« Totale Entspannung sorgt für Hochspannung Vorurteile, Klischees und Schubladen hinter sich lassen »

Zehntausende belagern die weihnachtlich geschmückte Innenstadt, Glühwein selig und Reibeplätzchen gesättigt. Von der größten Wirtschaftskrise seit der letzten größten Wirtschaftskrise ist nichts zu spüren. Die Menschen zeigen sich unbeeindruckt wie dicke Raupen, die sich durch saftige Blätter schmatzen. Willkommen daheim in Köln. Vier Wochen Urlaub sind vorbei, die Arbeit hat mich wieder.

„Ey, du strahlst ja so. Haste’ Sonne gefrühstückt?“, begrüßt mich Loren zwischen „Morgen Kinder wird’s was geben“ und „Jingle Bells“ auf dem regnerischen Neumarkt. „Ja, ein bisschen, habe ich aber schon längst wieder verdaut.“ Ich zwinkere ihr zu und frage sie: „Und selbst? Wie geht’s dir denn? Bist du noch im Programm?“ Sie sieht mich milde lächelnd an. „Du kennst das doch: schlechten Menschen geht’s immer gut. Programm läuft, aber Shore, Koka und Benzos nebenbei auch.“

Vor einigen Wochen konnte ich sie kurzfristig bei einem substituierenden Arzt unterbringen. „Rettung in höchster Not“, gestand sie damals selbst. Entsprechend engagiert und vorbildlich ging sie das Methadonprogramm an. Wir trafen uns manchmal abseits der Szene. „Mir geht’s echt besser“, schwärmte sie dann. „Und der Hammer ist: ich hab’ n total netten Typen kennen gelernt.“

Der Zyniker ist ein Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung Dinge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollten. Weil gerade „Oh du Fröhliche“ erklungen ist, witzel ich: „Shore, Koka und Benzos nebenbei stimmen mich aber gar nicht fröhlich. Was sagt denn dein total netter Typ dazu?“ „Ha ha, sehr lustig. Wenn du mir so blöd kommst, kannste’ gleich wieder abhauen“, frotzelt Loren zurück. „Aber noch mal langsam für dich: der Typ hatte schnell Blutgruppe I“. Ich schaue sie fragend an. „Raffste’ das nicht? Blutgruppe I, wie Igittigitt“. An meinem ersten Arbeitstag bin ich wohl noch etwas außer Übung.

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2 Antworten zu “Shore, Koka und Benzos nebenbei”

  1. Michaela Porcher sagt:

    Hallo!
    Mein Name ist Michaela, ich bin 27 Jahre alt und seit 10 Jahren heroinabhangig. (Seit 3 Jahren auch noch benzodiazepinabhängig.) Der Dreck hat mein ganzes Leben versaut, mittlerweile spritze ich seit 1 Jahr,
    und habe momentan einen schlimmen Abszess.
    Zudem konsumiere ich 20-40 Flunis am Tag, was alles sehr teuer ist. Mein ganzes Leben dreht sich nur um Drogen. Kohle machen, Stoff besorgen, konsumieren und immmer so weiter! Der grösste Fehler in meinem Leben war, mit dem Dreck anzufangen!!!
    Habe auch schon im Knast gesessen wegen der Scheisse.
    An alle, die denken: ‘ich probiere das nur 1mal aus’, LASST ES!!!! Ihr spielt mit Eurem Leben.
    Ok, mir geht es verhältnismässig gut, ich habe eine schöne grosse Wohnung, bin gesund (KEIN Hep C/ Aids!),
    und durch mein gutes Aussehen kann ich zum Glück für Begleitagenturen arbeiten, statt Strassenstrich.
    Habe mich jetzt im Methaprogramm angemeldet, denn ich habe die Schnauze voll. 10 Jahre weggeworfen.
    Wünsche allen anderen viel Kraft, von der Scheisse wegzukommen.
    Eure Michaela

  2. Igasho sagt:

    “Die Menschen zeigen sich unbeeindruckt wie dicke Raupen, die sich durch saftige Blätter schmatzen.” – was für ein treffend formulierter Satz! Am Neumarkt treffen Welten aufeinander, aber die Wohlstandsmenschen denken noch immer, wenn sie sich abgrenzen, könnten sie überleben. Aber kein Mensch ist eine Insel!

    Ich drück die Daumen für Loren, dass sie es doch schafft, das Programm ohne “Nebenhilfen” durchzustehen, vielleicht würde da ein verhaltenstherapeutisches Konzept sinnvoll sein, das die Sozialarbeiter ihr anbieten? Aufschreiben, wann sie was gebraucht, versuchen nur jeden 2. Tag etwas zu verwenden, etc.