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Ein Erfahrungsbericht über Begegnungen mit Menschen am Rand. Von Gast-Blogger Heribert Schlensok

Gute Strategie: Der Verkäufer des Obdachlosenmagazins zieht durch das Café. Ich kaufe ihm ein Heft ab. Draußen auf der Straße treffen wir uns wieder. “Hab’s schon” sage ich und wünsche ihm viel Erfolg. Obdachlosen-Magazine verkaufen ist ein Knochenjob, deren Verkäufer motivieren nicht. Der Mann lächelt. Er ist Mitte, nicht Rand.

Am Wochenende spazieren wir als Touristen durch München. Der Fußweg führt unter einer Brücke durch, rechts der Auer-Mühlbach, links eine Ansammlung Müll. Im Halbdunkeln kauert ein Obdachloser auf einer improvisierten Matratze. Sein Blick erinnert an die Augen eines gebrochenen Löwen im Käfig, sie gehen ins Unendliche. Von “Anlächeln” kann keine Rede sein, dieser Mann fokussiert nicht mehr. Er existiert offenbar jenseits des Randes.

Augen zu und wegsperren lautet die Devise

Zwei Wochen später. Ein junger Mann im Trainingsanzug bettelt auf dem Bahnsteig. Ich spreche ihn an: “Hast Du jemand der Dir hilft? Brauchst Du Beratung?” “Bin HIV positiv”, sagt er. “Termine bei der AWO”, fügt er trotzig hinzu und geht weiter. Während ich ihm verwirrt nachschaue, greift ein Security-Mann der Bahn zu. Es sieht aus, als ob er unter seiner Jacke eine Pistole gezückt hätte. Der junge Mann läuft folgsam neben ihm her, stumm fahren sie die Rolltreppe abwärts. Hier praktiziert ein öffentliches Unternehmen eine menschenverachtende Aufteilung von Mitte und Rand.

Am Sonntagmorgen bettelt eine Frau vor der Kirche. Ich muss mit dem Kinderwagen die Stufen hoch. Die Kirchenbesucher auf der Treppe sind jenseits der 70. überflüssig zu sagen, wer mir geholfen hat. Ich weiß: Spende auf die Hand ist out. Ich sollte besser einen Blogger suchen, der ihr oder dem Mann mit dem Löwenblick mittels Online-Fundraising nachhaltig hilft. Ich spende trotzdem.

Am Muttertag gehen wir echte Löwen gucken. Wunderbares Wetter, die Kinder haben gebacken. Ich halte einen frischen Muffin in der Hand, will gerade hinein beißen. Plötzlich steht eine Frau vor mir. Sie ist alt, aber ihre Augen sind jung. “Darf ich den haben?” fragt sie und zeigt auf mein Kuchenstück. “Heute ist doch Muttertag, und mir hat noch niemand etwas geschenkt.” Dieses Mal verläuft alles wie im Bilderbuch. Während ich noch “Aber ja” antworte, nimmt sie den Kuchen, geht zügig weiter und beißt hinein. “Passt doch irgendwie zum Zoo”, lächelt meine Frau.

Der Rand ist ein Kreis. Die zupackenden Frauen kennen ihn, der motivierte Verkäufer ebenfalls. Die Deutsche Bahn möchte Stacheldraht um den Außenring wickeln, schafft es aber nicht. Bleibt der Mann mit den leeren Augen.

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3 Antworten zu “Menschenverachtende Trennung von Mitte und Rand”

  1. Markus Müller sagt:

    Bezüglich Deutsche Bahn: nicht alle Obdachlosen oder Bettler sind nett und harmlos.
    Ich wohne in einer Großstadt und war schon oft genug nachts am Bahnhof und im Bahnhofsviertel. Ich weiß nicht, ob sie auch diese Gegend kennen (nicht provuzierend): Obdachlose, Junkies, Punks etc. sind keineswegs immer nur Opfer, sondern oft ziemlich asozial. Ich war schon froh, dass die DB diese Typen aus dem Bahnhof raushält.

    Ansonsten glaube ich, dass Suchtprävention eine der wichtigsten Maßnahmen sein muss, da Alkoholismus oder sonstige Sucht anscheinend meistens den Grundstein für solche Armut legt.

    Viele Grüße!

  2. Sigrid hund sagt:

    Es werden noch viel mehr arme, kranke und isolierte Menschen geben, aber gut die Umwelt beobachtet und wahrgenommen. Da kann man nur sagen “Willkommen im 21.Jahrhundert”. Diese Szenen sollte man einigen Politikern zeigen…..aber die sind sich sicher, das es bestimmt nur Ausnahmen sind. Also warten wir mal wieder20 JAHRE AB BEVOR ETWAS GEÄNDERT WIRD.
    LG
    Sigrid

  3. Rainer S sagt:

    Fünf Sterne!