Glück lässt sich bekanntlich nicht erzwingen, doch heute zeigt sich Fortuna gnädig. Sie vermacht uns Theo. Ich bin mit meiner Kollegin unterwegs, als wir ihn zwischen den Taxen auf dem Bahnhofsvorplatz antreffen. Er wiegt sich vor und zurück und brabbelt in einer Sprache, die nur er kennt. Seine Augen sind zwar geöffnet, aber bei genauerer Betrachtung geschlossen wie ein Geschäft nach Ladenschluss, das gespenstisch aussieht ohne Licht.
Meine Kollegin und ich sind beide erschrocken und entscheiden spontan, ihn von dort ins Krankenhaus zu dirigieren, zumal wir wissen, dass er schon eine Einweisung für die Notaufnahme in der Tasche hat. Da wir ihn viele Jahre kennen, wissen wir auch, dass unsere Absicht experimentellen Charakter haben wird. „Ich komme ja mit“, herrscht er uns an, „aber vorher muss ich mir noch meine Filter machen“.
Wir kennen den Ort, wo das möglich ist. Dort finden wir ihn später auf dem Boden kauernd, umgeben von seinen Fixerutensilien. Der Weg ins Krankenhaus wird zu einer Herausforderung an unsere Professionalität. Theo bleibt immer wieder stehen, vergisst dabei aber nicht, vorbeikommende Menschen freundlich anzuschnorren und uns unfreundlich anzumeckern. Er will uns provozieren. Er will, dass wir die Geduld verlieren und ihm damit den Grund liefern, umzukehren.
Stunden später liegt Theo in der Notaufnahme vor uns auf der Liege. Verschmutzt und zerstochen. Ein junger Mann im Körper eines Greises. Sein Bein ist schon so stark entzündet, dass eine Amputation des Unterschenkels droht. Er muss sofort behandelt werden. Aber wie gesagt: Glück lässt sich nicht erzwingen. Auch nicht für Theo. Am nächsten Morgen erfahren wir, dass er kurz nach uns das Krankenhaus wieder verlassen hat. Ohne Behandlung. „Sie können sterben, wenn sie jetzt einfach gehen“ hat ihm die Ärztin gesagt.
Wird Theo überleben? Hier geht Theos Geschichte weiter








allein der gedanke,das irgendeiner an einen armen menschen denkt,hilft diesem menschen nicht.es wird viel zu viel “gedacht” statt getan.
Rainer S. hat seine Gedanken zu diesem Beitrag hier online gebracht: http://blog.soziale-manieren.de/2009/08/19/gedanken-zu-verschwende-deine-jugend/
Ich finde es gut, dass Bathe die Freiheit, sich nicht behandeln zu lassen respektiert.
Für solche Fälle wäre es zum Beispiel unheimlich super, wenn Theo seinen Stoff einfach vom Arzt kriegen könnte und sich die Venen nicht kaputtstechen bräuchte.
Dann würde Theo sich ja wohl behandeln lassen.
Völlig richtig, der Kommentar von Gohl: Andere „hätten“ das besser gemacht, „hätten“ überzeugt, „hätten“ sich auseinandergesetzt. Das Problem ist „nur“ der Konjunktiv.
Wenn EINER tatsächlich etwas tut, dann gibt es immer TAUSEND, die „hätten“ es besser gemacht.
Fragt sich nur, warum so wenige es wirklich tun. Dann bräuchten wir gar keine „unfähigen“ Sozialarbeiter, die auch noch „Geld bekommen“. Krankenkassen und öffentliche Hände würden Milliarden sparen.
Bis aber eine ausreichend große Zahl wahrer Samariter die Probleme endlich alle lösen, sollten wir froh sein, wenn jemand deren vermeintliche Berufung aushilfsweise als Beruf ausführt. Mal schlechter, mal besser, und nie perfekt – menschlich eben. Davor habe ich großen Respekt.
Norbert
ch hoffe hier ist platz zum disskutieren
@Gohl.
Du urteilst über einen Menschen den du nicht kennst. Sorry aber meiner Meinung nach bist du genau so wie jene, die auf der Straße gehen und bei einem Dogenabhängigen sagen:”Der dreckige Junky da. Zu faul zum arbeiten und dumm im Schädel.” Für mich bist du diesen Menschen gleichzustellen. Wenn Herr Bathe, wie du es so schön umschreibst, ein Voyeur des Verfalles ist und das ganze einfach nur geil fände und keinerlei Mitgefühl hätte, sollte er lieber bei der Bildzeitung arbeiten. Sorry aber das was du da verzapft ist – ich Zitiere eine Klientin- “Verbaler Dünschiss”. Und wenn du meinst, dass der Job des Sozialarbeiters dem eines Klempners gleichgestellt ist, dann kann man dir warscheinlich eh nicht mehr helfen. Mein Tipp an dich währe es, sich einfach mal mit der Gesamtthematik zu befassen, und nicht wie ein Kind mit Dartpfeilen um sich werfen.
LG Thomas
Ein Text mit sehr vielen literarischen Ambitionen, aber das Wesentliche wird nicht gesagt.
Warum kann der junge Mensch das Krankenhaus verlassen ohne dass man ihm hilft, warum ist er so, warum hat der Autor nicht mehr geholfen.
Lauter Voyeure des Verfalls. Man hat mal wieder etwas worüber man reden kann, wie gut, dass wir nicht so sind. Er wollte sich ja nicht helfen lassen.
Bei mir hätte er das Krankenhaus nicht verlassen, ich hätte ihn überzeugt, und ich hätte mich mit dem Menschen auseinander gesetzt.
Aber will der Autor es denn? Dann kann er ja keine schwülstigen Texte mehr schreiben.
Sie hätten lieber mit dem Kranken reden sollen, als dieses literarische Gequäle zu verfassen.
Das könnte dann auch so lauten:
Theo ein junger Mensch hat schon so viele Drogen konsumiert, dass man ihm das Bein vermeindlich amputieren muss. (Vielleicht brauchen die im Krankenhaus nur Geld) Aber wir können ihm nicht helfen. Warum?
Weil er nur diese Rolle in unserer Gesellschaft spielen darf.
Warum ist er so, weil wir ihn so anekeln mit unserem Egoismus und unserer Verachtung.
Wenn sie Sozialarbeiter sind, fragen Sie sich ob Sie das Geld, das Sie bekommen verdienen. Wenn ein Klemptner das Rohr nicht reparieren kann, dann bekommt er kein Geld, und wird als unfähig aus dem Haus verjagt. Wie ist das mit den Sozialarbeitern?
Der Text ist ein großartiges Bespiel für das was wir unter Sozialhilfe verstehen. Menschen die von der Not anderer Leben, und sich davon zu literarischen Ergüssen anregen lassen, aber sie nicht beheben. Weil sie kein Mitleid haben.
Wieder einmal ein toller Eintrag von dir. Toll geschrieben.Sofern das leid eines Menschen überhaupt ansprechend und interessant dargestellt werden kann. Schockierend in jedem Fall. Ich hoffe sehr dass der Weg von Theo nicht all zu schnell endet. Gibt sicher noch genug Meilen zu Laufen.
Wenn ich mir deine Beiträge so durchlese denke ich manchmal, warum ich mir das überhaupt durchlese. Thematiken wie Tod, Schmerz und seelisches Leid dominieren die Zeilen meist. Ich stelle mir in diesem Moment die Frage, ob ich einfach sensationsgeil bin oder ob mich die Medien soweit abgestumpft haben, dass ich immer auf der suche nach einer Steigerung bin um überhaupt noch emotional auf etwas zu reagieren. Dann wird mir jedoch klar, dass du mit deinen Beiträgen dafür sorgst, dass ein Tabuthema das am Rand der Gesellschaft steht, für kurze zeit in die Mitte rückst. Menschen die auf der Straße ausgegrenz und mit den Füßen getreten werden, bekommen aufmerksamkeit, auch wenn diese den Menschen nicht direkt zukommt.
Der Gedanke dass an einen Gedacht wird ist doch irgendwie schön denke ich.
Wer Fehler findet darf sie behalten
LG Thomas
Ich habe schon einige Berichte von Herrn Bathe gelesen und gerne Sternchen vergeben – tolle Texte, vor allem mit Sympathie für die Abhängigen.
Dieser Eintrag gefällt mir total gut! Ist schon erschütternd, wie manche Leute ticken.