Heute kommt Axel F. zu mir und bittet mich, mir etwas Zeit für ihn zu nehmen. Er hat wahnsinnigen Stress mit der “Kommunalen” – also dem Amt, das bei uns die Arbeitslosengeld II-Anträge bearbeitet. Nach einem Haftaufenthalt letzten Jahres, einer kurzen Zeit im Arbeitslosengeld II-Bezug, einer weiteren kurzen Zeit in Arbeit, ist er nun wieder arbeitslos. Die Zeitarbeitsfirma hat ihm gekündigt, da ihn keine Firma mehr ausleihen wollte, als sie mitbekamen, dass er im Gefängnis saß. In dieser Zeit erarbeitete er sich keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld.
Er ist wieder auf Arbeitslosengeld II angewiesen. Das hat er auch beantragt. Axel musste einige Nachweise nachreichen, damit sein Antrag bearbeitet werden konnte. Letztlich fehlen nun “nur noch” die Kontoauszüge der letzten drei Monate. Diese sind nun nicht mehr da, weil er sie weggeworfen hat: “War ja sowieso nix drauf!” Nun das Dilemma: Seine Bank möchte pro Kontoauszug pro Monat fünf Euro. Axel hat überhaupt kein Geld mehr. Er lebt auf Kosten anderer, und muss schauen, dass er überhaupt noch etwas zu essen bekommt.
Nun soll er 15 Euro für die Kontoauszüge bezahlen. Die Bank lässt nicht mit sich reden. Das Amt, auf dessen Geld er sehnsüchtig wartet, unterstützt ihn erst, wenn er die Kontoauszüge bringt. Weitere Brisanz bekommt der Fall dadurch, dass er im Moment ohne Arbeit und Sozialleistungen auch nicht krankenversichert ist. Daher kann er auch nicht in ein dringend erforderliches Substitutionsprogramm gehen oder sonstige ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Ein Teufelskreis!
Es bleibt nun letztendlich an uns hängen, dass wir ihn mit Spendenmitteln, die wir in geringem Umfang zur Verfügung haben, unterstützen, dass er sich seine Kontoauszüge besorgen kann und damit dann die Hilfe gewährt werden kann.
Archiv für Januar 2009
Kontoauszüge im Papierkorb – Hartz-IV-Anspruch im Eimer
Montag, 26. Januar 2009Und es hat Klick gemacht
Montag, 26. Januar 2009
Als es in der Kontakt- und Notschlafstelle mal wieder richtig brummt, kommt mir Colson Whiteheads Metapher in den Sinn: “Die Sucht ist ein Kind. Sie nährt sich von Hege und Pflege, lernt, schlau zu sein und ist plötzlich ein eigenständiges Geschöpf, halsstarrig und jede Sekunde aufs überleben bedacht”. Täglich über 100 Besucher und insgesamt über 700 Zulassungen für den darin integrierten Konsumraum sprechen eine deutliche Sprache. Für Nachwuchs ist ausreichend gesorgt.
In dem 11 Quadratmeter großen Raum dürfen die Klienten unter ausreichender Aufsicht und Begleitung selbst mitgebrachte Drogen konsumieren. So wird konzeptionell eine indirekte Hilfe zur überwindung der Sucht angeboten, weil weitere, aus dem Suchtverhalten resultierende gesundheitliche Risiken wie Infektionen, Abszesse oder offene Wunden vermindert werden. Sterilität des Raumes ist Voraussetzung. Entsprechend schlicht und schmucklos sind die Atmosphäre und Ausstattung. Neonlicht, weiße Kacheln, viel Metall, drei Plätze, drei Stühle, ein Luftabzug. Das Klicken der Feuerzeuge.
Apropos Klicken: Egon Schiele und es hat bei mir Klick gemacht. Das Werk des Frühimpressionisten kreist wie kein anderes um den point of no return der zeichnerischen Darstellung menschlicher Körper. Bei Schiele sind sie aus den Fugen geraten und eingefangen wie bei einem Fotoshooting.
Was auf meine visuelle Wahrnehmung im Konsumraum übertragbar ist: aus den Fugen geratene Körper, angekommen an dem einen Punkt, am point of no return. Schiele choreographiert den Körper in all seinen schmerzhaften und aufreizenden Verdrehungen und Verbiegungen. Dabei lässt er sich von den tabuisierten Formatierungen aus Pathologie und Pornographie inspirieren. Selbst diese übertragung, der künstlerisch geprägte Blick, die hochkulturelle Haltung, macht meine Arbeit für mich nicht leichter im Grundsätzlichen, allerdings erträglicher im Speziellen.
Die sind ja selber schuld
Sonntag, 25. Januar 2009
Wie können wir den Wohnungslosen und Armen unserer Stadt begegnen? Meine Antwort ist: Mit Respekt, Verständnis und Freundlichkeit. Der nächste Schritt könnte sein, bei der Begegnung mit einem Betroffenen ernsthaft nachzudenken und zu fragen: Wie ist das Leben mit diesem Menschen bisher umgegangen? Was hat er alles erlebt, an welcher Stelle hat er die falsche Entscheidung getroffen, ab wann hat er vieles falsch gemacht, hatte keine Freunde oder Unterstützung? Das hilft, das Vorurteil “Die sind ja selber Schuld!” abzubauen.
Kann ich von Schuld sprechen, wenn ein Großvater für seinen drogenabhängigen Enkel, den er liebt, einen Kredit aufnimmt, im Irrglauben ihm damit helfen zu können? Der geliebte Enkel stirbt an seiner Sucht, was für ihn schwer zu verkraften ist, aber der Kredit muss von der kleinen Rente zurückgezahlt werden. Ein Mensch, der immer gearbeitet hat und im Alter bleibt ihm nur so viel, dass er auf die Hilfe unseres Gasthauses angewiesen ist. Wer will da von Schuld sprechen? Er ist kein Einzelfall.
Wir alle können soziale Manieren praktizieren, wenn wir in unserem Lebensumfeld Vorurteile dieser Art nicht zulassen. Sie alle sind Menschen wie jeder von uns. Ich bin nicht anders und besser. Ich habe es im Leben nur anders und besser getroffen. Treffen kann es jeden!
Die große Liebe
Freitag, 23. Januar 2009
“Oh geil, die Achtziger, mach’ mal lauter”, schreit Yvonne begeistert. “Spinnst du, das ist hier keine Disco”, ereifert sich überraschend Ronald, der ansonsten die Tage mit dem Kopf auf dem Tisch vertrödelt. Obwohl der Sender längst verstellt worden ist, singt Yvonne fröhlich Depeche Modes “Just can’t get enough” weiter und lässt Ronald dabei nicht aus den Augen.
Dann beginnt die gleiche Zeremonie wie immer: Laut, leise, neue Frequenz, lauter, Rauschen und Gezeter. Manchmal gelingt aber auch ein Volltreffer. Das alte Radio in der Kontakt- und Notschlafstelle ist nicht mehr für viel zu gebrauchen, umso dankbarer bin ich nach der Unruhe für dieses eine, beschwichtigende Lied aus den Siebzigern.
Die große Liebe immer bei sich haben – wer träumt nicht auch wie Lou Reed davon? Er mietete 1972 ein Haus in London und strebte eine Solo-Karriere an. Doch zunächst verbrachte er die Tage mit Ausflügen in die Grünanlagen und Parks der Stadt. Oder ging in den Zoo und fütterte die Tiere. Er verbrachte schöne, perfekte Tage. Seine große Liebe war immer dabei. Der Song, den Lou Reed über jene Londoner Zeit geschrieben hatte, floppte zunächst und wurde kaum wahrgenommen.
Erst 25 Jahre später, als sich prominente Künstler wie Elton John, David Bowie und Tom Jones zu einer BBC-Wohltätigkeitsgala zusammenfanden und Reeds alten Song neu einspielten, wurde er zum Nr.1-Hit. “Eines der schönsten Liebeslieder aller Zeiten”, jubeln die Musikkritiker und grübeln gleichzeitig über die Identität jener großen Liebe, die Reed 1972 in “Perfect day” besungen hat. Lou Reed selbst lächelt über die Frage nur – schließlich muss nicht jeder wissen, dass er die schönsten Tage in London mit seiner großen Liebe Heroin verbracht hat. Yvonne liegt nun genauso wie Ronald träumend auf dem Tisch. “Just can’t get enough” war kein bisschen gelogen.
Warum sind alle so seltsam zu mir?
Donnerstag, 22. Januar 2009
Ich komme gar nicht wirklich zur Ruhe. Immer will noch etwas erledigt werden: Kisten ausräumen, den Inhalt verstauen, Termine wahrnehmen, Formulare ausfüllen und so fort. Spätabends falle ich todmüde ins Bett und kann dann doch nicht einschlafen! Was wird noch alles gebraucht oder ist wichtig? Die Geschehnisse der letzten Zeit passieren nochmals in meinem Kopf Revue. Es ist so viel auf einmal geschehen, nach der Starre in den letzten zwei Jahren.
Doch irgendwie sind die Menschen so seltsam zu mir! (Vielleicht bin ja ich seltsam geworden?) Es ist so ein gefühlter Abstand, ich kann es schwer erklären. Vielleicht wissen sie nicht recht, wie sie mit mir umgehen sollen? Ist es für sie schwer, mich nach dem Gefängnis zu fragen? Wollen sie mit mir nun nichts mehr zu tun haben?
Auch die Kinder benehmen sich für mich völlig unerwartet. Früher war ich die Bezugsperson und erste Adresse für alles und nun – ich werde gar nicht mehr gebraucht – ich fühle mich so nutzlos und sinnentleert. Keiner will etwas von mir wissen! Zwar können sie von ihrem Leben erzählen, doch hab ich so viel verpasst…! Das stimmt mich etwas traurig: Wahrscheinlich muss ich jetzt einfach Geduld haben, bis wir uns wieder aneinander gewöhnt haben.
Den kleinsten meiner vier Söhne, den fünfjährigen Benny, habe ich seit meiner Inhaftierung nicht mehr gesehen. Ich habe echt Hemmungen, gar Angst vor der ersten Begegnung. Schlimm für eine Mutter! Wie wird nur alles werden? Eine halbe Nacht verbringe ich im Bett mit hin und her wälzen, dann schlafe ich doch noch ein und träume – von einem ganz normalen Leben!
Gastlichkeit in guter Tradition
Donnerstag, 22. Januar 2009
Die Eröffnung unseres Gast-Hauses war am 3. Dezember 1995. An diesem 1. Adventssonntag haben wir vier Gäste begrüßt. Inzwischen kommen zeitweise mehr als 200 Gäste. Vormittags stellen wir frisch gekochten Kaffee auf die Tische, die immer mit Blumen oder Zweigen geschmückt sind. Jeder Gast kann so viel Kaffee trinken, wie er mag. Jeder bekommt einen Teller mit Brötchen, Brot, Butter, Wurst oder Käse – je nach Vorrat. Nachgereicht wird so viel jeder essen kann. Wenn vorhanden, werden Obst- oder Joghurtspenden verteilt. Wir bedienen unsere Gäste am Tisch. Wenn sie fertig sind, räumen sie das Geschirr selbst ab.
Nachmittags kommen weniger Gäste, es ist eine ruhigere Atmosphäre und Gelegenheit zum Reden, Kartenspielen, Fernsehen oder Ausruhen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kochen Tee, reichen Gebäck und an manchen Tagen können wir Reste einer Kaffeetafel oder eines kalten Büfetts verteilen. Das sind Spenden von Mitmenschen, die am Ende einer Festlichkeit an unsere Einrichtung gedacht haben.
Uns ist es wichtig, einige Gäste in die Dienste und Arbeiten im Gast-Haus einzubeziehen. Zu dieser Aufgabe gehören Geduld und Verständnis für eine andere Verhaltensweise, bezüglich Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit. Da ist ein stetes Bemühen von allen Mitarbeitern notwendig.
Unsere Initiative hat ihre Wurzeln im christlichen Glauben. Viele unserer Mitarbeiter wissen sich einer Konfession zugehörig. Das Gast-Haus ist aber nicht an eine bestimmte Kirche gebunden. Alle leisten ihren Dienst ehrenamtlich.
Der Name Gast-Haus entstand auf dem Hintergrund biblischer Erfahrungen im Alten und Neuen Testament. Wo Gastfreundschaft gelebt wird, ist etwas von Gottes Liebe und Nähe zu spüren. Besonders Jesus übte Gastfreundschaft mit den Armen und Ausgegrenzten. Das erste “gasthuse” in Dortmund ist 1358 am Westenhellweg eingerichtet worden, um Arme und Durchreisende aufzunehmen. Es bestand bis 1762. Der Zusatz “statt Bank” im Namen des Gast-Hauses ist mir wichtig. Er drückt aus, dass ich Menschen ohne Wohnung als Mitmenschen achte. Ihnen steht mehr zu als ein Platz auf einer Bank im Park oder auf der Straße! Sie dürfen nicht vertrieben werden, weil Armut unansehnlich ist.


