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Autorenarchiv : Bauschert

Wie die Wirtschaftskrise auch uns trifft

Dienstag, 31. März 2009

Seit mehr als 18
Jahren arbeite ich in der Wohnungslosenhilfe. Mich reizt an der Arbeit neben der Tatsache, dass diese naturgemäß sehr abwechslungsreich
ist, die einzelnen Biographien unterschiedlichster
Personen immer wieder hautnah mitzubekommen. Regelmäßig freut es mich, wenn ich positive Nachrichten höre,
wenn sich jemand zum Beispiel wieder gut in die Gesellschaft
integrieren konnte, Arbeit oder einen guten Platz zum Leben gefunden
hat.

Allerdings gibt es auch immer wieder echt tragische Geschichten.

Heute rief mich eine Frau an, die wir seit kurzem wieder im Rahmen
unserer Hilfe betreuen. Sie berichtete leicht angetrunken unter Tränen,
dass ihr Freund, mit dem sie schon lange gemeinsam lebt, nun doch seine
Arbeit im Juni verlieren wird, obwohl sie noch vor Tagen Freude
strahlend bei mir war und berichtet hatte, Herr M. bekäme einen
unbefristeten Vertrag. So spüren wir durch die von uns beratenen
Menschen ganz direkt die Auswirklungen der Wirtschaftskrise.

Nachdem es in unserer Wohnungsloseneinrichtung etwas ruhiger geworden war, nachts während der Rufbereitschaft kaum Anrufe gekommen waren und die Belegung kurzfristig etwas unter dem Durchschnitt gelegen hatte, gab es innerhalb von etwa zwei Tagen eine drastische Veränderung. Wie aus dem Nichts kamen innerhalb kürzester Zeit drei Paare sowie etwa fünf weitere Wohnungslose zur Aufnahme. Plötzlich mussten wir überlegen, wer für die einzelnen Personen zuständig ist, Neuanträge machen, Kostenklärungen herbeiführen, Lebensgeschichten anhören, auf neue Probleme eingehen usw.

Es ist auffällig, dass ein immer größer werdender Teil unseres Klientels junge Leute unter 25 Jahren (sog. U 25) ist. Auch steigt der Frauenanteil seit Jahren. Dazu kommt, dass auch immer mehr psychisch belastete oder kranke Menschen unsere Einrichtungen anlaufen.
Unsere Krankenschwester, die rein über Spenden finanziert, zwei Mal wöchentlich im Jakobushof arbeitet, berichtete letzten Freitag, dass von den zehn neu Aufgenommenen allein fünf Psychopharmaka verschrieben bekommen oder eine Drogenproblematik im Hintergrund haben.

Der Problembär

Mittwoch, 18. März 2009

Kurz nach seinem 18. Geburtstag kam Herr R. mit seiner frisch bestellten Betreuerin zum Vorstellungsgespräch wegen Aufnahme in den Jakobushof. Nach kurzer Zeit stellte sich heraus, dass er eine Menge Probleme hat. Er ist zu 60 Prozent schwer behindert, hatte eine schwierige Kindheit und Jugend, aus allen möglichen Jugendhilfemaßnahmen ist er rausgeflogen oder hatte diese selbst abgebrochen.
Herr R. hatte eine auffällige Jacke an, die farblich und vom Kunstfell her sehr nach Problembär aussah. In einer Hilfekonferenz mit Jobcenter, Kreissozialamt, Jugendamt und uns besprachen wir, ob wir ihn aufnehmen sollen oder ob nicht eine Hilfsmaßnahme des Jugendamtes in Frage kommt.

Ein Mitarbeiter des Jugendamtes sagte, Herr R. sei “austherapiert”
, sie sähen keine Möglichkeit mehr für ihn, als eine Maßnahme bei uns. Somit kam er ein paar Tage später zur Aufnahme und wohnt seither in einem Einzelzimmer, in dem sich die leeren Pizzapackungen ebenso wie die verschmutzte Wäsche und anderer Unrat stapeln. Das Zimmer ist einfach völlig verräumt. Dazwischen sitzt er vor dem Fernsehgerät beispielsweise morgens gegen halb neun, wenn er schon längst im Arbeitsbereich seine Gerichtsstunden ableisten sollte.

Gestern fand eine Vernehmung der Polizei statt. Es ging um Diebstahl. Um einer weiteren Strafanzeige zu entgehen, entriss er sich der Verkäuferin in einem Drogeriemarkt, wo er gerade die DVD Batman II geklaut hatte. Schon vor der Vernehmung fragte der Beamte am Telefon, ob er so eine auffällige Felljacke habe. Natürlich war es Herr R. mit seiner Problembärjacke, die ihn zusätzlich verriet.
Herr R. braucht sehr viel Zuspruch und Begleitung, um nicht weiter abzurutschen. Immerhin hat er ein sonniges Gemüt und hat fast immer ein Lächeln im Gesicht.

Russische Melancholie

Montag, 16. März 2009

Während der letzten Wochen berichtete Herr J. immer wieder
davon, dass er Weinbrand für den Magen brauche und nur so auch seine
Herzrhythmusstörungen nachlassen. Die Tabletten, die er gegen die Störungen einnehmen
soll, würden in schwummrig machen
. Unsere Krankenschwester und ich wiesen ihn
mehrmals darauf hin, dass dies wohl im Zusammenhang mit Alkohol durchaus der
Fall sein könne, jedoch nicht ohne. Manches Mal ging er zur Arbeit in unserem Beschäftigungsprojekt
PVD und wir stellten Werte bis zu etwa zwei Promille fest. So war er seit
Monaten in seiner “russischen Melancholie” versunken, wie es ein Therapeut mal
nannte.

Nachdem Herr J. letzte Woche am Montag endlich einen Entgiftungsplatz
im Zentrum für Psychiatrie bekommen hatte, teilte er mir damals mit, dass er
streiken werde, nichts sagen, keine Therapieangebote wahrnehmen wolle, …

Ein paar Tage später rief mich der Therapeut an und sagte,
Herr J. wolle schon wieder zu uns zurückkommen.
Dies lehnte ich ab mit dem
Hinweis, dass er dann auch bei uns sein Bündel packen könne, weil wir dann die
Maßnahme beenden (d.h. wenn er die Alkoholentgiftungsbehandlung abbricht).
Geplant war auf jeden Fall noch ein Gespräch mit einer Mitarbeiterin der
Suchtberatungsstelle unseres Verbandes, die auch Sprechstunden in der Klinik
anbietet.

Glücklicherweise hielt Herr J. den Termin ein. Dort wurde
mit ihm ein Antrag für eine Auffangtherapie gestellt, in einer Einrichtung, in
der auch russisch sprechende Therapeuten arbeiten. So besteht die Chance, dass
die tief im Inneren liegenden Probleme vielleicht endlich aufgearbeitet werden
können, da Herr J. immer noch nur gebrochen Deutsch spricht.

Nun ist der stille, und eher zurück gezogen
lebende, liebenswerte Mann wieder zu uns zurückgekommen, versucht trocken zu
leben und wartet auf eine Zusage des Kostenträgers.

Ohne Ausweis kein Geld

Dienstag, 10. März 2009

Heute nahm ich einen Menschen auf, der zuvor im Zentrum für Psychiatrie in der Entgiftung war.
Bei der Antragstellung zeigte sich, dass Herr E. keinen Cent mehr in der Tasche hat. Er hatte zwar schon während seines Aufenthaltes im Krankenhaus über den Sozialdienst einen ALGII-Antrag gestellt, dieser war aber bisher noch nicht bewilligt worden. Wenn er zu uns käme, so wurde ihm gesagt, dann würde die Auszahlung schon gleich laufen. Nun ist es aber so, dass Herr E. bis vor etwa einem Monat in österreich gearbeitet hat und dort ohne seinen Ausweis mitzunehmen, Hals über Kopf verschwunden ist und alles liegen und stehen ließ.
Das Jobcenter teilte uns dann gleich mit, Herr E. müsse eine Antragstellung auf ALGI (bei der Arbeitsagentur) nachweisen, damit wir ihn auszahlen dürfen. Diese ist aber nur unter Vorlage eines (zumindest vorläufigen Personal-)Ausweises möglich, den Herr E. ohne Geld auch nicht beantragen kann. Des Weiteren fragte das Jobcenter nach, ob er noch über Lohn von seiner Tätigkeit in österreich verfüge. Dem ist aber nicht so. Nun werde ich nochmals recherchieren müssen…
Inzwischen bin ich seit mehr als 18 Jahren in der Wohnungslosenhilfe tätig und stelle immer wieder fest, dass die Menschen mehr an Beziehungsarmut leiden als an materieller Armut. Allerdings geht das eine auch ein Stück weit mit dem anderen einher, weil eine gesellschaftliche und damit auch kulturelle Teilhabe mit den wenigen Mitteln nur in sehr begrenztem Umfang möglich ist, wenn überhaupt.

Kostendruck und Einsparpotentiale – wer hat etwas davon?

Donnerstag, 05. März 2009

Als Herr H. am 2.3. sein ALG II für den laufenden Monat abholte, berichtete er mir, dass er inzwischen einen 1-Euro-Job bei der Stadtreinigung und Abfallentsorgung hat und in der Fußgängerzone einer uns näher bekannten schönen Stadt am Bodensee Abfall aufliest. Was ist an dieser Tätigkeit gemeinnützig und zusätzlich, wie es die Statuten für 1-Euro-Jobs vorsehen? Herr H. konnte es mir nicht erklären. Na ja, wenn ein halbes Jahr rum ist, wird er wieder monatlich ca. 180,- EUR weniger in der Tasche haben und immer noch keinen regulären Arbeitsplatz gefunden haben.
Die Hartz-IV-Reform spart in der Regel zwar Geld auf dem Rücken vieler armer Menschen ein, das ursprüngliche Ziel jedoch, die Leute nach einer Trainingsphase wieder in reguläre Arbeitsverhältnisse vermitteln zu können, kann aufgrund der Arbeitsmarktstrukturen nicht eingehalten werden. Das wurde wohl bei der Einführung nicht gesehen. Skandal-Man Peter Hartz lebt dennoch locker weiter und der Staat spart Geld.

Ende der Kuschelmedizin

Dienstag, 03. März 2009

Nachdem es heute etwas ruhiger zugeht, komme ich endlich wieder zum Schreiben! Letzte Woche bekam Frau Z. mit ihren Schluckbeschwerden eine Einweisung und Dr. S. telefonierte mit der Station, damit sie nach einer fast zweiwöchigen Wartezeit endlich einen Platz bekommt. In einem Telefonat mit mir sprach er davon, dass die Kuschelmedizin nun ein Ende habe, und er auch keine Hilfemöglichkeit mehr sieht, wenn sich Frau Z. nicht öffnet, d.h. über Auslöser, Konflikte bzw. Ursachen usw. redet. Sonst macht auch die Kasse das mit den teuren Krankenhausaufenthalten nicht mehr mit. Dr. S. klagte schon darüber, dass er nur eine geringe Kostenpauschale von ca. 35 Euro pro Quartal bekomme, egal wie oft sie in Behandlung ist. Nun konnte Frau Z. glücklicherweise am 2.3. wieder in die Psychiatrie aufgenommen werden.