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Archiv für Januar 2009

Kurt ist tot

Donnerstag, 29. Januar 2009

Wir öffnen den Kontaktladen und ein Besucher sagt uns, dass ein langjähriger Bekannter in der vergangenen Nacht gestorben ist. Kurt C. wurde drei Tage zuvor 47 Jahre alt. Die Polizei hat ihn in der Nähe einer städtischen Notunterkunft Offenburgs auf der Straße leblos aufgefunden. Angeblich war er da schon tot. Laut Erzählung ist die Todesursache eine überdosis harten Alkohols im Zusammenspiel mit Heroin.
Kurt war sehr starker Alkoholiker und Alt-Junkie. Seine Alkoholabhängigkeit stand im Vordergrund, jedoch nahm er auch ab und zu andere Drogen, sofern er etwas bekam oder er Geld “übrig” hatte. Die Sucht zog sich seit dem frühen Jugendalter durch Kurts Leben. Seit Jahren war er völlig verelendet. Er war in keiner sozialen Gruppe tragbar. Aus diesen Gründen war er in regelmäßigen Abständen obdachlos und musste auf der Straße leben, da er aus sämtlichen städtischen Unterkünften und dem Wohnungslosenheim geflogen war.
Dieser Lebensumstand und Wandel hatten ihn körperlich wie auch geistig völlig ruiniert, so dass er nur noch mehr schlecht als recht vor sich hin lebte, von einer Flasche Schnaps bis zur nächsten. Letzte Weihnachten hat er versucht in einem Krankenhaus zu entgiften. Vielleicht ist das ein weiterer Grund für seinen Tod. Sein Körper hat die Mengen an Rauschmittel nicht mehr vertragen.
Generationen von Sozialarbeitern haben versucht ihm zu helfen, doch letztlich muss man auch in der Sozialarbeit akzeptieren, dass manche Menschen sich nicht helfen lassen wollen oder können und sich selbst bestimmt für ein “anderes Leben” entscheiden.

Ich habe es geschafft keinen Alkohol zu trinken

Donnerstag, 29. Januar 2009

Als ich gestern nach der Oase heimgekommen bin, habe ich ein heißes Bad genommen und dann drei Stunden geschlafen. Ich war von der Nacht davor noch völlig gerädert. Da habe ich so schlecht geträumt. Ich habe es gestern geschafft keinen Alkohol zu trinken, darauf bin ich ganz stolz. Mein Freund hat sich bis heute nicht bei mir gemeldet.
Heute kam Frau R. nicht pünktlich. Wir machten uns große Sorgen, da sie uns gestern erzählt hat, dass sie schon zwei Nächte wegen Atemnot nicht geschlafen hat. Sie ist beide Nächte in ihrer Küche gesessen, mit der Angst ersticken zu müssen. Trotz Atemnot trank sie literweise Kaffee und rauchte noch dazu. Um 10 Uhr kam sie endlich, kalkweiß im Gesicht und nach Luft japsend.
Frau Z., die uns oft um den Verstand bringt, wurde plötzlich sehr ernst. Sie ist von Beruf ärztin und hatte früher eine eigene Praxis. Sie sagte zu Frau R., dass sie sofort ihren Hausarzt aufsuchen müsse. Die wollte natürlich nicht, da sie Angst hatte vor einer Klinikeinweisung. Alle haben auf sie eingeredet. Frau Fischer machte mit dem Hausarzt einen Termin aus, und Frau R. fuhr in Begleitung von Frau Z. mit dem Taxi zum Arzt. Eine Stunde später waren beide wieder da. Frau R. war beim Lungenfacharzt, der sie in eine Klinik einweisen wollte. Da sie sich dagegen wehrte, verschrieb er ihr einen Sack voll Medikamente, und entließ sie. Sie kommt jetzt erst am Montag wieder in die Oase.

Arbeiten im Hier und Jetzt

Mittwoch, 28. Januar 2009

Nightingale - Pionierin der Krankenpflege - Quelle Wikipedia“Spender des Lebens, gib mir Kraft, dass ich meine Arbeit mit überlegung tue, getreu dem Ziel, das Leben jener zu hüten, die meiner Versorgung anvertraut sind”.

Grenzgängertum, Todessehnsucht und das konsequente Sich-zu-Grunde-richten umgeben mich täglich. Im Konsumraum assistiere ich dabei und auf der Straße schaue ich zu. In gewisser Weise. Das ist ein krasser Gegensatz zu Florence Nightingales idealistischer Diktion. Die Pionierin der Krankenpflege schreibt:

“Halte rein meine Lippen von den verletzenden Worten, gib mit klare Augen, das Gute der anderen zu sehen”.

Ein Hoffnungsschimmer, eine Möglichkeit. Wenn ich mich abwende von den schmerzhaften und aufreizenden Verdrehungen und Verbiegungen, dem Lug und Betrug, dem Gelaber und Gemecker, kann ich in ihnen Komposition, Virtuosität und Kreativität wahrnehmen. Dann spüre ich Charme, Witz und Sympathie und lande geistesgegenwärtig im Hier und Jetzt.

“Gib mir sanfte Hände, ein gütiges Herz und eine geduldige Seele. Dass durch deine Gnade Schmerzen gelindert werden, kranke Körper heilen, Gemüter gestärkt werden, der Lebenswille wieder wachse”.

Das Hier und Jetzt ist alles, was während meiner Arbeit zählt. Ich höre zu, ich höre weg. Ich helfe beim Suchen der Vene, ich lasse stochern. Ich tröste Händchen haltend und reglementiere lautstark und endgültig. Durch mich und die Atmosphäre, die ich in dem jeweiligen Setting generiere, öffnen sich viele Klienten. Ich konfrontiere sie und mich mit ihrer und meiner Lebenssituation. Und dann suchen wir Ansatzpunkte für Wege aus dem Kreislauf von Sucht, Beschaffungskriminalität und Obdachlosigkeit. Manchmal gelingt es, manchmal nicht.

Lieber in den Knast als zur Therapie

Mittwoch, 28. Januar 2009

Heute kommt Johanna mit ihrer Mutter in die Beratung, weil sie gestern eine Gerichtsverhandlung hatte. Johanna ist schon seit Jahren drogenabhängig und mit Methadon substituiert. Sie hat eine Tochter, die in einer Pflegefamilie untergebracht ist und die sie nur stundenweise sehen darf.
Aufgrund diverser Diebstähle und einer mehrfach gewährten Bewährung, wurde Johanna dieses Mal zu einer Haftstrafe von einem Jahr ohne Bewährung verurteilt. Da sie als Drogenabhängige aktenkundig ist, kann sie Therapie statt Strafe machen. Das sieht das Straf- und Betäubungsmittelgesetz vor.
Nun kommt aber die Logik von Drogenabhängigen, die Außenstehenden und selbst mir als Drogenberater nicht verständlich ist. Johanna überlegt, ob es bei nur zwölf Monaten Haft überhaupt Sinn macht auf Therapie zu gehen. Bei guter Führung kommt sie erheblich früher aus dem Knast. So wäre die Haft vielleicht kürzer als die Therapie.
Diese Denkweise erschüttert mich immer wieder. Wie kann man “freiwillig” ins Gefängnis gehen? Auf die Motivation, die man braucht um auf Therapie zu gehen und diese dann auch noch durchzuziehen, möchte ich in diesem Zusammenhang erst gar nicht eingehen. Wahrscheinlich ist es dann wirklich besser und günstiger ins Gefängnis zu gehen. Aber verstehen kann ich das trotzdem nicht.

Angst vor der Ungewissheit

Mittwoch, 28. Januar 2009

Mir geht es nicht gut. Ich weiß nicht, ob die Beziehung mit meinem Freund zu Ende ist. Er möchte nicht mehr mit mir reden. Ich habe Angst diese Ungewissheit nicht auszuhalten. Gestern dachte ich daran, mir Alkohol zu kaufen. Ich möchte nie mehr in mein altes Leben zurückfallen. Dieser Konflikt macht mich traurig und kostet mich sehr viel Kraft. Dazu kommt auch noch, dass meine Mutter nicht gut auf mich zu sprechen ist, weil ich nicht alles so mache, wie sie es gerne hätte.
In der Oase war heute ein sehr lauter, himmelhochjauchzender Tag. Frau Z. sang irgendwelche “haarigen” Lieder von Frauen und Bären. Frau K. überdröhnte mit ihrem lauten Organ die Sangeskünste von Frau Z. Nur Marion B., die für eine Woche bei uns ein Sozialpraktikum macht, bewahrte mit Frau P., unserer ehrenamtlichen Helferin die Ruhe. Die beiden schmolzen in diesem Krach Schokolade, verfeinerten sie mit Nüssen und machten Schokoladentaler daraus. Diese Nervennahrung hatten wir nötig. Wir haben alle aufgegessen.

Blaue Knochen und ein nacktes Hühnchen

Dienstag, 27. Januar 2009

Endlich bin ich wieder da. Am Dienstag vor einer Woche, wollte ich abends mit Bello Gassi gehen. Ich wohne in einem Wohnblock im dritten Stockwerk. Auf der letzten Treppenstufe bin ich fürchterlich umgeknickt. Da aber Bello raus musste, humpelte ich mit ihm unsere Runde. Die Schmerzen wurden immer schlimmer, und ich kam fast die Treppen nicht mehr hoch. Oben angekommen zog ich meine Schuhe und Strümpfe aus und sah, dass mein rechter Knöchel drei Mal so dick war wie vorher.
Am nächsten Tag, auf dem Weg in die Apotheke, traf ich zufällig Frau Fischer, die von einer Besprechung kam, und mir riet zum Arzt zu gehen. Das tat ich aber nicht, sondern ließ mich lieber von meinem Freund verwöhnen. Heute ist mein Knöchel nicht mehr ganz so dick, dafür aber grün und blau.
Vor Freude, dass Bello und ich wieder da sind, hat Frau S. dem Hund ein nacktes Plastikquietschehühnchen mitgebracht. Bello ist ganz verrückt danach. Frau Fischer meint, dass zehn Minuten am Tag ausreichend sind für unsere Ohren. Außer meinem Knöchel, tut mir auch etwas meine Seele weh. Ich habe mich mit meinem Freund mal wieder zerstritten. Er kann nicht verstehen, dass ich auch ab und zu mal alleine sein möchte.