Kalkum
Kalkum
Kalkum
Kalkum
Kalkum

Autorenarchiv : Kalkum

Fiebriges Kopfkarussell

Freitag, 19. Juni 2009

Gestern morgen war ich noch in der JVA, habe dort meine Klienten besucht, die ich in Therapie vermittle. Anschließend Hausbesuch bei einem älteren Klienten, der nach einem Jahr wieder rückfällig geworden ist und nun völlig demoralisiert in seiner Wohnung sitzt und sich nicht mehr raustraut vor Angst und vor Scham, gleichzeitig aber auch den Konsum nicht mehr einstellen kann. Ich rede ihm zu wie einem kranken Pferd, sich nicht aufzugeben, kann ihn immerhin dazu bewegen, in Entgiftung zu gehen.

Dann zurück in die Beratungsstelle, Sprechstunde, Gespräche wie am Fließband. Ich muss mich sehr kontrollieren, um mich nicht zu sehr verwickeln zu lassen in die Berichte der Klienten. Anschließend fühle ich mich, als hätte ich Holz gehackt.

Auf der Fahrt nach Hause habe ich bereits einen Kopf wie ein Rathaus, abends tun mir alle Knochen weh. Heute morgen geht nichts mehr, Fieber, Kopfschmerzen, Bronchitis – ich muss mich krank melden. Krank feiern? Wer hat nur diese blöde Phrase erfunden! Von feiern kann wirklich keine Rede sein, dazu gehen mir zu viele Geschichten durch den Kopf, als ich zuhause fiebrig auf dem Bett liege…

Die müsste man ins Arbeitslager sperren

Montag, 15. Juni 2009

Nachdem ich angefangen hatte, in der Sucht zu arbeiten, konnte ich bei Familienfeiern in meinem Heimatort fast die Uhr danach stellen, dass ich spätestens abends beim Bier von neugierigen Verwandten oder Nachbarn die Frage zu hören bekam: “Hat das denn überhaupt einen Sinn, was Du da machst? Denen kann doch keiner helfen. Wer einmal damit angefangen hat, der kommt doch nicht mehr davon los.” Anfangs versuchte ich noch, gegen solche Sprüche zu argumentieren; solche Diskussionen endeten dann fast regelmäßig in hilflosen Sprüchen der Art wie: “Die müssen doch nur mal richtig arbeiten … Die müsste man ins Arbeitslager stecken, dann würden die schon von selbst aufhören, Drogen zu nehmen oder zu saufen …” Meist kamen solche Sätze von älteren Leuten, die ihr ganzes Leben lang schwer gearbeitet hatten und in ihren Pflichtbewusstsein und ihrer Rechtschaffenheit keine Vorstellung davon hatten, was Menschen dazu bringen kann, suchtkrank zu werden.

Als ich erkannt hatte, dass ich weder mir noch meinen Gesprächspartnern mit solchen Diskussionen einen Gefallen tat, habe ich begonnen, ihnen Geschichten zu erzählen – wahre Geschichten, Geschichten, die das Leben schrieb. Ich erzählte ihnen die Lebensschicksale einzelner Klienten. Mit dem Ergebnis, dass meine Gesprächspartner sehr nachdenklich wurden und das Arbeitslager anschließend keine Option mehr war.

Zum Beispiel die Geschichte von Varvara. Ich lernte sie vor einigen Jahren kennen, als sie in der Beratungsstelle Spritzen tauschen wollte. Irgendwie kamen wir ins Gespräch, mit dem Ergebnis, dass aus dem unverbindlichen Besuch ein dauerhafter Kontakt wurde, über ein Jahr lang. Varvara hatte eine russische Mutter und einen deutschen Vater. Der Vater war Fernfahrer und kam weit rum in der Welt. Er hatte die Mutter von Varvara in Russland kennengelernt und sie nach Deutschland geholt und geheiratet. Sie wurde schwanger und Varvara kam auf die Welt. Es hätte alles so schön sein können, wenn der Vater nicht ständig mit seinem Sattelschlepper unterwegs gewesen wäre und die Familie allein zurücklassen musste.

Ein Leben zwischen Kinderheim und Pflegeeltern

So war die Mutter schon bald hoffnungslos überfordert; sie sprach kaum deutsch, hatte hier keine Freunde und Verwandten, fühlte sich völlig verloren. Sie wurde psychisch krank, musste lange in die geschlossene Psychiatrie. Varvara kam in Pflege und wurde zwischen Kinderheim und Pflegefamilien herumgereicht. Der Vater konnte sich nicht kümmern; er war ständig unterwegs. Zudem stellte sich heraus, dass er alkoholkrank war. Als die Mutter aus der Psychiatrie wieder nach Hause kam, übernahm Varvara als kleines Kind bereits die Rolle ihrer Betreuerin, die für die Mutter einkaufte, kochte und putzte und den Haushalt führte. Irgendwann ließen Vater und Mutter sich scheiden und Varvara sah sich als Spielball zwischen den beiden. Sie versuchte es beiden recht zu machen und konnte nicht begreifen, warum das nicht funktionierte. In ihrer Clique kam sie mit Alkohol und Haschisch in Berührung. Das fand sie zunächst ganz toll, verschaffte ihr der Konsum doch wenigstens zeitweilig das Gefühl von Entspannung in ihrer so konfusen Welt. Mit der Zeit kam sie mit ihrer Mutter überhaupt nicht mehr zurecht, hatte nur lautstarke Auseinandersetzungen mit ihr.

Anschaffen gehen für die tägliche Dosis

Die Flucht zum Vater war eine schlechte Alternative. Nach dem alkoholbedingten Verlust seiner Arbeitsstelle war er völlig resigniert und konnte seiner Tochter keinen Halt geben. Varvara fand ihn eines Tages zuhause tot – er hatte sich selbst umgebracht. Mit der Drohung, seinem Leben ein Ende zu setzen, hatte er Varvara lange Zeit erpresst, sich nach seinen Wünschen zu richten. Nun fühlte sie sich schuldig und quälte sich mit schweren Selbstvorwürfen. Denen suchte sie mit Heroin zu entkommen – mit der Folge, dass für sie nun ein höllischer Kreislauf begann von Schuldgefühlen, Konsum von Heroin, Turkey, Beschaffung, erneutem Konsum … Die Not, täglich ihre Dosis Heroin zu bekommen, führte schließlich dazu, dass sie sich prostituierte. Dabei infizierte sie sich mit HIV. In der Situation lernte ich sie kennen.

Gut ein Jahr lang konnte ich mit Varvara arbeiten. Sie kam regelmäßig, manchmal täglich in die Beratungsstelle. Die Gespräche taten ihr offensichtlich gut. Varvara war sehr intelligent, dazu auch fleißig. Sie fand einen Job als Kellnerin in einer Kneipe. Sie wollte nicht dauernd von Hartz IV leben. Sie hatte große Pläne, wollte einen Beruf erlernen. Und sie fasste den Entschluss, eine Therapie zu machen, um neu anfangen zu können. Wir arbeiteten intensiv an der Therapievorbereitung. Als die Kostenzusage kam, war die Freude groß.

Ernst nehmen in der Not

Je näher allerdings der Tag ihrer Aufnahme in die Therapieeinrichtung kam, desto größer wurde ihre Angst vor dem Neuen, Unbekannten. Sie geriet in Panik und blieb von einem auf den anderen Tag weg. Der Kontakt brach ab. Ich sah sie nie wieder. Die Vermittlung in Therapie war gescheitert. Aber war deshalb meine Arbeit mit Varvara vergeblich? Ich bin mir sicher, dass der Erfolg unserer Arbeit sich nicht ausschließlich daran misst, ob wir es schaffen, unsere Klienten in Therapie zu bekommen und zu “heilen”.

Ich baue darauf, dass die Menschen, denen ich als Drogenberater begegne, sehr wohl spüren, dass ich mich darum bemühe, sie zu erkennen, sie als gleichwertig anzunehmen und sie ernst zu nehmen in ihrer Not und mit ihrem Wunsch nach einem gelungenen Leben. Ich hoffe, dass auch Varvara das erkannt hat. Vielleicht erinnert sie sich irgendwann einmal daran und findet den Mut zu einem neuen Anfang!

Schwanger hinter Gittern

Mittwoch, 10. Juni 2009

Endlich zuhause, ein langer Tag liegt hinter mir. Heute Vormittag habe Pitter, ein Klient aus der Justizvollzugsanstalt, zur Therapie gebracht. Schon seit Wochen war Pitter sehr aufgeregt. Er hatte vor einem Jahr bereits einen Therapieversuch gestartet, war aber schon nach ein paar Tagen abgehauen. Jetzt also ein neuer Versuch – mit viel Hoffnung und großen Plänen für die Zukunft, aber auch mit weichen Knien und der Sorge, dass es diesmal wieder schief gehen könnte. Dann müsste er wieder zurück in den Knast und die ganze Strafe absitzen. Dabei hat sich Pitter während der Zeit in der JVA echt Mühe gegeben und nicht der Versuchung nachgegeben, sich die Zeit durch einen Joint, einen Knaller oder ein paar Pillen leichter zu machen. Angebote habe er im letzten Jahr genug gehabt, meint er. Alle Achtung, dazu gehört viel Hoffnung und Zuversicht.

Als Pitter nun bei mir im Auto sitzt, während wir über die Autobahn Richtung Süden rollen, erzählt er mir, dass seine Freundin, ebenfalls in der JVA, ihm geschrieben habe, dass sie im 6. Monat schwanger sei. Unterwegs telefoniert er mit den Eltern seiner Freundin, um sie darüber zu informieren, dass sie bald Großeltern werden und dass er vorhat, ihre Tochter zu heiraten.

Die Freundin hat schon lange den Kontakt zu den Eltern abgebrochen, aus welchem Grund auch immer. Pitter bittet sie, ihre Tochter im Knast zu besuchen und sie in dieser schwierigen Zeit nicht allein zu lassen. Das ist ziemlich mutig von ihm, denn schließlich kennt er die Eltern nicht, denen er sich telefonisch als der neue Schwiegersohn vorstellt. Seit ich mich von Pitter in der Therapieeinrichtung verabschiedet habe, lässt mich der Gedanke an diese Geschichte nicht los.

Der Rest des Tages war vor allem mit Papierkram gefüllt. Aber wie kann man Papierkram erledigen, wenn einem den ganzen Tag Pitter und seine Freundin vor Augen stehen?

Raus aus dem Karussell von Drogen, Kriminalität und Knast

Freitag, 05. Juni 2009

Karussell - ©  Nadine K. - Fotolia.comIm Theologiestudium habe ich gelernt, zwischen Chronos und Kairos zu unterscheiden: Chronos meint den Ablauf der Zeit, wie er auf dem Zifferblatt einer Uhr abzulesen ist. Kairos den rechten Augenblick, den keine Uhr der Welt anzuzeigen vermag. Für Jupp schien es diesen Moment nie zu geben. Er ballerte sich immer wieder aufs Neue zu. Doch dann kam die Wende.

Jupp hat den Kairos getroffen, den glücklichen Zeitpunkt, an dem alle möglichen glücklichen Faktoren einander zuspielen und nur darauf warteten, dass er zugriff und die einmalige Chance nutzte, sein Leben zu verändern.

Lange Zeit sah es nicht danach aus: “Ich bin ein Versager!” Jupp saß niedergeschlagen und kleinlaut in meinem Büro. Dabei war er vor kurzer Zeit noch so voller Hoffnung gewesen. Die Kostenzusage war da und er hatte einen Therapieplatz. Er war in die Entgiftung gegangen und hatte sechs Wochen lang einen heftigen Entzug durchgestanden, bevor ich ihn in die Therapieeinrichtung fahren konnte. Dann, in Therapie, wurde ihm alles zuviel, er bekam Angst vor der eigenen Courage und brach bereits in der ersten Woche ab. Schon auf dem Weg nach Köln war er bereits wieder rückfällig mit Heroin. Der Suchtdruck und die überzeugung, sowieso ein Versager zu sein, hatten ihm schnell jede Hoffnung genommen, jemals clean werden zu können.

Einzige Heimat: Die Clique von ähnlichen Verlorenen

Ich erinnere mich an seine Lebensgeschichte: Jupp erkrankte als kleines Kind an Meningitis und verbrachte lange Zeit im Krankenhaus auf der Isolierstation – alleine, ohne Mutter und Geschwister. Noch heute leidet er unter den Folgen der Infektion. Die Mutter alkoholkrank, der Vater überfordert und resigniert, die Geschwister drogenabhängig. Ein Bruder bereits an einer überdosis verstorben. Keine Unterstützung als Kind und als Jugendlicher, keine Anerkennung. Kein Schulabschluss, keine Lehre, keine Menschen, bei denen er sich aufgehoben fühlen konnte, außer in der Clique von ähnlichen Verlorenen. Das Karussell von Drogen, Kriminalität, Knast. Da hatte sich bei ihm die überzeugung, ein Versager zu sein, schon längst fest eingebrannt, dass er sich gar nicht mehr vorstellen konnte, jemals anders leben zu können.

So lernte ich ihn kennen. Jupp war lange mein Klient. Als er erst einmal Vertrauen gefasst hatte, zeigte er sich als ein nachdenklicher, sensibler Mensch, kreativ und mit viel Sinn für Humor, der auch über sich selbst lachen konnte. Er schrieb skurrile Kurzgeschichten und träumte davon, irgendwann einmal einen Film zu drehen über sein Leben.

Dritte Therapie: Wertschätzung rettet den Ausstieg

Dreimal hat er Anlauf genommen für eine Therapie. Es war mühsam und langwierig. Zweimal stand er kurze Zeit später wieder in meinem Büro und war wieder rückfällig. Beim dritten Versuch klappte es: Jupp hielt durch. Aus der Therapie schrieb er mir Briefe, die so skurril waren wie seine Kurzgeschichten und die von seinem Humor zeugten, aber die auch deutlich machten, wie ernsthaft er sich mit seiner Lebensgeschichte auseinandersetzte. Er war in der Therapie auf Menschen gestoßen, die ihn ernst nahmen und ihm ihre Wertschätzung deutlich zeigten. Das hatte ihm den Mut gegeben, zu kämpfen und nicht wegzulaufen.

Ob Jupp heute noch clean lebt, weiß ich nicht. Ich habe ihn aus den Augen verloren. Aber ich weiß, dass er wenigstens für diese Zeit ein gutes Leben führen konnte.

Niemand wird süchtig geboren

Dienstag, 02. Juni 2009

Grabstein ©  nkpics - Fotolia.comLetzte Woche las ich die Todesanzeige von Guido. Vor Jahren war er mein Klient. Eine schillernde Persönlichkeit mit dem Charme eines in die Jahre gekommenen Genies. Er war sehr belesen. Anspruchvolle Romane schienen zu seinem Leben zu gehören. Sein Tod zeigt mir wieder einmal: Jede Sucht hat ihre Geschichte, denn auch Guido wurde nicht süchtig geboren. Doch in seinem Leben gab es ein dramatisches Ereignis, an dem er zerbrach.[more]

Guido war schon deutlich älter als der Durchschnitt. Als er starb, muss er um die 60 gewesen sein. Seine Mutter, inzwischen schon weit über 80, hatte die Anzeige veranlasst. Trotz aller Enttäuschungen hat sie bis zum Schluss zu ihm gehalten. In der Zeit, als er zu mir in die Beratung kam, sprachen wir oft über Literatur, Philosophie und Naturwissenschaft. Er kannte sich aus mit Computern, wusste interessant darüber zu erzählen. Irgendwann war damit Schluss. Gegen Heroin und Benzodiazepine kam er nicht mehr an. Die mühsam aufrecht gehaltene Fassade zerbröselte.

Ein Leben in Erinnerung und Sehnsucht

Es war wie eine Bilanz, als er mit vor Scham und Trauer brüchiger Stimme anlässlich meines Besuchs auf der Entgiftungsstation erzählte, dass seit Jahren Konsum und Beschaffung von Heroin sein einziger Lebensinhalt waren. Alles Schöne war verschwunden. Alles, was früher sein Leben interessant und bunt gemacht hatte war dahin, lebte nur noch in seiner Erinnerung, in seiner Sehnsucht. Es war in dem Augenblick ausgelöscht worden, als er Zeuge des Suizids seiner Lebensgefährtin wurde, von deren psychischer Krankheit er wusste und deren Tod er dennoch nicht verhindern konnte. Seitdem beherrschten Drogen endgültig sein Leben.

Die Geschichte von Guido zeigt, dass Sucht ihre Geschichte hat. Guido wurde nicht süchtig geboren. Er ist im Laufe seines Lebens suchtkrank geworden, so wie andere Menschen eine schwere Infektionskrankheit bekommen oder Krebs.

Jetzt ist Guido tot. Ich weiß nicht, wie er gestorben ist. Ich weiß aber, dass ein Leben voller Sehnsucht nach Liebe, Geist, Schönheit zu Ende gegangen ist und kann nur hoffen und beten, dass Gott in seiner Güte zur Vollendung bringt, was Guido aus eigener Kraft nicht geschafft hat.