Als ich am Montag meine E-Mails las, fiel mir zuerst die Post einer Klientin ins Auge. Ich betreue sie bereits einige Zeit. In ihrem Leben hat sie schon einige Schicksalsschläge wegstecken müssen. Und jetzt schien ein weiterer zu folgen. (weiterlesen…)
Autorenarchiv : MartinN
Insolvenz: Wo bleibt der Mensch?
Dienstag, 15. Dezember 2009Letzter Ausweg: Der Griff zur Flasche
Freitag, 22. Mai 2009Heute kam Herr W. zum vereinbarten Beratungsgespräch. Eigentlich wollte ich mit ihm das weitere Vorgehen in der Schuldenberatung besprechen. Sehr schnell fiel mir auf, dass sein Pfefferminzbonbon seine Alkoholfahne nicht überdecken konnte. Auch machte er einen sehr nervösen Eindruck. Auf seiner Stirn stand der Schweiß.
Darauf angesprochen, meinte er, gestern Abend hätte er etwas getrunken. Ich habe nach dem Anlass, nach Gründen gefragt. Da brach er in Tränen aus. Gestern sei wieder so ein Tag gewesen, an dem alles hoch gekommen wäre: die Trennung von seiner Lebenspartnerin, ihr Bestreben, den Kontakt zu seinem Sohn immer mehr zu beschränken, der Tod seiner Mutter vor einem Jahr, seine Verschuldung, der Druck der Gläubiger, sein Burnout-Syndrom. Er hätte keinen Ausweg mehr gesehen. Alles war ihm egal und er hätte wieder zur Flasche gegriffen. So würde er inzwischen oft reagieren. Die Gesprächstherapie hätte er vor Wochen abgebrochen.
Ich konnte ihm klar machen, dass meine Arbeit im Rahmen der Schuldnerberatung nur langfristig Erfolg haben kann, wenn er an seiner Suchtproblematik und dem Burnout-Syndrom arbeitet. Er wollte umgehend einen Beratungstermin bei unserer Suchtberatung vereinbaren. Wenn er dort regelmäßig hin geht, werde ich weiter mit ihm zusammenarbeiten.
Leben auf Kosten anderer
Montag, 18. Mai 2009Vor ein paar Jahren kam Christine G. zu mir in die Beratung. Sie wurde über unsere Schwangerschaftskonfliktberatung an mich vermittelt. Sie war schwanger. Ihr Lebensgefährte drängte sie zu einem Schwangerschaftsabbruch. Sie wollte das Kind zur Welt bringen. Die Beziehung zerbrach an diesem Konflikt.
Christine G. stand alleine mit ihrem Kind da und musste sich auch um die Schulden kümmern. Ihr drogenabhängiger Lebensgefährte hatte geschickt alle Verträge und Einkäufe auf ihren Namen gemacht. Ich konnte ein paar Verträge rückgängig machen. Mit Hilfe eines Fonds und etwas Glück konnte ich für die restlichen Schulden eine verträgliche Lösung finden.
Jetzt stand Christine G. unvermittelt wieder vor meiner Tür. Es hat sie sehr viel überwindung gekostet erneut um Hilfe zu bitten. Im Herbst 2008 hat sie ihren damaligen Lebensgefährten und Vater ihres Kindes wieder in ihre Wohnung aufgenommen. Er hatte ihr hoch und heilig versprochen, dass er mit Drogen nichts mehr zu tun hätte. Sie und sein Kind wären sein Lebensinhalt. Er wollte nur mit ihnen zusammen leben. Sie planten eine gemeinsame Zukunft. Weihnachtsgeschenke und Kleidung wurden auf Raten gekauft. Christine G. ließ sich wieder überreden, Handy- und andere Verträge abzuschließen.
Anfang 2009 begannen die Probleme. Ihr Lebensgefährte, wieder oder immer noch drogenabhängig, verlangte immer wieder Geld von ihr. Die Handys hatte er verkauft. Hohe Telefonrechnungen kamen auf sie zu. Ferner entwendete er ihre EC-Karte und kaufte damit ein. In der Folge konnte die Miete und der Stromabschlag nicht abgebucht werden. Er versuchte sie einzuschüchtern und drohte mit Prügel. Christine G. wusste sich nicht mehr zu helfen und flüchtete ins Frauenhaus. Kurz darauf wurde ihr Lebensgefährte ins Zentrum für Psychiatrie eingewiesen.
Christine G. konnte mit ihrem Kind wieder in die Wohnung zurückkehren. Erneut steht sie vor diversen Verpflichtungen, die sie alleine nicht in den Griff bekommen kann.
Ein Hochzeitsgeschenk vom Amtsgericht
Dienstag, 12. Mai 2009Unbedarft und mit jugendlichem Eifer hatte Frau N. Anfang der 90er-Jahre ein Bekleidungsgeschäft eröffnet. Nach einigen Jahren ging das Projekt in den Konkurs. Sie war enttäuscht über ihr Scheitern und nicht fähig, sich den Folgen zu stellen. Sie wurde depressiv und hat sich nicht mehr um die Schulden gekümmert.
Im Juli 2007 kam Frau N., 37 Jahre alt, das erste Mal zu mir zur Beratung. Sie hatte sich stabilisiert. Wieder berufstätig, wollte sie sich der Problematik stellen. Zu der Zeit betrug der aktuelle Schuldenstand ca. 50.000 Euro. Um ihr wieder eine Berufs- und Lebensperspektive zu geben, stellte ihr ihre Familie zur Schuldensanierung einen Betrag in Höhe von 10 Prozent der Gesamtforderung zur Verfügung.
Damit habe ich versucht, mit den Gläubigern eine Einigung zu erzielen. Die Mehrzahl stimmte meinem Vergleichsvorschlag zu. Damit die anderen Gläubiger auch zustimmen oder vom Amtsgericht per Beschluss dazu verpflichtet werden, habe ich im Dezember 2007 einen entsprechenden Antrag gestellt.
Auch persönlich ging es für Frau N. weiter aufwärts. Ende des Monats wird sie heiraten. Das schönste Hochzeitsgeschenk erhielt sie heute vom Amtsgericht. Endlich kam der Beschluss, in dem mein Vergleichsvorschlag als rechtsgültig gilt. Für alle Gläubiger ist der bindend. Jetzt muss nur noch die Vergleichssumme bezahlt werden und Frau N. ist von den restlichen Schulden befreit.
Altersvorsorge gescheitert
Donnerstag, 07. Mai 2009Seit fast zwei Jahren betreue ich Familie J. Zur privaten Altersvorsorge haben sie 1994 eine Eigentumswohnung im damaligen Wert von rund 140.000 Euro gekauft. Das Projekt entpuppte sich als Fehlinvestition. Die versprochene Rendite wurde nie erzielt. Bei der Bank ist noch ein Darlehen in Höhe von 90.000 Euro offen. Der Wert der Wohnung wird inzwischen nur noch mit etwa 30.000 Euro angegeben. In den vergangenen 15 Jahren hat die Familie bereits 160.000 Euro für Zinsen und Tilgung an die Bank gezahlt.
Mit Rechtsanwälten haben sie versucht, aus dem Darlehensvertrag entlassen zu werden. Leider erfolglos. Hinzu kamen immer wieder Probleme mit Mietern. Familie J. musste zweimal den Weg einer Räumungsklage gehen. Das ist ihnen nicht leicht gefallen.
Die Rechtsanwälte und Räumungsklagen haben weiteres Geld gekostet. Inzwischen sind alle Rücklagen aufgebraucht. Seit Dezember ist Herr J. Rentner. Ihren Lebensunterhalt, Miete, Strom etc. muss die Familie von der Rente bestreiten. Die Zahlungen an die Bank für die Eigentumswohnung mussten sie einstellen. Die Geschichte mit der Wohnung belastet die Familie sehr. Sie hatten sich ihren Lebensabend anders vorgestellt.
Wiederholt habe ich versucht, mit der Bank ins Gespräch zu kommen. Mein Ziel war es, außerhalb des Insolvenzverfahrens eine Lösung zu finden. Heute kam endlich eine gute Nachricht von der Bank. Sie wird die Wohnung auf ihre Kosten verkaufen. über die dann bestehenden Restschulden wurde eine sehr gute Einigung erzielt.
Telefon-Terror der Banken
Dienstag, 05. Mai 2009Neulich erhielt ich einen Hilferuf der Inhaberin einer kleinen Firma. Eine Mitarbeiterin sei völlig am Boden zerstört. Sie erhalte Anrufe ihrer Gläubiger am Arbeitsplatz. Im Gespräch mit der Betroffenen kamen die Handlungsmuster einiger Banken wieder einmal ans Tageslicht.
Vor Jahren hatte Frau. C. bei der Citibank einen hohen Kredit aufgenommen. Damit hatte sie unter anderem alte Schulden beglichen. Nachdem ihr Mann arbeitslos wurde, konnten sie zuerst die Raten noch zahlen. Er bekam Arbeitslosengeld und sie schränkten sich mit ihren Ausgaben ein. Dann lief der Anspruch auf das Arbeitslosengeld aus. Sie waren nur noch auf das Einkommen von Frau C. angewiesen. Sie zahlte die Raten verspätet oder überhaupt nicht. Es kam zu Rückständen.
Die Citibank rief die Frau zu verschieden Tageszeiten (bis 22 Uhr) und auch am Wochenende an. Immer wieder waren es verschiede Mitarbeitende. In den Telefonaten wurde auch mit Unwahrheiten gespielt. Der Druck wurde immer größer. Sie war völlig eingeschüchtert. Als dann die Anrufe auch am Arbeitsplatz erfolgten, vertraute sie sich ihrer Chefin an. Nachdem ich dann Kontakt mit der Citibank aufgenommen hatte, blieben die Anrufe aus.
Auf Bundesebene wurden wiederholt Gespräche zwischen dem Caritasverband und der Citibank geführt. Sie distanziert sich von diesen Anrufen und meint, die Mitarbeitenden würden nur vereinzelt anrufen, aber keinen Druck machen, sondern gemeinsam nach Lösungswegen suchen. Die Citibank ist nicht die einzige Bank. Andere Schuldner berichten ähnliches von der Santander Bank und der GE-Money Bank.


