Seit mehr als 18
Jahren arbeite ich in der Wohnungslosenhilfe. Mich reizt an der Arbeit neben der Tatsache, dass diese naturgemäß sehr abwechslungsreich
ist, die einzelnen Biographien unterschiedlichster
Personen immer wieder hautnah mitzubekommen. Regelmäßig freut es mich, wenn ich positive Nachrichten höre,
wenn sich jemand zum Beispiel wieder gut in die Gesellschaft
integrieren konnte, Arbeit oder einen guten Platz zum Leben gefunden
hat.
Allerdings gibt es auch immer wieder echt tragische Geschichten.
Heute rief mich eine Frau an, die wir seit kurzem wieder im Rahmen
unserer Hilfe betreuen. Sie berichtete leicht angetrunken unter Tränen,
dass ihr Freund, mit dem sie schon lange gemeinsam lebt, nun doch seine
Arbeit im Juni verlieren wird, obwohl sie noch vor Tagen Freude
strahlend bei mir war und berichtet hatte, Herr M. bekäme einen
unbefristeten Vertrag. So spüren wir durch die von uns beratenen
Menschen ganz direkt die Auswirklungen der Wirtschaftskrise.
Nachdem es in unserer Wohnungsloseneinrichtung etwas ruhiger geworden war, nachts während der Rufbereitschaft kaum Anrufe gekommen waren und die Belegung kurzfristig etwas unter dem Durchschnitt gelegen hatte, gab es innerhalb von etwa zwei Tagen eine drastische Veränderung. Wie aus dem Nichts kamen innerhalb kürzester Zeit drei Paare sowie etwa fünf weitere Wohnungslose zur Aufnahme. Plötzlich mussten wir überlegen, wer für die einzelnen Personen zuständig ist, Neuanträge machen, Kostenklärungen herbeiführen, Lebensgeschichten anhören, auf neue Probleme eingehen usw.
Es ist auffällig, dass ein immer größer werdender Teil unseres Klientels junge Leute unter 25 Jahren (sog. U 25) ist. Auch steigt der Frauenanteil seit Jahren. Dazu kommt, dass auch immer mehr psychisch belastete oder kranke Menschen unsere Einrichtungen anlaufen.
Unsere Krankenschwester, die rein über Spenden finanziert, zwei Mal wöchentlich im Jakobushof arbeitet, berichtete letzten Freitag, dass von den zehn neu Aufgenommenen allein fünf Psychopharmaka verschrieben bekommen oder eine Drogenproblematik im Hintergrund haben.

