« Die Leere aus meinem Körper bekommen Ein Hochzeitsgeschenk vom Amtsgericht »

2009 11 Mai

Albtraum der Sucht

Autor: Thorsten Bathe | Kategorie: Sucht | RSS 2.0 |
Tags: , , , , , | 7 Kommentare

“Ich will einfach vergessen. Doch heute gibt es kein Vergessen. Die Wut gewinnt die Oberhand. Sie besetzt alle meine Gefühle und Gedanken. Aber ich will nicht mit Gefühlen und Gedanken umgehen. Also überlasse ich sie meiner Wut. Sie verzehrt sie. Meine Traurigkeit verwandelt sich ebenfalls in Wut. Ich würde am liebsten alles zerstören, was ich sehe. Und was ich nicht zerstören kann, möchte ich verschlingen. Mir einverleiben. Durch die Nase ziehen. In die Venen jagen. Hauptsache alles ist drin.

Ich will Schnaps. Eine Flasche des reinsten, stärksten, giftigsten Alkohols auf Erden. Ich will darin ertrinken. Ich will fünfhundert Schüsse Heroin und doppelt soviel Kokain. Ich will einen Müllsack voller Pillen und eine Klebstofftube, größer als ein LKW. Ich will alles, egal was, aber so viel wie möglich. Ich will und brauche so viel, dass ich mich vergesse, auflöse, verliere, den unerträglichen Schmerz betäube, in das tiefste Dunkel eintauche, in das allertiefste Loch.

Ich will zerstören. Mich und alles andere auch. Meine Wut und meine Zerstörungslust lassen mich beinahe platzen. Ich schließe die Augen und hole tief Luft. Ich hoffe, dass mich das Atmen beruhigt. Aber es klappt nicht. Auch nicht beim nächsten Atemzug. Und beim übernächsten ebenfalls nicht. Ich will zur Ruhe kommen, aber für mich gibt es keine Ruhe. Wie bin ich hier gelandet? Wie bin an diesen Ort gelangt, in diesem Moment, mit diesem Gefühl, dieser Vergangenheit, dieser Zukunft, diesen Problemen? Wie bin ich in dieses verfluchte, vergeudete, nutzlose Leben geraten?

Ich will ruhig atmen. Ich spüre wie Zorn, Verwirrung, Bedauern, Schrecken und Scham zur perfekten Wut verschmelzen. Ich kann sie weder bremsen noch kontrollieren. Dann überkommt mich etwas anderes. Ich bin schwach, ängstlich und zerbrechlich. Ich will nicht verletzt werden. Das fühle ich immer, wenn ich weiß, dass ich verletzt werden könnte. Ich bekämpfe es jedes Mal. Und unterdrücke und verdränge es.

Ich will es nicht, doch dieses Mal fange ich an zu weinen. Das Schluchzen kommt von tief innen. Ich halte es nicht mehr zurück. Viele Jahre Sucht verkörpern sich in Tränen und Verlustgefühl. Dieses Gefühl steckt in mir, füllt mich aus, überwältigt mich. Der Verlust von Normalität, von Glück und Liebe, von Vertrauen, von Verstand, von Familie und Freunden, von Zukunft und Möglichkeiten, von Würde und Menschlichkeit, von geistiger Gesundheit. Der Verlust meiner selbst.

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • del.icio.us
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • email
  • MySpace

Tags: , , , , ,

7 Antworten zu “Albtraum der Sucht”

  1. Monika sagt:

    Der Text hat eine interessante Perspektive, und ich stimme mit Anna überein: großartig geschrieben.

  2. Anna sagt:

    Der Text bringt mich zum Weinen.

    Großartig geschrieben.

    Danke.

  3. B. sagt:

    Hallo Thorsten,
    nach unserem Gespräch hab ich mir nochmal den Text und auch die Kommentare angeschaut.
    Ja es geht echt an die Nieren, auch wenn wir nicht den Kleber schnüffeln und Lines ziehen oder über leergetrunken Flaschen schlafen………….
    hart aber fair???
    Ich weiß nicht, vielleicht paßt die Farbe Grau besser für eine Beschreibung dessen?

    Wenn Du so weiter schreibst, dann werden wir noch süchtig nach Texten von Dir?
    Weiß Deine Mühe zu schätzen
    B.

  4. Hannes sagt:

    Hey Josef,
    ich finde nicht das Thorsten den Text nicht schreiben sollte. Dann wurde mein Kommentar falsch verstanden. Er hat mich sehr zum Nachdenken gebracht. Ich wollte nur den Austausch suchen, weil ich eben nicht alles versteh, und ich habe das Anliegen dieses Blogs auch so verstanden, das ein Einblick gegeben wird, aber auch der Austausch gefördert werden soll. Nun gut, den hatten wir gerade. Danke für den Einblick.

  5. Josef sagt:

    Hallo Hannes, der Thorsten bescchreibt die gefühle von jemand, der hart auf droge ist. Ich finde, der Thorsten schreibt sehr vielseitige texte. wenn du erst mal länger hier liest, wirst ddu das bestimmt auch merken.
    das ist doch der sinn von diesem blog, das die texte etwas auslösen und dass man mitfühlen und verstehen will. abr bei drogen kann man nichts alles verstehn, glaube ich.
    ich finde, der Thorsten kann dass auch nicht jedem einzelen erläutern, wie er das meint … da muss man seinen eigenen zugang zu finden und für sich selbst was lernen.
    ich finde es besser, wenn der Thorsten weiter so gute texte schreibt, und das er gar nicht die zeit hat, die dann noch mal zu erklären. Der hat ja auch noch einen Beruf.
    Der kann die texte für hier ja nicht bei der arbeit heimlich im büro schreiben, der ist doch strretworker, also immer draussen und unterwegs und so.

  6. Thomas sagt:

    Hi Thorsten. Diese Darstellung ist dir wirklich mehr als gut gelungen. Bei jeder neuen Zeile merkt man selbst, dass der Puls ansteigt. Man versetzt sich hinein, identifiziert sich sogar??? Kann dazu echt nur schreiben, dass du das mal wieder sehr gut hinbekommen hast, diese Thematik der Öffentlichkeit zu präsentieren.

    LG Thomas

  7. Hannes sagt:

    hey thorsten, ich lese noch nicht lange hier im blog, sehe das du streetworker bists … kannst du mir vielleicht helfen diesen text richtig einzuordnen? für mich ist es schon… hm… irritierend. er geht an die substanz und schockiert, meine innere stimme sagt: nein,nein,nein! und ich spüre wie ich helfen will, ermutigen, trösten… er löst ein gefühl aus und ich möchte gerne mehr verstehen.