Der 4. April 2007 war
der letzte Tag, an dem ich Drogen genommen habe. Zwei Jahre. Wenn ich
zurückblicke, treten die Drogen in den Hintergrund. Vor zwei Jahren hatte ich
andere Probleme. Eine Betreuung, Schulden und Selbstmordgedanken waren mir
näher als der Glaube an irgendeine Form von Zukunft. Bei den Drogen, die ich zu
dieser Zeit genommen habe, handelte es sich in erster Linie um medizinisch
verordnete Psychopharmaka. Und ich bin sehr froh, dass man sich in der
Entgiftung darauf eingelassen hat, diese abzusetzen.
Diese
Entgiftungsstation war überhaupt ein Glücksgriff. Einmal war ich dort, als eine
Bekannte starb. Zu dem Zeitpunkt war ich erst eine Woche dort und Ausgang gibt
es erst nach drei Wochen. Ich sprach mit André darüber, dass ich eigentlich
gern zu der Beerdigung fahren würde. Dann fahr hin, sagte der. Damit hatte ich
überhaupt nicht gerechnet: Ein Tagesausgang nach einer Woche. Das hat was mit
Vertrauen zu tun, oder mehr noch, mit Einfühlen. Als ich am Grab stand, dachte
ich, die nächste Beerdigung auf der du bist, ist bestimmt deine. Es waren wohl
Dinge wie dieser Ausgang, die es mir nicht möglich gemacht haben, mich ganz
abzuschreiben.
Zwei Jahre. Gewonnen
oder verloren, stolz oder wortlos? Stolz? Ist man stolz darauf, bei einem Kampf
im richtigen Augenblick in Ohnmacht zu fallen? Gibt es nach diesen zwei Jahren
irgendwelche Formeln, die ich weiterempfehlen könnte? Früher habe ich mal
Christiane F. gelesen, dabei Bong
geraucht und gedacht, das geht auch anders. Geht auch anders, sechs Milliarden
Möglichkeiten gibt es. Aber eine Dauerohnmacht trägt kein Selbstwertgefühl. Irgendwann
ist es einfacher, sich an ein bestehendes Klischee zu hängen. Die stärkste Abhängigkeit
ist, etwas sein zu wollen? Leide ich unter Rollenentzug?
Ich glaube das ist ein
pubertäres Problem, das ich da habe. Im Spiel des Lebens sind meine
Altersgenossen an ganz anderen Punkten. Fallende Aktienkurse, wie verheimliche
ich meine Seitensprünge, wie erriestere ich mir die Rentenendlösung. Mein
Problem ist, dass ich nicht weiß, was ich eigentlich will. Die Rollen sind mir
momentan ausgegangen. Hurra, hurra, ich bin zwei Jahre clean, schmeckt mir zu
sehr nach Marienhof.
Tags: entzug, selbstzweifel, vertrauen








Alter?! 2 Jahre ohne Drogen? Komma klar?! Schmeiß ne Party, was weiss ich!?
2 jahre ohne weed..wenn ich das IRGENDWANN ma geschafft haben sollte, ich würde den ganzen tag mit luftsprüngen durch die gegend hopsen.
DU BIST DROGENFREI! Damit bist du an dem Platz, wo ich irgendwann mal sein will. du lebst den traum vieler junkies. auch wenn dieser “wahrgewordene traum” in der realität vieleicht schwerer zu ertragen ist, als man es sich als noch-junkie vorstellt.. aber trozdem.. du bist drogenfrei, und zumindest für mich ein vorbild.
spiel dich nicht herunter
noch vergessen:aber Spaß und Freude haben dürfen wir doch.Auch Dr.Faust (Goethe) wusste keinen Sinn im Leben zu finden(ein Problem der Suchenden?)
Die Sonne scheint und ich gehe jetzt erstmal raus ..
Stimmt schon , Rollen können Sicherheit bringen (wie Medikamente)aber Vorsicht, wenn sie aus irgendwelchen Gründen abgesetzt werden.Richtig sicher im Leben ist wohl nichts,die Finanzkriese zeigts ja auch mal wieder.Das Leben ist wohl doch nur ein Spiel (mit Regeln). Ich denke es ist wohl was dran an den Sätzen: -werdet wie die Kinder, denn ihrer ist das Himmelreich; und -wer das leben verliert wird es gewinnen(oder so ähnlich).Michael Quadflieg,LE.
Hallo Rainer,
Respekt vor Deiner Leistung. Scheint ja nicht einfach zu sein, einen neuen Lebenssinn zu finden, wenn vorher alles durch Drogen bestimmt war. Hoffe du findest eine neue Rolle für dich. Wenn ich Dein Tagebuch richtig verstehe, hast du doch einiges Potential. Mach was draus.
Martin
Hallo Rainer,
lese heute mal wieder Tagebuch. Du bist wirklich ein fleißiger Schreiber und ich bin immer wieder erstaunt, dass du uns/mich nun schon so eine lange Zeit an deinen Erlebnissen, Ereignissen, Gefühlen und Gedanken, an deinen Selbstzweifeln, aber auch Erfolgen teilhaben lässt. Danke dafür!
Toll, dass du zwei jahre clean bist, auch wenn es oftmals nicht einfach ist. Toi, toi toi weiterhinb für dich! Du bist auf dem richtigen Weg!!!
Mit herzlichen Frühlingsgrüßen aus Berlin
Marianne Kl.