« Kommunikation auf dem Drehstuhl Wer fragt, gewinnt »

Sein Gang ist der eines Kämpfers. Er steigt durch die Seile und tänzelt im Ring. Strahler werfen gleißendes Licht auf das Seilgeviert. Außerhalb existiert nur noch tiefes Schwarz. Beim Gong konzentriert sich Lorenz auf seinen Kampf. Trotzdem wird er schwer getroffen. Er versteht nicht, wie der Schlag ihn hat brutal auf den Rippen erwischen können. Dumpfer Schmerz betäubt ihn. Dieser Gegner ist übermächtig, soviel weiß er jetzt.

Wie ein Wanderer eine Weile im Schatten verweilt, und wenn er ausgeruht, wieder weiterzieht, so treffen die Geschöpfe zusammen. Verbindendes wird zu Wesentlichem. Wesentliches verbindet. Unwesentliches verschwindet. Wenn die Geschöpfe zusammentreffen, gewinnt jede Einzelheit an Wert.

Lorenz tänzelt nicht mehr auf den Fußballen im Ring, sondern steht fest auf den Sohlen. Er ist müde und schweißgebadet, aber er kämpft mit einer Leidenschaft, die vom Schmerz einer herzzerreißenden Verzweiflung entfacht wird. Eine Rechte erwischt ihn schwer am Kinn. Bevor er die Balance verliert und auf dem Boden aufschlägt, denkt Lorenz: “Ich kann diesen Kampf einfach nicht gewinnen”. Die Gewissheit der Ausweglosigkeit und eine große Müdigkeit bemächtigen sich seiner. Er spürt, dass er sich nicht mehr erheben wird.

Schiller schreibt, man habe im Leben zu wählen zwischen Sinnenglück und Seelenfrieden. Lorenz hat sich über 25 Jahre für das Erstgenannte entschieden. Dabei ist ihm kein Niederschlag im Kampf mit dem Dämon Heroinsucht erspart geblieben: Familie verloren, Freundin verloren, Gesundheit verloren. Wichtiger Halt in dieser Zeit: die Kontakt- und Notschlafstelle. über viele Jahre sind wir uns dort beinahe täglich begegnet. Wir haben über seine große Leidenschaft Boxen philosophiert, uns gegenseitig von Billy Cobhams Schlagzeugspiel vorgeschwärmt und irgendwann begonnen, auch über den Verlauf seines Lebens zu sprechen.

Auf dem Ringboden liegend kommt Lorenz der Begriff der “Durchreise” in den Sinn. Wenn wir irgendwo ankommen in einem Leben, in einem Beruf, bei einem geliebten Menschen, spüren wir Glück. Wir fühlen Liebe und gleichzeitig einen Hauch von Schmerz, weil das Ankommen in dieser Welt immer nur zeitweise sein kann, denn in Wahrheit sind wir auf der Durchreise. Zeugung, Geburt, Säuglingsalter, Kindheit, Jugend, Pubertät, Erwachsensein, Alter, Greisenjahre, Todesmoment – von einem übergang zum nächsten.

Vor ein paar Tagen ist Lorenz im Krankenhaus gestorben. Zum Ende hat seine Seele doch noch Frieden gefunden. Bei meinem letzten Besuch konnte ich es spüren, als wir uns zum ersten und einzigen Mal umarmt haben. Ein intimer Moment und ein persönliches Geschenk, das mich gerne an ihn denken lässt.

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5 Antworten zu “Im Kampf mit dem Dämon Heroinsucht”

  1. Gledwood sagt:

    …sehr hässlich… sehr schön…

  2. Michael sagt:

    geradezu exemplarisch, dein Beitrag, fast symbolisch.
    In Gedenken an ein Individuum, das den selben Respekt im Nachgang verdient wie jeder andere, der, wenn man es überhaupt so sehen will, sich SELBST etwas `angetan` hat und keiner fremden Seele auf`s Fell gerückt zu sein scheint. Unerträglich, die Dekadenz, die die gegenwärtige Gesellschaft und Ihre Chef-Mediziner (o.k., sicher NICHT alle, aber der geistige Überbau derer)in Sachen “Umgang mit Süchtigen” an den Tag legt. Unbürokratische, schnelle, gleichwohl institutionelle Hilfe denen, die es, WARUM AUCH IMMER, DRINGEND benötigen. So, wie andere, teils totkranke, auch ihren Beistand bekommen, OHNE die Barrieren, Scharen von Bedenkenträgern neuzeitlicher Substitituions Konzepte, OHNE endlos Bürokratie und selbstgefällige, selbstbeweihräuchernde Feldanalysen, WENIGSTENS im Fall höchster Bedürftigkeit, nämlich DANN, wenn einem Betroffenen, Abhängigen mal der “Stoff” ausgeht. NICHT zusehen und ewig analysieren und bürokratisieren, sondern H E L F E N !
    Helfen mit dem, was der- die jenige braucht… jeder weiß wohl, was ich meine, muß es letztlich wohl nicht benennen. Für die, die es NICHT wissen aber wissen sollten: Schlaft weiter und wundert euch nicht, wenn EUCH in der Not, wen würde es wundern, ausgerechnet ein “Süchtiger” wider auf die Beine hilft.

    Grüß euch alle `Leidensgenossen`

    Michael

  3. Brigitte sagt:

    ja der Text ist sehr sehr gut.
    So wie all die anderen auch!
    Bin angetan und in Gedanken bei Lorenz………
    B.

  4. ötze sagt:

    danke für diesen text. sehr schön geschrieben.
    danke für die seite. tolles projekt!

    ich habe depressionen und drogenprobleme und wenn man merkt das man nicht allein ist.. hilft es sehr.
    danke

  5. Thomas sagt:

    Sehr toll geschrieben. Hatte nur darauf gewartet, dass du solch einen Eintrag schreibst. Hätte nicht besser sein können. Gefällt mir sehr gut.

    “In this river all shall fade to black
    In this river ain’t no coming back”

    LG Thomas