Deutschland ist trotz Krise eine der reichsten Volkswirtschaften der Welt. Da fällt es schwer zu verstehen, dass es tausenden Menschen an Lebensmitteln, Kleidung oder Wohnraum fehlt. Die spärlichen staatlichen Sozialleistungen führen bei vielen zu sozialem Abstieg und Isolation. Mit Tafeln weisen wir diesen Menschen einen Ort zu, der ihnen durch die überschussproduktion der Konsumgesellschaft das überleben sichert. Sind Tafelprojekte also die Lösung des Problems und sollten ausgebaut werden? Ja und nein.
Armut und Elend wird öffentlich
Nein, weil Tafelläden in ihrer jetzigen Form die selbstbestimmte Teilhabe von Menschen einschränken. Sie sind Orte, an denen Armut und Elend und damit die Scham von Menschen in die öffentlichkeit getragen werden. Sich in die Warteschlange vor dem Tafelladen einreihen zu müssen widerspricht dem Freiheitsgrundsatz der Selbstbestimmung.
Begegnung und Befähigung gehören dazu
Gut und deswegen zu begrüßen ist, dass Tafeln oft Kooperationsprojekte zwischen Caritas, Kirchengemeinden und anderen Trägern sind. Dass dort Hilfen im Verbund organisiert werden und sich Ehrenamtliche wie Hauptamtliche für ein gemeinsames Ziel engagieren: Die Not der Menschen zu lindern.
Gut ist, wenn sich Menschen in den Tafeln begegnen und die Hilfeempfänger nicht nur “abgespeist” werden. Wenn Jugendliche dort kochen und den Haushalt führen lernen. Fähigkeiten, die sie in den Familienalltag einbringen können.
Doppelstrategie: Helfen und soziale Gerechtigkeit einfordern
Wirksame Armutsbekämpfung geht jedoch über die überlebenssicherung hinaus. Sie verfolgt eine Doppelstrategie: Neben den alltagsnahen Hilfen für die Betroffenen müssen wir Einfluss nehmen auf die Sozialpolitik und die Vorsorge verbessern. Dabei geht es um soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Solidarität.
Die Caritas tritt solidarisch für jene Menschen ein, die am Rande stehen. Damit konfrontiert sie zugleich große Teile der Gesellschaft mit dem Lebensrisiko, nicht immer in der Mitte zu stehen. Die Kombination aus konkreten Hilfen und struktureller Bekämpfung der Armut sollte uns als Gesellschaft allerdings dazu in die Lage versetzen, die Grundlagen für ein Leben in Würde und Selbstbestimmung zu sichern – und zwar für alle Menschen.
Johannes Böcker
Diözesan-Caritasdirektor im Caritasverband für die Diözese Rottenburg-StuttgartÂ
Links zum Thema Tafeln
- Video über Tafelladen CariSatt in Berlin
- Tafel deck dich – Bereicht aus Hildesheim
- Position der Caritas zu Tafelläden (pdf-Download)
Tags: existenzminimum, selbstbestimmung, tafel









Die Tafel ist eine super Einrichtung, zumindest damit niemand verhungern muss. Aber wie steht es mit der Akzeptanz und Integration der Armen in unserer Gesellschaft? Oft meiden selbst Christen in ihrer Nachbarschaft diese hilflosen Menschen oder treten ihnen unhöflich entgegen. Solange die Armen sogar von ihren Mitmenschen einsam an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, werden die Verantwortlichen in der Politik bestimmt keine Gesetze schaffen, um Gerechtigkeit zu ermöglichen und Armut zu bekämpfen. Erst wenn die Nichtarme Bevölkerung sich für die Armen einsetzt und protestiert, wird sich vielleicht auch in der Politik was ändern.
In einem mir bekannten Fall hat eine reiche Frau, eine arme alte Nachbarin gedemütigt und ihr sogar alte Gartengeräte und Werkzeuge geklaut, die die Seniorin durchaus noch gebrauchen Peroskönnte. Wegen der, laut Staatsanwaltschaft, “geringen Schuld” und weil keine Vorstrafen vermerkt waren, wurde das Verfahren nun eingestellt. Die arme alte Dame traut sich nicht die Sache zivilrechtlich weiterzuverfolgen. Die reiche Frau ist weiterhin in der Gesellschaft hoch angesehen und soll sich als Pfarrgemeinderatsmitglied, laut Aussage des Pfarramtes, für die Senioren in der Gemeinde einsetzen. Die arme Seniorin fürchtet nun auch Repressalien weiterer Personen aus der Kirchengemeinde, die der reichen Frau nahestehen…
Aber immerhin bekommt sie noch ihre warme Suppe in der Tafel.
Das Leben am Rande der Armutsgrenze – oder sogar unterhalb – wird erträglicher und ist besser zu bewältigen, wenn man Hilfen wie die derTafeln und der Kleiderkammern nutzen kann.Erst dann können andere Unterstützen greifen, wenn der betroffene Mensch soweit von Existenzängsten befreit ist, dass er nicht den ganzen Tag z.B. Flaschen sammeln muß oder Müllcontainer durchsuchen muß, um sich die nötige Grundnahrung für den Tag zu sichern. Dagegen sind die Tafeln eine sehr saubere Sache.Wenn ich mir nicht mehr den ganzen Monat den Kopf zerbrechen muß, ob und wie ich auch etwas gesundes in den Kühlschrank bekomme, wird genau diese große Menge an Energie frei, die sich sonst lähmend und krank machend auf die Seele legt.
Dann kann man konkrete Hilfen suchen, annehmen, sich solidarisieren, sich engagieren, weil man eher die Kraft dazu hat.
Allerdings können wir Betroffenen wenig ausrichten auf Politik.Leider immer noch ein sozialpolitisches Problem, mit denen sich schon viele so genannte Experten beschäftigen.
Was auch ganz wichtig wäre, die Betroffenen öfter in die Fachtagungen einzuladen, es wird noch zu oft über statt mit uns gesprochen: Also mehr Basisarbeit miteinander!
Ich denke mal bei der sozialenGerchtigkeit einfordern wird es schwierig, dass können dann nur die Institutionen (z.B. Caritas)
Aber dennoch bin ich ganz Ihrer Meinung und habe mir erlaubt auf Ihren Beitrag hier in meinem Blog hinzuweisen: http://www.markus1803.de/2009/06/12/mitten-am-rand-die-2/