Rodemann
Rodemann
Rodemann
Rodemann
Rodemann
Rodemann

Autorenarchiv : Rodemann

Was habe ich noch vom Leben zu erwarten?

Dienstag, 07. April 2009

Gestern Nachmittag war
ich wieder bei meiner Krankengymnastin -
ich nenn sie mal Bella. Es war eine Wohltat, auch wenn ich mich hinterher kaum bewegen
kann. Für die Strapazen und für meine Psyche habe ich von ihr 20 Minuten unter
der Sonnenbank geschenkt bekommen. Sie weiß viel von mir, meinen Kindern,
meiner Situation, viel aus meiner Vergangenheit. Sie merkt sofort, wenn es mir
nicht gut geht. Ich hatte gestern schon wieder einen Kloß im Hals, hätte mich gerne
versteckt und mich einfach in meine Depressionen fallen lassen.
Aber ich habe
Kids und durch Bella ging es mir ein wenig besser.

Anschließend habe ich,
im Rollstuhl, noch einige kleine Einkäufe erledigt und bin noch ein wenig
spazieren gefahren. Wenn das Wetter es zulässt, fahre ich gerne durch die Gegend,
schaue mir Häuser an und ab und zu träume ich von meinem Traumhaus. Ich weiß,
ich werde nie eins bekommen, denn meine Schulden werde ich wohl nie bezahlen
können und die nächsten 20 Jahre werden immer ein Kampf bleiben.
Ich kann nicht
mehr arbeiten und ich sehe ja schon jetzt, dass mein Geld noch nicht einmal für
Renovierungen, Anschaffungen jeglicher Art oder sonst was reicht. Also, was
habe ich noch von diesem Leben zu erwarten?

Immer wieder das gleiche Thema

Dienstag, 31. März 2009

Wie kann es anders
sein: Die ganze Besuchsstunde redete Herr A. von nichts anderem als seinem Besuch
bei uns. Nach über zehn Jahren Freiheitsentzug von der Welt draußen empfand er
alles als toll: die Möbel, den großen Fernsehapparat, die neuen technischen Geräte,
den schön gedeckten Tisch mit dem Kaffee und Kuchen und immer wieder betonte
er, wie schwer es ihm fiel, wieder hinter Gitter wohnen zu müssen.

Da Herr A. im Knast nur seiner Arbeit nachgeht, keine Freizeitangebote in Anspruch
nimmt und auch nicht liest, nur sehr viel fernsieht, wird dieses Ereignis bei
den nächsten Besuchen das Gesprächsthema bleiben. Erst wenn sich in seinem
Umfeld irgendetwas Neues ereignet, ist Themenwechsel angesagt.
Und dieser
Umstand wird sich bis zu seiner Entlassung auch nicht ändern.

Kuchen ohne Gitter an den Fenstern

Mittwoch, 25. März 2009

Pünktlich um 14 Uhr klingelte es an unserer Haustüre.
Herr A. kam mit zwei Beamten und seinem Sozialarbeiter zum angekündigten
Besuch.
Sehr menschlich war es, dass die Beamten in der Wohnung die
Hand- und Fußfesseln abnahmen.

Herr A. war so aufgeregt, dass er kaum ein Stück Kuchen essen konnte.
Es war eine angenehme und offene Atmosphäre mit regen Gesprächen. Herr
A. verhielt sich sehr ruhig. Er schaute sich interessiert um und
staunte über den großen Fernsehapparat und die vielen elektronischen
Geräte.
Der Nachmittag verging so schnell, dass aus den vorgesehenen drei
Stunden vier Stunden geworden sind. Bei der Verabschiedung wirkte Herr A.
sehr traurig. Er sagte, dass es ihm nun schwer falle, wieder dahin
gehen zu müssen, wo Gitter an den Fenstern sind.

Die gebackenen Kuchen habe ich ihm eingepackt.
Er bekam sie am nächsten
Tag, nachdem sie durch die Kontrolle gingen, ausgehändigt.
Darüber freute er sich sehr.

Drei Stunden ohne Gittern

Dienstag, 17. März 2009

So gelöst wie heute habe ich Herr A. in den über zehn Jahren noch nicht erlebt. Nach Absprache mit seinem Sozialarbeiter findet der Besuch von ihm bei uns am Kaiserstuhl nächsten Dienstag statt. Er sitzt mir gegenüber und träumt, wie es wohl sein wird, nach so langer Zeit für drei Stunden wieder Normalität zu erfahren. In einem Haus zu sein, wo es keine Gitter vor den Fenstern gibt, an einem schön gedeckten Kaffeetisch zu sitzen und keine anderen Häftlinge um sich zu haben. Er sagt, er sei schon richtig nervös.

Am Schluss meines Besuches fragt er mich noch, ob es für mich auch wirklich in Ordnung sei, wenn er kommt. Eventuell könnten es ja die Nachbarn mitbekommen, dass ein Häftling mit Hand- und Fußfesseln in Begleitung von Beamten in unser Haus geht. Ich versicherte ihm, dass das kein Problem für mich wäre. Er äußerte noch den Wunsch, ob ich einen Schokoladenkuchen für ihn backen könnte, das würde ihn an seine Kindheit erinnern.

Das Gefühl noch gebraucht zu werden

Dienstag, 10. März 2009

Heute stand mein Besuch ganz unter dem Zeichen der eventuellen Entlassung von Herrn A. in etwa einem Jahr. Sein zuständiger Sozialarbeiter hatte in der vergangenen Woche ein Gespräch mit ihm und teilte ihm mit, dass laut der Psychologen die Therapie gut verlaufe und nun Stück für Stück seine Entlassung in ein betreutes Wohnen vorbereitet wird.
Herr A. ist nun in die Lockerungsabteilung verlegt worden. In Kürze darf er uns in Begleitung von Beamten und seinem Sozialarbeiter besuchen kommen.
Was Herr A. sich seit Jahren sehnlichst gewünscht hat, macht ihm nun plötzlich Angst.
Er erzählt mir, er hofft, dass das betreute Heim nicht so weit von Freiburg entfernt ist, damit ich ihn weiterhin begleiten kann. Er hat Angst eventuell mit Menschen in Kontakt zu kommen, die ihn negativ beeinflussen könnten, besonders was den Alkohol betrifft. Er wisse gar nicht mehr, wie es ist einkaufen zu gehen oder überhaupt mit Geld, vor allem dem Euro umzugehen, sagt er. Er wünscht sich eine Aufgabe, die ihm das Gefühl gibt, noch gebraucht zu werden.
Nach so vielen Jahren plötzlich an einen fremden Ort ohne Bezugsperson zu kommen, verunsichert ihn.

In die Tiefe gehende, andächtige Stille

Sonntag, 08. März 2009

Einmal im Monat besuchen mein Mann und ich den angebotenen Gottesdienst in der JVA. So hat Herr A. die Möglichkeit, sich auch ein wenig mit meinem Mann zu unterhalten. Wir stehen zusammen mit dem Organisten im Eingangsbereich der JVA und warten auf einen Beamten, der uns ins Hauptgebäude und in den darin befindlichen Gottesdienstraum begleitet. Um 9.30 Uhr beginnt der Gottesdienst. Der Einladung folgen meist 40 bis 60 Männer.
Die Stimmung während des Gottesdienstes ist eine ganz andere als “draußen”. Es herrscht eine in die Tiefe gehende, andächtige Stille. Die Lieder werden mit Begeisterung gesungen. Man meint, die Männer tauchen für sich in eine andere Welt, eine Welt voller Hoffnung und Angenommensein.
Ein Ritual der Feier beinhaltet, dass jeder Teilnehmer ein Teelicht in seinem Anliegen anzünden kann und an den Platz seiner Wahl stellen darf, der für ihn stimmig ist. Mir fällt auf, dass die meisten Männer ihr Teelicht an die Marienstatue stellen und dort in tiefer Versunkenheit noch eine Weile verweilen.
Im Anschluss an den Gottesdienst erhält jeder Häftling vom Pfarrer eine Blume überreicht und viele Männer bedanken sich bei uns für das Kommen. Sie sagen, unser Besuch gebe ihnen das Gefühl, sie seien von der Außenwelt doch nicht vergessen worden. Viele versuchen noch schnell mit uns ins Gespräch zu kommen und den Frust über den Gefängnisalltag, über nicht genehmigte Besuche, über negative Gerichtsanhörungen, über den ärger mit einem Bediensteten oder Sozialarbeiter oder durchwühlte Zellen noch schnell loszuwerden.
Aber schon drängt der Beamte, dass die Zeit um ist und sie zurück in ihre Zellen müssen.