Vorgänger Pfarrer Ellbracht, dass Wohnungslose niemand ihre Platte verraten, es sei denn einem Freund, dem sie vertrauen.
Natürlich habe ich zugestimmt, und wir machten uns zwei Tage später auf den Weg. Bald verließen wir die Straße und kamen wenig später auf ein altes Bahngelände. Hier standen alte, teils zerstörte Betonbauten in unwegsamem Gelände, bis wir vor einem verbarrikadierten Bau ankamen. Die Tür war verrammelt, in der Mitte, wie bei einem Starenkasten ein großes Loch, verhangen mit einem Sack. Rudi stieß dagegen, innen fiel eine Holzstange zu Boden, wohl ein Zeichen, dass sonst niemand da war.
Er sagte mir, dass ich keine Angst haben müsste, mir würde nichts passieren. Rudi stieg ein und ich folgte ihm. Auf dem Boden sah ich Säcke liegen und Stroh und so etwas ähnliches wie Kopfrollen. Er bat mich auf einem Schaukelstuhl Platz zu nehmen. Er setzte sich mir gegenüber auf einen Plastikstuhl, der halb verbrannt war. Ich spürte, Rudi war ganz stolz auf seine Platte. Doch wusste ich nicht, ob ich mich mit ihm freuen sollte. Mir ging es dabei gar nicht gut.”
Was für ein Leben, doch kein menschenwürdiges? Unter uns leben Menschen in einem abbruchreifen Bau auf Stroh und sind stolz auf ihre Bleibe? Diese Situation ist nur zu verstehen, wenn man bedenkt, dass Wohnungslose jahrelang nichts Eigenes haben, auch wenn die Bruchbude, in der Rudi jetzt lebt, ihm auch nicht gehört. Das Leben der Menschen auf der Straße ist öffentlich, wird von jedem beobachtet, kritisiert – und es ist gefährlich. Hab und Gut müssen in Plastiktüten immer mitgeschleppt werden. Dieses armselige Obdach bedeutet für Rudi Zuflucht und Geborgenheit. Rudi ist kein Einzelfall.
Keine Freude über die eigene Wohnung
Mittwoch, 11. Februar 2009
Mit Hilfe des Obdachlosenpfarrers Alfons Wiegel wurden die wenigen Papiere und vorhandenen Unterlagen von Bruno Kaiser in Ordnung gebracht. Wir meldeten ihn bei den zuständigen ämtern an. Man könnte auch sagen, er bekam wieder eine Identität. Er hatte einen Namen und sollte eine Anschrift bekommen.
Wir haben eine kleine Wohnung gesucht, aber Bruno zeigte kein großes Interesse. Ich denke, er hatte Angst vor dem, was da möglicherweise auf ihn zukam. Mit fremden Menschen in einem Haus wohnen, das hatte er kaum kennengelernt. Er misstraute fast allen Menschen.
Bruno verstand nicht ganz, weshalb wir eine Wohnung für ihn suchten. Schließlich hatte er sich in der bescheidenen Bleibe in der Franziskus-Gemeinde in Dortmund-Scharnhorst eingelebt und war dort glücklich und zufrieden. Aber die Schlafstelle wurde im Notfall gebraucht und er blockierte sie schon viele Monate.
Dann hatte Pfarrer Wiegel eine Wohnung gefunden. Wir besichtigten sie mit Bruno und der Mietvertrag wurde unterschrieben. Ich hatte nicht erwartet, dass Bruno sich freut, aber es ließ ihn alles völlig kalt. Er sprach mit mir überhaupt nicht über den Umzug. Es vergingen Wochen bis die Wohnung renoviert und eingerichtet war und Bruno hatte wieder Hoffnung, dass er in der Notunterkunft bleiben durfte.
Eines Morgens haben wir ihn mit seinem wenigen Hab und Gut abgeholt, um ihn in die neue Wohnung zu fahren. Er stand schon vor der Tür und wartete auf uns und war ganz traurig. Nach diesem Tag habe ich Bruno lange nicht mehr gesehen und gehört. Zuerst dachte ich an einen Zufall. Die Wohnung lag immerhin in der östlichen Innenstadt, aber dann merkte ich, dass mir Bruno aus dem Weg ging. Er lief praktisch vor mir davon. Er wollte nichts mehr mit mir zu tun haben. Nach seinem Lebensverständnis war er mal wieder enttäuscht worden – von Pfarrer Wiegel und mir. Wir hatten ihm das Zuhause, die erste Bleibe nach zehn Jahren Straßenleben, an die er sich gerade gewöhnt hatte, weggenommen.
Ich habe dann einmal monatlich die Wohnung aufgeräumt und geputzt, einen Schlüssel für die Wohnung hatte ich von dem Vermieter für den Notfall. Aber begegnet sind wir uns nicht. Bald merkte ich, dass diese Maßnahme dringend nötig ist. Bruno ist noch lange nicht “wohnfähig”. Woher auch, wenn sein Heim in den letzten zehn Jahren die Straße war, außerdem ist er stark sehbehindert. Wenn die Wohnung vermüllt, wird er sie bald wieder verlieren.
In der vergangenen Woche bin ich Bruno wieder begegnet und zwar an meinem Putztag in seiner Wohnung. Ich hatte das Gefühl, es war für ihn nicht ungewöhnlich mich putzend in seiner Wohnung anzutreffen. Er war schon froh, dass alles ordentlich war. Diese Geschichte hört sich eigentlich unglaublich an, aber nicht, wenn man bedenkt, dass ein Mensch einen langen, einsamen Lebensweg ohne Zutrauen, Geborgenheit und Verständnis gegangen ist. Das Leben auf der Straße macht den Menschen krank, beraubt ihn jeglicher Gefühle, es ist ein ständiger Kampf ums überleben.
Schlafen in einem sauberen Bett
Montag, 09. Februar 2009
Bruno war völlig am Ende, als er letztes Jahr zu uns kam. Den Einzelgänger hatte sein Leben auf der Straße geprägt. Er hatte es bisher sehr schwer gehabt: schwere Kinderkrankheiten, ein Leben in Heimen und Wohngruppen, nie etwas Eigenes, kein richtiges zu Hause. Bruno war misstrauisch und menschenscheu.
über unseren Obdachlosenpfarrer Alfons Wiegel kam er zu mir. Ich musste erst einmal Kontakt zu ihm finden und sein Vertrauen gewinnen. Das hat einige Zeit gedauert und als Bruno mich zum ersten Mal mit meinem Vornamen ansprach, war ich ganz stolz. Nun war Bruno nicht ein Mensch, dem man sagen konnte, ab morgen haben wir für dich eine Unterkunft und gut war es.
Dann kam der Einzug in die Notschlafstelle in Dortmund-Scharnhorst. Bruno war rund zehn Jahre auf der Straße unterwegs, immer mit Schlafsack und seiner wenigen Habe – und nun die erste Nacht in einem sauberen Bett. Ich denke, er hat sich zuerst mit seinem Schlafsack ins Bett gelegt. Ich glaube, ich hätte das auch gemacht. Brunos Aufenthalt in unserer Gemeinde dauerte etwa ein halbes Jahr. Er ist richtig aufgelebt, es hat ihm gefallen, dass er außer dem freundlichen Pfarrer und dem hilfsbereiten Hausmeister und mir keinem Menschen begegnen musste.
Ich hatte in den Jahren während meiner Arbeit davon gehört, dass Menschen, die lange draußen gelebt haben, nicht mehr “wohnfähig” sind. Das wollte ich bei Bruno jetzt aufarbeiten. So habe ich in der Zeit seines Aufenthaltes in der Franziskus-Gemeinde einmal in der Woche die Schlafstelle aufgeräumt und geputzt. Natürlich nicht in seinem Beisein. Das wäre ihm sicher unangenehm gewesen. Jedenfalls hat Bruno nicht gelernt, wie man eine Wohnung sauber hält. Aber bestimmt hat er die Zeit sehr genossen.


