Peter S.
Peter S.
Peter S.
Peter S.
Peter S.
Peter S.

Autorenarchiv : Peter S.

Selbstmitleid ist mein größtes Talent

Montag, 21. Dezember 2009

Was hat sich seit dem letzten Eintrag getan? Meine Verrichtung ist geplatzt: “Warten auf meinen Sweety“. Wir haben uns Anfang September frei gegeben und getrennt. Die Romantik ist gescheitert. Völlig unerwartet? Die Umstände der Trennung waren kurios. Wenn die Sehnsucht übermächtig wird, sucht sie bei den bedürftigen, begehrenden Menschen einen Ausweg. Doch wenn sich ein Paar trennt, ist Trauerarbeit notwendig. Isolation, um Abstand zu erzeugen. Das haben der Sweety und ich vereinbart, achtsam, liebevoll. Viele Menschen wissen nicht, wie das geht. (weiterlesen…)

Was bleibt?

Montag, 03. August 2009

Heute schreibe ich meinen letzten Beitrag hier und versuche ein abschließendes Fazit zu ziehen. Der Freiheitsentzug ist, wie ich dir ansatzweise zeigen wollte, ein „anthroposophisches Trainingslager“, so würde Sloterdijk sagen. Es ist ein egozentrisches Übungssystem, in dem jeder sich selbst überlassen ist. Doch was wird darin trainiert? (weiterlesen…)

Subversive Romantik im Knast

Donnerstag, 30. Juli 2009

gefängnis © philippe simier - Fotolia.comDie Romantik macht uns Menschen menschlich. Die Struktur eines Knastes steht dem jedoch immer entgegen. Sie entfremdet uns von uns selbst und raubt uns unsere Autonomie. Das Fehlen unserer menschlichen Autonomie macht uns zu unmenschlichen Wesen. Es entsteht eine böse Art der Romantik. Deswegen wird im Knast niemals ein besserer Mensch geschaffen werden. (weiterlesen…)

Zärtliche Filme im Gefängnis

Dienstag, 28. Juli 2009

hinter_gitternFrüher weinte ich oft. Bei Berichten über Katastrophen, über mich selbst, aber vor allem auch über Filme. Zärtliche Filme ergreifen mich zutiefst. Sie faszinieren mich, auch wenn alle anderen sie stinklangweilig finden. In der Welt des Gefängnisses sind sie meine Zuflucht und Grundlage für ein anderes Verhalten gegenüber meiner Umwelt. (weiterlesen…)

Kichernder Kobold

Samstag, 25. Juli 2009

Die neu für mich zuständige Sozialarbeiterin holt mich zum Kennenlernen in ihr Büro und sagt, ich sei haftresistent. Warum? Na ich sei langzeitlich haftgewohnt. Ausgerechnet ich? Ich, der diese Knaststruktur so abgrundtief verachtet, soll daran gewöhnt sein? Ich, der seine Popel an den Schrank abschmiert wie das Baby seinen nackten Stinkepopo am Teppich? Ich, soll jetzt entstanden sein als der neue, bessere Mensch? Bedeutet es, dass ich nicht mehr büße? Muss jetzt etwas mit mir geschehen, damit ich wieder leide? Bin ich auf dem Weg zum guten Menschen, wie der aus Sezuan?

Vielleicht hatte sie lediglich ihr Urteil heimlich durch Erkundigung gebildet. Denn ich habe eine weitere menschlich autonome überlebensstrategie entwickelt. Es ist die einer außergewöhnlichen Form von Fröhlichkeit. Ich lache und kichere andauernd absichtlich herum, brülle leise und quietsche, grunze wie ein Meerschweinchen. Ich könnte über den blödesten Unfug abgrinsen. Oder ich halte ironische Ansprachen.

Dem Hausarbeiter erkläre ich, weshalb ich vegetarisch esse, erzähle ihm etwas von seinem in Verwesung begriffenen Fleisch, frage ihn, ob er mich mit Kunstkäse oder Hartfette “umbringen” möchte. Seine Soßen? Sie sind mit Laktat vermengt, mit Mehl verdickt, als doppelte Sättigungsbeilage, deswegen trägt er einen Trommelbauch. ähnlich wird das Gemüse gestreckt. All das gehört zur Strafe und er verleibt sie sich ein – wie schön.

Ich denunziere diesen institutionellen Schwachsinn. All dies erheitert mich in aberwitziger Weise. Manche denken ich sei ver-rückt oder altersenil im Frühstadium. Keiner versteht mich. Neulich zitierte mich sogar mal ein von mir Gepeinigter, ein Mitgefangener, altersmäßig mein Sohn, zu sich und meinte, ich würde mich nicht altersgerecht bewegen. Haha, ich produziere also meine eigenen Lacherzeugnisse. Nur Lachyoga ist noch schöner. Doch ich habe das andere Lachen, das kuriose Lachen.

Warten auf das Erklärte

Dienstag, 21. Juli 2009

Kannst du nachvollziehen, dass sich hier etliche Menschen
Big Brother ansehen? Das ist so, als ob wir uns permanent im Spiegel anschauen
würden. Wir sehen uns selbst. – All der Schwachsinn ist etwa so wie bei
Becketts “Warten auf Godot”. Doch dort hat das Sinnlose wenigstens einen Sinn:
nämlich das sinnlose Meta zu kommunizieren. Und das, was ich dir hier schreibe,
gibt auch Sinn.

Falls du Becketts “Warten auf Godot” nicht kennst: Drei
Menschen warten auf etwas Ominöses, ein Nichts, es wird offenbar. Sie
unterhalten sich jedoch über ihre Erwartung. Sie ist spekulativ, so tiefgründig
wie es Menschen sind. So war es schon im alten Jerusalem. Na, wer wurde da wohl
erwartet?

In Analogie dazu, wartet der Mensch inmitten der anderen
hier im Knast auf etwas. Dieses Etwas wird aber mit ganz Tollem erfüllt: Dem
Erlöser, der Freiheit.
Das Erwarten ist also das Wesentliche (und das
Beschönigen der Erwartung). Beim Warten versuchen wir zu erklären, auf was wir
warten. Es ist dann immer mehr als unsere Erwartungen erwarten oder verstanden
haben. Dabei hilft uns Romantik. Sie holt das Vergangene in die Zukunft zurück
als einen neuen Entwurf. Zwischen unserem Verstehen (über das, was wir erklären
wollen) und dem Erklären selbst, klafft eine Lücke.

Um das zu verstehen, folgendes: Wenn ich dir hier etwas
erkläre, dann verstehe ich im selben Moment davon nichts mehr. Warum? Weil ich
erkläre und nicht verstehe.
Wenn ich verstehe, dann erkläre ich in diesem
Moment nichts. Also ich muss das Verstandene formulieren. Das ist etwas anderes
als das Verstandene selbst. Verstehst du? Es gibt eine Lücke zwischen Verstehen
und Erklären. Sie ist ein Raum, der raumlos ist. Wenn ich so etwas von mir
gebe, das tue ich ständig, nickt Frank verständnisvoll. Als ob er mich
verstanden hat. Aber er hat es nicht. Deshalb sagt er später, er habe nur beim
Schach verloren, weil ich schon wieder gequatscht habe.