Nachdem ich angefangen hatte, in der Sucht zu arbeiten, konnte ich bei Familienfeiern in meinem Heimatort fast die Uhr danach stellen, dass ich spätestens abends beim Bier von neugierigen Verwandten oder Nachbarn die Frage zu hören bekam: “Hat das denn überhaupt einen Sinn, was Du da machst? Denen kann doch keiner helfen. Wer einmal damit angefangen hat, der kommt doch nicht mehr davon los.” Anfangs versuchte ich noch, gegen solche Sprüche zu argumentieren; solche Diskussionen endeten dann fast regelmäßig in hilflosen Sprüchen der Art wie: “Die müssen doch nur mal richtig arbeiten … Die müsste man ins Arbeitslager stecken, dann würden die schon von selbst aufhören, Drogen zu nehmen oder zu saufen …” Meist kamen solche Sätze von älteren Leuten, die ihr ganzes Leben lang schwer gearbeitet hatten und in ihren Pflichtbewusstsein und ihrer Rechtschaffenheit keine Vorstellung davon hatten, was Menschen dazu bringen kann, suchtkrank zu werden.
Als ich erkannt hatte, dass ich weder mir noch meinen Gesprächspartnern mit solchen Diskussionen einen Gefallen tat, habe ich begonnen, ihnen Geschichten zu erzählen – wahre Geschichten, Geschichten, die das Leben schrieb. Ich erzählte ihnen die Lebensschicksale einzelner Klienten. Mit dem Ergebnis, dass meine Gesprächspartner sehr nachdenklich wurden und das Arbeitslager anschließend keine Option mehr war.
Zum Beispiel die Geschichte von Varvara. Ich lernte sie vor einigen Jahren kennen, als sie in der Beratungsstelle Spritzen tauschen wollte. Irgendwie kamen wir ins Gespräch, mit dem Ergebnis, dass aus dem unverbindlichen Besuch ein dauerhafter Kontakt wurde, über ein Jahr lang. Varvara hatte eine russische Mutter und einen deutschen Vater. Der Vater war Fernfahrer und kam weit rum in der Welt. Er hatte die Mutter von Varvara in Russland kennengelernt und sie nach Deutschland geholt und geheiratet. Sie wurde schwanger und Varvara kam auf die Welt. Es hätte alles so schön sein können, wenn der Vater nicht ständig mit seinem Sattelschlepper unterwegs gewesen wäre und die Familie allein zurücklassen musste.
Ein Leben zwischen Kinderheim und Pflegeeltern
So war die Mutter schon bald hoffnungslos überfordert; sie sprach kaum deutsch, hatte hier keine Freunde und Verwandten, fühlte sich völlig verloren. Sie wurde psychisch krank, musste lange in die geschlossene Psychiatrie. Varvara kam in Pflege und wurde zwischen Kinderheim und Pflegefamilien herumgereicht. Der Vater konnte sich nicht kümmern; er war ständig unterwegs. Zudem stellte sich heraus, dass er alkoholkrank war. Als die Mutter aus der Psychiatrie wieder nach Hause kam, übernahm Varvara als kleines Kind bereits die Rolle ihrer Betreuerin, die für die Mutter einkaufte, kochte und putzte und den Haushalt führte. Irgendwann ließen Vater und Mutter sich scheiden und Varvara sah sich als Spielball zwischen den beiden. Sie versuchte es beiden recht zu machen und konnte nicht begreifen, warum das nicht funktionierte. In ihrer Clique kam sie mit Alkohol und Haschisch in Berührung. Das fand sie zunächst ganz toll, verschaffte ihr der Konsum doch wenigstens zeitweilig das Gefühl von Entspannung in ihrer so konfusen Welt. Mit der Zeit kam sie mit ihrer Mutter überhaupt nicht mehr zurecht, hatte nur lautstarke Auseinandersetzungen mit ihr.
Anschaffen gehen für die tägliche Dosis
Die Flucht zum Vater war eine schlechte Alternative. Nach dem alkoholbedingten Verlust seiner Arbeitsstelle war er völlig resigniert und konnte seiner Tochter keinen Halt geben. Varvara fand ihn eines Tages zuhause tot – er hatte sich selbst umgebracht. Mit der Drohung, seinem Leben ein Ende zu setzen, hatte er Varvara lange Zeit erpresst, sich nach seinen Wünschen zu richten. Nun fühlte sie sich schuldig und quälte sich mit schweren Selbstvorwürfen. Denen suchte sie mit Heroin zu entkommen – mit der Folge, dass für sie nun ein höllischer Kreislauf begann von Schuldgefühlen, Konsum von Heroin, Turkey, Beschaffung, erneutem Konsum … Die Not, täglich ihre Dosis Heroin zu bekommen, führte schließlich dazu, dass sie sich prostituierte. Dabei infizierte sie sich mit HIV. In der Situation lernte ich sie kennen.
Gut ein Jahr lang konnte ich mit Varvara arbeiten. Sie kam regelmäßig, manchmal täglich in die Beratungsstelle. Die Gespräche taten ihr offensichtlich gut. Varvara war sehr intelligent, dazu auch fleißig. Sie fand einen Job als Kellnerin in einer Kneipe. Sie wollte nicht dauernd von Hartz IV leben. Sie hatte große Pläne, wollte einen Beruf erlernen. Und sie fasste den Entschluss, eine Therapie zu machen, um neu anfangen zu können. Wir arbeiteten intensiv an der Therapievorbereitung. Als die Kostenzusage kam, war die Freude groß.
Ernst nehmen in der Not
Je näher allerdings der Tag ihrer Aufnahme in die Therapieeinrichtung kam, desto größer wurde ihre Angst vor dem Neuen, Unbekannten. Sie geriet in Panik und blieb von einem auf den anderen Tag weg. Der Kontakt brach ab. Ich sah sie nie wieder. Die Vermittlung in Therapie war gescheitert. Aber war deshalb meine Arbeit mit Varvara vergeblich? Ich bin mir sicher, dass der Erfolg unserer Arbeit sich nicht ausschließlich daran misst, ob wir es schaffen, unsere Klienten in Therapie zu bekommen und zu “heilen”.
Ich baue darauf, dass die Menschen, denen ich als Drogenberater begegne, sehr wohl spüren, dass ich mich darum bemühe, sie zu erkennen, sie als gleichwertig anzunehmen und sie ernst zu nehmen in ihrer Not und mit ihrem Wunsch nach einem gelungenen Leben. Ich hoffe, dass auch Varvara das erkannt hat. Vielleicht erinnert sie sich irgendwann einmal daran und findet den Mut zu einem neuen Anfang!