Goetzens
Goetzens
Goetzens
Goetzens
Goetzens
Goetzens

Autorenarchiv : Goetzens

Bloß nicht krank werden

Mittwoch, 04. März 2009

Es gibt Tage, da frage ich mich abends: “Was haben wir heute wirklich bewirken können?” Und ich denke an die sechs ausländischen Patienten ohne Krankenversicherung. Als Touristen sind sie eingereist, in der Hoffnung auf ein besseres Leben hier bei uns. Nun schlafen sie draußen oder auf engstem Raum mit anderen Kumpels. Falls jemand von ihnen krank wird, gibt es für sie keine Sicherung. Pawel (48 Jahre) hatte nicht damit gerechnet, dass er für seinen letzten Job als Maler keinen Lohn erhielt und das, obwohl er “sauber gearbeitet” hat, wie er sagt.
Um sich weiter über Wasser zu halten, jobbte er die letzten Tage auf einem Bau, schleppte schwere Lasten, auch mit seiner linken Schulter, die vor Jahren schon einmal operiert werden musste. Pawel trinkt nicht und drückt sich gewählt aus. Nun bekommt er den linken Arm nicht mehr hoch. Die Schulter ist sehr schmerzhaft und geschwollen. Geld für einen Arzt hat er nicht. Kumpel verwiesen ihn auf die Straßenambulanz.
Ich untersuche ihn und kann ihn schließlich nach Telefonaten an einen hilfreichen Chirurgen in der Nachbarschaft vermitteln. Zuvor erhält Pawel noch Schmerzmittel und einen Begleitbrief, denn der Kollege wird ihn auch ohne Bezahlung untersuchen und behandeln. Wie gut!

Ein Verband allein reicht nicht

Dienstag, 03. März 2009

Heute wird ein “Hausbesuch” wird von mir erbeten. Dieses Mal fragt eine Dame vom Sozialverband VdK um meine Mithilfe. Es gäbe da einen 78-jährigen Mann, der schwer alkoholkrank sei und in einer total vermüllten Wohnung vor sich hinvegetiere. Herr M. sei außerdem Diabetiker und das Sozialamt habe endlich einen häuslichen Pflegedienst gefunden, der bereit ist, nach ihm zu schauen. Aber dieser Pflegedienst braucht eine ärztliche Verordnung. Bislang habe sich kein Hausarzt finden lassen, der zu Herrn M. fahren will.

Solche Klagen höre ich öfter. Würde ich jedes Mal “einspringen”, ich könnte die Arbeit in der Ambulanz nicht mehr bewältigen. Heute aber biete ich meine Hilfe an, denn für Herrn M. droht ein Wohnungsverlust… Er selbst begrüßt mich, auf dem Sofa liegend, dem einzig freien Platz in der total zugestellten Wohnung: “Mir geht es schon wieder besser!” Zwar ist sein Blutzucker entgleist und der Blutdruck erhöht, aber ein offenes Bein, wie der Pflegedienst vermutete, hat er Gott sei Dank nicht.

Ins Krankenhaus gehen kommt für ihn “jetzt nicht” in Frage! “Mit meinem Geld muss ich doch meinen Sohn und meine Exfrau unterstützen!” Auf Einsicht hoffen, wäre jetzt vergeblich. überall stehen geleerte Schnapsflaschen, Motten fliegen umher und das warme Wasser “ist kaputt”, meint seine Freundin, die tatsächlich in all dem Chaos noch ein paar frische Socken findet.

Nach Behandlung einer Wunde am rechten Bein ziehe ich diese Herrn M. an. Ich treffe Absprachen mit dem Pflegedienst und werde mich morgen mit dem Sozialamt in Verbindung setzten. Hier ist viel mehr Hilfe gefragt, als ein Verband oder ein paar Tabletten! Ein “Eilantrag auf eine gesetzliche Betreuung” wurde bereits angeregt, aber das interessiert den alten Mann nicht. “Hauptsache, die Kartons da aus dem Flur werden bald mal abgeholt!”, ruft er. – Und ich denke bei mir: Was ist wirklich wichtig im Leben?

Wann ist ein Notfall ein Notfall?

Donnerstag, 26. Februar 2009
Mitten in der Sprechstunde ruft Tanja (23) an. Sie ist außer sich, weil es ihrer Freundin Sonja (24) nicht gut geht. “Ich habe schon drei Mal den Notarzt angerufen, aber der kommt einfach nicht!”, klagt sie am anderen Ende der Leitung. Beide sind mir aus flüchtigen Begegnungen hier in der Ambulanz bekannt. Zusammen mit sieben anderen jungen Erwachsenen leben sie in einer Wohngemeinschaft am Rand der Stadt. Keine abgeschlossene Schulausbildung, kein Job, kein gesichertes Einkommen.
Tanja hatte sich vor einigen Monaten den Arm verletzt und musste chirurgisch behandelt werden. Inzwischen ist sie wieder krankenversichert. Ihre Freundin Sonja hat die Wege zu den SozialarbeiterInnen noch nicht geschafft. Sie reist im Land umher und weiß noch nicht, wie lange sie bleiben will. Vor drei Wochen kam sie zusammen mit Tanja in die Ambulanz. Sie hatte eine schwere Erkältung und einen Magen-Darm-Infekt.
“Jetzt geht es ihr ganz scheiße!”, ruft mir Tanja durchs Telefon zu. “Was soll ich machen? Sie kann nicht zu ihnen kommen. Sie ist zu schlapp und außerdem muss sie ständig erbrechen und Durchfall hat sie auch. Aber es kommt ja keiner! Dabei habe ich dem Notdienst nicht einmal gesagt, dass Sonja nicht versichert ist!”
Ich höre mir die Notlage an und verabrede mit Tanja, sie und ihre Freundin in ca. zwei Stunden nach dem Ende der Morgensprechstunde aufzusuchen. Doch dazu kommt es erst gar nicht: Eine halbe Stunde später ruft Tanja erneut an und lässt ausrichten, dass ich nicht mehr kommen muss. Sonja habe begonnen, Blut zu erbrechen, jetzt sei der Krankenwagen endlich unterwegs. Ich muss nicht mehr hinfahren.

“Alle haben was gegen mich”

Donnerstag, 26. Februar 2009

“Unser Ziel ist die Rückführung der kranken wohnungslosen Menschen in die medizinische Regelversorgung” – so haben wir es in die Konzeption der Elisabeth-Straßenambulanz geschrieben. Es gibt Tage, da scheint dieses Ziel in weite Ferne gerückt! Zum Beispiel, wenn Radi, der 56-jährige insulinpflichtige Diabetiker jetzt, da er endlich wieder den Weg in den Bezug des Arbeitslosengeldes II gefunden hat und einen Krankenschein erhält, zum x-ten Mal den Arzt wechseln will.
“Alle sind nicht gut”, schimpft er erregt im Raum. “Die haben was gegen mich gehabt!” Sogleich folgt eine nicht enden wollende Flut wüster Beschimpfungen auf “die da” und “den beim Amt”, die ihm “alle Unrecht tun”. In der Tat hat Radi “Probleme mit der Justiz” gehabt. Unter seinen zahlreichen Papieren, die er mit sich herumträgt, finden sich ältere Schreiben von einem Rechtsanwalt. Der Anwalt “habe nichts getaugt”, ereifert sich Radi weiter. “Ich muss selbst für mein Recht kämpfen!”
Als ich ihn bitte, den bisherigen Internisten wieder aufzusuchen, damit sein Insulin besser eingestellt werden kann, weigert er sich. Umständlich zieht er den Prospekt eines niedergelassenen Allgemeinmediziners heraus, der auch Homöopathie anbietet und verlangt eine überweisung dorthin. Die kann ich ihm als Allgemeinmedizinerin jedoch nicht ausstellen und versuche Radi ruhig zu erklären, dass er beim Wechsel in eine neue Praxis damit rechnen muss, die zehn Euro Praxisgebühr zu bezahlen. Das ist zuviel für ihn. Erneut schimpft Radi los: “Wieso soll ich bezahlen? Die Krankenkasse muss mir bezahlen, die haben kein Recht dazu, noch mehr Geld von mir zu verlangen…!”
Ich spüre, heute kann ich Radi nicht zur Einsicht in die Auflagen unseres Gesundheitssystems bewegen. Er verlässt nach wenigen Minuten wieder das Sprechzimmer, verabschiedet sich dabei höflich – und ich bin sicher, er wird zurückkommen, spätestens, wenn er in der nächsten Praxis “Stress bekommt”. Bis zur Behandlung seiner psychiatrischen Grunderkrankung im niedergelassenen Bereich ist es noch ein langer Weg, trotz vorhandener Krankenversicherung.

Weg mit Luftschlangen und Illusionen

Dienstag, 24. Februar 2009

Als ich vor dem Heimgehen die letzten Luftschlangen von den Wänden nehme, drängt sich mir der Gedanke auf: “Ja, so ist es! Immer wieder nimmst du denen, die kommen, ihre Illusionen…” Dann schießt mir durch den Kopf: “Aber hoffentlich nicht ihre Freude am Leben!”
Doch was kann Herrn F. eigentlich froh stimmen? Mit seinen 80 Jahren ist er seit gut einem Monat in Frankfurt auf der Straße gelandet. Herr F. ist schwer krank. Meinen Einsatz für eine adäquate medizinische Versorgung und für eine geregelte Unterkunft, in der er den Lebensabend verbringen könnte, begreift er nicht. “Wissen Sie”, sagt er mir mit tiefer Stimme, “ich bedanke mich ja für ihre Bemühungen, aber meine Mutter und mein Vater und auch mein Onkel sind 91 Jahre alt geworden. Da hoffe ich doch, noch etwas länger zu leben und will dahin zurück, wo ich herkomme.”
Doch dort gibt es einfach keinen Anknüpfpunkt mehr für ihn. Partnerschaften und Besitz sind durch Spielsucht und Streit verloren gegangen. Nun bleiben ihm nur die wenigen Quadratmeter in seinem Hotelzimmer. Und doch gibt er nicht auf: “Ich bin doch noch nicht alt! Wenn ich in diese Altenwohnanlage gehe, bin ich nur umgeben von alten Leuten. So weit bin ich doch noch nicht!”
Eine Luftschlange abnehmen ist leichter, als Denkmodelle und illusorische Hoffnungen zu entlarven. Für heute belasse ich es bei dem Versuch, Herrn F. zu motivieren, sich wenigstens das Angebot des Sozialamtes anzuschauen. Wir verabreden uns in 14 Tagen, da muss sein Blutdruck und auch sein “stolperndes Herz” wieder kontrolliert werden. Ich schreibe ihm den Termin in großen Lettern auf einen Zettel – das hat bis jetzt gut funktioniert und Herr F. findet seinen Weg. Vielleicht sollte ich mir weniger Gedanken machen, denke ich bei mir und schließe für heute die Einrichtung zu. 80 Jahre hat Herr F. schon gelebt und ist damit älter als die meisten meiner Patienten und Patientinnen. Altersarmut oder Glück gehabt?

Unruhe im Kopf

Montag, 23. Februar 2009

“Nein, das geht nicht”, bemerkt Gabriele energisch, als ich ihr vorschlage, nun doch täglich zu uns zu kommen. Dann könnte sie hier das notwendige Antibiotikum einnehmen. Und die 58-Jährige fügt leise hinzu: “Weiß nich’, ob ich das schaffe!” Wir kennen uns schon seit drei Jahren. Kurz nachdem sie ihre Wohnung in einer anderen Stadt verlor, ist sie bei uns aufgetaucht. Seither läuft sie mit gekrümmtem Rücken, unscheinbar gekleidet durch Frankfurt von Anlaufpunkt zu Anlaufpunkt: Bahnhofsmission – Franziskustreff – Hauptwache – wieder Bahnhof. Und manchmal eben auch zu uns.
So recht weiß ich bis heute nicht, was Gabriele umhertreibt und wo sie nachts bleibt. “Sie kann es nicht sagen”, antwortet sie mir manchmal und redet von sich in der dritten Person. Ich vermute, dass die frühere Büroangestellte für sich vieles im Innern erleben muss, was sie nicht zur Ruhe kommen lässt. Hilfen kann Gabriele nur schwer annehmen. Sie ist oft viel zu dünn bekleidet, lehnt die warme Jacke, die festen Schuhe einfach ab.
Aber heute ist ein guter Tag für uns beide: Gabriele kommt, weil sie “Schmerzen beim Wasserlassen” hat. Sie lässt nicht nur die notwendigen Untersuchungen über sich ergehen. Gabriele toleriert auch die Behandlung der wund gelaufenen Füße durch Schwester Kathi und wehrt sich erstmals nicht gegen eine Kopfwäsche und das Einreiben des Rückens. Aber das Angebot eines Duschbades lässt sie fast schon wieder davoneilen. Und doch, heute ist es eine gute Begegnung! Im Stillen hoffe ich, dass Gabriele sich morgen noch an ihren Vorsatz erinnert, wiederzukommen.
Anders läuft es im Gespräch mit Paul. Noch schläft der 40-Jährige bei seinem Freund, hat keine eigene Wohnung und derzeit viel Stress mit dem Jobcenter. Denn “die begreifen nicht, dass die anderen mich einfach gemobbt haben. Da kann ich nicht mehr hingehen”.
Paul ist Maler, er hat es bis zur Gesellenprüfung geschafft, aber nie eine feste Arbeit gehabt. Eigentlich kommt er auch nicht, um mit mir über seine Arbeit zu sprechen: “Warum wollen sie das alles wissen?”, fragt er misstrauisch. “Ich komme doch nur wegen der Dämpfe, die so stechend sind und aus dem Straßenrand aufsteigen. überall riecht es nach Ammoniak und das macht mir zu schaffen: ich habe Stechen im Kopf und Pieksen im Hals und fühle mich nicht wohl. Ob ich wohl etwas an der Lunge habe? Was meinen Sie?” – Nein, die Untersuchung gibt keine Hinweise dafür. Und dennoch, Paul ist schwer krank!
Er erlebt und spürt körperlich, was mir wie Phantasien vorkommt. So kann es eben bei Halluzinationen sein. Und ich glaube ihm, dass er “bald wieder aus der Wohnung raus muss”, weil er es einfach “nicht mehr aushält”. Vielleicht gelingt es uns eines Tages doch, Paul einer adäquaten Behandlung zuzuführen. Heute gab es leider dazu keinen Ansatz! Bleibt mir nur mein Vertrauen, dass auch Paul wiederkommen wird.