Goetzens
Rainer S.
Rodemann
Goetzens
Rainer S.
Mueller

Archiv für Februar 2009

“Alle haben was gegen mich”

Donnerstag, 26. Februar 2009

“Unser Ziel ist die Rückführung der kranken wohnungslosen Menschen in die medizinische Regelversorgung” – so haben wir es in die Konzeption der Elisabeth-Straßenambulanz geschrieben. Es gibt Tage, da scheint dieses Ziel in weite Ferne gerückt! Zum Beispiel, wenn Radi, der 56-jährige insulinpflichtige Diabetiker jetzt, da er endlich wieder den Weg in den Bezug des Arbeitslosengeldes II gefunden hat und einen Krankenschein erhält, zum x-ten Mal den Arzt wechseln will.
“Alle sind nicht gut”, schimpft er erregt im Raum. “Die haben was gegen mich gehabt!” Sogleich folgt eine nicht enden wollende Flut wüster Beschimpfungen auf “die da” und “den beim Amt”, die ihm “alle Unrecht tun”. In der Tat hat Radi “Probleme mit der Justiz” gehabt. Unter seinen zahlreichen Papieren, die er mit sich herumträgt, finden sich ältere Schreiben von einem Rechtsanwalt. Der Anwalt “habe nichts getaugt”, ereifert sich Radi weiter. “Ich muss selbst für mein Recht kämpfen!”
Als ich ihn bitte, den bisherigen Internisten wieder aufzusuchen, damit sein Insulin besser eingestellt werden kann, weigert er sich. Umständlich zieht er den Prospekt eines niedergelassenen Allgemeinmediziners heraus, der auch Homöopathie anbietet und verlangt eine überweisung dorthin. Die kann ich ihm als Allgemeinmedizinerin jedoch nicht ausstellen und versuche Radi ruhig zu erklären, dass er beim Wechsel in eine neue Praxis damit rechnen muss, die zehn Euro Praxisgebühr zu bezahlen. Das ist zuviel für ihn. Erneut schimpft Radi los: “Wieso soll ich bezahlen? Die Krankenkasse muss mir bezahlen, die haben kein Recht dazu, noch mehr Geld von mir zu verlangen…!”
Ich spüre, heute kann ich Radi nicht zur Einsicht in die Auflagen unseres Gesundheitssystems bewegen. Er verlässt nach wenigen Minuten wieder das Sprechzimmer, verabschiedet sich dabei höflich – und ich bin sicher, er wird zurückkommen, spätestens, wenn er in der nächsten Praxis “Stress bekommt”. Bis zur Behandlung seiner psychiatrischen Grunderkrankung im niedergelassenen Bereich ist es noch ein langer Weg, trotz vorhandener Krankenversicherung.

Einstürzende Lügengebilde

Mittwoch, 25. Februar 2009

Gestern habe ich in den anderen Web-Tagebüchern gelesen. Eine Bankerin überwindet ihre Heroinabhängigkeit mit einem Tag Grippe? Ich kenne ihr Buch nicht, aber spontan denke ich – ja, ist möglich. Mit 18 habe ich das erste Mal Heroin konsumiert, natürlich i.v. Einen Dauerkonsum habe ich erst mit 30 angefangen. Ich konnte und wollte diesen ständigen Kampf mit mir selbst nicht mehr aushalten, das Doppelleben und die immer wiederkehrenden dreitägigen Entzüge. Ein Tag Grippe, dann drei Tage nicht richtig schlafen können – und wenn, dann ist das Bett schweißgetränkt. Nach fünf Tagen ist aber eigentlich alles in Butter. So what!
Ich denke, es gibt so etwas wie ein Entzugsgedächtnis. Einen neuronalen Leidensspeicher. Der wird abgerufen, wenn man den (Drogen-)Himmel verlässt. Aber der rein körperliche Entzug ist an und für sich lächerlich. Christiane F. korrumpierte tausende Leiden suchende Hirne, Argumente zu finden, im Himmel zu bleiben.
Wenn jemand, der gewohnt ist, im Job die Zähne mal zusammenzubeißen, von reinem Heroin entzieht, kann ich mir schon vorstellen, dass nur ein Tag erwähnt wird. Bei den ganzen Substituten, bei Codein und Benzodiazepinen sieht das allerdings schon anders aus. Doch das übelste Gift in einer Abhängigkeit ist Doppelleben, die ganzen Lügengebilde und die Tatsache, dass es nicht möglich ist, auf die Dauer sich den vorgelebten Klischees zu entziehen.
Heroin in reiner Qualität hat die geringste Entzugswirkung in der Familie der Opiate. Auch lässt Heroin einen gewissen Spielraum für bewusste Reflexion. Ja, man kann mit Heroin Karriere machen. Methadon macht dick und doof. Aber manchmal ist dick und doof besser als tot. Zu diesem ganzen Thema habe ich eine eigene Meinung. Mit der stehe ich recht alleine. Ich blicke auf ein Leben, in dem ich mich selbst korrumpiert habe und diesen übermächtigen Dogmen nichts entgegensetzen konnte.
Suchtgedächtnis? Auch so ein Ding. Wenn ich mich klein, schwach, hilf- und hoffnungslos fühle, wird mein Warmduscher-Hirn jede sich bietende Möglichkeit ergreifen, sich mal ne Auszeit zu gönnen. Is doch prima, ne amtlich anerkannte Leidensberechtigung, und mit dem Arsch in Watte sitzen. Und wenn man es schafft, den ganzen kleinen Teufeln, wie der falschen Musik, den Yes Torties mit den Spuren von Alkohol u.s.w. zu widerstehen, dann ist man ein ganz toller Hecht. Lebensglück durch Arsch zukneifen?
Sucht ist ein ernstes Problem, sie bestimmt irgendwann das Leben, und jeder hat einen eigenen Weg damit umzugehen. Auch hat jeder Mensch seine eigenen Suchtstrukturen und die sind ganz einfach recht infantil. Aber die allgemeine Schulmeinung über Drogen füttert diese Infantilität. Gut, böse, schwarz, weiß, die Welt ist bunter Kinderscheiß.

Besuchsverbot

Mittwoch, 25. Februar 2009

Heute kam ich nicht dazu, Herrn A. am Beginn unseres Treffens nach seinem Befinden zu fragen. Das kam in den vergangenen Jahren selten vor. Nur, wenn etwas Gravierendes passiert war. Herr A. legte auch gleich los. Er berichtet, dass er seinen Freund in seiner Zelle besucht hat. Der ging irgendwann raus und Herr A. hört ein heftiges Wortgefecht. Neugierig geht er ebenfalls aus der Zelle. Dort stehen einige Häftlinge zusammen. Einer von ihnen ist verbal sehr ausfällig. Er beleidigt auch Herrn A., als er ihn sieht. Der wehrt sich wie die anderen Häftlinge auch. In diesem Moment kommt ein anderer von hinten angerannt und prügelt auf den Angreifer heftig ein.
Die Folge des Streits: Herr A. darf seinen Freund bis auf Weiteres nicht mehr besuchen. Der Häftling, der die Prügelei begann, ist in Absonderung gekommen und der Provokateur läuft frei herum.
Herr A. hat selten Frust, aber diese Behandlung kann er nicht verstehen und nachvollziehen. Diese Begebenheit am heutigen Besuchstag wiederholte er gebetsmühlenartig. Er sagt, dass sein Freund und er schon oft von dem provokanten Häftling auf unangenehmste Weise beleidigt worden seien und sie diese Vorfälle mehrmals gemeldet hätten. Sie hatten auch um eine Versetzung in ein anderes Stockwerk gebeten, aber sie fühlen sich nicht ernst genommen. Dieses Ausgeliefertsein bringt den Frust. Herr A. sagt, er ist dankbar, dass er sich die Wut bei mir von der Seele reden kann, was gut tut.

Weg mit Luftschlangen und Illusionen

Dienstag, 24. Februar 2009

Als ich vor dem Heimgehen die letzten Luftschlangen von den Wänden nehme, drängt sich mir der Gedanke auf: “Ja, so ist es! Immer wieder nimmst du denen, die kommen, ihre Illusionen…” Dann schießt mir durch den Kopf: “Aber hoffentlich nicht ihre Freude am Leben!”
Doch was kann Herrn F. eigentlich froh stimmen? Mit seinen 80 Jahren ist er seit gut einem Monat in Frankfurt auf der Straße gelandet. Herr F. ist schwer krank. Meinen Einsatz für eine adäquate medizinische Versorgung und für eine geregelte Unterkunft, in der er den Lebensabend verbringen könnte, begreift er nicht. “Wissen Sie”, sagt er mir mit tiefer Stimme, “ich bedanke mich ja für ihre Bemühungen, aber meine Mutter und mein Vater und auch mein Onkel sind 91 Jahre alt geworden. Da hoffe ich doch, noch etwas länger zu leben und will dahin zurück, wo ich herkomme.”
Doch dort gibt es einfach keinen Anknüpfpunkt mehr für ihn. Partnerschaften und Besitz sind durch Spielsucht und Streit verloren gegangen. Nun bleiben ihm nur die wenigen Quadratmeter in seinem Hotelzimmer. Und doch gibt er nicht auf: “Ich bin doch noch nicht alt! Wenn ich in diese Altenwohnanlage gehe, bin ich nur umgeben von alten Leuten. So weit bin ich doch noch nicht!”
Eine Luftschlange abnehmen ist leichter, als Denkmodelle und illusorische Hoffnungen zu entlarven. Für heute belasse ich es bei dem Versuch, Herrn F. zu motivieren, sich wenigstens das Angebot des Sozialamtes anzuschauen. Wir verabreden uns in 14 Tagen, da muss sein Blutdruck und auch sein “stolperndes Herz” wieder kontrolliert werden. Ich schreibe ihm den Termin in großen Lettern auf einen Zettel – das hat bis jetzt gut funktioniert und Herr F. findet seinen Weg. Vielleicht sollte ich mir weniger Gedanken machen, denke ich bei mir und schließe für heute die Einrichtung zu. 80 Jahre hat Herr F. schon gelebt und ist damit älter als die meisten meiner Patienten und Patientinnen. Altersarmut oder Glück gehabt?

Die theoretische Möglichkeit wird wahr

Dienstag, 24. Februar 2009

Gestern bin ich los, um mir ein Polizeiliches Führungszeugnis zu besorgen. Wenn man keine Ahnung hat, wo man so was bekommt, geht man zur Polizei. Zehn Meter vor der Eingangstür durchzuckt es mich. Hast du noch was in den Taschen? Bin ich für ne Filze klar? Rainer, es ist alles in Ordnung, das ist Geschichte, musste ich dagegenhalten. Reflexe. Der Rosenmontag ist ein guter Tag um ein Führungszeugnis zu beantragen. Nein, Führungszeugnisse bekommen Sie in der Bürgerberatung, sagte man mir. Vor 15 Jahren hatte ich mal einen Prozess, 60 Tagessätze, knapp unterhalb einer Vorstrafe, da brauche ich mir keine Gedanken machen. Aber diese Reflexe sitzen tief.
Die letzten Schritte für meinen Arbeitsvertrag. Samstag und Sonntag werde ich schon arbeiten. In der Mühle, es hat tatsächlich geklappt. Ein Arbeitsvertrag über zwei Jahre mit 40 Wochenarbeitsstunden. Geklappt hat das nur, weil diese Stelle über das Arbeitsamt gefördert wird. Und zwar nicht zu knapp, 75 Prozent Förderung nach §16. Meine Sachbearbeiterin hat mir gesagt, dass so eine Förderung im Grunde nur eine theoretisch mögliche Eingliederungsmaßnahme ist. Eigentlich sind die Voraussetzungen für diese Förderungen nie erfüllbar. Da wäre mein Fall eine seltene Ausnahme.
Allein hätte ich das nicht geschafft. Die Schritte, die ich in den letzten zwei Jahren gemacht habe, waren dazu nötig, meine Vergangenheit ist nötig gewesen. Es war nötig, dass meine Vorgesetzten sich für mich stark gemacht haben und seit einen Jahr immer wieder mit meiner Sachbearbeiterin sprachen. Es war nötig, dass auch die Verwaltung und meine Chefin mit dem Arbeitsamt Kontakt hatten. Auch war es nötig, dass die Chefin meiner Sachbearbeiterin schon auf meinen Fall angesprochen wurde. Und für diese Förderung gab es – denke ich – nur ein schmales Zeitfenster. Ich glaube in zwei Monaten hat sich das erledigt, an so etwas zu denken.
Merkwürdig ist es, dass ich mir schon vor einiger Zeit gesagt habe, dass ich drei Monate nach dem Auslaufen des Ein-Euro-Jobs wieder irgendetwas haben werde. Wenn es mir jetzt gelingt einige neue Projekte in der Mühle von mir aus ins Rollen zu bringen, dann werde ich die Grundlage haben, mich in eineinhalb Jahren gut entscheiden zu können.

Leere im Kopf und viel Milch um nichts

Dienstag, 24. Februar 2009

Heute schreibe ich zum letzten Mal. Das Schreiben war nicht immer einfach für mich, da es mir manchmal sehr schwer fiel mich zu konzentrieren. Seit ich wieder Alkohol trinke, fällt es mir noch schwerer, weil ich so eine Leere im Kopf habe. Am letzten Freitag war ich in der Suchtambulanz. Ich musste in ein Gerät pusten und hatte 1,8 Promille.
Ich habe mittags um 12 Uhr angefangen Wein zu trinken, bevor ich um 16 Uhr den Termin in der Ambulanz hatte. Es war mir so unangenehm dort hin zu gehen. Irgendwie brauchte ich ein entspannteres Gefühl. Die ärztin empfahl mir einen stationären Entzug zu machen. Sie wollte mich gleich aufnehmen. Da ich aber Fasching feiern wollte, und Bello nicht zu fremden Leuten geben will, habe ich abgelehnt. Ich möchte es aber mit ambulanter Unterstützung selbst versuchen.
Mein Freund hat schon wieder seine drei Sachen gepackt. Der Streit ging dieses mal um Milch. Die Milch bekommt mein Freund an seinem Arbeitsplatz und bringt sie dann zu mir nach Hause. Da bei mir fast alles überquillt vor lauter Milch, nehme ich einen Teil mit in die Oase. Mein Freund ist sehr eifersüchtig und hat Angst, dass ich einen anderen Mann kennen lernen könnte. Er glaubt felsenfest, dass es jetzt so ist und ich die Milch dem “Neuen” bringe. Er wollte Frau Fischer anrufen, und sie fragen, ob die Milch auch in der Oase angekommen ist. Was soll ich da tun? Wahrscheinlich wird er sich nicht ändern können und es wird immer wieder wegen solchen Banalitäten zum Streit kommen.