Peter S.
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Autorenarchiv : Peter S.

Strategien gegen den Verlust von Autonomie

Freitag, 17. Juli 2009

Ich habe mir eine freiwillige Askese auferlegt. Vielleicht, damit mich niemand wirksam belästigen kann. Mich hat man schon früher jahrelang mit Einzelhaft gequält. Mit irrsinnigen Ordnungen belegt. Leider reicht der Platz nicht zum Erzählen.

Die Zelle halte ich karg, sie ist eine schmuddlige Wüste. Ich mag das. Kein Bild, keine Tischdecke, nichts. Einfach nur Kargheit und Unordnung. In so einem Müllhaufen von Nichts macht es keinem Beamten Spaß (im Jargon: Schließer), die heute beschönigend ,,Betreuer” heißen, irgendwas hinaus zu filzen, weil sie wissen: Mir ist es völlig egal, was sie entfernen. Ich finde es nahezu amüsant, wenn irgendwann mal ein Neuer auftaucht, der da denkt, er müsse etwas ausgraben und beschlagnahmen. Es ist ja im eigentlichen nichts drin, an dem ich hänge. Das merkt jeder Neue sofort und lässt mich zufrieden. Oder würdest du in einem kargen Dreckstall etwas rausfilzen wollen, um zu stänkern? Meine Einstellung dazu ist so: Ah, Sie möchten es so oder so? Ja gern, Meister, und hinten rum mach ich sowieso das, was ich will. Je kindlicher und unmündiger ich auftrete, je lustiger ist das Ganze – kicher. Ich bin ein Kobold. Auf einen Einzelfernseher verzichte ich, zunächst weil man ihn mir nicht ordnungsgemäß gegeben hat, jetzt weil ich ihn nicht mehr will. Das ist meine Art der menschlichen Autonomie. Grins.

Außerdem habe ich inzwischen festgestellt, dass es mir gut tut, wenn ich den Fernseher nicht habe. Beim Fern-Sehen schaust du nicht in die Ferne. Es ist im Prinzip nicht der Blick auf die Welt, sondern in einen Tunnel. Ich glotzte, schaue aber nicht. Fernsehen ist unästhetisch, unromantisch und abartig. Er bematscht dich, deswegen heißt er ja auch umgangssprachlich treffend: Die “Matschscheibe”. Aber nichts gegen tiefgründige, gefühlvolle Filme. Dadurch könnte ich zeitweise dem Matsch entkommen. Die würde ich mir gern anschauen. Das tue ich, wenn ich wieder da bin. Wenn ich wieder lebe, dann sind jede Menge neuer schöne Filme angewachsen, die ich mir der Reihe nach ansehen werde. Darauf freue ich mich.

Die Verachtung des Folterkörpers führt zur Autonomie

Freitag, 17. Juli 2009

Stell dir vor, dich würde jemand jahrelang in ein Klo einsperren. Genau das tun die Verwalter mit mir. In einem Klo bleibt der Mensch nur so lange wie er muss. Und er richtet sich darin auch nicht ein. Deshalb tue ich das auch nicht. Niemals würde ich mir dieses Stinkeklo wohnlich machen wollen, kein Bild, keine Gestaltung etwa, so wie es bei anderen Gefangenen zu sehen ist.

lch pinkle auch grundsätzlich ins Waschbecken, um den Raum zu entweihen. Den ganzen Tag liege ich schräg im Bett, quer angelehnt an der Wand und habe meine nackigen Füße auf dem Tisch. Gibt es einen Grund Schuhe anzuziehen? Ich habe keine Skrupel meine Socken nach einem lumpigen Hofgang in meinem Kochtopf auszuwaschen oder meine Füße in meine mit warmem Wasser gefüllte Bratpfanne als zweckentfremdetes Gefäß zu stellen. Frank hat es mal gesehen. Seitdem will er weder mit dieser Pfanne braten, noch von mir etwas Gebratenes aus dieser Pfanne annehmen. Er hat mir einen Plastikeimer besorgt, der eigentlich ein Mülleimer sein soll und mir anheim gestellt, ich könne auch darin meine Füße stecken. Wenn ich Hautirritationen habe, reibe ich sie mit Urin ein – dann geht es weg.

Ich und zum Arzt gehen? Niemals! Für mich ist die Haft so eine Art Steinwälzerstrafe nach der Sisyphos-Mythologie in der Abwandlung von Albert Camus. Sisyphos ertrug seine sinnlose Strafe nur durch Verachtung, dadurch erlangte er seine menschliche Selbstbestimmung wieder. Ich ertrage diese sinnlose Strafe auch nur im Angesicht meines Ekelschweißes durch Verachtung dieses Raumes und der Institution, in der ich leben muss. Dadurch bestimme ich mich als autonomer, innerlich freier Mensch. Das Gefängnis als ein sachliches Ding steht dem ansonsten entgegen. Wegen seiner Rahmenbedingung oder Struktur bleibt es immer gleich, seit es geboren wurde, sagt Foucault. Die Geringschätzung ist es, die mich aberwitzig all das Leid ertragen lässt. Meine menschliche Selbstbestimmung kann ich also erst durch eine groteske Einstellung wiedererlangen:

Die Zelle hat einen verbeulten Betonfußboden, grau, aufgeplatzt. Den mache ich nie sauber. Warum auch? Man sieht den Dreck nicht, der Fußboden ist der Dreck. Nur wenn der Sand so hoch steht, dass er mich stört, feg ich mal kurz von der Mitte nach draußen, das genügt. Ich laufe gern barfuß. Es stört mich überhaupt nicht, meine dreckigen Füße in frisch aufgezogenes weißes Laken zu stellen. lch genieße eher diesen Augenblick der Verachtung.

Ich meditiere, und die Grübelschleife zieht vorüber. Sie gehört nicht zu mir. Damit es mir in dieser Zelle nicht vermeintlich zu gut geht, filzen mich meine Betreuer gern. Mein Grundsatz, der vor dieser möglichen Verletzung schützt, ist die doppelte Verneinung. Dazu sollst du wissen, meine Sachverwalter weisen systematisch Wünsche zurück. Davor schützt mich die Einstellung, was mir nicht gegeben wird, will ich weder begehren, noch nehmen – ich will es gar nicht erst haben. Also gefühltermaßen will ich dann nicht mehr das, was ich mal gewollt habe. Verstehst du das? Das ist die doppelte Verneinung, zwei Mal minus ergibt plus. Ich tue es, um meine menschliche Selbstbestimmung zu behalten.

Das Miststück im seelischen Mülleimer – Kommentar update

Freitag, 17. Juli 2009

Du willst wissen, wie ich straffällig wurde? Ein Teilaspekt ist: Ich bin ein misshandeltes Kind gewesen. Ich kann das Gegenargument nicht mehr hören, dass nicht alle misshandelten Kinder kriminell werden. Das bestreite ich nicht. Die Wahrheit ist, dass die kriminell handelnden Menschen alle aus dem Pool der misshandelten Kinder kommen. Später aus dem Objekt, das sie zu guten Menschen machen soll: dem Gefängnis.

Wesentlich ist dies. Sie wurden – sei es seelisch, emotional oder sonst wie – verkorkst und vernachlässigt. Sie waren zuerst oder zuletzt Opfer und wurden erst danach zu Tätern oder erneut zu Tätern. Wie ich Dir schon zu Anfang sagte, konnte ich aus einer speziellen Ebene nicht Gut von Schlecht unterscheiden, weil ich es nicht richtig gelernt hatte.

Was ist gut, was schlecht?

Wenn du als Kind andauernd Strafe bekommst, obwohl du nichts Böses, sondern gerade etwas Gutes getan hast, wie solltest du dann tiefgreifend unterscheiden, was Gut oder Schlecht ist? Später ist dann alles gut, was dir gut tut. Auch wenn du dadurch andere schädigst.

Mein Papa war übrigens oft abwesend in meiner Kindheit. Er wird von mir deshalb abgöttisch geliebt. Niemals hat er mich geschlagen. Meine Mutter sagte hingegen schon immer, er sei ein Miststück und sie schlug mich, meinte aber vielleicht ihn? Einmal sagte sie sogar, das gleiche Miststück wie er es war, habe sie jetzt großgezogen. Ist das nicht fatal (=schicksalsgebend)? Da war ich vielleicht 11 und vorpubertär. In Wirklichkeit bin ich es noch immer. Denn aus einem Ei, das nicht ausgebrütet wurde, wird niemals das von der Vorsehung vorhergesehene. Muss ich also immer ein Ei bleiben?

Ich wurde mit Gewalt genommen. Mama hat mich auch geliebt, aber sie hat mich zugleich vergewaltigt. Sie hat einfach über mich verfügt. Wenn ich Geld raube, mache ich nicht anderes. Ich vergewaltige einen anderen Menschen, um mir das begehrte Geld zu verschaffen. Ich war Mamas seelischer Mülleimer. Das bin ich jetzt auch für die Gesellschaft. Sie packt mich als ihren seelischen Mülleimer in ein Dreckloch von Klo und nennt all das Schuld abtragen in menschlicher Würde.

Eingesperrt im menschenwürdigen Folterkörper

Dienstag, 14. Juli 2009

Ist es nicht grausam, einen Menschen über Jahre in einen Klokäfig einzusperren? Soll dadurch der bessere Mensch erzeugt werden? Ist das Strafe in Menschenwürde? Wohl nicht. Wird dadurch die Verachtung und Entfremdung des Sozialen erworben? Werde ich günstigenfalls zu einem kuriosen Sexisten? Ich verachte diese Struktur des Gefängnisses. Ich verachte auch die mir zugewiesene Zelle. Das ist Dreck, Müll, Abfall. Das Letzte.

Mir soll seelisches Leid über Jahre zugefügt werden. Mit Absicht wird mir angemessener soziale Kontakt verwehrt. Es wird über mich als Sache kommuniziert und bestimmt. Ich werde vorgeführt, zentral mit irgendeinem Schweinefraß gefüttert. Ich werde verwahrt, bewegungslos, wie die letzte kleine Puppe einer ineinander verschachtelten Matroschka.

Die Straftechnik besteht erst im Erzeugen von seelischem Leid, indem ich auf ein Einzelklo reduziert werde. Dann wird mein Zustand ab und an begleitet oder behandelt. Wenn es mir schlecht geht, so sagen die Verwalter, kann ich ja in Nahdistanzobservation 14-täglich eine dreiviertel Stunde Besuch bekommen, das sei menschenwürdig, oder mit Gruppenbetreuer, Seelsorger oder Sozialarbeiter sprechen oder zum Psychiater gehen.

Die versorgen dann mein Leid. Sie mildern es sozusagen. Dazu gehört auch, dass sie mir liebevoll Ruhigsteller und Neuroleptiker geben würden, bis ich abwinke oder wenn mir auch das nicht mehr gelänge. Den Rest darf ich aber nicht vom Drogendealer nehmen. Aus all diesen Gründen verachte ich diesen Folterkörper in Menschenwürde: das Gefängnis, in das ich eingesperrt bin.

Sexualisierte Autisten

Montag, 13. Juli 2009

Du willst wissen, was ich den ganzen Tag tue? Nichts. lch lese. ln all den bislang 42 Monaten bin ich allein damit beschäftigt, mich als System zu erhalten, mich zu stabilisieren, in der Mitte zu bleiben. Ein Mensch zu bleiben. Das ist meine Tätigkeit. Es ist schwerste Arbeit, aber zugleich auch: rein Nichts. ln diesem Zellenklo bin ich auf mich selbst zurückgeworfen, vereinzelt. Deswegen besteht mein Tag allein aus Gedanken, nicht aus Tätigkeiten.

Es sind keine abgrundtiefen Gedanken. Selten von nachts 310 auf der Autobahn. Rein menschlich. Alle Inhaftierten müssen deshalb autistische Züge annehmen und grandios werden. Na als Ausgleich, weil sie doch so klein sind, das Letzte sind. Manche halten den ganzen Tag ihren Penis fest oder zupfen an sich selbst herum, als Tics. Viele werden phalluszentriert, wenn sie es denn nicht schon gewesen sind. Es bedarf einer gewissen Selbstkontrolle, einer intensiven Selbstbeobachtung, um nicht nur dieser Selbstfixierung vollkommen zu verfallen, sondern auch stabil zu bleiben im Menschlichen. Oft wird die Umgebung sexualisiert. Es geht dabei schonungslos um die weibliche oder männliche Blöße. Es ist also völlig egal, was ich dir über meinen Tag erzähle. All das, was ich dir entäußere, ist einfach nur autistischer und narzisstischer Müll.

Antisoziale Zeitgenossen ändern sich nie

Sonntag, 12. Juli 2009

Hinter Andreas Gesichtshaut drückt wie eine Eiterbeule die schiere Gier. Das weiß ich. Nach außen präsentiert er sich tief rein und redlich und er grinst stets freundlich. So wie ein Hund, der zuweilen lächelt. Jeder Hundebesitzer, zumindest von Großhunden weiß, dass ein Hund lächeln kann. Die Schnauze zerknittert, so als wenn er knurrt, aber in Wirklichkeit lächelt dieser Hund. Bei Andreas ist es umgekehrt, er lächelt, aber im Stillen knurrt er faltig. Dazu verschiebt er sein Maul zu einer Hundefratze.

Ich als sein Beobachter denke, er lächelt. Dabei sieht er richtig süß aus. Er gibt sich mir intim, ja leutselig und lässig. Das macht ihn so sympathisch vertraut, aber ich weiß, er tut dies nur, um seine Gemeinheit zu verbergen. Er ist larviert, in ihm sind sein Zorn und seine Vergeltungswünsche der Welt gegenüber verborgen, weil er gescheitert ist. Ein wahrhaft antisozialer Zeitgenosse.

Er strebt nach einer merkwürdigen Form von überlegenheit, es ist wegen seiner Ohnmacht der Wunsch nach Kontrolle, die er wiedererlangen möchte. Das nennt er insgeheim sein Glück. Weil er doch dann vom Hausleiter belohnt wird. Und weil er so ein unnützer Typ ist, der nie etwas Vernünftiges auf die Beine stellen konnte, kein anständiges Delikt, verstehst Du, versucht er über den Weg des Verrats grandios zu sein. Dazu benötigt er mich.

Als Kind hat er schon gepetzt, aber das weiß hier niemand. Er versucht mich zu verführen, um einen Zerstörungsansatz zu finden. Erst wenn die Gelegenheit günstig ist, schlägt er zu. Vorher nicht. Das nennt er “timing”. Dazu späht er mich sorgfältig aus. Schafft eine gefühlvolle Atmosphäre. überhöht mich verklärend romantisch. Huldigt mich an, wie einen Heiligen. Er lauert mir auf wie eine schöne Gottesanbeterin es mit ihrem lnsekt tut. Seine Heimat ist der Verrat. Deswegen kommt er zu mir. Denn ich bin sein Opfer, ich bin den Menschen gegenüber respektvoll, aufmerksam und wertschätzend.

Einige Menschen, die ich kenne, sagen, sie hätten sich geändert: Oh ja, sie sind jetzt die besseren Menschen, die durch Gehirnarbeit gereifteren oder sie sind Buddhisten geworden. Aber die Wahrheit ist dies: Menschen bleiben immer die gleichen, sie modifizieren sich allenfalls – aber sie merken es nicht, dass sie die gleichen geblieben sind. Nichts ist langweiliger, als wenn jemand zu Dir oder zu mir sagt, er habe sich geändert. Wenn jetzt jemand zu mir käme, mein Freund, und zu mir sagen würde, er habe sich geändert, dann würde ich sagen: “Oh wie schön”, gleichzeitig aber noch Schlimmeres denken: “Aha, er ist also umso mehr der gleiche geblieben.” Denn im Wesentlichen kann sich ein Mensch niemals ändern.