Bessy
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Autorenarchiv : Bessy

Jetzt – wo ich clean bin – weiß ich, wo ich war

Sonntag, 15. März 2009

Heroin
Mit jedem Tag wurden die Schatten länger,
die Tage kürzer, die Kreise enger.
Freunde gingen, die Einsamkeit kam.
Ja, selbst die Engel verschwanden – irgendwann
denn mein Leben lag in Scherben,
hatte seinen Sinn verloren.
Ich fühlte nur gefrorene Leere,
Ich fühlte mich wie tot geboren.
Ich kostete den bittern Geschmack der Sterblichkeit
Und wollte es beenden, fast – war es soweit.
Ich vergiftete mich selbst
doch ich hab es überlebt.
Ich verbrannte meine Brücken
und weiß nicht, ob ihr mich versteht.
Ich wollte nur einen schöneren Platz im Himmel
und landete in der Hölle.

Jetzt – wo ich clean bin – weiß ich, wo ich war.

GefühlsgedankenPANIK-ANGST

Samstag, 14. März 2009

Die heute Nacht unfreiwillig gemachte Erfahrung im Zusammenhang mit der Tatsache, dass es gestern zu spät war um Hilfe zu kontaktieren und ich heute immer noch ganz ganz allein bin (ohne eine andere Person zum Kontaktieren, Beruhigen, Spiegeln etc.) würde ich als eine Art gedanklicher Gefühlspanik beschreiben.

GefühlsgedankenPANIK-ANGST. Unsicherheit? Unsicherheit, auch weil ich mich ganz allein mit dieser Situation auseinandersetzen musste, dem, was ich sehe und höre … Für mich gefährliche Gedankenströme werden in einer totalen Hundertstelsekunden-Schnelle zu verwirrten Gedanken im Sinne von: “Was mach ich jetzt, oder nicht?”

Mit allem, was ich jetzt in meinem Alleinsein an Angst und Panik merke, ohne Rückkoppelung mit einer Freundin oder irgendjemand sonst, bin ich innerhalb von einer Stunde nicht in der Lage, auf andere Gedanken zu kommen bzw. mich langsam da weg zu denken. Mit so einer Erfahrung und mit diesem gefühlten Parameter in meinem Kopf kann es meiner Meinung nach binnen einer Stunde letztlich zu einer nicht mehr rückgängig zu machenden Gedankenvernetzung kommen. AUF JEDEN FALL VERMEIDEN!

S.O.S – wer ist ist vor meiner Tür?

Samstag, 14. März 2009

Freitag auf Samstagnacht. Uhrzeit 0:36. Ich würde S.O.S. senden an jemanden, da ich seit ca. 30 Minuten etwas an meiner Türe höre. Da ich hier alleine bin, und um diese Uhrzeit keiner zur Stelle sein kann, bin ich jetzt total verunsichert, da ich zwar jetzt gerade durch den Türspion gesehen habe oder doch nicht? So möchte ich aber die Person, die ich gesehen habe beschreiben; Helle, braun-blonde, gelockte Haare, mittel-lang und eine weinrot-braune mit zwei gelben Streifen, einer je Arm. Größe nicht zu erkennen.

Zittere wieder so sehr und weiß jetzt gar nichts mehr. Soll ich die Polizei rufen oder ist da doch jetzt gerade keiner? Was mach ich jetzt, anrufen oder nicht … und keiner telefonisch zu erreichen, der es mir sagen kann. Habe gerade nämlich … weil ich denke, wenn ich die Polizei jetzt anrufe kann ich nicht weil in mir die Gedanken, die ich hier aufschreibe, muss mir die Lösung in Angst – Panik – Unsicherheit – und die Gedanken, dass die Polizei wenn ich nicht bald eine Antwort bekommen.

Totale Verzweiflung gerade
Ist da jemand oder nicht???
Was weiß ich jetzt um 0:54
Ist da jemand oder nicht

Mache Musik an, laut, Uhrzeit egal und versuche mich davon weg zu denken, was ich weiß oder nicht.

Klinikresümee in D Moll (1997 ff.)

Freitag, 06. März 2009

Ich bin ins Leben geboren worden,
doch hier wollt ich niemals sein.
Jetzt steh ich hier im Dunkeln
und im Kalten
und bin ganz allein.

Meine Seele ist zerbrochen
und meine Tränen sieht man nicht.
Manchmal weine ich die ganze Nacht
und seh’ wegen der Tränen nicht, wie der Tag erwacht.
Ich will nur raus aus diesem Albtraum
denn ich seh’ wie meine Zeit abläuft
Und suche das Glück
Ich denke ihr seid verrückt
Und auch total verlogen
Ihr habt mir die ganzen Jahre
nur meine Freiheit entzogen.
Doch ihr habt mein Gehirn erst verdreht
So dass kein Mensch, – auch nicht ich -
mehr die Verwirrung in meinem Kopf versteht.
Und so frag ich mich oft selbst,
ob, und was ich seh und
wo verdammt ich eigentlich steh.

Meine Weltbrille oder Alphabetismus à la Bessy

Mittwoch, 04. März 2009

Wer sind eigentlich die Irren? Die, die so genannt werden, oder die, die die Anderen so nennen? Auf jeden Fall bin ich so eine, die “man” eine Irre nennt, die “man” aber eigentlich gar nicht zu den Irren zählen würde. Was ich hier manchmal zu sagen haben werde, ist für normale Menschen zum Ver-rückt werden. über Risiken und Nebenwirkungen informieren Sie meine beiden Betreuer, deren Rufnummer ich auf Anfrage gerne weitergebe. Zur Einstimmung ein paar zu überprüfende Hypothesen:

1) Wer sein Gehirn walten lässt, findet sich in der Idiotie wieder.
2) Kooperation mit dem Gehirn erleichtert das Leben.

3) “Ich” so stellt sich unser Gehirn mit Namen vor.
4) “Ich” steht für unser Gehirn
5) “Ich” heißt jedes Gehirn
6) Mein Gehirn nennt sich “Ich”.

7) Warum nennen sich alle Gehirne “Ich”?
8) “Ich” entscheidet, wer Du bist und was Du tust.
9) Ohne “Ich” wäre ich nix.
10) Wie schnell trennt sich “Ich” von mir?

11) Kann “Ich” ohne mich leben? Oder überleben?
12) Kann mich mein “Ich” einholen und überholen? Oder ist das alles nur vorgelogen?

Hier noch der Alphabetismus a la Bessy

A = Sexuell N = Nadel
B = Bekloppt O = Ohnmacht
C = Chronisch krank P = Putzen
D = Doppeldiagnose Q =
E = Einfallsreich R = Rastlos
F = Faul S = Stoned
G = Gestört T = Tod
H = Heroin U = Unbekannt
I = Idiot V = Vertrauen
J = W = Waschzwang
L= Lala Y =
M = Munter Z = Zurückgekommen

Trotz allem: Gemocht und geliebt werden

Mittwoch, 04. März 2009

Einleitung und Rückblende zum Webblog von Bessy B.
Der erste Gast unserer 1995 eröffneten Drogenhilfseinrichtung war südländischer Herkunft, sehr schmal, mit halblangem, schwarz glänzenden Haaren und forderndem Benehmen. Die Frau ging mit mir ins Büro und stellte sich vor: “Ich komme aus Deutschland, genau genommen aus Köln.”
Immerhin kam sie fortan öfter bis regelmäßig und hatte jede Menge provokative Tests für mich auf Lager: So war er beispielsweise der erste und letzte Gast vor Ort, der mich zwang, die mitten ins Café ragende Klotür bei laufendem Betrieb aus Angst vor einer drohenden (und aus Wut auch angekündigten) überdosis zu öffnen. Nur enthielt die Nadel im Arm nicht Heroin, sondern nichts Schlimmeres als Wasser. Aber noch während meines lautstarken Rauschmisses sah ich dieses Grinsen: “Trotz und wegen der Provokationen gemocht werden”, hieß dieses Spiel und ich hätte es fast verloren. Oder die Story mit der erst geklauten, dann aus Skrupel doch zurück gebrachten Postbotentasche, die letztlich 100 DM Finderlohn brachte…..
Im Grunde gab es 1001 Gründe Bessy rauszuschmeißen, oder zumindest aus der Betreuung zu entlassen. Aber mehr als diese 1001 Gründe wog, wer sie war, was sie tat und warum. Bessy war immer sie selbst, sie wollte gefallen und gesunden, aber auf ihre Art, nicht in einer Therapie, einem Sozialpsychiatrischen Zentrum, einer Klinik…etc. Ich kann sie nicht mehr zählen, meine unzähligen Versuche, Bessy in eine stationäre Therapie zu kriegen, sie in die Entgiftung zu fahren, ihr einen WG-Platz zu sichern, die unzähligen Psychiatriediagnosen zu verstehen, und, und, und.
Jeder Supervision zum Trotz: Bessy wollte nie das, was wir für sie wollten. Nur eins, das wollte sie wirklich: gemocht und geliebt werden, wie sie war – bis heute und auch von mir. Das alles ist mittlerweile 15 Jahre her. 15 Jahre voller Geschichte, Wandel und neuem Begreifen. Zeit also, sie selbst zu Wort kommen zu lassen …

Carmen Dargel
Kontakt- und Beratungstelle Ehrenfeld
SKM Ehrenfeld