Als Süchtiger entwickelt man den Anspruch auf das Recht des „nicht Funktionierens“. Diese Unverschämtheit entdeckt man schnell und nimmt sie für sich in Anspruch. Schuld sind ja die Drogen. Und die ganze Umwelt ist schon recht zufrieden, wenn man Besserung gelobt. Und wenn man dann sogar abstinent ist, hurra, hurra. Falls man wieder strauchelt, ist sofort das alte Krankheitsbild verfügbar. Der gelbe Schein des inneren Schweinehundes. Den akzeptiert jeder und man kann ihn sich selbst ausstellen. Zwar spielt dann keiner mehr mit einem, aber man hat die Möglichkeit mit dem eigenen Persilschein, friedlich und im Einklang mit sich selbst zu sein.
Habe heute zwei Stunden mit Micha telefoniert. Skype ist schon ne feine Sache. Diese Gespräche sind mir recht wichtig. Ich habe meine Probleme, Micha hat seine und wir reden auch über andere die ihre Probleme haben. Probleme, bei denen ich denke mit meiner Suchtgeschichte noch ganz gut dazustehe. Also nicht, dass ich mir besser vorkomme, aber ich möchte wirklich nicht tauschen.
Ein Suchtproblem hat keine guten, aber eben einfache Seiten. Ich denke das größte und lebenslängliche Problem ist man selbst. Und, wie die Schwerkraft, wirkt dauernd ein Mechanismus, der einen verleitet immer ganz knapp am Kern vorbei zu leben. Der aufzehrende Alltag, die fiesen mobbenden Kollegen, der geklaute Lieblingsgartenzwerg. Nein, es gibt da noch andere Probleme, und das sind dann eben welche bei denen ich denke es leichter zu haben.
Burnout zum Beispiel. Wenn jemand engagiert, mit vollem Einsatz und wenig Rücksicht auf sich selbst seinen Alltag immer bewältigt hat. Dann durch einen Todesfall in der Familie dem Vakuum in der Konstellation das daraus entsteht, mit einem Kindheitstraum in Berührung kommt und zusammenbricht. Wie erklärt er sich das selber und wie erklärt er das seiner Familie?
In dem Telefongespräch hatte ich ein Bild vor Augen. Jedes Mal, wenn man vor „dem Problem“ steht, ist es wie eine Mauer, die man mit den Händen berührt. Lässt man los, fällt sie einem auf den Kopf. Will man durch, schlägt man sich den Schädel ein. Das einzige, was man machen kann, ist sich langsam daran entlang zu tasten. Und wenn man es tut, merkt man, dass die Mauer kleiner wird. Vielleicht so klein, dass man sie überwindet, aber es wird nicht die letzte sein.
Als Drogie hat man’s da echt leicht. Im selbst gewählten Tempo, beim weg oder vorwärts rennen, in jedem Fall erfüllt man die Erwartungen. Erwartungen. Eine schwierige Sache, manchmal verhindern sie alles. Wie in dem Wort Junk schon anklingt, wir schaffen die innere Zufriedenheit manchmal auch schon mit 10% Erfolgen. 10% Wahrheit, 10% Engagement, 10% Selbstreflexion. Praktisches Lebenskonzept. Leider reicht mir das so nicht mehr aus.
Entweder langsam an meiner eigenen Mauer entlang, oder sich zu 100% den Schädel einrennen. Weglaufen ist keine Option. (Bin schon 4 Mal durch ne Windschutzscheibe geflogen, daher weiß ich mir so ne Einstellung leisten zu können *). Aber ich weiß, dass es das gibt, das Recht nicht zu funktionieren. Und manchmal kann es vorkommen, dass man es in Anspruch nehmen muss. Es gibt Punkte, an denen man aufhören muss zu rennen. Aufhören nach Auswegen zu suchen. Stehen bleiben, um eine Richtung zu finden. Aufgeben. Aufgeben? Loslassen ist das schönere Wort, aber wenn man es tut, kann es sich anfühlen wie aufgeben. Bei mir war es so.
* Selbstverliebter Schwachsinnsspruch, aber ich zensiere meine Macho Seite nicht, in sofern schon OK
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