SigridH
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SigridH

Mit ‘zweiklassengesellschaft’ getaggte Artikel

Wie ein schwerer Rucksack

Montag, 20. Juli 2009

Heute ist wieder einer der Tage, an denen ich nur noch heulen kann. Ich habe das Gefühl, ich könnte schreien und keiner hört es. Es ist erst der 20. Juli und doch bin ich pleite, diesen Monat geht gar nichts mehr. Habe zwar meine Versicherung, die Schulbücher und die Haushaltshilfe nach meinem Unfall bezahlt. Für eine Geburtstagsfeier für Nicky hat es dann aber nicht mehr gereicht. Er sagt zwar, es macht ihm nichts, aber das glaube ich ihm nicht.

Die Versicherung des Unfallgegners lässt sich Zeit. Viel hatten meine Kids noch nicht von den Ferien, es gibt hier zwar Ferienpässe, aber auch das kostet Geld. Selbst mein Wohngeld fehlt mir seit drei Monaten. Dieses Leben am Minimum und mit der Behinderung, nie wieder arbeiten zu können, ist wie ein schwerer Rucksack auf meinem Rücken.

Wie soll man sich auf das Leben freuen, wenn immer mehr an Scheiße passiert. WER KANN MIR HELFEN? Ich muss diese Zeit, als Zeit meines Lebens ansehen, wo ich mich kennenlerne und versuche, die Zeit und auch mich zu verstehen und damit fertig werden.

Wenn man dann unsere Politiker hört, könnte ich zusätzlich kotzen. überall wird vertuscht und sich gegenseitig gefetzt, statt nach Lösungen zu suchen. Es wird gemogelt, wo es geht. Angeblich ist die Talfahrt der Wirtschaft gestoppt ;-) . Die Arbeitslosenzahlen halten sich noch in Grenzen. Klar, wenn die Arge oder das Arbeitsamt jeden aus dem Verhältnis raus nimmt, der eigentlich nur einen Bewerbungskurs oder sonstige Kurse besucht. Es werden Debatten über Rente geführt, aber ein neues System kann man nicht erstellen.

Man wundert sich, dass jeder dritte erwirtschaftete Euro für Soziales ausgegeben wird. Man sollte sich mal fragen, warum das so ist. Wenn eine Familie sich mit zwei Einkommen nicht über Wasser halten kann, woran kann das liegen? Mindestlöhne? Wie kann es sein, dass es Familien gibt, die noch nie gearbeitet haben und selbst deren Kinder Hartz IV bekommen während andere um jeden Cent kämpfen müssen? Warum bekommen unsere Politiker Diäten? Wer bezahlt denn deren Renten? Fragen über Fragen, aber die größte Frage ist: Wann wird sich etwas ändern?

Ausbeutung der Unterschicht

Montag, 13. Juli 2009

Soziale Manieren sind für mich ein Topthema für die Verantwortlichen unserer Parteien im Bundestag. Zum Beispiel die Salberei um die Rentenpolitik. Da wird gebuhlt, was das Zeug hält. Aber selbst der alte Norbert Blüm (bekannt durch die Theorie: Eines ist sicher…) sieht die Rentenpolitik der vergangenen Jahre – also auch seine eigene – als fehlerhaft bis untauglich.

Ich stehe nicht im Fokus des Wahlkampfes, doch mir fällt dazu ein wichtiger Punkt ins Auge: Wenn die Regierungen weiterhin die Legitimation zur Ausbeutung der Unterschicht erteilen, wird die Rentenkasse bald kein Thema mehr sein. Sie wird einfach nicht mehr existieren.

Der Grund liegt auf der Hand: Ein wirkungsvoller, sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplatz wird heute durch fünf Minijobs ersetzt. Meistens erledigen das Menschen am Rande des Existenzminimums. Wenn diese fünf Minijobber dann mal Rentner werden… Woher soll es kommen, das Geld, das die Unternehmer im Wettbewerb mit der Konkurrenz eingespart haben? Und wo ist es am Ende? Soziale Manieren erlauben kritische Fragen, doch die Berliner Bundestagsabgeordneten sind taub auf diesem Ohr.

Liebe Grüße
Lutz

Brutstätte des Unsozialen

Freitag, 10. Juli 2009

Um mich herum sind nur doppelt gescheiterte Kerle. Sie träumen von dem ganz großen Ding nach der Haft. Je schlechter es dem Menschen hier geht, desto mehr scheitern sie, desto größer wird ihre Sehnsucht oder die böse Romantik. Oder aber die geläuterte Variante: Mal ehrlich betrügen, so wie es der Banker macht. Diese Gescheiterten jedenfalls, glauben nicht wirklich an ihr Scheitern. Denn gleich darauf tauschen die Verderbten sich ihre neuen Entwürfe und Visionen aus: Das ist, mein Freund, eine böse, subversiv-rituelle Romantik.

Kann eigentlich unter gleich subversiven Romantikern das wahre Gute entstehen? Wohl nicht. Warum? Weil diese Romantik täglich zelebriert, beschwört, ja feierlich eröffnet wird, damit sie sich verfestigt: Sie ist deshalb rituell. Das Bewusstsein bleibt daran hängen, so wie die Gläubigen an Gott bei der sonntäglichen rituellen Andacht.

Die Verderbten sind ein Haufen Welpen aus einem Wurf, deren Gestalt ein einziger Körper ist, der sich mit seinen Teilen einander reibt und wärmt und schließlich dann mehr Verderbte heraus gebiert als es die Summe ihrer Einsperrung zulässt. So entsteht oder wächst das Böse an. Das Gefängnis ist deshalb eine Brutstätte des Unsozialen. Die Haftverhältnisse müssen menschlich werden, weniger einengend, damit die böse Romantik nicht übergroß wird. Die Ausgrenzungstechnik muss den Menschen gegenüber das zeigen, was sie später tun sollen und sie nicht in einem Klo leiden lassen, so wie es hier geschieht. Du willst endlich wissen, wie es bei mir zur bösen Tat kommen konnte.

Das Zweiklassen-Hartz-IV

Donnerstag, 09. Juli 2009

Hallo, da bin ich auch mal wieder. Das Ende der bisherigen Beziehung zu meiner “nur noch Freundin” hat mich noch dünnhäutiger gemacht, was die unfairen Verhältnisse gegenüber Hartz-4ern mit Familienrückhalt angeht. Dieser Rückhalt verschafft einigen von ihnen ein großes Privileg: Immer was Gutes zu essen, wenn sie ihre Eltern besuchen, Geburtstagsgeld, Weihnachtsgeld, Hilfe bei finanziellen Engpässen – und von meiner Freundin weiß ich, dass das Geld ihrer Eltern sogar für dreimal im Jahr Urlaub reicht. Zudem hat Sie letzte Woche noch ein neues Auto mit Klimaanlage bekommen, welches dank Abwrackprämie von ihrer Tante gesponsert wurde. Und das alles, ohne selbst einen einzigen Cent dazu erarbeiten zu müssen.

Das alles kam mir hoch, nachdem eine alte Bekannte von mir, die ich auch diesem privilegierten Kreis zuordnen muss, erzählte: “Wenn man sich das wenige Hartz-4-Geld richtig einteilt, kann man damit hinkommen.” Ich glaube, dass mein Saufdruck viel damit zu tun hat, dass ich fast nur Hartz-4er mit eben diesen familiären Hintergründen kenne und mich alleine fühle, weil ich keine solche Familie habe.

Menschenverachtende Trennung von Mitte und Rand

Donnerstag, 04. Juni 2009

Ein Erfahrungsbericht über Begegnungen mit Menschen am Rand. Von Gast-Blogger Heribert Schlensok

Gute Strategie: Der Verkäufer des Obdachlosenmagazins zieht durch das Café. Ich kaufe ihm ein Heft ab. Draußen auf der Straße treffen wir uns wieder. “Hab’s schon” sage ich und wünsche ihm viel Erfolg. Obdachlosen-Magazine verkaufen ist ein Knochenjob, deren Verkäufer motivieren nicht. Der Mann lächelt. Er ist Mitte, nicht Rand.

Am Wochenende spazieren wir als Touristen durch München. Der Fußweg führt unter einer Brücke durch, rechts der Auer-Mühlbach, links eine Ansammlung Müll. Im Halbdunkeln kauert ein Obdachloser auf einer improvisierten Matratze. Sein Blick erinnert an die Augen eines gebrochenen Löwen im Käfig, sie gehen ins Unendliche. Von “Anlächeln” kann keine Rede sein, dieser Mann fokussiert nicht mehr. Er existiert offenbar jenseits des Randes.

Augen zu und wegsperren lautet die Devise

Zwei Wochen später. Ein junger Mann im Trainingsanzug bettelt auf dem Bahnsteig. Ich spreche ihn an: “Hast Du jemand der Dir hilft? Brauchst Du Beratung?” “Bin HIV positiv”, sagt er. “Termine bei der AWO”, fügt er trotzig hinzu und geht weiter. Während ich ihm verwirrt nachschaue, greift ein Security-Mann der Bahn zu. Es sieht aus, als ob er unter seiner Jacke eine Pistole gezückt hätte. Der junge Mann läuft folgsam neben ihm her, stumm fahren sie die Rolltreppe abwärts. Hier praktiziert ein öffentliches Unternehmen eine menschenverachtende Aufteilung von Mitte und Rand.

Am Sonntagmorgen bettelt eine Frau vor der Kirche. Ich muss mit dem Kinderwagen die Stufen hoch. Die Kirchenbesucher auf der Treppe sind jenseits der 70. überflüssig zu sagen, wer mir geholfen hat. Ich weiß: Spende auf die Hand ist out. Ich sollte besser einen Blogger suchen, der ihr oder dem Mann mit dem Löwenblick mittels Online-Fundraising nachhaltig hilft. Ich spende trotzdem.

Am Muttertag gehen wir echte Löwen gucken. Wunderbares Wetter, die Kinder haben gebacken. Ich halte einen frischen Muffin in der Hand, will gerade hinein beißen. Plötzlich steht eine Frau vor mir. Sie ist alt, aber ihre Augen sind jung. “Darf ich den haben?” fragt sie und zeigt auf mein Kuchenstück. “Heute ist doch Muttertag, und mir hat noch niemand etwas geschenkt.” Dieses Mal verläuft alles wie im Bilderbuch. Während ich noch “Aber ja” antworte, nimmt sie den Kuchen, geht zügig weiter und beißt hinein. “Passt doch irgendwie zum Zoo”, lächelt meine Frau.

Der Rand ist ein Kreis. Die zupackenden Frauen kennen ihn, der motivierte Verkäufer ebenfalls. Die Deutsche Bahn möchte Stacheldraht um den Außenring wickeln, schafft es aber nicht. Bleibt der Mann mit den leeren Augen.

Ich bin nicht gerne auf Almosen angewiesen

Donnerstag, 28. Mai 2009

Hallo an euch da draußen, wir haben es mal wieder nachts. Den ganzen Tag ging es mir schlecht, entweder werde ich krank oder es ist der Stress. Ich bräuchte wohl mal einen Urlaub, aber woher nehmen, wenn nicht stehlen :-)

Es ist schon dunkel und trotzdem hört man noch einige Vögel, können wohl auch nicht schlafen. Wenn ich ganz viel Glück habe, dann kann ich mir morgen ein Auto kaufen, mehr Einzelheiten dazu nächste Woche. Mein Gott, dann hätte ich wieder ein wenig mehr Freiheit. Aber erst mal abwarten dann ist die Enttäuschung nicht so groß.

Mein Kühlschrank leert sich und wir verzehren mal wieder Reste. Einerseits ist es ganz gut, wenn meine Gelder spät kommen, dann ist der nächste Monat nicht so lang. In dieser Woche habe ich mich mit jemandem unterhalten, die gar nicht begreifen kann, dass man im Leben kämpfen muss. Und das von einer Person, wo zwei sehr gute Gehälter im Haushalt sind.

Irgendwie kam ich mir so klein vor und als ob ich mich rechtfertigen muss, warum mein Leben so ist, wie es ist. Das hat mich so verletzt. Als ob ich gerne auf Hilfe und Almosen angewiesen bin. Im Moment möchte ich mich verkriechen, keine Verantwortung tragen, möchte mich einfach mal fallen lassen.

Habe heute in der Zeitung gelesen, dass wir Deutschen positiv denken, bei uns wird es keine Krawalle geben und die Wirtschaft würde sich noch in diesem Jahr erholen. Dass ich nicht lache: überall Kündigungen usw., aber vielleicht lassen wir uns ja gerne täuschen oder wir geben uns auf. Das wäre das Schlimmste, was passieren könnte, denn ich glaube nicht, dass eine große Wahlbeteiligung dann zustände käme. Wenn die Politiker nicht bald umdenken, dann möchte ich gerne mal in die Zukunft schauen können, denn meine Prognosen sehen gar nicht gut aus. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird noch größer werden. Trotz allem wünsche ich jeden da draußen ein schönes Wochenende und freue mich auf nächste Woche.
LG
Sigrid